Ta'wīl () ist im Islam eine Form der Deutung von Texten und Sachverhalten, die unterschiedlich definiert wird. Das Wort kommt schon im Koran vor und bezeichnet dort die Deutung von Geschichten, Träumen und Handlungen, aber auch des Korans selbst. Sunnitische Gelehrte benutzten das Wort häufig als allgemeine Bezeichnung für die Koranexegese und damit als Synonym für Tafsīr. Ab dem 8. Jahrhundert begannen aber schon einige Gelehrte, Tafsīr und Ta'wīl voneinander zu unterscheiden und Ta'wīl als Bezeichnung für die allegorische Auslegung von Texten zu verwenden. Bei verschiedenen schiitischen Gruppen bezeichnet es das esoterische Wissen über den verborgenen Sinn des Korans und der rituellen Pflichten, in dessen Besitz allein der Imam und seine Anhänger sind. Ta'wīl wurde dabei häufig dem Begriff tanzīl gegenübergestellt, der die koranische Offenbarung beschreibt, die in ihrer Rohform unverständlich ist und der Deutung durch den Imam bedarf.
Eine besonders große Bedeutung hatte der Ta'wīl in der ismailitischen Daʿwa im 10. und frühen 11. Jahrhundert. Diejenigen, die sich der Daʿwa anschlossen, wurden schrittweise in den Ta'wīl eingeweiht, und verschiedene ismailitische Missionare verfassten Bücher über den Ta'wīl koranischer Geschichten sowie der rituellen Pflichten. Die meisten Sinnbilder werden beim ismailitischen Ta'wīl auf die Ränge der Daʿwa-Hierarchie, auf das esoterische Wissen, auf die überirdischen Hypostasen und den Ta'wīl selbst bezogen. Insofern hat der ismailitische Ta'wīl zum großen Teil einen selbstreferentiellen Charakter.
Wortherkunft und Wortfeld Taʾwīl ist das Verbalsubstantiv zum zweiten Stamm auwala der dreiradikaligen Wortwurzel a-w-l „zurückkehren, zurückgehen, zurückgeführt werden“.Poonawala: "Taʾwīl". 1999, S. 390b. Der arabische Philologe Abū Dschaʿfar an-Nahhās (gest. 945) erklärte das Wort folgendermaßen: „Taʾwīl kommt von der Aussage: āla al-amr ilā kaḏā, d.h. ‚die Sache führte zu dem und dem‘, und auwaltuhū taʾwīlan, d.h. ‚ich habe es werden lassen‘.“Abū Ǧaʿfar an-Naḥḥās: Maʿānī al-qurʾān. Ed. Muḥammad ʿAlī aṣ-Ṣābūnī. Ǧāmiʿat Umm al-qurā, Mekka 1988. Bd. I, S. 350–351. Digitalisat
Der Begriff ist auch mit dem Wort auwal („erster“) verwandt. Insofern hat taʾwīl auch kausative Bedeutung im Sinne von „etwas in seinen ersten oder ursprünglichen Zustand zurückversetzen“.Hollenberg: Beyond the Qurʾān: Early Ismāʿīlī Taʾwīl and the Secrets of the Prophets. 2016, S. 37. Eine bekannte Definition lautete: At-taʾwīl radd aš-šaiʾ ilā auwalihī („Ta'wīl ist die Rückführung der Sache zu ihrem Ursprung“).Ṭūsī: Rauḍat at-taslīm yā Taṣawwurāt. 2014, S. 93.
