Die Wirtschaft Griechenlands gehört zu den entwickelten Volkswirtschaften. Das Land ist Mitglied der Europäischen Union, der OECD sowie der Eurozone. Die griechische Wirtschaft wird von einem umfangreichen Dienstleistungssektor dominiert, der einen großen Teil des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaftet. Wichtige Einnahmequellen sind insbesondere der Tourismus, der direkt und indirekt nahezu ein Fünftel der Wirtschaftsleistung ausmacht, und die Seeschifffahrt – griechische Reedereien besitzen die größte Handelsflotte der Welt. Der sekundäre Sektor trägt etwa 15 % zum BIP bei (vor allem Lebensmittelverarbeitung, Chemie, Metallverarbeitung und Bauwirtschaft), während die Landwirtschaft trotz historischer Bedeutung nur noch knapp 3 % des BIP stellt. Nach einer Phase robusten Wachstums in den 2000er-Jahren geriet Griechenland infolge hoher Staatsverschuldung in eine schwere Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2010. Durch internationale Hilfspakete und Reformen stabilisierte sich die Lage wieder, und seit den späten 2010er-Jahren verzeichnet das Land eine moderate Erholung. Die Arbeitslosenquote, die 2016 noch bei ca. 25 Prozent lag, sank 2024 erstmals wieder auf unter 10 Prozent. Dennoch sieht sich die griechischen Wirtschaft weiterhin mit Herausforderungen wie hoher Staatsverschuldung, strukturellem Reformbedarf, demografischer Alterung und regionalen Entwicklungsunterschiede konfrontiert.
Wirtschaftsgeschichte
Frühe Wirtschaftsgeschichte mini|Export von Rosinen aus dem Hafen von Patras, Ende des 19. Jahrhunderts Die Regionen des heutigen Griechenland zählten in der Antike zu den prosperierenden Teilen des Mittelmeerraums. Doch nach einer stagnierenden Periode während der byzantinischen Zeit war die Wirtschaft während der osmanischen Fremdherrschaft (15.–19. Jahrhundert) unterentwickelt und agrarisch geprägt. Nach dem Beginn der Griechischen Revolution 1821 stellte die neugegründete Nation wirtschaftlich einen äußerst rückständigen Staat dar, der vor allem auf kleinbäuerliche Landwirtschaft mit primitiven Methoden und die traditionelle Handelsschifffahrt angewiesen war. Zeitgenössische Berichte beschrieben die landwirtschaftlichen Techniken im 19. Jahrhundert als kaum verändert seit der Antike. Bereits während des Unabhängigkeitskampfes nahm die provisorische Regierung erste Auslandskredite auf, konnte diese jedoch mangels tragfähiger Finanzbasis nicht bedienen, was 1826/27 zum Zahlungsausfall führte. In den folgenden Jahrzehnten blieb der junge Staat finanziell labil: 1843 erzwang ein Volksaufstand infolge drückender Sparmaßnahmen die Einführung einer Verfassung. Auch danach gelang kein Aufbau einer tragfähigen Wirtschaft und das Land blieb in europäischer Randlage. 1893/94 erklärte Griechenland erneut den Zahlungsausfall, woraufhin 1898 eine Internationale Finanzkommission gegründet wurde, die unter Aufsicht ausländischer Gläubiger die griechischen Staatsfinanzen sanieren und überwachen sollte.Echoes of History: The International Financial Commission in Greece
Trotz dieser Schwierigkeiten wuchs das Staatsgebiet im 19. Jahrhundert erheblich, was neue wirtschaftliche Ressourcen erschloss (z. B. landwirtschaftliche Flächen in Thessalien ab 1881). Die Infrastruktur entwickelte sich allmählich (1869 Eröffnung des Kanals von Korinth), doch blieb Griechenland bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein ein vorwiegend agrarisches Land mit gering ausgeprägter Industrie. Die staatlichen Finanzen standen chronisch unter Druck – Griechenland hat in der Neuzeit insgesamt mindestens fünfmal seine Auslandsschulden nicht bedienen können (u. a. 1826, 1843, 1860, 1894 und 1932). Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu Ansätzen industrieller Entwicklung, etwa durch ausländische Investitionen in Bergwerke und den Aufbau erster Fabriken. Gleichzeitig förderte die griechische Handelsschifffahrt schon im 19. Jahrhundert den Außenhandel und war ein wichtiger Devisenbringer. Trotz einiger redistributiver Landreformen zwischen 1828 und 1870 (in byzantinischer Zeit war das Land im Staatsbesitz)Tryfonas Lemontzoglou: Access to Land, the Agriculture Trap, and Literacy: Evidence from Late Nineteenth-Century Greece entstanden im Königreich Griechenland oligarchische und plutokratische Strukturen.
