Le petit pauvre d’Assise (italienischer Zweittitel: Il poverello di Assisi; deutsch etwa: ‚Der kleine Arme von Assisi‘; op. 73) ist ein Oratorium oder eine geistliche Oper von Charles Tournemire (Musik). Der eigentliche Gattungstitel lautet „Cinq épisodes lyriques en 7 tableaux“. Das Werk ist somit in fünf „lyrische Episoden“ in sieben Bildern unterteilt. Das Libretto besteht aus Ausschnitten aus Joséphin Péladans Schauspiel François d’Assise aus dem Jahr 1906. Das Werk entstand in den Jahren 1937 bis 1939, wurde aber zu Lebzeiten des Komponisten nicht aufgeführt. Die Uraufführung fand erst am 8. Mai 2025 am Theater Ulm statt.
Handlung
Erste Episode: „Jeux“ – ‚Spiele‘
Erstes Bild. François ist in einem wohlhabenden Elternhaus aufgewachsen, dessen Reichtum auf kriegerische Auseinandersetzungen zurückgeht. Er interessiert sich für das Theater und inszeniert selbst ein Stück über die Musen der Antike. Dieses unbekümmerte Leben bietet ihm jedoch keine Erfüllung. Als er einer Bettlerin begegnet, beschließt er, sich von nun an im christlichen Sinne ausschließlich den Armen zu widmen. Seine Freunde können diese plötzliche Wandlung nicht nachvollziehen.
Zweite Episode: „Le Chevalier“ – ‚Der Ritter‘
Zweites Bild. Da François’ Vater Bernardone mit dieser Entwicklung nicht einverstanden ist, sondern seinen Sohn am liebsten als Ritter sehen würde, sagt sich François öffentlich von ihm los und verzichtet auf sein Erbe. Er kümmert sich stattdessen um den Wiederaufbau einer alten Kapelle. Kinder verspotten ihn.
Dritte Episode: „La Vocation de Claire“ – ‚Claires Berufung‘
Drittes Bild. Die junge Adlige Claire beschließt, François zu folgen. Er nimmt sie in seinen neuen Orden auf.
Viertes Bild. Es kommt zu heftigen Konflikten, in deren Verlauf Claires Vater Favarone François der Verführung seiner Tochter beschuldigt und mit Gewalt droht.
Vierte Episode: „Les Stigmates“ – ‚Die Stigmata‘
Fünftes Bild. François’ Orden ist gefestigt, sein Verhältnis zu Claire freundschaftlich innig. In seinem Sonnengesang besingt er die Sonne als „göttliches Licht“.
Sechstes Bild. In einer großen Soloszene bittet François Gott darum, Christi Leiden selbst nacherleben zu können. Er erhält die Stigmata, Jesus Wundmale bei seinem Tod am Kreuz. Das besiegelt auch seinen eigenen Tod.
Fünfte Episode: „La Mort“ – ‚Der Tod‘
Siebtes Bild. Nach seinem erfüllten Leben stirbt François unter dem Gebet des 141. Psalms und dem Geräusch flatternder Lerchen, seiner Gefährten, die Gott in ihrem Flug besonders nahe kommen.
Gestaltung
Orchester
Die Orchesterbesetzung des Werks umfasst die folgenden Instrumente:
Holzbläser: Piccoloflöte (gelegentlich auch große Flöte), zwei Flöten, zwei Oboen, Englischhorn, zwei Klarinetten, Bassklarinette, drei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, drei Trompeten, drei Posaunen zwei Harfen Schlagwerk: Pauken, Becken (Cymbales antiques), Triangel, Gong Glockenspiel Orgel, Celesta, Cembalo zwei Gitarren Viola d’amore Streicher: Violinen 1, Violinen 2, Bratschen, Violoncelli, Kontrabässe Bühnenmusik (ggf. aus dem großen Orchester besetzt): zwei Flöten, zwei Hörner, Trompete, Harfe, zwei Gitarren, Streichquintett
Musik
Tournemires Le petit pauvre d’Assise weist einige Gemeinsamkeiten mit der vierzig Jahre später entstandenen Franziskus-Oper Saint François d’Assise seines inoffiziellen Schülers Olivier Messiaen auf. Es gibt Parallelen im dramaturgischen Aufbau und Handlungsverlauf. Beide Komponisten nutzen ihre musikalischen Mittel vorrangig zur Charakterisierung des Heiligen. Sie vertonten den Text überwiegend syllabisch mit einer variablen Metrik und verwendeten Mixturklänge und modale Skalen. Anders als Messiaen, der beispielsweise Anspielungen auf ein Liebesleben des Heiligen kategorisch ausschloss, nutzte Tournemire auch dramatische Mittel wie Selbstreflexionen der Figuren oder Wendepunkte in der Handlung. Seine Oper wirkt nicht monumental, sondern radikal verinnerlicht.
