Das Narrenschiff von Christoph Hein ist ein Gesellschaftsroman aus dem Jahr 2025, der die Geschichte der DDR aus der Perspektive ihrer Nomenklatura und deren Umfeld beleuchtet. Die Romanfiguren leben in einer „im Werden befindlichen Gesellschaft, die das bessere Deutschland zu repräsentieren vermeint und doch von einem Scheitern zum nächsten eilt.“ Fast alle Romanfiguren sind Mitglieder der SED oder einer der vier Blockparteien. Das ZK der SED, insbesondere dessen fiktives Mitglied Karsten Emser, spielt als Wirtschaftswissenschaftler eine bedeutende Rolle im Roman. Mehrere Romanfiguren sind getrieben vom vorauseilenden Gehorsam aus wirtschaftlichen Gründen.

Personen (Auswahl) Einige Politiker, insbesondere die Staatsoberhäupter Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht mit seiner Ehefrau Lotte Ulbricht und Tochter Beate Ulbricht sowie Erich Honecker, einzelne Minister wie Lothar Bolz und der Chef der ideologischen Kommission des Politbüros Kurt Hager, der für die Zensur zuständig war, das Mitglied des Politbüros Hermann Matern, der Oberbürgermeister von Ost-Berlin Friedrich Ebert junior, der FDJ-Funktionär Günther Jahn und der Chef des Forschungsrats Max Steenbeck sind nicht fiktiv, sondern namentlich als Personen der Zeitgeschichte genannt. Der im Roman „Markus Fuchs“ genannte Chef der Hauptverwaltung Aufklärung bei der Staatssicherheit, ist offensichtlich Markus Wolf.

Auch Politiker des Ostblocks sind genannt: Aus der Sowjetunion sind es Stalin, Chruschtschow und Breschnew, aus Ungarn deren Staatspräsident Imre Nagy, der unter seinem Nachfolger János Kádár hingerichtet wurde, aus der Tschechoslowakei deren Erster Sekretär der KPČ Antonín Novotný und sein Nachfolger Alexander Dubček mit dem tschechoslowakisch-schweizerischen Wirtschaftswissenschaftler Ota Šik, der von Alexander Dubček zum stellvertretenden Ministerpräsidenten und Koordinator der Wirtschaftsreformen im Rahmen des Prager Frühlings ernannt wurde.

Aus der Bundesrepublik Deutschland wird Konrad Adenauer namentlich genannt.

Diese Personen der Zeitgeschichte geben den historischen Rahmen des Romans, in dem die folgenden Personen fiktiv sind, die für bestimmte Verhaltenstypen angepasster und unangepasster Menschen in der DDR charakteristisch sind:

