mini|Kopie eines bronzezeitlichen Fundstücks aus der Höhle von Tren nahe der Grenze zu Griechenland, gezeigt im Historischen Nationalmuseum zu Tirana Die Ur- und Frühgeschichte Albaniens reicht beim derzeitigen Stand der Forschung wenig mehr als 200.000 Jahre zurück, also in die Zeit der Neandertaler. Diese Neandertaler wurden von unseren unmittelbaren Vorfahren, den anatomisch modernen Menschen, vor mehr als 40.000 Jahren abgelöst. Allerdings wurden die Küstenregionen in den Warmzeiten durch das Abschmelzen der Eismassen überschwemmt, da der Meeresspiegel über 100 m anstieg. Damit aber dürfte ein großer Teil der Spuren verlorengegangen sein.

Die ersten bäuerlichen Kulturen breiteten sich, aus dem Nahen Osten kommend, ab etwa 6500 v. Chr. auch an der östlichen Adriaküste aus. Durch die Bewohner im Hinterland entstanden erstmals Pfahlbauten, wie vor allem am Ohridsee nachgewiesen, der als Teil des Korridors gilt, über den Menschen kamen, die ihre Lebensweise, ihre Sachkenntnis, ihr Vieh und ihre Nahrungspflanzen mitbrachten. Die Region in Südostalbanien und in nahen Grenzgebieten ist einer der ältesten Orte in Europa, wo Nachweise für eine bäuerliche Gemeinschaft gefunden werden konnte. Das frühe Neolithikum verbindet sich mit der Vlaška-Kultur, die etwa von 5500 bis in das frühe 5. Jahrtausend v. Chr. reicht, und vor allem der Cakran-Kultur, die weiträumige Kontakte bis nach Bosnien im Norden und Thessalien im Süden aufwies. Die Vlaška-Kultur ist eine lokale Variante der Danilo-Kultur, gekennzeichnet durch einen im Vergleich zu Danilo reduzierten Formen- und Verzierungskanon.Valeska Becker: Studien zum Altneolithikum in Italien, LIT, Münster 2018, S. 185. In der nachfolgenden Maliq-Kultur war Zweikorn das wichtigste Getreide; zugleich erreichte der Meeresspiegel seinen höchsten Stand. Typisch sind kreuzförmige Tonfigurinen, deren Kopf in einem Loch befestigt wurde, das zwischen den Schultern angebracht wurde. Auch tauchten rollsiegelartige Tonobjekte auf. mini|Illyrischer Helm des 6. bis 5. Jahrhunderts v. Chr., griechisch Die Kupferverarbeitung kam vermutlich aus Serbien, die früheste Verarbeitung lässt sich für Fundorte bei Maliq belegen (Maliq IIa, für Maliq IIb um 3850–3600 v. Chr.).Maliq Ia gilt noch als Übergangsphase vom späten Neolithikum zum Eneolithikum, in Schicht Ib fand sich ein Kupfergefäß, das sich dieser Phase zuordnen lässt (Ergys Hasa: The relative chronology of Maliq II culture, in: Anglisticum 8 (2019) 27–34). Schafe, Ziegen, Rinder und Schweine waren die typischen Haustiere in den Dörfern, deren Häuser reetgedeckt waren. Die ältesten Siedlungen in Maliq IIa/b waren Pfahlbauten; sie wurden jedoch durch Feuer zerstört. Die nachfolgenden Häuser standen wieder unmittelbar auf dem Boden – neben Unterschieden in der Keramik kennzeichnet vor allem dieses Kriterium die Phasen IIa und IIab. Um 3000 v. Chr. entstanden erste Grabhügel.

Einige Wallburgen entstanden in der späten Bronzezeit (1500–1100 v. Chr.) auf Hügeln, vor allem aber in der Eisenzeit, die in Albanien mit den Illyrern in Beziehung gesetzt wird. Die vermutete Zuwanderung durch „Proto-Illyrer“, also Indoeuropäer, unterbrach keineswegs die Handelsbeziehungen nach Süden. Zugleich nahmen die Kontakte mit Italien nun deutlich zu. Je nach regionalen Gegebenheiten lebten die Menschen mehr von der Viehzucht, die um 1000 v. Chr. noch dominierte, oder von der Bodenbearbeitung. Die Verbreitung des Eisens vollzog sich im Kernraum der Illyrer, wo im Zeitraum vom 11. bis zum 5. Jahrhundert v. Chr. stark befestigte Siedlungen entstanden.

Zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v. Chr. konzentrierten sich griechische Kolonien auf der italienischen Seite der Adria, kaum auf der albanischen. Dennoch entstanden solcherlei Kolonien im illyrischen Siedlungsgebiet unter anderem in Epidamnos (Durrës), Apollonia und Lissos (Lezha). Die schriftliche Überlieferung war zunächst von geringer Bedeutung.

