Das sogenannte Heraclius-Traktat, das in den überlieferten Textquellen auch den lateinischen Titel De coloribus et artibus romanorum („Von den Farben und Künsten der Römer“) trägt, ist eine der wenigen überlieferten mittelalterlichen Sammlungen von Rezepten zur Herstellung, Verarbeitung und Anwendung von Farben. Das Werk ist in drei Bücher gegliedert und wird jeweils zu Beginn dieser dem fiktiven Autor Heraclius (oder Eraclius) zugeschrieben.
Relativ vollständig überliefert ist der Text in zwei Sammelhandschriften (British Library, MS Egerton 840 A und Paris, Bibliothèque nationale, lat. 6741), jeweils zusammen mit Abschriften des Traktats des Theophilus Presbyter. In diesen Handschriften ist der Text der ersten beiden Bücher nahezu identisch; Buch III ist in der älteren Handschrift in der British Library hingegen deutlich kürzer und weist eine abweichende Anordnung der Anleitungen auf. Diese Handschriften liegen den gängigsten Drucken und Übersetzungen zugrunde.
Autorschaft, Entstehungszeit und Entstehungsort Zu Beginn des Textes wird das Werk in beiden Handschriften einem „Heraclius“ oder „Eraclius“ zugeschrieben, der jedoch als eine Fiktion angesehen werden kann. Denn das Traktat ist nicht das Werk eines einzelnen Autors, sondern ein Kompendium, dessen Texte aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragen wurden. Dabei bilden die ersten beiden Bücher formal und inhaltlich eine Einheit, während das dritte Buch möglicherweise später entstand, aus anderen Quellen stammt und mit der Zeit erweitert wurde.
Der Autor nennt sich im Titel des ersten Buches vir sapientissimus („der allerweiseste Mann“), was darauf hindeutet, dass er ein Priester, Mönch oder Laienbruder gewesen sein könnte. Diese Annahme wird durch die wiederholte Verwendung der Begriffe frater, iter pia und corda bekräftigt. Jedoch gibt es im gesamten Text keine Hinweise auf Gott oder einen religiösen Hintergrund.
Buch I und II Die ersten beiden Bücher werden meist in das 10. Jahrhundert datiert und der Entstehungsort in Italien lokalisiert. Von dort könnte der Text nach Norden gewandert sein, wo die beiden heute erhaltenen Kopien entstanden. Dafür würden sowohl die beschriebenen Rezepte als auch das mittelalterliche, „barbarische“, d. h. nicht-klassische Latein sprechen, das auf eine Entstehungszeit mit einem größeren zeitlichen Abstand zum Verfall des Römischen Reichs deutet. Beispielsweise werden öfters mittelalterliche Begriffe benutzt, die nicht aus dem klassischen Latein stammen, z. B. „husa“, ein germanischer Begriff für eine Störart. Gleichzeitig wird der Begriff erläutert („picem qui dicitur husa“), was darauf hindeutet, dass der Text nicht in einem germanischen Gebiet geschrieben wurde – dort wäre es nicht nötig gewesen, den Namen einer einheimischen Art zu erklären.
Auch die praktische Anwendung der künstlerischen Vorschriften des Traktats (ebenso wie die der Mappae Clavicula) lässt sich durch Untersuchungen zur Herstellung von Handschriften auf die Mitte des 10. Jahrhunderts bis zum Ende des 12. Jahrhunderts begrenzen. Die farbtechnischen Inhalte der Bücher I und II basieren auf antiken Schriften, sind aber inhaltlich wie sprachlich weiterentwickelt oder umgeformt. Als Quellen sind u. a. Schriften des Hrabanus Maurus (9. Jahrhundert) und Isidor von Sevilla (7. Jahrhundert) zu nennen, darüber hinaus arabische und byzantinische Kompendien, griechische Abhandlungen des 3. bis 7. Jahrhunderts. Diese reichen wiederum bis zu antiken Werken von Plinius dem Älteren, Vitruv, Dioskurides und Theophrast zurück. In den beiden verwandten Rezeptbüchern, dem Codex Lucensis (auch Lucca-Manuskript genannt, geschrieben um 800), sowie der Mappae Clavicula (ab dem 9. Jahrhundert entstanden, Erweiterungen bis ins 12. Jahrhundert) lassen sich die ursprünglichen griechischen Quellen direkt nachweisen. Dort finden sich 63 Rezepte mit griechischen Bezeichnungen, die offensichtlich latinisiert wurden. Auch der (fiktive) griechische Name Heraclius als Autors des Textes könnte auf eine solche Herkunft hinweisen. Möglicherweise wurde der Name aber auch bewusst gewählt, um an die antiken Traditionen anzuknüpfen und dem Text damit eine größere Autorität zu verleihen.