Die Musik ist polystilistisch. Eine Besonderheit ist, dass die Solostücke der Titelfigur von einer außerhalb des Orchestergrabens spielenden Viola d’amore begleitet werden. In der Sterbeszene intoniert eine auf der Bühne spielende Solotrompete einen Choral. Das Werk endet im dreifachen Piano mit einer Kadenz in Fis-Dur – Messiaens Oper endet dagegen in einem fortissimo gespielten C-Dur-Akkord.
Werkgeschichte
mini|Erste Seite des autografen Partitur-Manuskripts
Le petit pauvre d’Assise ist das vierte und letzte Bühnenwerk des französischen Organisten und Komponisten Charles Tournemire. Die Gattungsbezeichnung lautet „Cinq épisodes lyriques en 7 tableaux“ (‚fünf lyrische Episoden in 7 Bildern‘). Die Enzyklopädie Die Musik in Geschichte und Gegenwart bezeichnet es wie auch das Vorgängerwerk La légende de Tristan als Oratorium. Die Nennung der „Bilder“ weist jedoch auf eine szenische Aufführung auf der Bühne hin. Es wird daher auch als geistliche Oper angesehen.
Tournemire stellte das Libretto selbst aus dem damals noch unveröffentlichten Schauspiel François d’Assise seines verstorbenen Schwagers Joséphin Péladan zusammen. Die Komposition entstand in den Jahren 1937 bis 1939. Die Partitur vollendete er am 27. September 1939, drei Wochen nach der französischen Kriegserklärung im Zweiten Weltkrieg.
Zu Lebzeiten des Komponisten, der bereits einen Monat nach Fertigstellung starb, kam das Werk nicht mehr zur Aufführung. Die Uraufführung fand erst am 8. Mai 2025 am Theater Ulm statt, wo einige Jahre zuvor auch La légende de Tristan mit großem Erfolg uraufgeführt worden war. Die Inszenierung stammte von Kay Metzger, dem Intendanten des Theaters. Für die Ausstattung sorgte Heiko Mönnich, für das Lichtdesign Johannes Grebing. Der Ulmer Generalmusikdirektor Felix Bender leitete das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm und den Opernchor des Theaters Ulm. Es sangen Samuel Levine (François d’Assise), Maryna Zubko (Claire d’Assise), Dae-Hee Shin (Favarone), Cornelius Burger (Bernardone), Milcho Borovinov (Bischof Guidoy), Markus Francke (Bernard de Quintavalle), Martin Gäbler (Égide), Joshua Spink (Léon), Jean-Baptiste Mouret (Elie Bombarone und Gentile de Campilio), I-Chiao Shih (Bettlerin), Michael Burow-Geier (Bettler und Arzt), Laura Curry (Cecilia/Euphrosine), Sungeun Park (Angeluccia/Thalie), JungYoun Kim (Stella/Aglaé), Kiki Sirlantzi (Euterpe), Yuka Fukuda (Clio und Calliope), Yeani Park (Melpomène und Thalie), Lisa Eisenreich (Erato), Eleonora Halbert (Uranie und Terpsichore) und Alyce Daubenspeck (Polymnie). Bei einigen der Folgeaufführungen übernahm David Pichlmaier die Titelrolle.
Im Vorfeld informierte das Theater auch den Vatikan über die geplante Produktion. Die Antwort traf am 24. März 2025 ein: „Papst Franziskus erbittet für alle, die an der Uraufführung mitwirken, von Herzen Gottes Segen“. Franziskus selbst erlebte die Aufführung aufgrund seines Todes am 21. April nicht mehr. Sein Nachfolger Leo XIV. stellte sich nur wenige Minuten vor Beginn der Aufführung der Öffentlichkeit vor.
Die Produktion erhielt hervorragende Kritiken. Der Rezensent der Opernwelt nannte die Oper ein „über sich selbst hinausweisendes, offenes und allgemein gültiges Kunstwerk“ und verglich ihren Rang mit Olivier Messiaens Saint François d’Assise und Francis Poulencs Dialogues des Carmélites. Der Rezensent der Deutschen Bühne schrieb von einer „sensationellen Aufführung“. Trotz der wenig dramatischen Handlung habe Metzger „immer wieder sinnige und am Ende sogar zutiefst ergreifende Bilder“ gefunden. Auch die Leistungen der Sänger fand er „sehr erfreulich“. Der Rezensent der FAZ bezeichnete die gelungene Produktion als „Wunder von Ulm“. In der Kritikerumfrage der Opernwelt wurde sie zur „Uraufführung des Jahres“ gewählt.
Wie schon bei La légende de Tristan gab Kay Metzger parallel zur Uraufführungsproduktion eine Edition der Oper in Auftrag. Sie stammt von Michael Weiger und erschien im Belle Musique Verlag. Weiger veröffentlichte außerdem eine symphonische Suite aus den Orchesterstücken des Werks.
