Das Mädchen, das Perlen weinte (Originaltitel: La fille qui pleurait des perles) ist ein kanadischer animierter Kurzfilm von Chris Lavis und Maciek Szczerbowski.
Handlung In einem vornehmen Haus in Paris findet ein Mädchen im Arbeitszimmer ihres Großvaters eine kleine Dose, in der eine einzelne Perle liegt. Als ihr Großvater dazukommt, erklärt er, sie habe gewissermaßen sein Geheimnis gefunden und erzählt die Geschichte hinter der Perle:
Anfang des 20. Jahrhunderts lebt er als Junge in ärmlichen Verhältnissen am Hafen von Montreal, wo er alles aufliest, was aus den Transportkisten fällt. Für den Winter sucht er sich ein verlassenes Gebäude, in dem er stets direkt an der Wand zur Nachbarwohnung sitzt, um etwas Wärme abzubekommen. Durch ein Loch in der Wand kann er in die Wohnung sehen und bekommt mit, dass die Mutter stets ihren Ehemann und ihre Stieftochter anschreit und diese misshandelt. Trost erfährt das Mädchen nur durch ihren Vater. Eines Nachts sieht der Junge, wie das Mädchen im Schlaf weint – ihre Tränen fallen als Perlen auf den Boden. Verschämt entsorgt sie diese am nächsten Morgen, indem sie sie in ein Loch in der Wand steckt, sodass der Junge sie auflesen kann. Er geht mit ihnen zum Pfandleiher, der erstaunt ist, wie perfekt rund und identisch sie sind. Auf die Frage, ob er die Perlen gestohlen hat, erzählt der Junge die Geschichte von dem Mädchen, der Pfandleiher glaubt ihm jedoch nicht. Er geht mit den Perlen zu einem Juwelier am Hafen, der noch nie solch perfekte Perlen gesehen hat und ebenfalls nach der Herkunft fragt. Als er von der Geschichte des weinenden Mädchens erfährt, verweist er auf einen alten religiösen Text, nach dem Eva bei der Vertreibung aus dem Paradies Perlen geweint habe.
Der Pfandleiher gibt dem Jungen einen Dollar pro Perle, womit dieser eine Schachtel Schokolade kauft, die er dem Mädchen vor die Tür stellt. Gleichzeitig wird er vom Pfandleiher gebeten, mehr Perlen zu bringen. Da das Mädchen aufgrund der Perlen zuversichtlicher wird, weint sie nicht mehr – der Pfandleiher fährt daraufhin den Jungen an, er solle diese Möglichkeit nicht verschwenden, er könne es sich nicht leisten, aus Liebe und Freundlichkeit auf die Perlen zu verzichten. In der siebten Nacht weint das Mädchen wieder, und der Junge bringt die Perlen zum Pfandleiher, wo er zehnmal so viel wie beim ersten Mal bekommt. Von dem Geld kauft er sich neue Kleidung und ein Ticket für die Überfahrt nach Paris. Auf dem Heimweg sieht er jedoch das verzweifelte Mädchen, dessen Vater bei einem Straßenbahnunfall ums Leben gekommen ist. Am nächsten Tag ist die Wohnung nebenan verlassen, aus der Wand kullert jedoch eine ganze Menge Perlen. Vom Pfandleiher fordert der Junge nun eine ganze Schachtel Geldscheine, sodass dieser sich von dem Juwelier einen Kredit geben lässt, um die Perlen bezahlen zu können.
Als der Juwelier seinen Laden am Hafen verlässt, fällt eine Transportkiste von einem Kran und tausende Perlen fallen heraus, eine so perfekt wie die andere, ganz den Tränen-Perlen gleichend. Es sind Plastik-Perlen aus Japan. Der Pfandleiher, der nichts davon weiß, gibt dem Jungen das Geld, der sich eine Perle als Erinnerung behält.
Als Fazit der Geschichte meint der Großvater zu seiner Enkeltochter: „Es ist stets die Geschichte rund um das Objekt, die ihm seinen Wert verleiht.“
Hintergrund Die Idee für den Film entstand bei der Produktion des Films Madame Tutli-Putli: Bei den Dreharbeiten riss plötzlich eine Requisitenkette und Perlen verteilten sich am Set. Gleichzeitig saß Schauspielerin Laurie Maher auf einem Stuhl und vergoss Tränen – ein Bild, das die Basis für Das Mädchen, das Perlen weinte wurde. Eine weitere Inspiration war die Fotografie Larmes von Man Ray mit einer Nahaufnahme synthetischer Perlen auf einem weinenden Gesicht.
Die Erzählung soll einem Märchen von Hans Christian Andersen ähneln. Sie vereint Motive von Begierde, Täuschung und wie gute Herzen durch Gier zu bösen Taten verleitet werden.
Produktion Für den Stop-Motion-Film wurden Puppen mit ruhigen Gesichtern entworfen, die religiösen Statuen ähneln. Aufgrund der ausdruckslosen Gesichter war es notwendig, Emotionen ausschließlich durch Körpersprache und -haltung sowie Timing zu vermitteln. Gefilmt wurde mit einer Canon EOS 6D DSLR-Kamera, wobei Beleuchtung und Farbkorrektur direkt in der Kamera erfasst wurden.
Die visuelle Welt von Das Mädchen, das Perlen weinte ist sowohl atmosphärisch als auch detailreich. Inspiriert von religiösen Statuen entwarfen die Regisseure Puppen mit ruhigen, maskenhaften Gesichtern, die Ikonographie von Heiligen erinnern. Die Entscheidung, die Gesichter ausdruckslos zu lassen, bedeutete, dass die Animatoren Emotionen ausschließlich durch Körpersprache, Haltung und Timing vermitteln mussten. Anstelle von Storyboards wurden Szenen mit Schauspielern inszeniert und Realfilme gedreht, um das Timing auszutesten.
Von der ersten Idee bis zur Produktion des Films dauerte es über 15 Jahre. Erst als die Regisseure Lavis und Szczerbowski 2017 mit der Produzentin Julie Roy Kontakt aufnahmen, kam das Projekt in Bewegung. Die Produktion begann 2020 inmitten der COVID-19-Pandemie.
Der Film erschien in einer englischen und einer französischen Version, wofür die Münder der Figuren jeweils passend zur jeweiligen Sprache animiert wurden.
Veröffentlichung und Auszeichnungen Das Mädchen, das Perlen weinte feierte seine Weltpremiere am 8. Juni 2025 beim Festival d’Animation Annecy, wo der Film für den Cristal du court métrage nominiert war. Beim Toronto International Film Festival 2025 wurde der Film als Bester kanadischer Kurzfilm, beim Ottawa International Animation Festival als Bester kanadischer Animationsfilm ausgezeichnet.
Bei den Annie Awards 2026 wurde Das Mädchen, das Perlen weinte in der Kategorie Bester animierter Kurzfilm nominiert. In der gleichen Kategorie erhielt der Film zudem den Oscar.
Weblinks
Das Mädchen, das Perlen weinte auf Arte (abrufbar bis 21. Januar 2027)
Einzelnachweise
Kategorie:Kurzfilm Kategorie:Stop-Motion-Film Kategorie:Kanadischer Film Kategorie:Filmtitel 2025