mini|Abdulrazak Gurnah auf dem Literaturfestival in Dhaka (2023) Diebstahl (OT.: Theft) ist der Titel eines 2025bei Bloomsbury, London publizierten Romans von Abdulrazak Gurnah. Erzählt werden vor dem gesellschaftlichen Hintergrund Sansibars und Tansanias von den 1960er bis in die 1990er Jahre die miteinander zunehmend verbundenen Lebensgeschichten von drei jungen Menschen und ihren Familien: Karim, Fauzia und Badar. Die deutsche Übersetzung von Eva Bronné erschien ebenfalls 2025.

Inhalt

Überblick Gurnah erzählt in der Haupthandlung seines zu einem Gesellschaftsporträt erweiterten Familienromans,Thomas E. Schmidt: Das Leben ertragen lernen. Zeit Nr. 51/2025. Online 4. Januar 2026. https://www.zeit.de/2025/51/diebstahl-abdulrazak-gurnah-tansania-postkolonialismus-aufstieg meistens in personaler Form, die Geschichten von drei jungen Menschen aus der Mittelschicht Tansanias. Anfangs, abwechselnd kapitelweise in getrennten Strängen, werden die Lebensläufe im Lauf des Romans zusammengeführt. Während die Großeltern und Eltern die revolutionären Unruhen und die Unabhängigkeit Tansanias und Sansibars erlebt haben, versucht die Enkelgeneration in den 1990er Jahren ihr Leben in einer durch den Tourismus begünstigten wirtschaftlichen Situation, von traditionellen Formen weitgehend emanzipiert, zu gestalten.

Der Roman ist in drei Teile gegliedert, in drei Phasen der Entwicklung der Persönlichkeiten: 1. Teil: Familien, Sozialisation (Kap. 1–10). 2. Teil: Freundschaften, Liebesbeziehung (Kap. 11–15). 3. Teil: wirtschaftliche Entwicklungen, Ehekrise (Kap. 16–22).

Karim und Fauzia Zwei der Hauptfiguren, Karim und Fauzia, wachsen auf der Insel Unguja (Sansibar) auf.

Nach der Trennung von Karims Mutter Raya von seinem Vater, dem Bauunternehmer Bakari Abbas, kehrt Raya mit dem dreijährigen Sohn Karim in das Haus ihrer Eltern in der Stadt Sansibar zurück (Kap. 1). Ca. 12 Jahre später heiratet sie den Apotheker Haji und zieht zu ihm nach aufs Festland nach Daressalam. Karim bleibt bei seinen Großeltern und wird später, nach deren Tod bzw. Krankheit, von seinem zehn Jahre älteren Stiefbruder Ali, einem Zollbeamten, und seiner Frau Jalila aufgenommen (Kap. 2). Er schließt die weiterführende Schule mit sehr guten Notern ab und erhält ein Stipendium für ein Geographie- und Umwelttechnik-Studium in Daressalam. Jetzt sieht er wieder häufiger seine Mutter und seinen Stiefvater und wohnt abwechselnd in ihrem Haus und im Studentenwohnheim. Seine Semesterferien verbringt er bei Ali und Jalila in Sansibar.

Karim arbeitet nach dem Abschluss seines Studiums in einem Büro für Umwelttechnik und Entwicklungsprojekte in Sansibar und freundet sich mit der vier Jahre jüngeren Fauzia an. Sie ist die einzige, umsorgte Tochter Musas, der nach dem Verlust seiner Farm nach den revolutionären Unruhen einen Eisenwarenladen in der Stadt führt, und seiner Frau Khadija (Kp. 4, 5). Sie beendet mit 17 Jahren die Oberstufe, absolviert anschließend auf einem College die zweijährige Ausbildung zur Lehrerin und wird Referendarin an einer örtlichen Schule (Kap. 9, 11). Karim und Fauzia beschließen nach Beginn ihrer Beziehung, bald zu heiraten. Im Unterschied zu ihren Eltern sind sie fast gleichaltrig, haben eine akademische Ausbildung und wollen anders als ihre Eltern leben: Zwar halten sie sich offiziell an die Rituale der Brautwerbung und des Heiratsantrags, aber Karim verzichtet auf das Brautgeld. Sie veranstalten nur eine kleine Hochzeitsfeier im engen Familienkreis und beziehen eine eigene Mietwohnung (Kap. 11–13).

Nach drei Jahren entwickelt sich ihre berufliche und die private Situation auseinander: Einerseits wird der ehrgeizige Karim zum Abteilungsleiter der Gesundheitsaufsicht befördert und nimmt dann das Angebot des Ministers an, an einem mit einer Gehaltssteigerung verbundenen EU-Projekt zur nachhaltigen Bauplanung mitzuarbeiten und, als Voraussetzung dafür, an einer zehnwöchigen Fortbildung in Kopenhagen teilzunehmen (Kap. 19). Andererseits sind Fauzia und Karim Eltern einer Tochter, Nasra, geworden (Kap. 17) und die Pflege des oft schreienden Kindes überfordert, trotz der Hilfe ihrer Mutter, Fauzias und Karims Kraft und belastet ihre Ehe. Die Situation bessert sich auch nicht nach Nasras guter Entwicklung, zumal die unter einer postpartalen Depression leidende Frau wieder als Lehrerin arbeitet und abends erschöpft ist.

