mini|Nordkirche Neureut Die Nordkirche in Neureut, dem nördlichsten Stadtteil von Karlsruhe in Baden-Württemberg, ist ein neugotisches Kirchengebäude. Die Kirchengemeinde Neureut-Nord gehört zur Evangelischen Landeskirche in Baden. Seit ihrer Einweihung prägt die Kirche mit ihrem hohen Turm maßgeblich das Stadtbild von Neureut und wird im Volksmund auch als Neureuter Dom bezeichnet.
Geschichte
Vorgängerkirche Eine spätgotische Vorgängerkirche stand vermutlich seit etwa 1459 an derselben Stelle. Sie war im Laufe der Jahrhunderte mehrfach renoviert, instand gesetzt und umgebaut worden. Im Jahr 1773 wurden eine Glockenstube und ein Spitzdach durch den Hofzimmermeister Johann Ludwig Weinbrenner, den Vater des Karlsruher Oberbaudirektors Friedrich Weinbrenner, auf den mittelalterlichen Turm aufgesetzt. Zur Ausstattung der alten Kirche gehörte ein hinter dem Altar aufgestelltes Kruzifix aus Lindenholz aus dem 17. Jahrhundert, das später in den Neubau übernommen wurde.
Neubau ab 1885 Bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erwies sich die alte Kirche jedoch als zu klein. Im Jahr 1857 lebten in Teutschneureut 1.224 Einwohner, während an gewöhnlichen Sonntagen durchschnittlich etwa 820 Kirchenbesucher gezählt wurden, obwohl die Kirche lediglich 550 Sitzplätze bot. Vor diesem Hintergrund richteten der Kirchengemeinderat, der Gemeinderat sowie ein Ausschuss der Gemeinde am 27. Januar 1857 eine gemeinsame Eingabe an den Großherzoglichen Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe mit der Bitte um eine angemessene Vergrößerung der Kirche. Oberbaurat Fischer erstellte daraufhin ein technisches Gutachten, in dem eine Erweiterung des bestehenden Gebäudes als unzweckmäßig beurteilt wurde. Ein von ihm empfohlener Neubau konnte aus Kostengründen zunächst nicht realisiert werden. Weitere Gesuche der Gemeinde in den Jahren 1859 und 1860 blieben ebenfalls ohne Erfolg.
Erst am 13. März 1884 erteilte das Großherzogliche Ministerium für Finanzen die Genehmigung für einen Kirchenneubau und legte zugleich fest, dass dieser auf dem Platz der bisherigen Kirche zu errichten sei. Die Baulast lag beim Großherzoglichen Domänenärar. Mit der Planung und Kostenberechnung wurde die Großherzogliche Bezirksbauinspektion betraut, die unter der Leitung von Baurat Karl Philipp Dyckerhoff und Baumeister Hermann Speer arbeitete. Im Jahr 1885 wurde die alte Kirche abgebrochen. Während der Bauzeit errichtete man auf dem Gelände des Teutschneureuter Friedhofs eine Notkirche, die nach Fertigstellung des Neubaus wieder entfernt wurde.
Die Bauarbeiten für die neue Kirche begannen im Oktober 1885. Der rasche Baufortschritt ermöglichte es, bereits am 17. Juni 1886 den Grundstein zu legen. Dieser befindet sich links am Chorbogen und trägt die Jahreszahl 1886. In den Grundstein wurde ein Behälter aus Zinkblech eingelassen, der Proben der in der Gemarkung angebauten Fruchtsorten Korn, Gerste, Weizen und Spelz, eine Liste sämtlicher Gemeindebürger, je ein Exemplar des damals eingeführten Gesangbuches und des Katechismus, ein Exemplar der Karlsruher Zeitung vom Tage der Grundsteinlegung, je ein Stück aller zu dieser Zeit gebräuchlichen Münzen des Deutschen Reiches sowie eine Pergamenturkunde enthielt. Insgesamt wurden rund 5.600 Kubikmeter Steine vermauert. Zusätzlich mussten 500 Kubikmeter Kalk, 1.015 Kubikmeter Sand, 185 Kubikmeter Kies und 28 Kubikmeter Zement mit Pferdefuhrwerken zur Baustelle transportiert werden.
Das Aufschlagefest für das Kirchenschiff fand am 16. November 1886 statt, der Turm konnte im Dezember 1887 aufgeschlagen werden. Die Bauzeit wurde von einem schweren Unglücksfall überschattet, als am 27. Juni 1887 der 44-jährige Zimmermann Jakob Friedrich Süß am Nachmittag vom Gerüst stürzte und tödlich verunglückte. Die Einweihung der neuen Kirche erfolgte am 17. Juni 1888 in Anwesenheit von Großherzog Friedrich I. von Baden.
