mini|Vorderansicht des Rathauses vom Jenaer Markt aus (2007) Das alte Jenaer Rathaus ist eines der ältesten Gebäude der Stadt Jena, eines der ältesten Rathäuser Deutschlands und steht in der Tradition des gotischen Hausbaues. Es ist eines der wesentlichen Wahrzeichen und prägenden Gebäude von Jena und wird noch bis in die heutige Zeit u. a. als Sitzungsort des Stadtrates der kreisfreien Stadt Jena genutzt. Der zweigeschossige Bau wurde um 1380 an der Westseite des Marktes errichtet.
Gebäude Das Rathaus ist ein vierseitiger freistehender, in der Grundfläche trapezförmiger, annähernd quadratischer und zweigeschossiger Bau an der westlichen Seite des Jenaer Marktplatzes mit zwei mächtigen quer zum Markt liegenden Walmdächern, aus denen in der Mitte ein Turm mit Turmuhr herausragt. Die Vorderfrontbreite beträgt etwa 29,5 m, die Länge etwa 32,5 m. Als Baumaterial diente heimischer Muschelkalk. Die Mauerflächen waren verputzt, während die Fenster- und Arkadenrahmungen aus profiliertem oder abgefastem Werkstein bestehen.Dorette Grumbt: Das Jenaer Rathaus. Gestalt und Geschichte. in: Schriften des Stadtmuseums Jena 14. Max Kessler, Jena 1973, S. 26.
Geschichte mini|Marktansicht mit dem Rathaus vor 1755 Das Jenaer Rathaus wurde erstmals 1365 erwähnt.Vereins für thüringische Geschichte und Altertumskunde (Hrsg.): Urkundenbuch der Stadt Jena ihrer geistlichen Anstalten. Band 6, Teil 2, Fischer, Jena 1903, S. XIX. Der ursprüngliche Bau wurde zwischen 1377 und 1380 umgebaut und dabei ein massives Bauteil aus dem 13. Jh. im heute nördlichen Teil mit einbezogen. Dieser integrierte Bau stellte ein dreigeschossiges, unterkellertes Gebäude dar, von dessen Außenwand die Fenster der beiden Obergeschosse noch sichtbar sind. Die zwei noch existierenden Räume dort sind gewölbt und durch zwei übereinanderliegende Zugänge aus der Zeit um 1500 erreichbar. Der gleichen Zeit entstammen auch beide Türen, deren untere eiserne mit einem komplizierten Schließsystem ausgestattet ist, und es entstand auch die damalige Markthalle im Erdgeschoss, im Obergeschoss wurde die Ratsdiele mit Ratsstube errichtet. Es bestand dort in der Südwestecke auch eine Kapelle, die vom Stadtrat gestiftet wurde. Über der Ratsstube im Dachgeschoss befand sich noch eine Rüstkammer, in der laut einer Besichtigung im Jahr 1641 etlich Helm, eiserne Panzer, Spiese und Streitäxte, Armbrüste, Wurffeisen und Sprützen aufbewahrt wurden. In der vierschiffigen Markthalle mit hohen gotischen, spitzbogigen Arkaden im Erdgeschoss fanden im linken Teil Bäcker, Fleischer und andere Händler Platz, um ihre Waren feilzubieten. Im rechten Teil befand sich die Stadtwaage und eine große Küche. An der Südostseite befand sich bis etwa 1755 ein Pranger.Dorette Grumbt: Das Jenaer Rathaus. Gestalt und Geschichte. in: Schriften des Stadtmuseums Jena 14. Max Kessler, Jena 1973, S. 35–50. Die beiden Walmdächer wurden 1412 bis 1413 errichtet, 1440 kamen an der Südseite angebrachte Stützpfeiler dazu.Nadine Beck: Das Jenaer Rathaus im Spiegel der denkmalpflegerischen Aufgaben des 20. Jahrhunderts. (Studienarbeit aus dem Jahr 2003 im Fachbereich Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege der Friedrich-Schiller-Universität Jena) Grin, München 2007, S. 4. Besonders bemerkenswert ist beim Jenaer Rathaus die auffallend schlichte und schmucklose Bauweise und die kompakte Massigkeit.
Bei späteren Umbauten wurde der obere Abschluss der Traufe mit einem steinernen Zinnenkranz versehen, den an der Marktseite eine kleine Außenkanzel mit zierlicher Haube unterbrach. Nördlich dieses Anbaus befand sich eine spätgotische Kunstuhr mit einem Figurenspiel. Ein kleines Türmchen mit der Sturmglocke krönte das Norddach. Auf der Marktseite wurde 1632 eine Steuerstube eingebaut, die 1683 zur Amtsstube des Bürgermeisters umgebaut wurde.Dorette Grumbt: Das Jenaer Rathaus. Gestalt und Geschichte. in: Schriften des Stadtmuseums Jena 14. Max Kessler, Jena 1973, S. 56.