Frühes 20. Jahrhundert In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts prägten Kriege und territoriale Erweiterungen die Wirtschaftsentwicklung. Die Balkankriege 1912–1913, der Erste Weltkrieg und insbesondere der Griechisch-Türkische Krieg 1919–1922 belasteten zwar die Volkswirtschaft, boten aber auch Impulse für die Industrialisierung: Während der Kriege entstanden Rüstungsbetriebe, von denen einige später auf zivile Produktion umstellten. Nach der sogenannten Kleinasiatischen Katastrophe 1922 fluteten über eine Million griechische Flüchtlinge aus Anatolien ins Land, was das Arbeitskräfteangebot stark erhöhte. Diese neuen Arbeitskräfte, viele davon Handwerker oder Facharbeiter, trugen zur Ausweitung der städtischen Wirtschaft bei. In der Zwischenkriegszeit verfolgte Griechenland phasenweise protektionistische Maßnahmen, insbesondere während der Weltwirtschaftskrise ab 1929. Durch Importrestriktionen musste der Inlandsbedarf an Industriegütern verstärkt durch heimische Produktion gedeckt werden. In der Folge stieg der Industrieoutput Griechenlands zwischen 1928 und 1939 um 179 % an. Selbst in der Krisenzeit 1932–1939 wuchs das BIP noch durchschnittlich um 3,5 % pro Jahr. Dennoch blieb Griechenland ein relativ armes Land mit Pro-Kopf-Einkommen deutlich unter dem in West- und Nordeuropa.
Der Zweite Weltkrieg traf Griechenland wirtschaftlich außerordentlich hart. Die Besetzung durch die Achsenmächte 1941–1944 führte zu massiver Ausbeutung und Zerstörung: Rund 80 % der industriellen Anlagen wurden zerstört, und Hunderttausende Menschen verhungerten, weil Besatzungstruppen die Nahrungsmittel requirierten. Zugleich erlitt das Land eine Hyperinflation, 1944 lagen die Preise um viele Milliarden Prozent höher als 1940 und Geld war quasi wertlos geworden, was zu Tauschwirtschaft und Selbstversorgung führte. Beim Kriegsende 1945 war Griechenland verwüstet und in ökonomischer Hinsicht um Jahrzehnte zurückgeworfen worden.
Griechisches Wirtschaftswunder und europäische Integration mini|BIP-Wachstumsraten der griechischen Wirtschaft zwischen 1961 und 2010 Unmittelbar nach dem Weltkrieg profitierte Griechenland von amerikanischer Wirtschaftshilfe im Rahmen des Marshallplans, was die Infrastruktur wiederaufbaute und die Währung stabilisierte. Nach dem Ende des Griechischen Bürgerkriegs (1949) und mit Beginn der 1950er-Jahre begann eine Phase außergewöhnlich hohen Wirtschaftswachstums. Zwischen 1950 und 1973 erlebte Griechenland ein „griechisches Wirtschaftswunder“. Zwischen 1960 und 1973 wuchs die Wirtschaft um durchschnittlich 7,7 %, im OECD-Vergleich die zweithöchste Steigerungsrate nach Japan. Die Exporte expandierten im gleichen Zeitraum um mehr als 12 Prozent pro Jahr. In diesem Zeitraum transformierte sich die vormals agrarische Volkswirtschaft: Die Industrie (z. B. Textilien, Chemie, Zement, Schiffbau) und der Bausektor expandierten rasant, große Infrastrukturprojekte wurden umgesetzt, und der Tourismus gewann an Bedeutung. Das rapide Wachstum, das auch durch ausländische Investitionen und Kredite begünstigt wurde, ging jedoch mit sozialen Spannungen einher. Ein Gefälle zwischen Stadt und Land sowie zwischen modernem Industriesektor und traditionellem Sektor führte dazu, dass viele Arbeitskräfte ins Ausland abwanderten – in den 1960er-Jahren emigrierten zahlreiche Griechen als Gastarbeiter nach Westeuropa, Nordamerika und Australien.
