Primo Levis Buch Die Untergegangen und die Geretteten (italien. Original: I sommersi e i salvatiPrimo Levi: I sommersi e i salvati. Einaudi, Turin 1986) wurde 1990 in deutscher Übersetzung veröffentlichtPrimo Levi: Die Untergegangenen und die Geretteten. Hanser, München 1990.. In seinem Essay strebt Levi das tiefere Verständnis von Psyche und Motiven der in den Konzentrationslagern agierenden Tätergruppen, aber auch der Art und Weise der Verarbeitung des Erlebten durch die Gefangenen der Konzentrationslager an.
Inhalt
Vorwort Levi weist einleitend auf die zahlreichen deutschen Versuche hin, die Vorgänge in Konzentrationslagern und Ghettos nicht öffentlich werden zu lassen, und mehr noch, an Orten der grausamsten Untaten, jede Spur zu beseitigen, wie z. B. die Gaskammern in Auschwitz, die bereits im Herbst 1944 gesprengt wurden, oder das Warschauer Ghetto, das nach dem Aufstand von 1943 dem Erdboden gleichgemacht wurde, oder die nachträgliche Vernichtung von Leichen hunderttausender in Treblinka, und auch in kleineren Konzentrationslagern im russischen Hinterland, Ermordeter.
„Die SS-Kommandos und der Sicherheitsdienst verwandten dann die größte Sorgfalt darauf, dass kein Zeuge überlebt“Primo Levi: Die Untergegangenen und die Geretteten, 6. Auflage, dtv, München 2023, S. 9, ISBN 978-3-423-14447-6.. Die Häftlinge wurden als Geheimnisträger betrachtet. Levi erklärt sich so auch den Sinn der „mörderischen und nur vordergründig wahnsinnigen Überführungen“ der Häftlinge von Konzentrationslager zu Konzentrationslager, immer weiter ins Innere des Reiches während der ersten Monate des Jahres 1945.
Als Zeugen mit der größten Chance, nach der Befreiung wahrheitsgemäß zu berichten und zu einer Gesamtschau der Lager beizutragen, sieht er die überlebenden Privilegierten unter den Häftlingen (die mit Geschick oder Glück, möglichst ohne dafür Kompromisse machen zu müssen, Vorteile oder eine herausgehobene Position in der Häftlingshierarchie erhalten hatten und so auch zu Historikern wurden). Sie konnten Zugang zu statistischen Daten haben, Notizen machen und diese aufbewahren. Einige taten das; den meisten in Auschwitz, in das vor allem Juden geschickt wurden, war das, auch aufgrund der Rassenhierarchie des Lagers, unmöglich.
Den Häftlingen sowie auch den SS-Tätern war bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit gering war, dass, angesichts des extremen Ausmaßes der Gräuel, in Deutschland oder im Ausland Berichten Glauben geschenkt würdeSimon Wiesenthal: Doch die Mörder leben. Droemer/Knaur, München, Zürich, 1967.
Auch die SS-Täter waren Geheimnisträger, aber sie hatten Grund zu schweigen, selbst in ihren Familien. In der nur sehr begrenzten Weitergabe von Informationen über die deutschen Konzentrationslager durch die Bevölkerung während der Zeit des Dritten Reiches, ob aus Angst, Furcht, Karrieresucht, Gewinnsucht, Wegschauen, Nicht-Wissen-Wollen oder „fanatischem Nazi-Gehorsam“ sieht Levi eine „schwerwiegende Kollektivschuld“ des deutschen Volkes, „eine Feigheit, die zur Gewohnheit wurde“.Primo Levi: Die Untergegangenen und die Geretteten, 6. Auflage, dtv, München 2023, S. 11
