mini|Edifício Gustavo Capanema, Südfassade Das Gustavo Capanema Gebäude in Rio de Janeiro, vormals Ministerium für Erziehung und Gesundheit (Ministério da Educação e Saúde, MES, auch Palácio Capanema), ist Wahrzeichen der brasilianischen Moderne und Wegbereiter der internationalen rationalistischen Architektur. Der verglaste Stahlbetonbau wurde 1936 bis 1945 unter Beratung von Le Corbusier durch Lúcio Costa, Oscar Niemeyer und weitere brasilianische Künstler errichtet und ausgestaltet.
Lage und Beschreibung mini|Brise-soleils an der Nordfassade Das 17-geschossige Scheibenhochhaus erhebt sich in der Rua da Imprensa 16 im Zentrum von Rio de Janeiro. Sein blockartiger Körper ruht auf Pilotis, freistehenden tragenden Stützen, die das Zirkulieren der Fußgänger unter dem Bau ermöglichen. Zusammen mit dem flachen Flügel des Auditoriums bilden sie einen öffentlichen Raum. Zu den wegweisenden Merkmalen des Gebäudes zählen ferner die bläulichen Brise-soleils, verstellbare horizontale Lamellen, die an der Nordfassade das Sonnenlicht filtern.
Planung Die Konzeption des MES geht auf den seit 1930 amtierenden Präsidenten Getúlio Vargas zurück, der Brasilien erneuern und dem Land ein modernes Image geben wollte. Ihm zur Seite stand der Erziehungsminister Gustavo Capanema Filho, der enge Kontakte zur Avantgarde des Landes unterhielt. Mit dem Neubau wollte er nichts weniger als die „catedral da moderna arquitetura mundial“ (Joaquim Cardoso) errichten.Joaquim Cardoso: Dois episódios da Arquitetura Moderna Brasileira. in: Modulo Nr. 4, März 1956, S. 32–36. Vor diesem Hintergrund wurde ein an sich siegreicher Entwurf im eklektizistisch-neokolonialen Stil (Architekt Archimedes Memória) zwar honoriert, aber abgelehnt und die Leitung des Projekts stattdessen Lúcio Costa übertragen. Zu Costas Mitarbeitern zählten Carlos Leão, Affonso Reidy, Jorge Moreira, Ernani Vasconcellos und später auch der junge Oscar Niemeyer – sämtlich Vertreter einer modernen, antiakademischen Architektur. Als externer Berater wurde Le Corbusier herangezogen, der bereits 1929 Brasilien besucht hatte und im Sommer 1936 erneut in Rio eintraf. Das Ergebnis seines fünfwöchigen Aufenthalts waren u. a. Pläne für die neue Universitätsstadt und eigene Entwürfe für das MES an einem ufernahen Standort. Costa und seine Équipe widersetzten sich jedoch und erarbeiteten neue Pläne für das ursprüngliche Areal im Stadtzentrum. Statt des breitgelagerten Gebäudes von Le Corbusier schlugen sie einen Hochhausbau mit Annex und Esplanade vor, ein Komplex, der sich besser in die urbane Struktur einfügte. Grundsätzlich orientierte sich das Team jedoch weitgehend an den Richtlinien, die der Franko-Schweizer in seinen „Fünf Punkten zu einer neuen Architektur“ postuliert hatte: Dies sind das Betonskelett über Pilotis, das Flachdach, ein freier Grundriss, Fensterbänder und Vorhangfassade. In einem Schreiben vom Juli 1937 lobte Le Corbusier den brasilianischen Entwurf und gab sein „OK“ für die Ausführung.Allerdings beklagte sich Le Corbusier nach Kriegsende, dass seine Ideen durch die Brasilianer benutzt und er für seine Entwürfe nie entlohnt worden wäre. Dem steht entgegen, dass die Plakette in der Lobby des Baus Le Corbusier ausdrücklich erwähnt, obwohl sein Entwurf nicht für das ausgeführte Werk gedacht war. Die aufschlussreiche Korrespondenz zu der Diskussion um die Urheberschaft und die „Nationalisierung“ durch die brasilianischen Architekten bei Costa 1995, S. 139–141, Harris 1997, S. 178–194 und Rodrigues dos Santos 1997, S. 198–204.
Ausführung Die Grundsteinlegung fand bereits am 24. April 1937 unter großem medialen Interesse statt.Siehe u. a. den Tonfilm von Humberto Mauro (Centro Técnico Audiovisual Rio de Janeiro) Trotz vielfacher Kritik an der Modernität des Baus und ungeachtet repressiver und nationalistischer Tendenzen des Estado Novo (1937–1945) schritten die Arbeiten zügig voran und konnten unter der Leitung des auf Stahlbeton spezialisierten deutschstämmigen Ingenieurs Emílio Henrique Baumgart 1944 weitgehend abgeschlossen werden. Die offizielle Übergabe des MES erfolgte 1945.
