Das unter der Bezeichnung Die Erscheinung bekannte Ölgemälde des Symbolisten Gustave Moreau entstand zwischen 1876 und 1877 in Paris. Es ist eine von mehreren Ausführungen des Motivs, welche zu einer Vielzahl an Salome-Darstellungen Moreaus gehören. Seit 1943 befindet es sich im Besitz des Fogg Art Museum, das zu den Harvard Art Museums gehört, und wo es derzeit ausgestellt wird.
Die dargestellte Szene, welche sich im Thronsaal Herodes’ abspielt, zeigt dessen Tochter Salome, welcher der abgetrennte schwebende Kopf Johannes des Täufers gegenübergestellt ist.
Bildbeschreibung Im Vordergrund des Gemäldes ist eine bleiche, fast vollständig entkleidete Frau mit blondem, langem zusammengebundenem Haar, die eine Krone und prunkvollen Schmuck trägt, zu sehen. Von ihrem ausgestreckten linken Arm, welcher einen Zeigegestus ausführt, hängt ein rotes Tuch hinter ihr herunter. Ihr rechter Arm ist zur Schulter hin angewinkelt und hält eine rosafarbene Blume. Ihr Kopf ist nach unten geneigt, ihr Blick jedoch nach oben gerichtet. Ihre Beine scheinen vorwärts zu laufen, ihr Oberkörper hingegen wirkt statisch dem Betrachter zugewandt. Gegenübergestellt ist der schwebende Kopf eines Mannes, aus dem Blut heraustropft. Er ist mit einem strahlenden Kreuznimbus hinterlegt. Rechts auf dem Boden sind Blüten über den Boden verstreut.
Ein wenig weiter hinten ist neben der Frau ein schwarzer Panther mit geöffnetem Maul zu sehen, der sie ansieht. Links hinter der vordergründig positionierten Frau befindet sich ein Figurenpaar mit prächtigen Gewändern und ebenfalls mit Kronen. Der Mann sitzt dabei leicht erhöht auf einem Thron. Am rechten Bildrand ist eine rot gekleidete Figur, deren Kopf in einen weißen Schleier gehüllt ist, zu erkennen. Sie steht aufrecht zum Betrachter hingewendet und hält in der rechten Hand ein Schwert, an welchem Blut hinunterläuft.
Im Hintergrund ist eine Art Altar, von zwei blauen Säulen mit goldenen Kapitellen umrahmt, zu sehen. Auf ihm lässt sich eine Statue mit Kreuznimbus erahnen. Des Weiteren ist oberhalb der roten Figur ein hängender Leuchter zu sehen. Zwischen der roten Figur und dem Altar ist ein kleines Podest sichtbar, aus welchem Rauch emporsteigt und den mit Gold und Ornamenten verzierten Raum erfüllt.
Deutung Das Bild zeigt im Zentrum Salome, die Tochter des Königs Herodes und seiner Frau Herodias, die links hinter ihr zu sehen sind, und den vor der Königstochter schwebenden Kopf Johannes’ des Täufers, welcher vom rot gekleideten Henker enthauptet wurde. Der goldene Saal ist Herodes’ Thronsaal.
Die dargestellte Szene verweist auf die Salome-Legende, in welcher Salome bei einem Fest im Thronsaal vor ihren Eltern Herodes und Herodias tanzt. Als Belohnung gewährt ihr der König einen Wunsch. Nachdem Johannes der Täufer die Ehe der beiden verurteilt hatte und Herodias dessen Hinrichtung gefordert hatte, was Herodes allerdings ablehnte, fragt Salome ihre Mutter nach ihrem Begehren und bittet Herodes erneut, Johannes zu enthaupten. Diesem Anliegen muss er, da er die Erfüllung des Wunsches vor allen Anwesenden versprochen hatte, nachgehen und lässt ihn köpfen. Als das abgetrennte Haupt plötzlich in der Mitte des Saals schwebt, scheint selbst Salome ehrfürchtig zu werden.
Martin Urmann deutet die dargestellte Szene als Erinnerung an das Geschehen in Form einer "Schreckensvision".
Der Tanz und die darauffolgende Enthauptung stehen als misogyne Metapher für die Fähigkeit einer Frau mit ihrem Lebensweg sogar Heilige zu vernichten. Dabei wird Salome auf ihr erotisches und animalisches Wesen reduziert verkörpert damit die Vorstellung der "femme fatale", wie sie auch in anderen Werken Moreaus, zum Beispiel der Sphinx, dargestellt wird.