Der barocke, achtseitige Turm zwischen den steilen Walmdächern wurde 1755 errichtet. Auch das Rathaus wurde zu dieser Zeit innen und außen umgebaut.Dorette Grumbt: Das Jenaer Rathaus. Gestalt und Geschichte. in: Schriften des Stadtmuseums Jena 14. Max Kessler, Jena 1973, S. 26. Dem Umbau fielen sowohl der Erker als auch das Zinnengesims zum Opfer. Der einzige Rest mittelalterlichen Schmucks sind die noch vorhandene Konsole und der Baldachin an der Südwestecke, unter dem wahrscheinlich eine plastische Freifigur stand. mini|Rückansicht von der Rathausgasse aus (2023) In dieser Zeit wurden die Figurenspieluhr, die zu den Sieben Wundern Jenas zählt, und eine neue Turmuhr in den neuen Turm eingebaut. Zentrale Figur der Spieluhr ist der „Schnapphans“ oder „Hans von Jena“, eine um 1500 geschaffene Büste aus koloriertem Eichenholz. Sie schnappt bei jedem Glockenschlag zur vollen Stunde, je nach Anzahl der Stunden, vergeblich nach einer goldenen Kugel. Die Kugel soll einen Apfel oder Thüringer Kloß darstellen. Mit der Verlegung des „Schnapphans“' in den Rathausturm kamen zu dem auch „Hans von Jhene“ oder „Caput“ genannten Kopf die beiden anderen Figuren, ein Pilger, der ihm die Kugel an einem dünnen Metallstock hinhält, und ein Engel, der vor dem Schnappen viermal ein Glöckchen läutet. Darunter steht die Jahreszahl 1756. Eine Legende besagt, dass Jena unterginge, wenn Hans die Kugel schnappen kann.Dorette Grumbt: Das Jenaer Rathaus. Gestalt und Geschichte. in: Schriften des Stadtmuseums Jena 14. Max Kessler, Jena 1973, S. 63f. In einer zeitgenössischen Aufzeichnung heißt es zur Verlegung der Spieluhr in den Turm: In demselben hat man den sogenannten Schnapphanß, so zuvor auf dem einen Dach linker Hand gestanden, nebst einer zweyten Glocke, so ehedem auf der Kirche über dem Altar gehangen, gebracht. Die aktuell installierten Figuren sind nicht mehr die Originale, sondern wurden 1969 durch Figuren aus Aluminium ersetzt, die Originale sind im Stadtmuseum Jena zu besichtigen. Ein 1863 für 200 Taler eingebautes schmiedeeisernes Uhrwerk der Turmuhren-Fabrik Kühn aus Gräfenroda ist nicht mehr in Funktion. Es kann im Obergeschoss des Rathauses besichtigt werden.Edmund Spiess: Die sieben Wunder von Jena. Ein Beitrag zur Geschichte der Städtewahrzeichen. Costenoble, Jena 1878, S. 23.
Im Obergeschoss des historischen Gebäudes am Marktplatz befindet sich die Rathausdiele mit einer Fläche von 350 m² und einer Holzdecke, deren sichtbare Bemalung aus dem frühen 20. Jahrhundert stammt und die sich ursprünglich noch weiter nach Südosten ausdehnte. Drei hohe, spitzbogige Arkaden sowie die Holzdecke auf Unterzügen verleihen diesem Raum einen großzügig-repräsentativen Charakter, der noch durch zwei schlanke, gedrehte Pfeiler gesteigert wird. In der Diele war früher der repräsentativste Raum der Stadt, in dem Ratsbeschlüsse und Gerichtsurteile öffentlich verkündet wurden. Auch wurde hier alljährlich der neue Stadtrat ausgerufen und es kamen neue Gesetze zu Vorlesung. Es wurden hier aber auch große Feste der Bürger von Jena gefeiert. Am 2. Februar 1558 fand hier ein Festmahl anlässlich der Gründung des Collegium Jenense, aus dem sich später die Universität Jena entwickelte, in Anwesenheit des Herzogs Johann Friedrich II. von Sachsen, des Herzogs Johann Wilhelm von Sachsen-Weimar, des Herzogs Johann Friedrich III. von Sachsen, des Stadtrates, des ersten Rektors Johannes von Schröter und der Professoren statt, während das übrige Gefolge im Stadtschloss Jena aß.Johann Carl Eduard Schwarz: Das erste Jahrzehnt der Universität Jena. Frommann, Jena 1858, S. 92ff. mini|Das Figurenspiel um 12:00 Uhr Während des Dreißigjährigen Krieges wurde am 5. Februar 1637 das Rathaus durch kaiserliche Truppen unter Johann von Götzen geplündert. Dabei wurden ... die brieflichen Urkunden genommen / theils in Stücken zerrissen / theils zutreten / theils mit dem in deposito liegenden Kupffergelde auff öffentlichen Marck geworfen.Adrian Beier: Architectus Jenensis, Abbildung der Jenischen Gebäuden, das ist / Die F. S. Residentzstadt Jena, nach ihren Umbfange / Mauren / Graben / Fischteichen / Zwingern ... etc. Samuel Adolph Müller, Jena 1681, S. 257. Viele Jahre wurde in der Rathausdiele nach Beendigung dieses Krieges das Gregoriusfest mit öffentlichem Tanz begangen. Tuch- und Pelzhändler boten hier während der Jahrmärkte ihre Waren an.Dorette Grumbt: Das Jenaer Rathaus. Gestalt und Geschichte. in: Schriften des Stadtmuseums Jena 14. Max Kessler, Jena 1973, S. 54f.
