mini|300px|Schematische Grundrisse der römischen Spuren in Riegel Kastell und römische Zivilstadt Riegel am Kaiserstuhl sind Bestandteile einer militärisch-zivilen, römischen Siedlungsagglomeration auf dem Gebiet der Gemeinde Riegel am Kaiserstuhl im südbadischen Landkreis Emmendingen. Die römische Besiedlung des Gebiets begann in der Mitte des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung und dauerte mindestens bis um 270/275, möglicherweise bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts. Administrativ gehörten das Kastell zum obergermanischen Heeresbezirk, die Zivilstadt zur Provinz Germania superior.
Antiker Ortsname
Gesicherte historische Belege für den antiken Namen der römischen Siedlung existieren nicht. In der älteren Forschung wurde mehrfach versucht, ihn aus dem heutigen Ortsnamen Riegel herzuleiten. Bereits der „Neuentdecker“ des Vicus, Heinrich Schreiber, vermutete 1825 einen keltischen Ursprung und stellte einen Zusammenhang mit dem französischen Wort „Rigole“ („Gräbchen, Rinne, Ableitungskanal“) her – mit Bezug auf ein durch Riegel fließendes Bächlein. 1869 rekonstruierte er daraus ein keltisches *Rhigol mit der Bedeutung „Abzugsgraben“. Diese Deutung blieb lange maßgeblich, obwohl das rekonstruierte Wort umstritten war und seit 1960 bekannt ist, dass „Rigole“ vermutlich vom mittelniederländischen rigelen, richelen („Wasserkanäle ziehen“) abstammt.Oscar Bloch und Walther von Wartburg: Dictionnaire étymologique de la langue francaise. Paris 1960, S. 547. Spätere Namensforscher führten den Ortsnamen daher meist eher auf mittellateinisch regale bzw. rigola („Abzugsgraben“) zurück.vgl. Oskar Heilig: Die Ortsnamen des Großherzogtums Baden gemeinfaßlich dargestelle. Ein Beitrag zur Heimatkunde. Karlsruhe 1906 oder Ernst Christmann: Die Siedlungsnamen der Pfalz. Speyer 1952, unter Riegelborn.
Der Ortsname Riegel ist erstmals im Jahr 770 im Lorscher Codex als „Reigula“ (in einer Abschrift des 12. Jahrhunderts) belegt. In der ältesten original überlieferten Urkunde von 972 erscheint die Form „Riegol“. Lautgesetzlich lässt sich der Name auf ein germanisches Rēgula und damit auf das lateinische regula zurückführen.Hugo Steger: *Regula/Riegel am Kaiserstuhl – Helvetum? Ein römischer Rechts- und Verwaltungsbezirk in der römisch-germanischen Kontaktzone am Oberrhein: Die Kontinuität seiner Bezeichnung in einem Ortsnamen und ein verschollener Siedlungsname. In: Hans Ulrich Nuber et al. (Hrsg.): Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland. Band 6: Römer und Alamannen im Breisgau Sigmaringen 1994, S. 243ff.
Der Sprachwissenschaftler Hugo Steger vermutet einen Zusammenhang mit dem im mittelalterlichen Oberitalien gebräuchlichen Begriff „Regula/Regola“ für einen Verwaltungsbezirk niedriger Ordnung. Demnach habe Regula ursprünglich den umliegenden Verwaltungsbezirk bezeichnet und sei später auf die Siedlung übertragen worden. Steger meint, die römische Siedlung zudem mit dem bei Claudius Ptolemäus in der Geographike Hyphegesis erwähnten [H]Elkēbos (2. Jahrhundert) sowie mit Helvetum/Elbeium/HeluXXum im Itinerarium Antonini (3./4. Jahrhundert) identifiziert zu haben.Hugo Steger: *Regula/Riegel am Kaiserstuhl – Helvetum? Ein römischer Rechts- und Verwaltungsbezirk in der römisch-germanischen Kontaktzone am Oberrhein: Die Kontinuität seiner Bezeichnung in einem Ortsnamen und ein verschollener Siedlungsname. In: Hans Ulrich Nuber et al. (Hrsg.): Archäologie und Geschichte. Freiburger Forschungen zum ersten Jahrtausend in Südwestdeutschland. Band 6: Römer und Alamannen im Breisgau Sigmaringen 1994, S. 233–361.