Zeitlich lässt sich das Bild in der Salome-Erzählung nach dem Tanz einordnen, und nicht wie von Ari Renan angenommen als Vision während des Tanzes. Diese Annahme wird auch durch den heruntergerutschten Schleier (siehe "Salome tanzt vor Herodes") widerlegt. Zudem ist das Gemälde kein Pendant zu "Salome tanzt vor Herodes" (siehe dazu: Einordnung in die Salome-Darstellungen Moreaus).
Gestaltungsmittel
Komposition Das Bild weist hinsichtlich der Gestaltung des Raumes und der Figurenverteilung eine starke Symmetrie auf. Dabei sind durch Letztere die Forderung nach der Hinrichtung Johannes’ des Täufers und dessen Umsetzung gegenübergestellt. Die Forderung wird durch Herodias, deren Wunsch über Salome Herodes vorgetragen wird, dargestellt, während der Henker und der abgetrennte Kopf dessen Umsetzung zeigen. Zudem ist die Sichtbarkeit des Geschehens für den Betrachtenden, sowie für das Königspaar, beinahe identisch.
Farben Moreau erzeugt mit dem eher monochromen Hintergrund eine goldene und neblige Atmosphäre, die einem das Gefühl gibt vom Prunk und der Mystik des Thronsaals überwältigt zu werden. Die Farbe Rot bei den purpurnen Gewändern und dem Blut sorgt dabei für farbliche Akzente bei wichtigen Figuren bezüglich der Enthauptung. Weitere farbliche Akzente entstehen durch die Blumen auf dem Boden und die Juwelen. Die bleiche Haut Salomes, welche dem von Johannes dem Täufer ausgehenden grellen Licht, farblich ähnelt, könnte als Gegenüberstellung ihres un- und seines tugendhaften Verhaltens, sowie ihrer Sterblichkeit und seiner Heiligkeit angesehen werden. Die Wahl der blauen Säulen, die in dieser Darstellung im Vergleich zu seinen anderen Werken farblich nur schwer zu erkennen sind, erinnern an persische Architektur.
Körpersprache Urmann deutet die Körpersprache Salomes als "paradoxes Zusammenspiel von extremer Innenleitung und Selbstüberschätzung". Deutlich wird dies durch das Voranschreiten und sehr selbstbewusste Zeigen auf Johannes und andererseits den demütig gesenkten Kopf, den starren, leicht seitlich gedrehten Oberkörper und die an zum Hals geführte rechte Hand.
Symbole Die Statue im Hintergrund könnte als eine Abwandlung der, im 1876 gemalten "Salome tanzt vor Herodes" besser erkennbaren, Fruchtbarkeitsgöttin Artemis Ephesia sein. Die Blume in Salomes rechter Hand ist eine Lotusblüte, das Attribut der indischen Gottheit Lakshmi, welche unter anderem die Göttin der Liebe und ebenfalls Fruchtbarkeit ist, und könnte in Verbindung mit der Statue auf Salomes weibliche Sexualität verweisen. Der Panther soll das Verführerische symbolisieren, da er der Sage nach seine Beute durch den Geruch seines Atems anlockt. Er könnte auch als Verweis auf die, ebenfalls in Moreaus Werken dargestellte, Sphinx gedeutet werden. Der Nimbus Johannes’ des Täufers könnte, vor allem durch sein Strahlen, als Zeichen moralischer Überlegenheit gegenüber Salome gedeutet werden.
Inspiration für die Gestaltung des Hintergrunds und der Gewänder Die Gestaltung der Szenerie basiert auf einem eklektischen Verfahren, in welches Moreau verschiedene Elemente aus verschiedenen zuvor angefertigten Werken und Studien, Erfahrungen aus seinen Reisen und Illustrationen in seinen Lektüren einfließen ließ. Er wählt Stileinflüsse aus der Antike aber auch dem indischen, ostasiatischen, persischen und nordafrikanischen Kulturraum. Beispielsweise basieren die blauen Säulen auf persischen Miniaturen und die Leuchter wurden vom Ölgemälde "Salome tanzt vor Herodes" übernommen.
In Salome verbindet er religiöse Aspekte sowohl aus Christentum als auch dem damals bekannten 'Orient', um ihr einen mystischen Charakter zu verleihen. Selbiges geschieht beispielsweise auch bei der Statue im Hintergrund des Bildes. In ihr verbindet er einerseits Artemis von Ephesus und andererseits mit einem Kreuznimbus das Christentum mit den heidnischen Göttern der Antike. Die Vermischung von Stilen und Epochen löst das Motiv somit auch aus dem klassischen Deutungskontext heraus. Zudem könnten die geografischen Herkünfte seiner Inspirationsquellen, einer Mischung aus Osten und Westen, auf das dazwischenliegende Jerusalem verweisen, einem Standort seiner Paläste.