Zugleich entstanden ab dem 5. Jahrhundert weiträumige Fürstentümer, die vielfach mit Makedonien und Epiros im Krieg standen. König Bardylis († 358 v. Chr.) verlangte von beiden Tribute, bis er gegen Philipp II., den Vater Alexanders des Großen, im Kampf unterlag. Während der Süden Albaniens starkem griechischem Einfluss ausgesetzt war, wurden im Norden die Liburner bis um 250 v. Chr. zur vorherrschenden Macht. Diese unterlagen jedoch gegen Syrakus, später waren es die Labeaten. Unter Königin Teuta entstand um die Bucht von Kotor das Zentrum eines bedeutenden Illyrerreichs. Die Reiche der Illyrer blieben vom Reich Alexanders und denen seiner Nachfolger unabhängig und wurden erst durch Rom unterworfen.

Paläolithikum Die ältesten Fundstätten des Paläolithikums in Albanien sind weniger als 200.000 Jahre alt und stammen aus dem Mittelpaläolithikum. Wahrscheinlich hängt dies mit der Situation der Forschung zusammen, die lange Zeit politischen Zielen dienstbar gemacht wurde. Daher fokussierte sie sich auf den Nachweis, dass die heutigen Albaner von den Illyrern abstammen und dem Volk somit ein natürliches Recht auf einen selbstständigen Staat zustehe. Infolgedessen sind einige urgeschichtliche Epochen intensiv beforscht worden – das Paläolithikum zählte lange nicht dazu.

Mittelpaläolithikum mini|links|Hauptfundstätten des Neandertalers mini|Levallois-Technik als Animation Da der ganz überwiegende Teil der menschlichen Spuren aus steinernen Artefakten besteht, dienen Veränderungen in der Steinwerkzeugtechnik als Indikator für eine neue Phase der menschlichen Geschichte. Vor etwa 300.000 bis 200.000 Jahren wird daher der Beginn des Mittelpaläolithikums mit dem Einsetzen der Levalloistechnik angesetzt. Entsprechend wird bei der Bestimmung des Übergangs vom Mesolithikum zum Jungpaläolithikum verfahren. Hier fand vor etwa 40.000 Jahren eine neuerliche Veränderung statt, die sich im Aurignacien niederschlug, das als erste Phase des Jungpaläolithikums gilt. Kennzeichen des Jungpaläolithikums ist demnach eine weitere Neuerung in der Steinbearbeitungstechnik: Feuerstein wurde in einem neuartigen Klingenkonzept unter Anlage eines „Leitgrates“ verarbeitet. Das heißt, auf dem Kern wurde ein senkrechter Dorsalgrat angelegt, der das Abtrennen langschmaler Abschläge ermöglichte. Diese werden als Klingen bezeichnet.Joachim Hahn: Erkennen und Bestimmen von Stein- und Knochenartefakten. Einführung in die Artefaktmorphologie, Archaeologica Venatoria 10, 2. Auflage. Tübingen 1993, S. 109–115. Dieses Konzept unterscheidet sich grundlegend von der auf Levalloistechnik basierenden, bis dahin vorherrschenden Technik der Werkzeugherstellung. mini|Terminologie zum Feuerstein-Abschlag Im Mittelpaläolithikum lebten Neandertaler in Europa und in Westasien.Wil Roebroeks, Clive Gamble: The Middle Palaeolithic Occupation of Europe, Leiden University Press, Leiden 1999 passim. Hier sind Abschläge und Spitzen sowie Schaber charakteristisch. Neben steinernen Werkzeugen brachten die Neandertaler Holzwerkzeuge und -waffen hervor, wie etwa Lanzen; hinzu kamen Werkzeuge aus Knochen, Elfenbein und Geweih, deren Bestandteile vielfach miteinander verbunden wurden, etwa mit Birkenpech.Jürgen Weiner: European Pre- and Protohistoric Tar and Pitch. A Contribution to the History of Research 1720-1999, in: Acta Archaeometrica 1 (1999) 1–109. So entstanden Kompositwerkzeuge oder -geräte, ein Vorgang, der auch als Schäftung bezeichnet wird. Das Ende des Mittelpaläolithikums und der Übergang zum Jungpaläolithikum ist durch Übergangsindustrien gekennzeichnet.