In dieser Krisensituation lernt Karim zufällig die attraktive 22-jährige Britin Geraldine (Jerry) Bruno kennen, die während ihres dreimonatigen Urlaubs als „Freiwillige“ ein EU-Projekt zur Digitalisierung von Verwaltungsdaten auf Sansibar unterstützt. Sie interessiert sich für seine Familie, lernt seine Frau und die kleine Tochter kennen und beginnt eine Affäre mit ihm (Kap. 19). Als Karim zu einem Wochenendausflug aufbricht, schöpft seine Frau Verdacht, zumal sie seine Entfremdung von ihr und Nasra bereits seit einiger Zeit bemerkt hat. Sie befragt ihn, er gibt die Beziehung zu Jerry sofort zu und geht ohne eine Erklärung. Darauf verlässt Fauzia mit ihrer einjährigen Tochter die Wohnung und zieht zu ihren Eltern (Kap. 20).

In der Diskussion über die Ursachen für Karims Untreue redet sich Khadija, Fauzias Mutter, in Rage und gibt v. a. der Europäerin und, in einer Generalabrechnung, ihrer Organisation die Schuld: „Er hat kein Schamgefühl. Diese Frau, wer immer sie ist, muss ihm das eingeimpft haben […] Sie kommen daher mit ihrer Unmoral und ihrem Geld, mischen sich überall ein und zerstören unser Leben, nur weil sie ihren Spaß haben wollen, und wir bringen es nicht fertig, uns ihrer dreckigen Art und ihrem Geld zu widersetzen. […] Sie kommen hier her und verschlimmern mit ihrer Rücksichtslosigkeit unsere Probleme. Wir haben unsere eigene Art zu leben vergessen. Wir haben freiwillig der Schamlosigkeit Platz gemacht.“Abdulrazak Gurnah: Diebstahl. Penguin Verlag München, 2025, S. 308, 309. Fauzias Freundin Hawa gibt dagegen Karim die Schuld: Er sei verantwortlich, er hätte es besser wissen müssen.

Als Badar einige Tage später Karim in seiner Wohnung besucht, rechtfertigt sich dieser, ohne Anklage, aggressiv: Die Ehe habe „nicht mehr funktioniert“. Fauzia gehe es „nur um ihre Sorgen und um das Baby“: „Dieses ständige Nörgeln, diese angespannte Atmosphäre.“ Er habe durch die Affäre gelernt, seine „Angst zu überwinden“, sein Leben „in die eigene Hand zu nehmen“ und sich „nicht mehr vor der Zukunft zu fürchten“.Abdulrazak Gurnah: Diebstahl. Penguin Verlag München, 2025, S. 320, 323.

Vier Jahre später lebt Karim als Nachhaltige-Entwicklung-Beauftragter der EU in Daressalam und ist auf dem Weg zum Minister-Amt und Fauzia beginnt in Sansibar eine neue Beziehung mit Badar.

Badar Die für Badars Sozialisation entscheidende Vorgeschichte wird im Laufe der Romanhandlung allmählich entfaltet und schließlich erklärt (Kap. 15): Der Farmer Othman nimmt Ismail, den Sohn eines verstorbenen Onkels, nach dem Tod seiner Frau und seiner Tochter in seine Familie auf. Der streitlustige Junge passt sich nicht an das Leben im Dorf an und verlässt nach einer Zurechtweisung den Onkel nach einem Griff in die Kasse. Jahre später, Othman hat seine Farm verkauft und ist nach Daressalam gezogen, soll er nach dem Untertauchen Ismails dessen halb-verwaisten Sohn Badar bei sich aufnehmen. Aus Verärgerung über den Diebstahl sucht er eine andere Lösung und finanziert die Pflege des Jungen bei Verwandten seiner verstorbenen Mutter.