Asch-Scharīf al-Dschurdschānī (gest. 1413) meinte dagegen, dass Taʾwīl vom Ursprung her so viel bedeute wie Tardschīh.ʿAlī Ibn-Muḥammad al-Ǧurǧānī: At-Taʿrīfāt. Ed. Gustav Flügel. Vogel, Leipzig 1845. S. 52. Digitalisat Und az-Zarkaschī (gest. 1392) erwähnt die Auffassung, dass der Ursprung des Wortes bei dem arabischen Wort iyāla (siehe Eyâlet) liege, das „Regierung“ (siyāsa) bedeutet, weil derjenige, der bei einer Rede Ta'wīl übe, sie gewissermaßen ordne und der Bedeutung ihren richtigen Platz zuweise.Az-Zarkašī: Al-Burhān fī ʿulūm al-Qurʾān. Ed. Yūsuf ʿAbd ar-Raḥmān al-Marʿašlī u. a. Dār al-Maʿrifa, Beirut 1990. Bd. II, S. 285. Digitalisat
Vorkommen im Koran Das Wort kommt 17 Mal im Koran vor. In der koranischen Josefsgeschichte bezeichnet es die Deutung von Geschichten (Sure 12:6, 21, 101) und Träumen (Sure 12:36, 37, 44, 45, 100), in der Geschichte über Mose und den mit al-Chidr identifizierten Gottesknecht die Deutung scheinbar absurder Handlungen (Sure 18: 78, 82). In Sure 4:59 und 17:35 bezeichnet das Wort hingegen den guten Ausgang einer Sache und ist daher gleichbedeutend mit maʾāl. In Sure 7:53, einem Vers, in dem das Wort zwei Mal vorkommt, bezeichnet es entweder die Ausdeutung des Korans oder den Ausgang einer Sache (siehe die Übersetzung bei Rudi Paret). In Sure 10:39 ist die Bedeutung unsicher.
Für das Verständnis von Ta'wīl als Koraninterpretation war die Auslegung des Koranverses Sure 3:7 sehr wichtig, in dem das Wort zwei Mal vorkommt. Es wird hier zwischen eindeutigen (muḥkam) und mehrdeutigen (mutašābih) Versen unterschieden und ausgesagt, dass diejenigen, in deren Herzen Verirrung (zaiġ) ist, dem folgen, was mehrdeutig ist, im Verlangen nach Zwietracht (fitna) und im Verlangen nach Ta'wīl. Den Ta'wīl kenne jedoch nur Gott (wa-mā yaʿlamu taʾwīlahū illā Llāhu). Auf diesen Passus folgt eine Rezitationspause.Suleiman: Ibn Taymiyya und die Attribute Gottes. 2019, S. 180. Unterlässt man jedoch diese Rezitationspause, so ist es grammatikalisch auch möglich, die daran anschließende Phrase wa-l-rāsiḫūna fī l-ʿilm („und die im Wissen fest Gegründeten“) als zweites Subjekt der vorhergehenden Phrase zu verstehen, also zu lesen: „nur Gott kennt dessen Deutung und die im Wissen fest Gegründeten“.Poonawala: "Taʾwīl". 1999, S. 391b.
Definitionen Der ismailitische Gelehrte Abū Hātim ar-Rāzī (gest. 934) erklärt in seinem Kitāb az-Zīna, das sich mit der Etymologie islamischer Begriffe befasst, dass die Menschen hinsichtlich der Bedeutung von taʾwīl uneins seien. Die einen verträten die Ansicht, es sei identisch mit tafsīr, während andere behaupteten, es unterscheide sich von diesem.
Ta'wīl als allgemeiner Begriff für Koranauslegung Die Begriffe tafsīr und taʾwīl wurden anfangs häufig synonym verwendet. Der Philologe Ibn al-Aʿrābī (gest. ca. 845–6) wird mit der Aussage zitiert, dass taʾwīl, tafsīr und maʿnā praktisch ein und dasselbe seien, nämlich die Kenntnis der Tatsachen (maʿrifat al-ḥaqāʾiq), also von Substanz (ʿain), Wirklichkeit (ḥaqīqa) und Resultat (ʿāqiba).ar-Rāzī: Kitāb az-Zīna. 2015, S. 684. Sowohl at-Tabarī (gest. 923) als auch al-Māturīdī (gest. 944) verwenden das Wort taʾwīl im Titel ihrer Korankommentare: Ǧāmiʿ al-bayān ʿan [wuǧūh] taʾwīl āy al-Qurʾān und Taʾwīlāt al-qurʾān. Die Begriffe taʾwīl und ahl al-taʾwīl werden – das stellte schon Ibn Taimīya fest – in at-Tabarīs Kommentar häufiger als allgemeine Bezeichnungen für Koranexegese bzw. Koranexegeten verwendet. In diesem Sinne verwendete ihn auch der frühe Koranexeget Mudschāhid ibn Dschabr (gest. 722).Ibn Taimīya: al-Iklīl fī l-mutašābih wa-t-taʾwīl. 2004, S. 289.
