Das geraubte Kind ist ein auf einer tuwinischen Legende basierender Roman des aus der Mongolei stammenden deutschsprachigen Schriftstellers Galsan Tschinag. Kurzbeschreibung Der Roman erzählt die Geschichte eines Tuwiners namens Hynndynn, der als Kind nach China entführt wird. Dort erlebt er eine fremde Welt, in der er eng an die chinesische Obrigkeit gebunden ist, die ihn zum china-treuen Fürsten seiner Heimat ausbilden will. Nach sieben Jahren kehrt Hynndynn als verheirateter Stammesführer in seine Heimat zurück, wo es ihm gelingt, sich der geforderten Unterwürfigkeit gegenüber China zu entziehen. Inhalt Erster Abschnitt: „Vom Sandkörnchen zum Stein“ In einer winterlichen Bergsteppe des Altai wird im Beisein der Schamanin Ökpesch ein Kind geboren. „Dass die Wöchnerin die Nacht nicht überleben würde“, hat zur Folge, dass der „Jurtenmann“ Honasch und seine Frau Emes sich im Auftrag Ökpeschs des Kindes annehmen: Sie „fügten sich widerstrebend-dankbar ihrem Geschick. Sich aber an das neue Leben gewöhnen, nein, das konnten und konnten sie nicht. So lebten sie fortan wie in einem Traum, aus dem zu erwachen sie Angst hatten.“ Von den Pflegeeltern fort macht Ökpesch sich zu einem tuwinischen Häuptling auf und in dessen Jurtengehöft die Bekanntschaft des jungen Mugulai. Den Bewohnern des Jurtengehöfts gegenüber verkündet sie, der Himmel habe „seinen Sohn hergesandt“, und sieben Jahre lang wäre „Ruhe zu bewahren; der Löser des Rätsels, ein feuer- und sonnennarbiges Wesen mit einer fremden Zunge, erschiene von selber“. Der Häuptling beugt sich diesem Spruch. „Denn die Schamanin stellte, so jung und arm sie auch war, nun einmal eine Macht dar“. Nachdem der „Landesvater“ den Pflegeeltern „die Hand gereicht hat“, kommen sie durch Spenden frommer Zeitgenossen zu einigem Wohlstand. „Wäre es nach ihnen gegangen, brauchten all die Reichtümer gar nicht zu sein.“ Das finden der Häuptling, seine Frau und seine Ratgeber gleichfalls, so dass auch sie ein kleines Geschäft aus dem Glauben machen; die Ratgeber „rechtfertigten […] den Umstand, weshalb sie die Ehre und auch die Vorteile genießen durften.“ Im folgenden Herbst tauft der Häuptling das Baby auf den Namen Hynndynn. Er „war ein gesundes Kind […,] ein fröhliches Kind. An dem dünnen Ziegenbart des Vaters zu zupfen war sein Lieblingsspiel.“ Ein Wander-Lama kommt inmitten Hynndynns „dritten Lebenssommers“ zu dem Jurtengehöft, wird mit Details der Ökpesch-Weissagung über Hynndynn vertraut und vom Häuptling sowie dessen Ratgebern verdächtigt, ein Spion der Mongolen, vielleicht sogar der Chinesen zu sein. „Zu unserem Schicksal als Tuwa gehört es, in einem Albtraum zu leben“, meint einer der Ratgeber: „Eine unsichtbare Hand mit gierenden Fingern, eine Kralle, streckt sich ständig nach uns aus. Nun hat sie sich wieder gemeldet, ist sichtbar geworden.“ Nachdem der Wander-Lama, dem man „mit großer Achtung“ und Bewunderung begegnete, eine Gehöft-Bewohnerin geschwängert und samt seinem Dolmetscher das Weite gesucht hat, befinden der Häuptling und seine Ratgeber, dass das außerordentliche Wissen des Wander-Lamas dessen Wirkung ausgemacht habe und beschließen, die Familie des in Ökpesch verliebten Mugulai, der das richtige Alter für den Beginn einer Lama-Karriere besitze, als Wissens-Agenten in die Fremde zu schicken. Als Vorwand solle eine scheinbare Verbannung von Mugulais bei der Stammesführung ohnehin missliebigem Vater dienen, „zehn Jahre kann es dauern, dann wird die Nachricht verbreitet, der Häuptling habe dem Sträfling vergeben, und die Familie dürfe zurückkehren.