mini| Das Sperrwerk Greifswald Das Sperrwerk Greifswald (auch Rycksperrwerk) ist ein Sturmflutsperrwerk in Mecklenburg-Vorpommern (MV), das nur bei Ostseesturmhochwasser in Aktion gesetzt wird. Es ist das größte technische Küstenschutzbauwerk an der deutschen Ostseeküste und schützt die Stadt Greifswald und die Niederungen an der Dänischen Wiek und am Ryck vor Überflutung. Im Normalfall steht das Sperrwerk offen, sodass Schiffe zu jeder Zeit in die Bundeswasserstraße Ryck einfahren und zum Stadthafen Greifswald gelangen können. Verantwortlich für Bau und Betrieb des 2016 in Betrieb genommenen Sperrwerks ist das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Vorpommern mit Sitz in der Hansestadt Stralsund.

Lage mini|Doppelklappbrücke über den Ryck in Wieck Die Universitäts- und Hansestadt Greifswald liegt im Nordosten von Mecklenburg-Vorpommern südlich der Insel Rügen. Ihr Stadtzentrum ist ungefähr fünf Kilometer von der Küste am Greifswalder Bodden entfernt. Von der Ostsee aus liegt das Sperrwerk unmittelbar hinter der Wieck Passage und dem Außenhafen im Greifswalder Stadtteil Wieck. Dahinter folgt der vier Meter tiefe Ryck, der mit einer Breite von rund 60 Metern bis zum Museumshafen Greifswald nördlich der Hansestadt reicht. Dazwischen liegt das Wahrzeichen von Wieck: die sehenswerte Klappbrücke nach holländischem Vorbild.

Bauwerk Das Sperrwerk besitzt eine Durchfahrtsbreite von 21 Meter und kann von Schiffen ohne Höhenbegrenzung befahren werden. Es fügt sich mit seinen beiden seitlichen Pfeilern ohne größere Hochbauten in die neue Deichlinie ein. Die deutlich geringere Breite am Sperrwerk steigert die Strömungsgeschwindigkeit in der Engstelle und erhöht dadurch den Schwierigkeitsgrad für Segelboote bei der Einfahrt unter Segeln. Der Hauptverschluss ist ein Drehsegmenttor, das beidseits an den Seitenscheiben mit dem Antrieb verbunden ist. Das rund 100 t schwere Tor liegt im geöffneten Zustand in einer Mulde auf der Sohle und bietet eine Durchfahrtstiefe von etwa −3,95 m NHN. Bei einer Warnung vor größerem Hochwasser können zwei hydraulische Antriebseinheiten in den Pfeilern das Tor um 90° in der horizontalen Achse zur Sperrstellung aufrichten. Mit einer weiteren Drehung um 90° schwenkt das Tor ganz nach oben, damit Revisionen und Reparaturen durchgeführt werden können.

Beidseits der beiden Pfeiler verlaufen zwischen Innen- und Außenhafen die Nord- und Südpromenade. Im Hochwasserfall können die beiden 17 Meter breiten Verbindungswege durch elektrisch angetriebene Schiebetore verschlossen werden. Die 25 t schweren Tore lagern seitlich innerhalb der Deiche. Alle Antriebe können bei Stromausfall noch autark über 10 Stunden mit einem Notstromaggregat versorgt werden. Falls bei starker Vereisung oder Eisgang eine längere Schließzeit erforderlich ist, kann das Ryckwasser durch zwei verschließbare Umläufe DN 2200 mm am Sperrwerk vorbei und in die Ostsee abfließen.