Buch III Das dritte Buch des Traktats wird oft als späterer Zusatz zu den beiden ersten Büchern gesehen, da er Rezepte enthält, deren Quellen jünger sind als die der ersten beiden Bücher. Auch ist die Forschung der Ansicht, dass die Rezepte auf dem Traktat von Theophilus, der Mappae Clavicula und dem Lucca-Manuskript basieren. Das dritte Buch wurde daher etwa in die Zeit der älteren erhaltenen Abschrift, das 12. bis 13. Jahrhundert, datiert und nach Nordfrankreich oder England verortet.
Die Theorie eines Urtextes Eine abweichende Theorie stellte 1967 der Kunsthistoriker Heinz Roosen-Runge auf. Er vermutet, dass es einen „Urtext“ gab, der auf eine Überlieferung spätantiker Malerei des östlichen Mittelmeergebietes zurückgehe und über die Zeit des Frühmittelalters überliefert und umgewandelt worden sei. Dieser Urtext habe auch als Grundlage der Mappae Clavicula gedient: Viele Texte der Bücher I und II des Heraclius-Traktats wiederholen sinngemäß solche der Mappae Clavicula, während sich in Buch III etwa die Hälfte der Rezepte (oft wörtlich) mit der Mappae Clavicula überschneidet. Dieser Teil des Heraclius-Traktats, so die These von Roosen-Runge, sei aus zwei kleineren Fragmenten zusammengesetzt (da sich einige Kapitel doppeln), ihrerseits Abschriften des Urtextes. Auch die die Rezepte am Ende der Theophilus-Handschrift in der British Library (Ms. Harley 3915), die teilweise wörtlich oder inhaltlich dem Heraclius-Traktat entsprechen, würden auf den Urtext zurückgehen. Die unterschiedliche Reihenfolge der Rezepte in den verschiedenen Abschriften erklärt sich nach Roosen-Runge dadurch, dass der Urtext selbst nicht systematisch geordnet oder möglicherweise nur auf einzelnen Bögen aufgezeichnet war, wodurch sich die Reihenfolge bei den verschiedenen Abschriften änderte.
Inhalt Die Bücher I und II des Heraclius-Traktats bilden eine geschlossene Einheit und sind der Kern des Werkes. Sie sind in Versform (lateinische Hexameter) abgefasst und enthalten allgemeine Rezepte zur Herstellung von Farben, dazu Anleitungen zur Edelstein- und Metallbearbeitung, Rezepte für Glasfarben u. v. m. Das dritte Buch ist hingegen in Prosa verfasst und weist einen deutlich größeren Umfang auf; es enthält vor allem malkünstlerische Rezepte enthalten.
Im Heraclius-Traktat (ebenso wie in der Mappae Clavicula) gibt es keine Aussagen über grundsätzliche ästhetische Prinzipien, der Inhalt beschränkt sich auf die malhandwerklichen Aspekte. Dafür finden sich einige normhafte Verbindungen von unterschiedlichen Farben zu Farbgruppierungen, die so zusammen verwendet werden können bzw. sollen.