“ Mit dem siebten Lebensjahr Hynnlynns bewahrheitet sich die Weissagung: Er verschwindet, Entführer ist angeblich „ein milchweißer Schimmelreiter“. Zweiter Abschnitt: „Vom Stein zum Hügel“ Die Entführer Hynndynns liefern das Kind nach einer halbmonatigen Reise in einer stadtnahen Festung „im Nordwesten“ Chinas ab, bei seiner „Amme“ Mutschin Bi. „So sanft die Frau sich auch gebärdete, so bestimmt verhielt sie sich zu ihm. […] Sie richtete ihn ab“ und gibt ihm ein etwa gleichaltriges chinesisches Mädchen namens Ling Schumei zur Spielkameradin. „Und während die Kinder spielten, hörte man sie unentwegt reden; zuerst tat es ein jedes in seiner eigenen Sprache“, gleichrangig, doch mit der Zeit „schrumpfte“ der Anteil von Hynndynns heimatlicher Sprache. „Hynndynn begriff mit der Zeit die Sinnlosigkeit, irgendetwas in der eigenen Sprache sagen zu wollen“, versucht sich in Han-Chinesisch, führt allerdings weiterhin gewohnheitsmäßig Selbstgespräche in seiner Muttersprache. Nach dreijährigem Aufenthalt ausschließlich in der Festung erhält Hynndynn Audienz beim Kaiserlichen Geheimrat Sü Bing Dshjang, der Hynndynn mit „Eure Hoheit“ anspricht und sich dahingehend äußert, Hynndynn solle „zum künftigen Führer und Erleuchter seines Volkes“ werden. Hynndynn wird zum Lese- und Schreib-Unterricht samt Konfuzius-Kenntnissen geschickt, an seiner Seite Ling Schumei. Jeden „Nachmittag verbrachten die zwei weiterhin gemeinsam in der Festung, nun fast ausschließlich lernend“, und nicht nur die Kinder: „Mutschin Bi konnte weder lesen noch schreiben. Hynndynn hatte sie überredet mitzulernen. Das war nach langem, zähem Kampf geschehen“ und erfolgt nachts, im Geheimen. Ling Schumei vertraut Hynndynn an, dass der „Schwarze Panther“ sie seit ihrer Menarche „zwischen die Beine zu fassen“ sich erdreiste, ein „mächtiger Mann“, der über die kommenden „Tage und Monate“ zunehmend „derber“ in seinen sexuellen Übergriffen wird: „Ich habe Angst vor ihm.“ Im Folgejahr endet für Ling Schumei und Hynndynn der gemeinsame Unterricht beim gemeinsamen Lehrer, für Hynndynn geht er bei einem anderen weiter. „Eine weitere Schrift und gar andere Sprache kam auf ihn zu: Manzhu. Das war die Amtssprache und Amtsschrift“, und ein weiteres Jahr später lernt Hynndynn von einem Lama Tibetisch. Ling Schumei besucht die inzwischen dreizehnjährige „Hoheit“ weiterhin, „aber nur spätnachmittags. Fand sie ihn noch beim Lernen, machte sie eine tiefe Verneigung, warf ihm ein schüchternes Lächeln mit einem liebevollen Blick zu“, erwähnt „ein paar Male den Schwarzen Panther, der sie immer öfter und derber an bestimmten Stellen anpackte“ und schließlich in den Selbstmord treiben wird, was Hynndynn in ohnmächtige Verzweiflung stürzt. Bei einer im Folgesommer stattfindenden Audienz macht Sü Bing Dshjang Hynndynn mit der vierzehnjährigen Vollwaise Lü Dshao bekannt, „eine gebürtige Prinzessin und Nichte von mir“. Sie soll Hynndynns Frau werden. „Nicht einmal Ihr selbst werdet da gefragt“, bekundet Mutschin Bi ihm gegenüber. Während der Abwesenheiten von Sü Bing Dshjang geben Hynndynn, Lü Dshao und weitere Angehörige der chinesischen Jeunesse dorée sich den Vergnügungen hin. „Morgens erwachte er mit einem dumpfen, dröhnenden Schädel und spürte sogleich aus der Magengegend einen Ekel heraufsteigen, der den süß-bitteren, feurigen Getränken, den glitschig-fetten, überwürzten Speisen, den sich ständig wiederholenden und schalen, schmierig-verlogenen Plaudereien einer müßigen, sauf- und fresssüchtigen Gesellschaft, seinem derzeitigen Leben galt. Aber Stunden später fingen seine Gedanken an, um etwas zu kreisen, auf der Suche, wie die Leere […] auszufüllen sei.“ Die Leere füllt sich, als Sü Bing Dshjang ihm endlich den zu erwartenden Auftrag erteilt: „Ihr werdet die Prinzessin heiraten, als Kronprinz in Eure Ecke zurückkehren und dort zum Fürsten erhoben, auf dass Ihr über Euer Volk herrscht und so Seiner Majestät, dem Kaiser, dient.“ Zuvor vertieft Hynndynn seine Kenntnisse der chinesischen Geschichte und Landeskunde, teilt die Lektüre mit Mutschin Bi. „Und zum Schluss kam unter beiden so etwas wie eine Arbeitsteilung zustande: Sie blätterte so manche Bücher durch und suchte die Stellen heraus, die er unbedingt zu lesen hatte.“ Nach sieben Jahren hinter den Mauern der Festung wird Mutschin Bi Hynndynn ebenso wie Lü Dshao in die alte Heimat begleiten. Dritter Abschnitt: „Vom Hügel zum Berg“