mini|Kundan Lal Gupta
Kundan Lal Gupta (; geboren 1893 in Ludhiana, Punjab; gestorben 1966) war ein indischer Unternehmer, der 1938/1939 mindestens fünf jüdischen Familien aus Österreich – insgesamt 14 Menschen – mit Arbeitsangeboten und Visa nach Indien in Sicherheit vor der nationalsozialistischen Terrorherrschaft brachte. Die Geschichte wurde durch das Buch A Rescue in Vienna des Enkels Vinay Gupta aufgezeichnet. Er wird als nicht-europäischer Helfer in der Geschichte der Flucht aus dem nationalsozialistischen Österreich rezipiert.
Leben Gupta entstammte einer wohlhabenden Familie. In den 1930er-Jahren betrieb er in Ludhiana eine Holzwarenfabrik und trat als Holzfabrikant in Erscheinung. Gupta war ein erfolgreicher Unternehmer in Ludhiana und betrieb mehrere Fabriken, darunter holzverarbeitende Betriebe. In den 1940er-Jahren gründete er überdies im eigenen Hause eine Schule für seine Töchter, die zum Kundan Vidya Mandir ausgebaut wurde und bis heute besteht. Über seine Taten sprach er zu Lebzeiten kaum; rekonstruiert wurde vieles erst von seinem Enkel anhand von Familienbriefen, Zeitzeugeninterviews und historischen Unterlagen.Wie ein Inder österreichische Juden vor dem Holocaust rettete. Spiegel online vom 27. Januar 2026. Nach der Jahrtausendwende begann sein Enkel Vinay Gupta, die Familienüberlieferung zur Rettungsaktion systematisch zu überprüfen. Dazu sichtete er über Jahre Fotos und Papiere, sprach mit Verwandten, recherchierte in Archiven und konsultierte Fachleute. Trotz der Recherchen blieben einzelne Dokumente unauffindbar, und manche Details ließen sich nicht abschließend klären. Die Historikerin Margit Franz (Universität Graz) bestätigte die Vorgänge um Gupta und verwies darauf, dass die Betroffenen ohne seine Arbeitsverträge Österreich nicht hätten verlassen können. Seine Frau Saraswati starb 1965 nach einem Sturz, er selbst 1966 im Alter von 73 Jahren an einem Herzinfarkt.
Wirken
Berufliches Wirken Gupta suchte für seine Betriebe nach Fachkräften und argumentierte dabei auch mit dem Bedarf an europäischem Know-how, das im damaligen Indien als rar und begehrt galt.
Gesellschaftliches Engagement Während des Zweiten Weltkriegs gründete Gupta in Ludhiana eine Mädchenschule, die später als Kundan Vidya Mandir institutionalisiert wurde und bis heute besteht.
Politisches Engagement Gupta engagierte sich über Jahre für die Unabhängigkeit Indiens, die 1947 erreicht wurde.
Fluchthilfe für jüdische Familien aus Österreich Im Jahr 1938 reiste Gupta zur medizinischen Behandlung nach Wien und lernte im Krankenhaus Lucy und Alfred Wachsler kennen, die ihn mit der eskalierenden antisemitischen Verfolgung konfrontierten. Er litt nach Angaben aus der Familienüberlieferung an Diabetes und Hämorrhoiden und wollte sich in Wien von einem Spezialisten behandeln lassen. Anfang April 1938 begegnete er den Wachslers im Klinikum Rudolfinerhaus, als Lucy Wachsler dort ihren Sohn Alex zur Welt brachte. Später lernte er während eines Aufenthalts in einem Sanatorium im Wiener Umland den jüdischen Anwalt Fritz Weiss kennen. Er beschloss daraufhin, gefährdeten Fachkräften mit fingierten wie auch realen Arbeitsangeboten indische Visa zu verschaffen, schaltete Stellenanzeigen und übernahm finanzielle Garantien für Lohn, Unterkunft und Lebensunterhalt. Die originalen Stellenanzeigen sind bislang nicht gefunden, aber aus einem amtlichen indischen Dokument geht hervor, dass ein geretteter Jude auf diese Weise angeworben worden wurde. Für zusätzliche Visa ließ Gupta nach Darstellung der Recherche seines Enkels die Scheinfirma Kundan Agencies gründen, da nicht alle Kandidaten beruflich zur Holzindustrie passten. Nach Angaben seines Enkels ging er dabei so diskret vor, dass er nicht einmal seine Familie in Indien über die Rettungsaktion informierte.
Zwischen Anfang 1938 und Anfang 1939 brachte er fünf Familien nach Indien, darunter den Anwalt Fritz Weiss, den Textiltechniker Hans Losch, den Holzfachmann Alfred Wachsler mit Ehefrau Lucy und Kind, den Unternehmer Alfred Schafranek sowie dessen Bruder Siegfried und den Maschinenhändler Siegmund Retter. Die Ausreise der Familie Wachsler führte demnach zunächst per Bahn von Wien nach Triest und von dort mit dem italienischen Schiff Conte Rosso nach Bombay (heute Mumbai). Ankommende nahm er zunächst in seinem Haus in Ludhiana auf, ließ Wohnhäuser errichten und richtete mit ihnen Werkstätten sowie eine frühe Sperrholzfertigung ein. Fotografien aus Ludhiana zeigen die Geretteten zusammen mit Guptas Familie; auf einzelnen Aufnahmen tragen europäische Frauen indische Saris. Einige verließen die Stadt bald wieder – Losch und Weiss gingen nach Bombay (das heutige Mumbai) –, andere blieben länger und arbeiteten in Möbel- und Sperrholzprojekten. Nach Kriegsbeginn 1939 wurden in Britisch-Indien als „feindliche Ausländer“ klassifizierte Deutsche, darunter jüdische Flüchtlinge, zeitweilig im Lager Purandar bei Poona (heute Pune) interniert; die Familien Wachsler und Schafranek kamen erst nach der Aufnahme bezahlter Arbeit wieder frei. Die britisch-indischen Behörden stuften die aus Österreich stammenden Flüchtlinge als Deutsche ein, obgleich sie im NS-System als Juden verfolgt wurden. Die Wachslers verließen das Lager 1942 nach Karatschi und wanderten 1948 in die Vereinigten Staaten aus, während die Schafraneks in Bangalore (heute Bengaluru) eine Sperrholzfirma aufbauten und 1947 nach Australien emigrierten. Nach dem Krieg verließen die Geretteten Indien, und niemand wollte offenbar nach Österreich zurückkehren. Als Gründe für die Abwanderung wurden neben kulturellen und klimatischen Unterschieden auch Differenzen über Erwartungen, Arbeit und Perspektiven genannt. Gupta hielt seine Rettungsaktion bewusst geheim und machte sie weder gegenüber Behörden noch seiner Familie öffentlich. Als Gupta 1966 starb, war die Geschichte der Rettungsaktion weitgehend in Vergessenheit geraten.
Rezeption In Indien wurde Gupta als „indischer Schindler“ bezeichnet. Eine deutschsprachige Ausgabe seines Buchs ist für Herbst 2026 angekündigt (Flucht nach Indien, Clio Verlag). Mittlerweile wird die Geschichte in Indien und darüber hinaus rezipiert und diskutiert.
Weblinks
Einzelnachweise
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