Die Rathausdiele wird seit 1967 als Sitzungssaal, aber auch für andere Veranstaltungen mit einer Kapazität für 150 Personen genutzt. Einen weiteren Raum im Obergeschoss für maximal 100 Personen und 123 m² Fläche bietet der Plenarsaal mit einem Wandbild von Siegfried Winderlich Der Beschluss der Wiedereröffnung der Friedrich-Schiller-Universität aus dem Jahr 1968. Die ehemalige Amtsstube des Bürgermeisters dient seit 1969 dem Rat der Stadt als Trauzimmer. Dieser annähernd quadratische Raum hat dicke Bohlenwände, eine eingebaute Schrankwand von 1683 und stuckierte Deckenfelder zwischen großen, sich kreuzenden Unterzügen. Besonders bemerkenswert ist die zur Diele führende, reich verzierte Tür mit der Skulptur des St. Michael, des Schutzheiligen von Jena, mit der Jahreszahl 1683 und den Namen dreier Bürgermeister.Dorette Grumbt: Das Jenaer Rathaus. Gestalt und Geschichte. in: Schriften des Stadtmuseums Jena 14. Max Kessler, Jena 1973, S. 56f.
Um 1900 erfolgte der Umbau des gesamten Erdgeschosses in die Wirtschafts- und Gasträume der Ratszeise und es verschwand auch der südliche Durchgang, der dann erst 1948 wieder hergestellt wurde. Die Ratszeise, deren Name sich vermutlich von Akzise, einer im Mittelalter vom Stadtrat im Rathaus erhobenen Verbrauchssteuer, ableitet, wurde bis 2021 gastronomisch genutzt. Seit 2025 ist dort das StadtLab zu finden, welches ein Standort für kreative Konzepte in der Jenaer City und ein Ort für Begegnung und Miteinander sein soll. Es hat eine Fläche von 211 m² (151 m² im größeren Showroom und 60 m² im Workspace).
Literatur Adrian Beier: Architectus Jenensis, Abbildung der Jenischen Gebäuden, das ist / Die F. S. Residentzstadt Jena, nach ihren Umbfange / Mauren / Graben / Fischteichen / Zwingern ... etc. Samuel Adolph Müller, Jena 1681, S. 254ff. Alexander Färber: Jena von seinen Ursprunge bis zur neuesten Zeit. Schreiber, Jena 1850, S. 77ff. Paul Lehfeldt: Bau- und Kunst-Denkmäler Thüringens. Heft 1, Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, Amtsgerichtsbezirk Jena, Fischer, Jena 1888 S. 127ff. Oskar Schmolitzky: Das Rathaus in Jena : Zu s. Erneuerg u. Weihe als Haus d. Stadtverordneten am 30. Dez. 1948. Kulturamt d. Universitätsstadt, Jena 1948. Dorette Grumbt: Das Jenaer Rathaus. Gestalt und Geschichte. in: Schriften des Stadtmuseums Jena 14. Max Kessler, Jena 1973. Nadine Beck: Das Jenaer Rathaus im Spiegel der denkmalpflegerischen Aufgaben des 20. Jahrhunderts. (Studienarbeit aus dem Jahr 2003 im Fachbereich Kunst – Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege der Friedrich-Schiller-Universität Jena) Grin, München 2007.
Weblinks
Das alte Rathaus mit Bildern der Ratsdiele und des Plenarsaales auf der Website von Visit Jena, abgerufen am 29. Januar 2026. Der Schnapphans auf der Website von Sieben Wunder von Jena, abgerufen am 29. Januar 2026. Infos zur Restaurierung der Turmuhr auf der Website der Firma Glocken & Turmuhren Christian Beck, abgerufen am 29. Januar 2026. Bild des Trauzimmers auf der Website der Stadt Jena, abgerufen am 29. Januar 2026.
Einzelnachweise
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