Die Gesamtbaukosten beliefen sich auf etwa 235.000 Mark. Die Kirche wurde anfänglich mit zwei Füllöfen beheizt, die sich jedoch als unzureichend erwiesen und 1901 durch größere Öfen ersetzt wurden. Bei einem jährlichen Verbrauch von jeweils etwa 1.000 Kilogramm Koks wurde eine Raumtemperatur von rund 9 Grad erreicht.
Durch Luftangriffe erlitt das Kirchenschiff im Zweiten Weltkrieg schwere Schäden am Dach und Kirchenschiff, der Turm blieb erhalten.
Nach jahrzehntelanger Nutzung ohne grundlegende Instandsetzung befand sich der Innenraum der Kirche Mitte der 1950er-Jahre in einem schlechten Zustand. In den Jahren 1960 und 1961 erfolgte eine umfassende Innenrenovierung. Eine weitere Innenrenovierung erfolgte zwischen 2008 und 2010.
Architektur und Ausstattung mini|Seitenansicht Die Evangelische Nordkirche Neureut ist im Stil der Neugotik errichtet. Sie ist 48 Meter lang und 20 Meter breit, die Firsthöhe des Kirchenschiffes beträgt 25 Meter, die Höhe des Turmes 51 Meter. Die beiden Seitentürmchen sowie die Altane erreichen eine Höhe von 21 Metern. Das dreischiffige Langhaus besitzt ein hohes Mittelschiff mit spitzen Säulenbögen. Das Kirchenschiff ist innen 30 Meter lang und 18 Meter breit und bot ursprünglich Sitzplätze für etwa 1.100 Personen.
Die Fassade wurde in Bruchsteinmauerwerk aus dem Pfinztal ausgeführt. Für das Sichtmauerwerk wurde grüner Sandstein aus dem Steinbruch Kürnbach bei Bretten verwendet, während die roten Sockelsteine aus Wilferdingen stammen. Trotz der neugotischen Grundform fehlen der Kirche die für gotische Sakralbauten typischen reichen Verzierungen, Kapitelle sowie Ranken- und Figurenschmuck. Dadurch vermittelt der Bau ein Bild protestantischer Schlichtheit. Der geräumige Chor ist mit einem netzartigen Deckengewölbe ausgestattet. Den Taufstein fertigte der Karlsruher Bildhauer Binz.
Kirchenfenster Das Chorfenster über dem Altar stellt die Auferstehung Christi dar und wurde von dem Karlsruher Glasmaler Hans Drinneberg geschaffen. Die Glasfenster unterhalb der Empore wurden 1961 von Helmuth Uhrig gestaltet und zeigen biblische Szenen aus Altem und Neuem Testament. Charakteristisch ist, dass alle Figuren kein Gesicht haben, sodass dem Betrachter die Interpretation überlassen wird.
Orgel Gegen Ende der Bauzeit wurde eine Orgel angeschafft, die die Stuttgarter Orgelbaufirma Weigle für 8.500 Goldmark lieferte. 1959 wurde die Orgel repariert und um ein drittes Manual erweitert. Aufgrund starker Schäden wurde 1976 eine neue Orgel von der Orgelbaufirma Werner Bosch eingebaut, Pfeifen des Vorgängerinstruments wurden darin weiterverwendet. Sie wurde in einem zweiten Bauabschnitt 1978 fertiggestellt. 2010 wurde die Orgel umgebaut und erweitert und besitzt heute 20 Register auf zwei Manualen und Pedal.
Glocken Im Ersten Weltkrieg mussten 1917 drei der vier Glocken als Metallspende für die Waffenproduktion abgegeben werden. 1921 konnten zwei neue Glocken aus der Glockengießerei Bachert geweiht werden, eine weitere folgte 1934. Im Zweiten Weltkrieg wurden erneut drei Glocken entfernt; erst 1955 war das Geläut wieder vollständig.
Literatur
Weblinks
Website der Kirchengemeinde Video über Architektur und Geschichte der Nordkirche mit Innenansichten auf YouTube
Einzelnachweise
Kategorie:Kirchengebäude in Karlsruhe Neureut Kategorie:Kirchengebäude in Europa Kategorie:Neureut (Karlsruhe) Kategorie:Neugotisches Bauwerk in Baden-Württemberg Neureut Kategorie:Erbaut 1888 Kategorie:Bauwerk des Historismus in Karlsruhe Kategorie:Kulturdenkmal in Karlsruhe