Einordnung in die Salome-Darstellungen Moreaus Die Ölversion der Erscheinung von 1876/77 ist Teil einer Reihe an Salome-Darstellungen, bestehend aus 19 Gemälden, 6 Aquarellen und 150 Zeichnungen. Darunter sind zwei weitere bekannte Ausführungen des Motivs. Ein Aquarell, welches zusammen mit dem Ölgemälde "Salome tanzt vor Herodes", für den Pariser Salon 1876 gefertigt wurde. Allerdings wurden bereits vor dem Salon Versionen des Motivs angefertigt, darunter eine nicht fertiggestellte Version der Erscheinung und eine tanzende Salome. Diese beiden Gemälde fallen besonders durch die aufgezeichneten weißen und schwarzen Linien auf, die Moreau vermutlich gegen Ende seines Lebens auf die Farbfläche auftrug. Er hatte vermutlich die Absicht die Gemälde vor seinem Ableben fertigzustellen, beziehungsweise das Motiv zu perfektionieren. Die Linien in "Die Erscheinung" skizzieren den Hintergrund, sowie Herodias. Bei "Salome", die er 1874 begann, erinnern die schwarzen Ornamente auf ihrer Haut an Tattoos, weshalb sie als "Salomé tatouée" bekannt ist. Hier handelt es sich höchstwahrscheinlich um Entwürfe ihres Schmucks, beziehungsweise des Gewandes. Der Zweck der Linien als Vorzeichnung erscheint zudem logisch, da zum Beispiel auch das Aquarell "Salome tanzt vor Herodes" von 1886 zeigt, dass sich Moreau auch später noch mit der Weiterentwicklung des Motivs befasste. Sie könnten aber auch als bewusst eingesetztes Stilmittel, welches der Bildfläche Dynamik verleihen soll, verstanden werden.
Die Bilder sind allerdings nicht als Serie oder Pendants untereinander gedacht, sondern vielmehr eine Weiterentwicklung des Motivs, was sich vor allem in den verschiedenen Figurenkonstellationen zeigt, beispielsweise befindet sich der Thron mit Herodes in "Salome tanzt vor Herodes" in der Mitte des Hintergrundes und bei "Die Erscheinung" am linken Bildrand neben Herodias. Zudem gibt es Unterschiede in den Gewändern, wie der Krone Salomes, und wechselnde Hintergründe, hier variieren oder fehlen zum Beispiel die Statuen. Dennoch ist die tanzende Salome als Vorgeschichte zur Erscheinung zu verstehen. Als weitere mögliche Gründe für die vielen Bilder könnte einerseits die von Kritikern genannte Obsession mit Salome durch Opiumkonsum & Halluzinationen, Gerüchte die durch André Michel gefestigt wurden, und andererseits die große Beliebtheit des Motivs und die dadurch begründete Reproduktion von Seiten Moreaus genannt werden.
Geschichte des Bildes
Entstehung Für die orientalische Welt und das Thema Salome wurde Gustave Moreau unter anderem durch die Literatur François-René de Chateaubriands, den bereits vorhandenen Fragmenten von Stéphane Mallarmés "Hérodiade" und Gustave Flauberts "Salambo", sowie den Gemälden alter Meister, wie beispielsweise Albrecht Dürer, Leonardo da Vinci und Caravaggio begeistert. Die Idee für eine eigene Umsetzung des Salome-Motivs kam ihm vermutlich durch Henri Regnaults Salome aus dem Salon 1870, der dort statt Moreau im Jahre 1869 ausgezeichnet wurde. Da Moreau ihm großes Ansehen schenkte und sich auch anschließend aus den Wettbewerben des Salons zurückzog, um 1876 mit "Salome" und "Die Erscheinung" seine Rückkehr zu feiern, ist dies sehr wahrscheinlich. Das 1877 veräußerte Ölgemälde basiert in der Gestaltung auf zuvor fertiggestellten Darstellungen Salomes und der Erscheinung, unter anderem jenen aus dem Salon 1876, die wiederum auf 80 Studien für Salome und 14 für die Erscheinung basieren. Zudem wurden zahlreiche Detailstudien, beispielsweise zur Gestik, Kronen, dem Schmuck, dem Panther und der Ausstattung des Thronsaals angefertigt.
Provenienz