Erstes Kapitel Das Erinnern der Wunde: Dieses Kapitel widmet Levi dem Thema der vorsätzlichen Verfälschung von Erinnerungen durch die Täter sowie dem Abdriften von Erinnerungen auch bei den Opfern durch physiologische Faktoren, vielfältige, über die Jahre nach dem Erlebten hinzugekommene Fakten und Dokumente oder durch psychische Gründe und trifft damit Fragen, die bis heute immer wieder von verschiedenen Seiten aufgeworfen werdenDaniel Schuch: Transformation der Zeugenschaft-von David P.Boders frühen Audiointerviews zur Wiederbefragung als Holocaust Testimony (zugl.Dissertation: Friedrich-Schiller-Universität Jena 2020) in Buchenwald und Mittelbau-Dora Forschungen und Reflexionen, Bd. 1, Wallstein-Verlag, Göttingen, 2021, ISBN 978-3-8353-5016-8. Levi schickt voraus, dass er keine Verwirrung stiften wolle: „Der Unterdrücker bleibt, was er ist, und das Opfer ebenfalls. Sie sind nicht austauschbar. Der erste muss bestraft werden, und man muss Abscheu vor ihm empfinden (allerdings sollte man auch versuchen, ihn zu verstehen), der zweite ist zu bemitleiden und ihm muss geholfen werden.“
Levi untersucht, als Grenzfall der Verformung einer Erinnerung an begangene Schuld in den Aussagen von Tätern, die Abgrenzung zwischen vermeintlichem Handeln in Treu-und-Glaube oder Wider-besseres-Wissen. Er vergleicht dabei drei zum Tode verurteilte Kriegsverbrecher (den französischen Kollaborateur Louis Darquier de Pellepoix; bekannt auch durch ein Interview, das er 1978 der Zeitschrift L’Express gabAuf www.pennds.org (PDF; 4,4 MB); Adolf Eichmann und Rudolf Höß; Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz), sowie den in der Bundesrepublik zu lebenslanger Haft verurteilten Franz StanglFlorian Gregor: Franz Stangl (1908–1971). Leben, Biografische Erzählung, Rezeption: Annäherung an einen NS-Täter in Studien zu Holocaust und Gewaltgeschichte, Bd. 9, Metropol-Verlag, 2025, ISBN 978-3-86331-806-2, Kommandant der Konzentrationslager Sobibor und Treblinka, miteinander. Er beurteilt dieses Mittel der Unterscheidung jedoch schließlich als naiv angesichts der oft begrenzten moralisch-intellektuellen Fähigkeiten der Täter, sich einer solch kritischen Betrachtung des eigenen Handelns zu stellen und der Tendenzen zur Verdrängung der Schuld und Verzerrung der Wahrheit bis zum Selbstbetrug, ähnlich dem „Glücksspieler“ Hitler in den letzten Kriegsjahren.
Im Mittelpunkt von Levis Analyse des Abdriftens und der Verdrängung der Erinnerung sowie des Fortdauerns der Traumatisierung auch lange nach Gewalt- und Kränkungserfahrungen bei den Opfern bzw. der Selbsttäuschung zur Aufrechterhaltung der Hoffnung unter extremen Bedingungen stehen der österreichische Philosoph, Widerstandskämpfer und Häftling in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern, Jean AméryJean Améry: Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Szczesny, München 1966, sowie Levis Gefährte und brüderlicher Freund während der Zeit in Auschwitz, Alberto D.
Zweites Kapitel Die Grauzone: „Die hybride Klasse der Häftlinge als Vollzugspersonen bildet das Knochengerüst und weist gleichzeitig auch die am meisten beunruhigenden Züge auf. Sie ist eine Grauzone mit unscharfen Konturen, die die beiden Bereiche von Herren und Knechten voneinander trennen und zugleich miteinander verbinden.“Primo Levi: Die Untergegangenen und die Geretteten, 6. Auflage, dtv, München 2023, S. 39.
Thema dieses Kapitels sind die vielfältigen Formen von Kollaboration und Mittäterschaft. Als Beispiele der Kollaboration auf staatlicher Ebene nennt Levi Vichy-Frankreich, Norwegen unter Vidkun Quisling und die Republik von Salò. Eine weitere Ebene ist die in den letzten Kriegsjahren zunehmende Rekrutierung von Hilfstruppen in besetzten Gebieten, nicht vorzugsweise für den militärischen Einsatz an der Front, sondern zur Unterstützung bei der Unterdrückung der Bevölkerung. Levi nennt hier beispielhaft baltische und ukrainische Söldner.
Der Kern seiner Analyse der Grauzone bezieht sich jedoch auf das facettenreiche Spektrum der Privilegierten in Konzentrationslagern und Ghettos, wie die Kapos, die Mitglieder des Warschauer Judenrates oder auch schillernde Gestalten, wie Chaim Rumkowski, den König im Ghetto Litzmannstadt.