Die Ölkrise 1973 und das Ende der Militärdiktatur 1974 markierten das Ende der Hochwachstumsphase. In den späten 1970er- und 1980er-Jahren verlangsamte sich das Wachstum deutlich. 1981 trat Griechenland der Europäischen Gemeinschaft (EG) bei, was langfristig großen Einfluss auf die Wirtschaftsstruktur hatte. So öffnete der EG-Beitritt die Märkte und intensivierte den Wettbewerb, während das Land gleichzeitig von Wirtschaftshilfen profitierte. Allerdings waren die 1980er von hoher Inflation, steigender Staatsverschuldung und wiederkehrenden Wechselkursabwertungen der Drachme gekennzeichnet. Erst ab Anfang der 1990er-Jahre, nach wirtschaftspolitischen Reformen und Konsolidierungsbemühungen, stabilisierten sich Inflation und Staatsfinanzen allmählich. Zwischen 1981 und 1995 war die Wirtschaft relativ stagnant, mit einem durchschnittlichen Wachstum von lediglich knapp einem Prozent.Neubäumer, Renate (2015) : Die Vorgeschichte der griechischen Tragödie, Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, , Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 84, Iss. 4, pp. 19–38, doi:10.3790/vjh.84.4.19.
Jüngere Geschichte mini|Warteschlange in Athen vor einem Geldautomaten der National Bank of Greece während der griechischen Staatsschuldenkrise (2015) In den späten 1990er-Jahren bemühte sich Griechenland intensiv um die Erfüllung der Maastricht-Kriterien, um der Wirtschafts- und Währungsunion beizutreten. Dies gelang – teils durch statistische Kreativität – und das Land führte 2001 den Euro als Währung ein. In den ersten Jahren nach dem Euro-Beitritt erlebte Griechenland ein Kredit-finanziertes Boom-Jahrzehnt: Die Zinsen sanken auf EU-Niveau, was einen Bau- und Immobilienboom und starken Konsum befeuerte. Großprojekte wie die Olympischen Spiele 2004 in Athen kurbelten die Wirtschaft zusätzlich an. Von 2000 bis 2007 wuchs das griechische BIP jährlich um durchschnittlich über 4 %, deutlich über dem EU-Durchschnitt. Allerdings gerieten in dieser Zeit auch strukturelle Probleme in den Hintergrund: hohe Staatsausgaben, geringe Wettbewerbsfähigkeit mancher Sektoren und eine steigende Verschuldung wurden von den Kapitalmärkten zunächst unterschätzt.
Die weltweite Finanzkrise 2008 leitete schließlich eine drastische Wende ein. Griechenland schlitterte 2009/2010 in eine schwere Staatsschuldenkrise, als sich herausstellte, dass exzessive Defizite im Staatshaushalt jahrelang durch kreative Buchführung geschönt worden waren. Anfang 2010 verlor das Land den Zugang zu den Finanzmärkten. Um einen Staatsbankrott abzuwenden, mussten die Europäische Union und der Internationale Währungsfonds (IWF) im Mai 2010 ein erstes Rettungspaket von 110 Mrd. € schnüren. Es folgten bis 2015 zwei weitere Hilfsprogramme; insgesamt erhielt Griechenland rund 289 Mrd. € an Kreditzusagen in drei aufeinanderfolgenden Programmen, das größte Hilfsprogramm für einen Staat aller Zeiten. Im Gegenzug musste Griechenland strikte Sparmaßnahmen und umfassende Reformen umsetzen. Die wirtschaftlichen Folgen waren verheerend: Zwischen 2009 und 2015 brach die griechische Wirtschaftsleistung um rund ein Viertel ein, ein Einbruch, wie er in Friedenszeiten in einem Industrieland nahezu beispiellos ist und nur von den USA während der Great Depression übertroffen wurde. Die Arbeitslosenquote schoss von unter 10 Prozent bis 2013 auf über 27 % und damit auf einen Rekordwert innerhalb der EUGreek unemployment hit new record in May of 27.6 percent Reuters, während die Jugendarbeitslosigkeit zeitweise über 50 % lag. Viele Unternehmen gingen in die Insolvenz, und breite Bevölkerungsschichten verarmten infolge von Einkommenskürzungen und Steuererhöhungen. mini|Entwicklung der Rendite griechischer Staatsanleihen