Das Verschwinden des Neandertalers könnte mit einer gigantischen Vulkaneruption in ursächlichem Zusammenhang stehen, die sich um 37.300 v. Chr. auf den „brennenden Feldern“ (Campi Flegrei) westlich des süditalienischen Neapel ereignete. Dabei handelt es sich um ein Ereignis, das als Kampanischer Ignimbrit bekannt ist. Die zurückgelassene Caldera misst 15 auf 12 km, die Staubschichten der Explosion lassen sich bis in die Ukraine nachweisen. Ob dieser Vulkanausbruch das Verschwinden der Neandertaler beschleunigte oder gar verursachte, etwa wegen der nachfolgenden Abkühlung oder des Ascheregens, ist allerdings umstritten.Dieser Annahme widersprachen John Lowe, Nick Barton, Simon Blockley, Christopher Bronk Ramsey, Victoria L. Cullen, William Davies, Clive Gamble, Katharine Grant, Mark Hardiman, Rupert Housley, Christine S. Lane, Sharen Lee, Mark Lewis, Alison MacLeod, Martin Menzies, Wolfgang Müller, Mark Pollard, Catherine Price, Andrew P. Roberts, Eelco J. Rohling, Chris Satow, Victoria C. Smith, Chris B. Stringer, Emma L. Tomlinson, Dustin White, Paul Albert, Ilenia Arienzo, Graeme Barker, Dušan Borić, Antonio Carandente, Lucia Civetta, Catherine Ferrier, Jean-Luc Guadelli, Panagiotis Karkanas, Margarita Koumouzelis, Ulrich C. Müller, Giovanni Orsi, Jörg Pross, Mauro Rosi, Ljiljiana Shalamanov-Korobar, Nikolay Sirakov, Polychronis C. Tzedakis: Volcanic ash layers illuminate the resilience of Neanderthals and early modern humans to natural hazards, in: PNAS 23. Juli 2012.

Isotopenuntersuchungen konnten zeigen, dass die Neandertaler sich überwiegend von Fleisch ernährten, was zur kühleren Umgebung und einer entsprechenden Flora passt, von der die Beutetiere abhingen. Insgesamt hat sich in den letzten Jahrzehnten das Bild vom Kleintiere jagenden Neandertaler zum Großwildjäger gewandelt, der allerdings am Ende nicht in der Lage war, sich hinreichend an die sich verändernde Fauna anzupassen und deren neue Ressourcen ausreichend zu nutzen (broad spectrum revolution). Auch die These, sie hätten sich überwiegend als Aassammler betätigt, gilt als widerlegt.Herbert Ullrich: Hominid Evolution. Lifestyles and Survival Strategies, Edition Archaea, Gelsenkirchen 1999, S. 437.

Die meisten datierbaren paläolithischen Fundstätten befinden sich in Höhlen, doch in Albanien, wo Grabungen erst sehr spät einsetzten, ist die Situation anders. Kryegjata B westlich von Fier ist zugleich eine der wenigen Stätten aus dem Mittelpaläolithikum, die sich nicht in einer Höhle befinden. Neben mittelpaläolithischen fanden sich dort, unweit von Apollonia auf einem Hügel am Rande der Myzeqe, jungpaläolithische und mesolithische Artefakte, anhand derer sich zeigen ließ, dass die Funde aus Höhlen ein verzerrtes Bild der urgeschichtlichen Verhältnisse zeichnen können. Daher sind diese Funde in einer offenen Landschaft von größter Bedeutung.Curtis Runnels, Muzafer Korkuti, Michael L. Galaty, Lorenc Bejko, Jack L. Davis, Skendër Muçaj, Sharon Stocker, Michael Timpson, John Whittaker: The paleolithic and mesolithic of Albania: Survey and excavation at the site of Kryegjata B (Fier district), in: Journal of Mediterranean Archaeology 17 (2004) 3–29, doi:10.1558/jmea.17.1.3.53480.

Insgesamt fanden sich in Kryegjata B während der Grabungskampagne 1110 lithische Artefakte, davon ließen sich 17 dem mittleren, 33 dem jüngeren Paläolithikum zuordnen, weitere 839 dem Mesolithikum. Fast 88 % der Artefakte wurden an der Erdoberfläche entdeckt, nicht in einer Höhle. Die meisten Feuersteine stammten aus der Umgebung, doch der als „honey flint“ bezeichnete Stein könnte aus Bulgarien stammen. Das einzige Obsidianstück kann nicht aus Albanien stammen, sondern es muss seinen Weg im Mesolithikum aus Italien oder Griechenland hierher gefunden haben. Die Stätte wurde immer wieder aufgesucht, doch endeten die Besuche der Jäger und Sammler vor etwa 26.000 Jahren. Daher fehlen Gravettien- und Epigravettienfunde. Während im Paläolithikum an dieser Stelle offenbar keine Steine bearbeitet wurden, fanden sich aus dem Mesolithikum zahlreiche Hinweise auf lokale Werkzeugherstellung. Die ältesten Spuren könnten 135.000 Jahre alt sein. mini|Der 2217 m hohe Maja e Arapit bei Theth