Geschichte Das flache Gelände an der Dänischen Wiek mit dem tief liegenden Stadtgebiet von Greifswald zählten zu den besonders hochwassergefährdeten Gebieten an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns. Durch heftigen Sturm aus Nordost wird aufgrund der großen Streichlänge auf der Ostsee das Wasser zwischen den Inseln Rügen und Usedom aus der Pommerschen Bucht in den Greifswalder Bodden gedrückt. Diese Situation tritt ungefähr ein Mal pro Jahr auf und erzeugt durch den Windstau und den Buchtenstau einen hohen Wasserstand in der Bucht der Dänischen Wiek. Dies hat in der Vergangenheit teilweise große Zerstörungen an der Küste ausgelöst. Von allen Küstenorten an der deutschen Ostseeküste war die Gegend am Greifswalder Bodden mit am stärksten von Hochwasser betroffen. Bisher am schlimmsten war das Ostseesturmhochwasser 1872 mit einem Wasserstand von 2,82 m NHN am Pegel Greifswald-Wieck, wodurch fast das gesamte Dorf in Wieck zerstört und ein Großteil vom Stadtgebiet Greifswald unter Wasser gesetzt wurde. Die katastrophalen Überschwemmungen, Landverluste und Durchbrüche an vielen Landengen der Ostsee führten in den Folgejahren zu einem systematischen Ausbau von Verteidigungslinien.

Schon zu Zeiten der DDR gab es 1965 bis 1973 erste Planungen zu einem Sperrwerk Greifswald, wobei 1967 auch Untersuchungen an einem hydraulischen Modell des Sperrwerks erfolgten. 1993 stellte das Land den Generalplan Küsten- und Hochwasserschutz Mecklenburg-Vorpommern auf und definierte erstmalig ein lückenloses Hochwasserschutzsystem für die Stadt Greifswald. Darin ist das Sperrwerk mit einer Kostenschätzung vom 10 Mio. DM genannt. Eine Studie zu Alternativlösungen nur mit Deichausbau fand keinen Zuspruch und mündete 1996 in der Festlegung auf ein Sperrwerk als bevorzugte Variante des Vorhabens Sturmflutschutz Greifswald. Nach der Planfeststellung 2006 folgte die Ausführungsplanung und der Beginn der Arbeiten im September 2008.

Unter weitgehender Erhaltung des Sandstrands bei Eldena wurde die bestehende Deichtrasse an den Sperrenstandort im Mündungsbereich der Ryck vor Wieck herangeführt und die Deiche erhöht und verstärkt. Zwei Jahre später begannen 2010 die Arbeiten zum Bau des Sperrwerks. Die Fertigstellung erfolgte mit der Einweihung und Inbetriebnahme am 27. April 2016.

Mit der Küstenschutzmaßnahme wurde die erste Deichlinie von den beiden Ufern des Ryck an die Boddenküste verlagert. Dadurch ist die alte Deichlinie von sieben Kilometer auf die Hälfte verkürzt worden, sodass weniger Unterhaltungsaufwand beim Küstenschutz notwendig ist. Das Sperrwerk ist ausgelegt für das aktuell gültige Bemessungshochwasser von 3,05 m NHN, bei dem ohne Sperrwerk zwei Drittel des Stadtgebiets von Greifswald unter Wasser stehen würde.

Die Kosten für das Sperrwerk beliefen sich am Ende auf 32 Millionen Euro und die Gesamtkosten des Sturmflutschutzes Greifswald betrugen 42 Mio. Euro.

Die erste Bewährungsprobe musste das Sperrwerk im Januar 2019 bestehen. Mit Wasserständen bis 1,30 m über dem mittleren Wasserstand wurde der Außenhafen in Wieck geflutet.

Im Winter 2025/26 erfolgte die im sechsjährigen Abstand vorgeschriebene große Bauwerksinspektion. Dazu wurde das Sperrwerk im November geschlossen und stand der Schifffahrt nicht zur Verfügung. Bei den Revisionen wurden Dichtungen getauscht und der Korrosionsschutz erneuert. Durch unvorhersehbare Änderungen entstanden Verzögerungen im Bauablauf und verlängerte die Sperrzeit bis Mitte Januar.

Weblinks

Sperrwerk Greifswald-Wieck auf structurae.net Sperrwerk Greifswald - Sturmflutschutz für die Universitäts- und Hansestadt auf baw.de

Einzelnachweise

Greifswald Kategorie:Erbaut in den 2010er Jahren Kategorie:Greifswalder Bodden Kategorie:Bauwerk in Greifswald