An-Nasāʾī (gest. 915) widmet in seinen Sunan, deren Hauptaugenmerk auf dem islamischen Recht liegt und die kein eigenes Buch zur Koranexegese enthalten, sehr oft ganze Kapitel der Erläuterung eines koranischen Verses zum betreffenden Thema, wobei diese Kapitel den Titel taʾwīl qaul Allāh („Erklärung des Gottesworts“) tragen. Noch viel später werden die Kommentare von al-Baidāwī (gest. 1319) und al-Chāzin (gest. 1341) auch als Anwār at-tanzīl wa-asrār at-taʾwīl („Die Lichter der Herabsendung und die Geheimnisse der Auslegung“) bzw. Lubāb al-taʾwīl fī maʿānī al-tanzīl („Die Quintessenz der Auslegung der Bedeutungen der Herabsendung“) genannt.Poonawala: "Taʾwīl". 1999, S. 390b–391a.
Abgrenzungen gegenüber dem Tafsīr Ab dem 8. Jahrhundert begannen aber schon einige Gelehrte, Tafsīr und Taʾwīl voneinander zu unterscheiden. Muqātil ibn Sulaimān (gest. 767) berief sich auf eine Überlieferung, wonach es beim Koran vier Aspekte (auǧuh) gibt: 1. den Tafsīr, 2. die arabische Sprache, 3. das Erlaubte und Verbotene und 4. den Ta'wīl. Nach dem Wesen des Ta'wīl befragt, antwortete Muqātil: „Das, was sein wird (mā huwa kāʾin)“.Muqātil ibn Sulaimān: Tafsīr. Ed. ʿAbdallāh Maḥmūd Šaḥāta. Beirut 2002. Bd. I, S. 27. Digitalisat Der kufische Exeget al-Husain ibn al-Fadl al-Badschalī (gest. 895/96) wird mit der Aussage zitiert, dass Ta'wīl die Wendung eines Verses hin zu einer Bedeutung sei, die der Begriff impliziere, in Übereinstimmung mit dem, was vor und hinter dem Vers stehe.
Abū Hātim ar-Rāzī führt aus, dass diejenigen, die behaupten, Ta'wīl und Tafsīr seien unterschiedliche Dinge, meinten, Tafsīr sei das, was die Allgemeinheit von den Exegeten (mufassirūn) überliefere, während Ta'wīl auf die verborgenen, subtilen Bedeutungen (maʿānī ġāmiḍa laṭīfa) abziele, die nur den herausragenden Gelehrten (al-ʿulamāʾ al-mutqinūn) bekannt seien. Er veranschaulicht den Unterschied zwischen Tafsīr und Taʾwīl folgendermaßen: Ein Nichtaraber hat einen Traum und sucht einen arabischen Traumdeuter (muʿabbir) auf. Da die beiden keine gemeinsame Sprache haben, muss ein Übersetzer (mutarǧim) den Traum des Mannes zunächst für den Traumdeuter übersetzen. Das, was dann der Übersetzer sage, sei der Tafsīr und das, was der Traumdeuter sage, der Ta'wīl des Traums.ar-Rāzī: Kitāb az-Zīna. 2015, S. 686.