Allerdings lokalisiert Ptolemäus [H]Elkēbos mit 28°00′ östlicher Länge und damit eher auf Höhe von Kaiseraugst, was gegen eine linksrheinische Lage spricht. Steger argumentiert dennoch, Riegel sei im 1. und 2. Jahrhundert aufgrund seiner militärischen Bedeutung wichtiger gewesen als der Vicus von Ehl (Helellum), mit dem der Ort traditionell gleichgesetzt wird. Nach der Tabula Peutingeriana beträgt die Entfernung von Helellum nach Argentoratum (Straßburg) 12 Leugen (ca. 26,7 km). Das Itinerarium Antonini nennt für zwei Routen von Breisach nach Argentorate etwa 45 km (29 bzw. 30 Meilen). Eine weitere Strecke von Argentovaria nach Argentorate misst ebenfalls 12 Leugen. Steger hält diese Angabe für eine Verschreibung und unterscheidet zwischen Helellum und Helvetum als zwei verschiedenen Orten mit abweichenden Distanzen zu Argentorate. Die Luftlinienentfernung zwischen Straßburg und Riegel beträgt rund 47 km und liegt damit im Bereich antiker Messtoleranzen. Abweichende Entfernungsangaben von Breisach nach Helvetum (ca. 42 bzw. 35 km) erklärt Steger durch mögliche Umwege.
Schließlich weist Steger darauf hin, dass sich die Namensformen von Helvetum sprachgesetzlich nur schwer mit Ehl verbinden lassen. Plausibler sei eine Herleitung des durch Riegel fließenden Flusses Elz von [H]Elvetum (Entwicklung: [H]Elvetum > [H]Eltu > [H]Elzu > Elzu + -aha). Der Fluss ist 763 erstmals als „Helzaha“ belegt; demnach wäre der Ortsname auf den Fluss übergegangen.
Lage, Topographie, Geologie und Geomorphologie
Das ehemals römische Siedlungsgebiet liegt rechtsrheinisch in der Oberrheinischen Tiefebene, an der nordöstlichen Ecke des Kaiserstuhls. Es befindet sich zwischen dem 243 m hohen Michaelsberg, einem Ausläufer des Kaiserstuhlmassivs, und der Elz, einem Nebenfluss des Rheins, zum größten Teil auf einem leicht welligen Gelände, das tendenziell nach Osten und Nordosten zur Flussniederung hin allmählich abfällt. Im modernen Siedlungsbild befindet sich das Areal auf etwa halber Strecke zwischen Basel (Basilia) und Straßburg (Argentoratum) und rund 18,5 km nordwestlich von Freiburg im Breisgau. Heute ist der ehemals römische Siedlungsbereich größtenteils von der modernen Ortschaft Riegel überbaut.
Die Oberrheinische Tiefebene (auch: Oberrheingraben) ist ein im Tertiär durch tektonische Vorgänge entstandener Grabenbruch mit einer Länge von rund 300 km vom Rheinknie bei Basel bis zum südlichen Ende des Rheinischen Schiefergebirges und wird im Westen von den Vogesen und dem Pfälzer Wald, im Osten von Schwarzwald und Odenwald begrenzt. Vor der Rheinbegradigung gehörte der Stromverlauf im Bereich des Kaiserstuhls zu einem Abschnitt, in dem der Rhein ständig mäandrierte, sein Bett verlegte und Inseln aus Kies-Schotter aufspülte, zwischen denen sich der Flusslauf in viele Arme verteilte. Dadurch verbreiterte sich das Flussgebiet insgesamt auf bis zu zwei Kilometer, mit den Überschwemmungszonen sogar auf bis zu fünf Kilometer. Bei Riegel mündet die Glotter in die Dreisam und diese dann wiederum in die Elz, die vor ihrer Kanalisierung ebenfalls ein stark mäandrierender, in einzelne Läufe aufgeteilter Fluss war. Die aus bis zu 200 m mächtigen, sedimentären Schottern alpinen Ursprungs bestehende Niederterrasse des Oberrheins wird nach Westen hin von der Rheinaue und im Osten von der Lahr-Emmendinger Vorbergzone des Schwarzwaldes begrenzt. Den von Kaiserstuhl, Tuniberg und „Mengener Brücke“ umschlossenen Teil der Niederterrasse nennt man „Freiburger Bucht“, den sich nördlich anschließenden Abschnitt „Lahr-Bühler Rheinebene“. Die Grenze zwischen diesen beiden Räumen verläuft durch die Riegeler Pforte, einem knapp 2,5 km breiten Engpass zwischen Michaelsberg und Vorbergzone.