Karsten Emser (* 1901 in Hessen; † 1989 in Berlin) war bis 1935 promovierter Professor an der Hochschule für Ökonomie in Kassel und wurde nach seiner Rückkehr aus dem Exil in Moskau nach Deutschland Professor an der Hochschule für Planökonomie in Berlin-Karlshorst sowie Mitglied des ZK der SED. Er agiert politisch sehr vorsichtig. „Irgendwie haben mich die Jahre [im Moskauer Exil] zum großen Schweiger gemacht.“ Er hält sich im ZK bei Streit um Wirtschaftspolitik zurück. „Unvergesslich war ihm, wie rasch man zu einem Abweichler gestempelt werden konnte, was stets zu heftigen Konsequenzen führte und nicht selten fatal endete.“ In seinem Fall: Er würde die Professur verlieren. Er gilt im ZK als „zu intellektuell“, er „sei nicht realistisch genug“, man hört ihm nicht zu; er ist seit Ende der 1960er Jahre verbittert, darf aber erst als über 80-Jähriger aus dem ZK ausscheiden. Er war von der kommunistischen Idee überzeugt, wurde aber enttäuscht. Am Ende seines Lebens bezeichnen er sich selbst wie auch seine Frau ihn als Narr. Rita Emser (* 1920 als Rita Lewander) ist Ehefrau von Karsten Emser und Mitglied der SED. Sie ist Stellvertreterin des Bürgermeisters von Berlin-Weißensee. Johannes Goretzka (* 1903; † 1980er-Jahre?) ist ein Freund des Ehepaars Emser. Er ist promovierter Ingenieur für Hüttenwesen und Erzbergbau und war Mitglied der KPD, später der SED. Er fällt auf der Karriereleiter herab, weil er fachliche Argumente über politische Richtlinien stellt, aber möglicherweise auch, wegen seiner von ihm verschwiegenen Vergangenheit als Fahnenjunker der Wehrmacht. Im Zweiten Weltkrieg schwer verwundet erhielt er eine Beinprothese. Er kam in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurde Anhänger der kommunistischen Ideologie. Er wurde in der DDR nicht wie von ihm erhofft Minister oder Staatssekretär, sondern vorübergehend Leiter des Sektors Schwarzmetallurgie des Bezirks Potsdam, bis er auch diese Position vorübergehend verlor. Er ist Sohn eines Pfarrerehepaars Therese und Gottlieb Goretzka. Pfarrer Gottlieb Goretzka war in der Zeit des Nationalsozialismus in der Bekennenden Kirche aktiv und geschätzt. Johannes Goretzka verschweigt dies und untersagt Kontakte zu seinen in Westdeutschland lebenden Eltern. Johannes Goretzka wird als opportunistisch und humorlos, teilweise auch bösartig charakterisiert. Yvonne Goretzka (* 1921 als Yvonne Lebinski; † 1990) war bis 1949 Bürohilfskraft. Sie geht eine Versorgungsehe (im Gegensatz zur Liebesheirat) mit Johannes Goretzka ein, dank derer und nach ihrem widerwilligen Eintritt in die SED macht sie Karriere zunächst als Leiterin des Kulturhauses Weißensee und später als Stellvertreterin des Referatsleiters für Kinder- und Jugendfilm, Benaja Kuckuck. Sie passt sich an die Verhältnisse an und traut den SED-Medien. Yvonne „war keine Kämpferin für die Partei und nur Mitglied geworden, weil ihre berufliche Stellung dies erfordert hatte.“ „Sie war an der Politik eigentlich nicht interessiert.“ Ihr erster Partner Jonathan Schwarz ist als Jude auf der missglückten Flucht aus Deutschland umgekommen. Heinrich Lebinski (* 1886; † 1956) ist der Vater von Yvonne Lebinski. Er war Ingenieur bei Bergmann-Borsig. Er war Mitglied der SPD, aber aus dieser Partei ausgetreten, als diese mit der KPD zur SED vereinigt wurde. Liselotte, die Mutter von Yvonne, war Köchin. Kathinka Lebinski (* 1944) ist die Tochter von Yvonne Lebinski und ihrem Partner Jonathan Schwarz. Nach dem Abitur mit Berufsausbildung bei Berlin-Chemie studierte sie Philosophie an der Universität Leipzig. Danach wurde sie Mitarbeiterin des Verlags Edition Leipzig und nach der Friedlichen Revolution Mitarbeiterin der Bertelsmann Stiftung. Im Kapitel 1 des „Ersten Buches“ des Romans darf sie als beste Schülerin der 1. Klasse neben dem Präsidenten Wilhelm Pieck sitzen und mit ihm plaudern. Hinter der Romanfigur Kathinka steht Christiane Hein, Ehefrau des Autors. Rudolph Kaczmarek (* 1941) wurde Ehemann von Kathinka Lebinski. Er ist Pfarrerssohn, studierte an der Universität Leipzig Logik und wurde promoviert. Erst nach der Friedlichen Revolution bekam er eine Professur an der Universität Leipzig. Er ist Agnostiker. Die Figur trägt autobiographische Züge, d. h. es gibt Überschneidungen biographischer Merkmale zwischen Rudolph Kaczmarek und Christoph Hein. Heinrich Goretzka (* 1949) ist der Sohn von Yvonne und Johannes Goretzka. Er war an Tieren und Pflanzen interessiert. Er studierte Biologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er wurde überrumpelt zum Mitglied der Bauernpartei und Funktionär dieser Blockpartei. Benaja Kuckuck (* 1901; † 1990) ist ein international anerkannter Anglist (er hatte über Shakespeare gearbeitet) und Germanist. Er musste als Sohn eines Juden Deutschland verlassen und bekam in Sheffield eine Professur. Er wurde Mitglied der KPD, jedoch nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED nicht Mitglied der SED, sondern der LDPD. Er ist ein wachsamer, teils humorvoller, den kommunistischen Idealen verpflichteter kritischer politischer Beobachter. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam er in Westdeutschland und Österreich keine Professur aufgrund seiner kosmopolitischen linken Gesinnung und übersiedelte in die DDR. Hier bekam er keine Professur, weil er aus dem britischen und nicht dem sowjetischen Exil kam. Er wurde Referatsleiter für Kinder- und Jugendfilm der Hauptverwaltung beim Kulturministerium von Berlin. Er weiß, dass Künstler ihn misstrauisch als Zensor sehen. Friedhelm Böttiger ist ein Kameramann aus Babelsberg und Lebensgefährte des 20 Jahre älteren Benaja Kuckuck. Konstantin Sabinin ist ein freischaffender Bildhauer und Freund von Benaja Kuckuck. Ryszard Charpentier ist Romanist und Freund von Yvonne. Zunächst ist er Dozent an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin, wird nach dem Mauerbau aber entlassen, weil er den Mauerbau nicht begrüßt. Auch er ist Agnostiker. Suse Huschke (* um 1900) ist Haushalthilfe im Hause Goretzka.