Ausstattung mini|Pilotis im Sockelgeschoss, im Hintergrund Fliesenbild von Cândido Portinari Die Ausgestaltung des Gebäudes und der Esplanade erfolgte im Wesentlichen zwischen 1942 und 1945. Dazu wurden namhafte brasilianische und internationale Künstler herangezogen: Cândido Portinari schuf die Fresken des 12-teiligen Bildzyklus Ciclos Econômicos mit Darstellungen traditioneller brasilianischer Produktionsformen sowie die Entwürfe für die großflächigen, meist abstrakten Azulejos (Fliesenbilder). Bruno Giorgi, Celso Antonio und Jacques Lipchitz u. a. lieferten Skulpturen, Möbel entwarfen Oscar Niemeyer und sein Büro. Die Gestaltung der Grünanlagen oblag Roberto Burle Marx. Wie von der Avantgarde gefordert, verbanden sich die verschiedenen künstlerischen Disziplinen zu einem Gesamtwerk, das die moderne brasilianische Kultur repräsentierte und bis heute eindrucksvoll dokumentiert.
Rezeption und Bedeutung Bereits 1943 – also noch vor seiner Fertigstellung – erhob das Museum of Modern Art (MoMa) in New York mit der Ausstellung Brazil Builds das MES zur Ikone des neuen brasilianischen Bauens. Basierend auf Ideen von Le Corbusier, modifiziert durch die in Rio tätigen Architekten, stellte das Gebäude weltweit einen Quantensprung dar: Nirgends zuvor war ein Hochhaus dieser Größenordnung mit Glasfassaden errichtet worden – die große Zeit der vergleichbaren US-amerikanischen Wolkenkratzer begann erst in den 1950er Jahren. Le Corbusiers visionäre Entwürfe für Bauten in Paris, Algier, Nemours oder Buenos Aires waren sämtlich auf dem Papier geblieben. Für die tropischen und subtropischen Regionen wurden die Brise-soleils zum klimatechnischen wie auch ästhetischen Vorbild: Horizontal oder vertikal ausgerichtet, aus Beton, Holz oder Metall, trugen sie entscheidend zur Strukturierung und Gestaltung des Außenbaus bei. Die städtebauliche Einbindung des Hochhauses über die begrünte Esplanada und den Freiraum zwischen den Pilotis wurde ein Merkmal moderner Stadtplanung.
Nachleben Das MES, inzwischen unter dem Namen Edifício oder Palácio Capanema bekannt, wurde bereits 1948 unter den Schutz der Denkmalbehörde IPHAN gestellt. Nach einer ersten Neuorganisation seiner Ressorts 1953 wurde das Ministerium 1960 in die neue Hauptstadt Brasília verlagert. Seit 1996 steht der Bau auf der Tentativliste des UNESCO-Weltkulturerbes. 2018 bis 2025 erfolgte eine umfassende Restaurierung, die auch den vielfach verwendeten Asbestzement beseitigte. Vorausgegangen war eine langjährige Debatte um den Erhalt historischer Bausubstanz. Die Kosten beliefen sich auf 84,3 Millionen Reais (etwa 13,6 Millionen €). Zwischenzeitlich erwog man den Verkauf des Gebäudes an private Unternehmen, ein Vorschlag, der jedoch auf erbitterten Widerstand von ICOMOS Brasil und anderen Kultureinrichtungen stoß. Heute beherbergt das Edifício Capanema verschiedene Kulturinstitutionen, darunter das IPHAN, die Fundação Nacional de Artes (FUNARTE) und die Biblioteca Euclides da Cunha, ferner Ausstellungsräume und ein Panoramacafé. Das gesamte Gebäude ist im Rahmen von Führungen zu besichtigen.
Filmische Zeugnisse Der brasilianische Regisseur und Dokumentarfilmer Humberto Mauro hielt die Grundsteinlegung des MES mit seiner Kamera und mit Originaltonaufnahmen fest.Einzusehen im Centro Técnico Audiovisual Rio de Janeiro Auch der Oscar Niemeyer gewidmete Film A vida é um sopro (Das Leben ist ein Hauch, 2007) zeigt historische Szenen des Baugeschehens.Dokumentation von Fabiano Macel, Brasilien 2007 Weblinks
Schriftquellen zum Edifício Capanema
Literatur Philip L. Goodwin: Brazil Builds: Architecture New and Old, 1652–1942. Museum of Modern Art, New York 1943, Yves Bruand: Arquitetura contemporânea no Brasil. 2. Auflage, Perspectiva, São Paulo, 1981 Alberto Xavier: Arquitetura Moderna no Rio de Janeiro. Fundação Vilanova Artigas, São Paulo, 1991. Lucio Costa: registro de uma vivência. Editora UNB/Empresa das Artes, São Paulo, 1995, Hugo Segawa: Arquiteturas no Brasil, 1900–1990. EDUSP, São Paulo, 1999, Lauro Cavalcanti: Quando o Brasil era moderno: guia de arquitetura 1928-1960. Aeroplano, Rio de Janeiro, 2001. Alan Hess, Alan Weintraub: Oscar Niemeyer. Bauten für die Öffentlichkeit. DVA, München, DVA, 2009,
Roberto Segre: Ministério da Educação e Saúde: ícone urbano da modernidade brasileira, 1935-1945. Romano Guerra, São Paulo, 2013, ISBN 978-85-88585-40-9
Einzelnachweise
Kategorie:Bauwerk in Rio de Janeiro Kategorie:Architektur (Brasilien) Kategorie:Architektur der Moderne Kategorie:Oscar Niemeyer