Der Kaiserstuhl ist ein knapp 100 km² großes Gebirge vulkanischen Ursprungs, das mit einer Höhe von bis zu 557 m NHN wie eine Insel aus der 170 m bis 200 m hohen Rheinebene herausragt. Er besteht aus zahlreichen vulkanischen und subvulkanischen Gesteinen, die zum größten Teil von einer bis zu 50 m mächtigen Löss-Schicht bedeckt sind. Für die römische Zeit sind Tephrit-Steinbrüche an seinem Westrand nachgewiesen. Nicht vulkanisch ist der Michaelsberg, der aus Kalkstein der Hauptrogenstein-Formation des Süddeutschen Juras besteht und geologisch der Vorbergszone zuzurechnen ist. Die Lahr-Emmendinger Vorbergzone beginnt östlich von Emmendingen und erstreckt sich nach Norden hin über Lahr hinaus. Sie ist bis zu 10 km breit und erreicht in ihrem Abschnitt bei Riegel Höhen von bis zu knapp 430 m NHN. Ihr westlicher Bereich besteht aus überwiegend mit Löss bedecktem Muschelkalk, ihr östlicher Teil aus Buntsandstein. Beide Gesteinsarten konnten im römerzeitlichen Riegel als Baumaterial nachgewiesen werden. Auf den mit Löss bedeckten Teilen der Niederterasse haben sich Pararendzina und Parabraunerde gebildet, bis über einen Meter mächtige, kalkhaltige und tiefgründig humose, im alkalischen bis neutralen Milieu liegende Böden mit einer hohen Wasserspeicherungskapazität. Dadurch sind und waren die Böden der Region sehr fruchtbar.
Verkehrsgeographisch ist die Oberrheinische Tiefebene ein altes Durchgangsgebiet, das zusammen mit der Burgundischen Pforte die einzige Verbindung zwischen dem Mittelmeer und Mitteleuropa darstellt, bei der keine Hochgebirge passiert werden müssen. In Ost-West-Richtung jedoch waren die Vogesen und der Schwarzwald sowie der Rhein gewisse Hindernisse, weswegen die wenigen natürlichen Übergänge an Verengungen der Rheinaue von Bedeutung waren. Im Bereich des Kaiserstuhls gab es drei solche Engstellen, von denen die beim (zeitlich späteren) Kastell Sasbach-Jechtingen und die unterhalb des Limbergs auf der Höhe von Riegel liegen. Daher kreuzte sich bei Riegel die Römische Rheintalstraße mit der „Kaiserstuhlnordrandstraße“, einer von Gallien zur oberen Donau führenden Querverbindung.Christian Dreier: Die römische Siedlung von Riegel am Kaiserstuhl. Grundlagen ihrer Topographie und Geschichte. Die Forumsbasilika. Dissertation an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Freiburg 2002, S. 9–18 (Digitalisat).Christian Dreier: Forumsbasilika und Topographie der römischen Siedlung von Riegel am Kaiserstuhl (= Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg. Band 91). Theiss, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-8062-2547-1, S. 13–22.
Forschungsgeschichte mini|Wappen von Riegel (seit 1531) mini|Heinrich Schreiber (Kreidelithographie 1830) Bis zum ersten Viertel des 19. Jahrhunderts war Riegel als Fundort römischer Relikte in der Welt der Gelehrten völlig unbekannt. Anders hat es sich möglicherweise innerhalb der Bevölkerung verhalten, da es eine Sage gab, der zufolge der Ort einst eine große heidnische Stadt gewesen sei, die sich weiter ausgedehnt habe als das rezente Dorf. Auch das 1531 erstmals nachgewiesene Wappenbild ist möglicherweise eine Reminiszenz an die römische Vergangenheit des Ortes. Der Erste, der sich wissenschaftlich mit den antiken Wurzeln der Stadt auseinandersetzte, war der Freiburger Theologe und Historiker Heinrich Schreiber (1793–1872), der auf Anregung eines seiner Schüler aus Riegel 1824 begann, römische Funde und Fundstellen vor Ort aufzuzeichnen und diese Zusammenstellung dann 1825 publizierte.Heinrich Schreiber: Ueber die neuentdeckte römische Niederlassung zu Riegel im Breisgau nebst einer Anleitung, wie Spuren römischer Alterthümer in unsern Gegenden leicht aufzufinden und zu verfolgen sind, und einem Kaertchen von Riegel mit Umgebung. Wangler, Freiburg im Breisgau 1825, Digitalisat Auch in den folgenden Jahrzehnten besuchte Schreiber regelmäßig Riegel, um vor Ort zu forschen. Neben ihm beschäftigte sich vor allem die lokale Geistlichkeit mit den römischen Altertümern, von der insbesondere der Pfarrverweser Georg Schaffner zu nennen ist, der 1843 seinerseits über die Ortsgeschichte Riegels publizierte.Georg Schaffner: Beiträge zur Geschichte des Marktfleckens Riegel am Kaiserstuhl. Wangler, Freiburg im Breisgau 1843 (Google Books).