Asch-Schahrastānī (gest. 1153) äußerte, dass Tafsīr eine allgemeinere Bedeutung als Ta'wīl habe; zwar sei jeder Ta'wīl Tafsīr, aber umgekehrt nicht jeder Tafsīr Ta'wīl. Tafsīr bedeute beim Koran die Erklärung der unverständlichen Begriffe (alfāẓ), Ta'wīl hingegen die Erklärung der rätselhaften Bedeutungen (maʿānī). Man habe auch gesagt, dass der Begriff des Tafsīr für die Erläuterung der Bedeutungen des Korans, der Hadithe und der Dichtung verwendet werde, während der Begriff des Ta'wīl für das verwendet werde, was mit der Religion zusammenhänge. Deswegen seien die verschiedenen Ta'wīl-Interpretationen zur Grundlage der verschiedenen Lehrrichtungen geworden. Das sei beim Tafsīr nicht so. Man habe auch gesagt, dass der Ta'wīl von dem Erkennen des Verstands (dirāyat al-ʿilm) abhänge. Eine andere Erklärung für Ta'wīl sei, dass es die Suche nach der Intention des Begriffs sei und nach dem, worauf seine Bedeutung hinauslaufe.aš-Šahrastānī: Mafātīḥ al-asrār wa maṣābīḥ al-abrār. 2009, S. 48 (arab. Text), 106 (engl. Übersetzung).
Asch-Schahrastānī, der selbst für seine ismailitischen Neigungen bekannt ist, zitiert „einen der großen Imame“ (baʿḍ kibār al-aʾimma) mit der Aussage, dass der Ta'wīl die Rückführung einer Sache zu ihrem Anfang sei.aš-Šahrastānī: Mafātīḥ al-asrār wa maṣābīḥ al-abrār. 2009, S. 49 (arab. Text), 108 (engl. Übersetzung). Die Sicht des Anfangenden sei der äußere Sinn (ẓāhir) und der Tafsīr, die Sicht des Urteils des Vollendeten dagegen der verborgene Sinn (bāṭin) und der Ta'wīl.aš-Šahrastānī: Mafātīḥ al-asrār wa maṣābīḥ al-abrār. 2009, S. 50 (arab. Text), 108 (engl. Übersetzung).
Nach dem sufischen Gelehrten ʿUmar as-Suhrawardī (gest. 1234), der in seinem Werk ʿAwārif al-maʿārif Tafsīr und Ta'wīl gegenüberstellte, stützt sich ersterer auf die Überlieferung (naql), während letzterer, der sich auf den Verstand (ʿaql) stützt, darin besteht, dass man die Bedeutung, die der Koranvers denkbar impliziert, erwähnt, ohne dies apodiktisch zu behaupten (ḏikr mā taḥtamiluhū l-āya min ġair al-qaṭʿ bi-ḏālik).ʿUmar as-Suhrawardī: ʿAwārif al-maʿārif. Ed. ʿAbd al-Ḥalīm Maḥmūd und Maḥmūd ibn aš-Šarīf. Dār al-Maʿārif, Kairo 2000. Bd. II, S. 243, Zeile 11. Digitalisat – Deutsche Übersetzung von Richard Gramlich unter dem Titel Die Gaben der Erkenntnisse. Steiner, Wiesbaden 1978. S. 383, Zeile 10f. Digitalisat
Ta'wīl als allegorische Auslegung Der ismailitische Missionar Abū Yaʿqūb as-Sidschistānī (gest. 975) meinte, dass Ta'wīl die allegorische Deutung von Begriffen notwendig mache. Dies machte er daran fest, dass die wahre Bedeutung von Begriffen manchmal nur dann erfasst würde, wenn man von dem abgehe, was die Araber darunter verstehen. Ein solches Abgehen von der eigentlichen Bedeutung zu einer übertragenen Bedeutung (ṣarf aš-šaiʾ ilā ġairihī iḏā istawā maʿnayān) finde sich häufig in der Rede des Gottesgesandten und der Araber, so wenn er Phiolen als Metapher für Frauen verwende, weil sie genau so schnell zerbrächen, wie sich Frauen täuschen ließen.Abū Yaʿqūb as-Siǧistānī: Kitāb al-Iftiḫār. 2000, S. 218.