Form Der Roman ist in vier Bücher gegliedert und diese in insgesamt 120 Kapitel. Die Kapitel sind weitgehend chronologisch geordnet. Ausnahmen von der chronologischen Ordnung sind die ersten drei Kapitel: Das erste Kapitel betrifft die Zeit nach Gründung der DDR, während die Kapitel 2 und 3 die Zeit des Nationalsozialismus betreffen und Kapitel 4 und folgende des ersten Buches die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Handlung (Auswahl)

Erstes Buch Einige der Hauptfiguren, wie Karsten Emser, die Gruppe um Walter Ulbricht, und Markus Fuchs, kennen sich aus dem russischen Exil. Walter Ulbricht und Karsten Emser trafen am 30. April bzw. 2. Mai 1945 in Berlin ein. Karsten Emser, dem früheren Ökonomieprofessor, wurde in dem von der sowjetischen Militäradministration eingesetzten antifaschistischen Magistrat von Groß-Berlin das Wirtschaftsressort zugewiesen (Kapitel 2).

Jonathan Schwarz, Lebenspartner von Yvonne Lebinski und heimlicher Vater von Kathinka Lebinski, will als Jude 1944 über die Schweizer Berge aus dem Deutsche Reich fliehen. In England hatte er eine gute Anstellung in Aussicht. Er ist verschollen. Möglicherweise wurde er durch seinen Kollegen und Mitflüchtling denunziert und ist eventuell in einem KZ umgekommen. (Kapitel 3)

„Yvonne hatte zwei Jahre nach dem Krieg den aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Johannes Goretzka kennengelernt, einen Krüppel...“ Johannes Goretzka wurde im Kontakt mit kommunistischen deutschen Emigranten begeisterter Bewunderer Stalins und kam am 5. Mai 1945 nach Berlin. Er wurde zunächst Sekretär eines Generaloberst und später Abteilungsleiter im Ministerium für Schwermaschinenbau. Er hoffte Staatssekretär zu werden. Yvonne und ihre Tochter Kathinka lernen das privilegierte Milieu des Ministeriums kennen. Aus materiellen Gründen, nicht aus Liebe, stimmt Yvonne der Heirat mit Johannes Goretzka zu. (Kapitel 5)

Yvonne wird auf Betreiben ihres Mannes Leiterin eines neuen Kulturhauses in Weißensee und bekommt dort doppelt so viel Geld wie bisher als Bürohilfskraft. Sie lernt Rita Emser kennen. Yvonne wird bedrängt, Mitglied der SED zu werden. Beide, Rita Emser und Johannes Goretzka, betonen mehrfach, dass Leitungsfunktionen nur von SED-Mitgliedern besetzt werden sollen, d. h. die parteipolitische Qualifikation ist wichtiger als die fachliche. (Kapitel 7)

Yvonne fühlt sich überfordert, will ihre Mitarbeiterinnen nicht herumkommandieren, soll es aber tun. Ohne Mitgliedschaft in der SED droht ihr die Kündigung. (Kapitel 8)

Yvonne „liebte ihn [Johannes] nicht, hatte ihn nie geliebt. Sie hatte der Heirat zugestimmt, da sie nicht wusste, wie sie allein mit ihrer Tochter zurechtkommen sollte.“ Um Kulturhausleiterin zu bleiben und nicht mehr „Tippse“ wie ihr Mann sagt, tritt Yvonne in die SED ein. (Kapitel 9)