Als Grenzfall der Kollaboration stuft er die Mitglieder der Sonderkommandos der Krematorien ein. Levi analysiert besonders für die Kollaborateure aus den Reihen der Unterdrückten äußere Zwänge und Möglichkeiten des Widerstands, Verlockungen, einen Anteil an der Macht ihrer Auftraggeber zu gewinnen und die Chancen, dadurch ihr Überleben zu sichern. Den meisten, durch kleinere Machtpositionen in Konzentrationslagern „begünstigten“ Häftlingen, brachte ihre Mitwirken an der Aufrechterhaltung der „Lagerordnung“ keine Verbesserung ihrer Überlebenschancen im Vergleich zu den Nicht-Privilegierten. Anders war das bei Häftlingen in Kommando-Positionen als Kapo. Einerseits hatten diese oft fast unbegrenzte Macht innerhalb des Lagers gegenüber ihren Mithäftlingen und einen Freibrief zur Gewalttätigkeit, aber auch die Chance, aus ihrer Position heraus, mit den ihnen zugänglichen Informationen und Möglichkeiten, vielen ihrer Gefährten zu helfen. Levi nennt Hermann Langbein in Auschwitz, Hans Marsalek in Mauthausen, sowie Eugen Kogon in Buchenwald als Kapos „nur dem Augenschein nach“ und „getarnte Gegner“ der SS, die auch in den Widerstandsorganisationen der Lager aktiv waren.
In die Sonderkommandos der Krematorien wurden Häftlinge durch die SS gezwungen. Levi berichtet dazu: „Eine Gruppe von 400 Juden aus Korfu, die im Juli 1944 in das Sonderkommando eingegliedert wurden, verweigerte ohne Ausnahme die Arbeit und wurde auf der Stelle vergast.“Primo Levi: Die Untergegangenen und die Geretteten, 6. Auflage, dtv, München 2023, S.57/58. Einer der Überlebenden der Sonderkommandos, Filip Müller, berichtete über bestialische Strafen auch gegen einzelne Kameraden aus dem Sonderkommandos durch die SS, wenn jemand Widerstand leistete. Trotzdem sprengten im Oktober 1944 die Mannschaften von zwei Krematorien das Krematorium Nummer 3 und lieferten sich einen kurzen Kampf mit der SS. 450 der Häftlinge wurden sofort durch die SS ermordet. Drei SS-Männer starben, zwölf wurden verletzt. Levi widerspricht ausdrücklich der Ansicht der italienischen Filmregisseurin Liliana Cavani, die Anlagen für einen Mörder fänden sich im Grunde in der Seele jedes Menschen und die Rollen seinen so einfach austauschbar.Primo Levi: Die Untergegangenen und die Geretteten, 6. Auflage, dtv, München 2023, S. 46.
Drittes Kapitel Die Scham: „Wir Überlebenden sind nicht nur eine kleine, sondern auch eine anomale Minderheit: Wir sind die, die aufgrund von Pflichtverletzungen, aufgrund ihrer Geschicklichkeit oder ihres Glücks den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben.“Primo Levi: Die Untergegangenen und die Geretteten, 6. Auflage, dtv, München 2023, S. 86.
Levi befasst sich in diesem Kapitel mit dem Moment der Befreiung des Lagers, in dem, nach Jahren des Rechtsbruchs und der Grausamkeit, nun mit der Entmachtung der SS und ihrer Helfershelfer auch der zivile Moralkodex für die Häftlinge-für die Befreiten selbst zurückkehrt, der ihr Denken und ihre Analyse des Erlebten wieder erfasst. Während unter normalen Umständen der Moment der Befreiung ein Moment der Freude ist, erlebten ihn die Insassen der Konzentrationslager vor dem tragischen Hintergrund von Zerstörung, Menschenvernichtung und des eigenen Leids. All das war keinesfalls innerhalb eines Moments zu verarbeiten und in einem Ausbruch von Freude angesichts zurückgewonnener Freiheit hinwegzufegen. Das war eher den Kämpfenden, Soldaten, Partisanen, Politikern vorbehalten. Die Häftlinge reagierten oft eher mit Niedergeschlagenheit und nach der Befreiung auch mit Selbstmorden.
Levi zitiert den Überlebenden der Sonderkommandos der Krematorien, Filip Müller, der in seinem Buch: „Sonderbehandlung: Drei Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz“Müller, Filip, Übersetzer Helmut Freitag, Sonderbehandlung: Drei Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz, Steinhausen 1979, ISBN 3-8205-3464-4 erzählte, wie er erschöpft auf allen vieren nach draußen kroch, dort nicht mehr weiter konnte und einfach auf dem Waldboden einschlief.
Die Überlebenden sind verunsichert und werden weiter verunsichert durch Außenstehende und durch Darstellungen der Täter. Schuld- und Schamgefühle begleiten die Befreiung, die fehlende Erklärung, warum die letzten Überlebenden „davonkamen“, wird zur absurden Forderung.