Aufnahmen
8. Mai 2025 – Felix Bender (Dirigent), Philharmonisches Orchester Ulm, Opernchor des Theaters Ulm. Samuel Levine (François d’Assise), Maryna Zubko (Claire d’Assise), Dae-Hee Shin (Favarone), Cornelius Burger (Bernardone), Milcho Borovinov (Bischof Guidoy), Markus Francke (Bernard de Quintavalle), Martin Gäbler (Égide), Joshua Spink (Léon), Jean-Baptiste Mouret (Elie Bombarone und Gentile de Campilio), I-Chiao Shih (Bettlerin), Michael Burow-Geier (Bettler und Arzt), Laura Curry (Cecilia/Euphrosine), Sungeun Park (Angeluccia/Thalie), JungYoun Kim (Stella/Aglaé), Kiki Sirlantzi (Euterpe), Yuka Fukuda (Clio und Calliope), Yeani Park (Melpomène und Thalie), Lisa Eisenreich (Erato), Eleonora Halbert (Uranie und Terpsichore), Alyce Daubenspeck (Polymnie). Live aus dem Theater Ulm; Mitschnitt der Uraufführung. Radioübertragung bei ARD Oper.
Weblinks
Autografes Manuskript des Klavierauszugs von 1923. Digitalisat bei Gallica Trailer der Theaters Ulm auf YouTube Wolfgang W. Müller: Der Weg der Gnade: Zwei Opern über den Heiligen Franziskus. In: Communio. 14. August 2026
Einzelnachweise
Tournemire: Il poverello di Assisi – Le petit pauvre d’Assise op. 73 (1939) im Belle Musique Verlag, abgerufen am 18. Januar 2026. Tournemire: Franciscus – Suite symphonique im Belle Musique Verlag, abgerufen am 18. Januar 2026. Charles Tournemire – „Le pauvre d’Assise“ im Programm von BR-Klassik am 21. Juni 2025, abgerufen am 18. Januar 2026. Guido Krawinkel: Tournemire-Sensation in Ulm. Rezension der Uraufführung. In: Die Deutsche Bühne. 9. Mai 2025, abgerufen am 18. Januar 2026. Jan Brachmann: Tournemire-Uraufführung: Das Wunder von Ulm (eingeschränkte Vorschau). In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 11. Mai 2025, abgerufen am 18. Januar 2026. Jürgen Maehder: St. Franziskus von Assisi. In: Christian Buhr, Michael Waltenberger, Bernd Zegowitz (Hrsg.): Mittelalterrezeption im Musiktheater. Ein stoffgeschichtliches Handbuch. De Gruyter, Berlin/Boston 2021, ISBN 978-3-11-042408-9, S. 385. Guido Krawinkel: Habemus Opus! In Ulm wurde die Oper „Le petit pauvre d’assise“ von Charles Tournemire uraufgeführt. In: Neue Musikzeitung. 11. Mai 2025, abgerufen am 18. Januar 2026. Götz Thieme: Mehr als nur mystischer Katholizismus. Rezension der Uraufführungsproduktion. In: Opernwelt. Ausgabe Juli 2025, S. 4 (eingeschränkte Vorschau; Abonnement für den vollständigen Text erforderlich). Jürgen Otten: Das Buch der Unruhe. Was bleibt von 2024/25? In: Opernwelt-Jahrbuch 2025, S. 52 ff. Angabe in der Partitur (Ausschnitt; PDF; 116 kB beim Belle Musique Verlag). Stephen Schloesser: Approaching 100 Years of L’Orgue mystique: Unveiling the Symbolist’s Libretto for a Second Century’s Performances. In: Philip Feldhordt, Matthias Geuting, Stefan Keym (Hrsg.): Poesie und Mystik. Beiträge zum Schaffen von Charles Tournemire (= Folkwang Studien. Band 26). Georg Olms, Baden-Baden 2026, ISBN 978-3-487-17148-7, S. 80. Elisabeth Schmierer: Charles Tournemires Les Dieux sont morts in der Gattungstradition der französischen Oper. In: Philip Feldhordt, Matthias Geuting, Stefan Keym (Hrsg.): Poesie und Mystik. Beiträge zum Schaffen von Charles Tournemire (= Folkwang Studien. Band 26). Georg Olms, Baden-Baden 2026, ISBN 978-3-487-17148-7, S. 461. Katja Stolle-Kranz: Theater Ulm: Franziskus-Oper mit päpstlichem Segen auf swr.de. 8. Mai 2025, abgerufen am 18. Januar 2026. Informationen zur Uraufführungsproduktion am Theater Ulm, abgerufen am 18. Januar 2026.
Kategorie:Operntitel Kategorie:Oper in französischer Sprache Kategorie:Oper aus dem 20. Jahrhundert Kategorie:Musik 1939 Kategorie:Oratorium Kategorie:Werk über Franz von Assisi