Im Prolog wird auf die verlorenen Techniken und Materialien des antiken Rom hingewiesen – der Autor will sie in dem Buch enthüllen und so vor dem Vergessen retten. Dieses Wissen müsse aber, so der Text, eifersüchtig gehütet werden:„So gut ich konnte, habe ich dir, Bruder, zum einfachen Gebrauch verschiedene Blumen [Auszüge] beschrieben und zu den Blumen die Künste hinzugefügt, die den Schriften entsprechen und für das Schreiben geeignet sind. Wenn du sie prüfst, wirst du es im Gebrauch als wahr erkennen. Nichts schreibe ich dir, was ich nicht zuvor selbst erprobt hätte. Schon ist der Ruhm des Geistes, den einst das römische Volk bewunderte, gefallen, wie auch die Sorge der Weisen und des Senats zugrunde ging. Wer vermag jetzt noch diese Künste zu erforschen, die jene Künstler von gewaltigem Geist für sich erfanden? Wer ist mächtig, sie uns zu zeigen? Derjenige, der die Schlüssel des Geistes durch kraftvolle Tugend besitzt, öffnet die frommen Herzen der Menschen für die verschiedenen Künste.“Das auf den Prolog folgende, erste Rezept des Traktats trägt den Titel „Wie aus Feldblumen verschiedene Farben zum Schreiben gemacht werden.“ Es beschreibt recht allgemein den Herstellungsprozess von Farben für die Buchmalerei. Solche pflanzlichen Farben wurden vor allem für die Illumination von Handschriften verwendet, da die Pigmente dort vor Luft und anderen äußeren Einwirkungen geschützt waren.„Wie aus Feldblumen verschiedene Farben zum Schreiben gemacht werden. Wer Blumen in verschiedene Farben verwandeln will, wie sie die Seite des Buches für die Schrift verlangt, der muss am frühen Morgen die Saatfelder durchstreifen. Dann wird er verschiedene, eben erst aufgeblühte Blumen finden und soll sich beeilen, sie zu pflücken. Wenn er nach Hause gekommen ist, soll er sich hüten, sie zusammenzulegen, sondern er soll tun, was eine solche Arbeit erfordert: Auf einem ebenen Stein sollst du diese Blumen zerreiben und zugleich rohen Gips mit ihnen zerstoßen. So kannst du dir die Farben getrocknet aufbewahren. Wenn du aber die Farbe ins Grüne verwandeln willst, so mische Kalk mit den Blumen; dann wirst du sehen, was ich dir aufgetragen habe, so wie ich es zuvor selbst erprobt habe.“ Welche Blumen und für welche Farben diese geeignet sind, wird weder an dieser Stelle noch im restlichen Traktat genauer ausgeführt. Es finden sich neben dem hier beschriebenen Verreiben der Pflanzen auch keine weiteren Methoden zur Gewinnung von Pigmenten (wie etwa Pressen, Destillieren oder Abkochen).
Ein Eintrag aus Buch III (Nr. 24, fol. 72v in der Pariser Handschrift, Nr. 5 in der Handschrift der British Library) erzählt eine Legende von der Erfindung des Glases im Nahen Osten. Darauf folgt die Erzählung des Erfinders des unzerbrechlichen Glases, der von dem römischen Kaiser Tiberius enthauptet wurde, damit sich das Rezept nicht verbreitet, was einen drastischen Preisfall von Gold und Silber zur Folge gehabt hätte.
Außerdem findet sich im Heraclius-Traktat eine der frühesten Beschreibungen der Herstellung von Farben mit weiterverarbeitetem Öl (Buch III, Nr. 31, fol. 75v in der Pariser Handschrift, Nr. 26 in der Handschrift der British Library):„Von dem Öle, wie es zur Tempera der Farben dient. Gib etwas Kalk in das Öl und koche es, wobei du den Schaum abnimmst. Gib dem Quantum des Öls entsprechend Bleiweiß hinein und stelle es, häufig umrührend, einen Monat oder länger in die Sonne. Wisse, dass es umso besser wird, je länger es an der Sonne stand. Seihe es dann, hebe es auf und mische damit die Farben.“
Erhaltene Manuskripte Relativ vollständige Abschriften des Heraclius-Traktats sind in drei Handschriften erhalten. Die älteren Handschriften befinden sich in der British Library. Die bekanntere davon trägt die Signatur MS Egerton 840 A. Zur Zeit seiner Entdeckung durch R. E. Raspe, der die erste Edition im Jahr 1781 herausgab, befand sich der Codex in Cambridge (Trinity College Library, Ms. R. 15 5). Die Pergamenthandschrift im Oktavformat enthält weitere Texte, u. a. den Text des Traktats von Theophilus, jeweils von einem anderen Schreiber. Diese Handschrift ist paläographisch in das 13. Jahrhundert zu datieren. Das dritte Buch des Traktats enthält – im Gegensatz zu der späteren Pariser Abschrift – nur 24 statt 58 Kapitel. Eine weitere Handschrift aus dem 13. Jahrhundert, die eine relativ vollständige Fassung dieses Textes enthält, wird in der British Library unter der Signatur Add MS 41486 aufbewahrt.