Nach 14 Jahren endet diese Vereinbarung und Othman muss sich aus Familienverpflichtung jetzt selbst um Badar kümmern. Er stellt ihn unter der Bedingung, dass ihm das Verwandtschaftsverhältnis und die Tat des Vaters verschwiegen werden, als Hausboy an. Durch den Ortswechsel verbessert sich Badars Lebenssituation, denn er wird nicht mehr als unwillkommener Pflegefall beschimpft, fühlt sich nicht mehr wie ein Schiffbrüchiger und wird im Haus des Apothekers Haji und seiner Frau Raya freundlich behandelt, mit Ausnahme von Othman, Hajis Vater, der in ihm den Sohn eines Diebes sieht. Er erledigt seine Arbeiten, Reinigung, Bedienung, Einkäufe usw., sorgfältig. Alle sind mit ihm zufrieden und Rayas Sohn, Karim, unterhält sich bei seinen Besuchen oft mit ihm und unterstützt ihn. (Kp. 3, 6, 7, 10)

Zum Eklat kommt es während einer Reise Hajis und Rayas, als Badar mit Othman allein im Haus ist (Kap. 14): Der alte Mann verlässt sein Zimmer nur zu langsamen Spaziergängen zur Moschee. Auf dem Weg kommt er an Fadhilis Laden vorbei, in dem Badar gewöhnlich für die Familie einkauft, plaudert mit dem Besitzer und fragt ihn aus Höflichkeit, ob alle Rechnungen bezahlt seien. Dieser antwortet, die letzte Monatsrechnung sei noch offen. Othman will für seinen Sohn die Sache erledigen, schaut sich die Auflistung der Waren genau an und entdeckt große Mengen von Reis, Zucker usw., die ihren Verbrauch im Haushalt weit übersteigen. Auf seine Nachfrage erklärt der Händler, Badar habe das alles bestellt und mitgenommen. Othman bespricht mit Haji die Wareneinkäufe und die Rechnungen, die bisher nie überprüft wurden. Für Othman ist die Sache klar: Der Sohn des Diebes hat sie bestohlen und die Waren verkauft. Badar beteuert seine Unschuld und Haji, Raya und Karim glauben ihm. Sie vermuten, dass der Händler sie betrogen hat. Da sie aber keine Beweise dafür haben und Othman den vermeintlichen Dieb nicht mehr im Haus haben will, muss Badar gehen.

Die neue Zeit Karim findet eine Lösung, nimmt Badar mit nach Sansibar und findet dort durch seine Beziehung zum Hotelbesitzer Sharif Makame für ihn eine Anstellung als Assistent des stellvertretenden Managers Issa im Hotel „Tamarind“ (Kap. 16). Badar arbeitet sich, genauso gewissenhaft und fleißig wie zuvor in Rayas Haushalt, in die Organisation des Betriebs ein, lernt Englisch und die Bedienung eines Computers. In der ersten Zeit wohnt er bei Karim und Fauzia und bezieht dann ein eigenes Zimmer (Kap. 17). Nach drei Jahren wird Badar als Issas Nachfolger vorgeschlagen und leitet praktisch das Hotel allein.

In eine Konfliktsituation mit der Gefahr der Personal-Gast-Grenzüberschreitung gerät er, als die attraktive 22-jährige Britin Geraldine Bruno im Hotel eincheckt. Sie ist eine „Freiwillige“, die für drei Monate während ihres Urlaubs als Software-Entwicklungs-Expertin ein EU-Projekt zur Digitalisierung von Verwaltungsdaten auf Sansibar unterstützt. Miss Bruno tritt legerer auf als die distanziert-konventionellen Gäste, stellt sich ihm als Jerry vor, sucht sein Gespräch und fragt ihn als Ortskundigen, ob er sie in ein Restaurant begleiten könne (Kap. 18). Da er Nachtdienst hat, springt für ihn der zufällig vorbeigekommene Karim ein und beginnt mit ihr eine Affäre, die zur Trennung von seiner Frau führt.

Als Badar Karim später seiner Wohnung besucht, rechtfertigt sich dieser zuerst aggressiv für seine Affäre und rechnet dann mit ihm ab (Kap. 21): Undankbarkeit seinem Unterstützer gegenüber, mangelnder Ehrgeiz, Idiot, Feigling, Diener, Kriecher und Speichellecker, keine Selbstachtung, kleiner Niemand: „[D]u hast dich dran gewöhnt, so zu leben, du hast dich vollkommen ergeben“. Nachdem er Karims Wohnung verlassen hat, denkt Badar: „Ich habe gelernt, das Leben zu ertragen.“Abdulrazak Gurnah: Diebstahl. Penguin Verlag München, 2025, S. 321, 323.

Vier Jahre später wechselt Badar als stellvertretender Manager vom kleinen Stadthotel „Tamarind“ ins größere, exklusive Hotel mit Spitzengastronomie „Masri“. Er liebt Fauzia, unterstützt sie bei Besorgungen und wartet geduldig auf ihre Verarbeitung der Trennung, aber er hat Angst auf der Stufe „Einmal Diener, immer Diener“ stehen zu bleiben.Abdulrazak Gurnah: Diebstahl. Penguin Verlag München, 2025, S. 331. Doch er hat das Gefühl, zu ihr und ihrem Kind zu gehören und dieses Gefühl wird von Fauzia an Nasras fünftem Geburtstagsfest erwidert.

Historischer Hintergrund