mini|Peter Handke (1983) Kaspar ist der Titel eines 1967 publizierten Theaterstücks von Peter Handke. Inspiriert durch die historische Figur des Kaspar Hauser, des „Findlings auf der Suche nach seiner Identität“, entwickelt der Autor ein „Modell für den noch ungeprägten Menschen, der von seiner Umwelt vereinnahmt wird“.Siegfried Kienzle: Schauspielführer der Gegenwart. Interpretationen zum Schauspiel ab 1945. Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1978, S. 272.

Inhalt

Überblick In seinem Vorwort erläutert der Autor seine Intention. Sein Stück zeige nicht, wie „ES WIRKLICH IST oder WIRKLICH WAR mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was MÖGLICH IST mit jemandem. Es zeigt, wie jemand durch Sprechen zum Sprechen gebracht werden kann. Das Stück könnte auch ›Sprechfolterung‹ heißen“.Peter Handke: Kaspar. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1968, S. 7, 8, 9. Diese Entwicklung zur Konformität wird in 65 Szenen „als theatralische[r] Vorgang“ auf der Bühne demonstriert, mit Gegenständen, die „sofort als Requisiten erkennbar“ sind.

Nach Kaspars Auftritt auf der Bühne und seinen Orientierungsproblemen in der neuen Welt zerstören die unsichtbaren „Einsager“ seinen Ur-Satz und beginnen mit seiner Sozialisierung. Mit dem Aufbau des konventionellen Sprachsystems verbunden, trainieren sie ihm die Regeln der gesellschaftlichen Ordnung. Am Ende des ersten Teils ist Kaspar, neben weiteren Kaspars, ein konformes Mitglied der Gesellschaft. Diese Doppelgänger bringen im zweiten Teil lärmend seinen Vortrag über seine erfolgreiche Sozialisation und seine Erfahrungen mit der Sprache durcheinander. Kaspar erkennt am Schluss, in eine Falle geraten zu sein. Der zweite Teil des Spiels ist die „verdichtete Rekapitulation“ des ersten,Peter Iden: Triumph und Pleite der Wörter. Zu Handkes ›Kaspar‹. In: Theater heute, 1970, H. 10, S. 28. aber auch, „als gegenläufiges Analogon, dessen paradoxe Aufhebung: Dem Aufbau von Relationen wird deren Destruktion gerade durch das Fortwirken des Ordnungsmechanismus gegenübergestellt“.Kindlers Literaturlexikon in dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1974, Bd. 24, S. 10737.

Theatralischer Vorgang

Motto: 16 jahr, Gedicht von Ernst Jandl

1. Teil, Szene 1: „Hinter dem Vorhang an der Rückseite des Bühnenraums entsteht eine Bewegung […] der Versuch durchzukommen“.

2: Kaspar erscheint durch einen Spalt im Vorhang in theatralischer Aufmachung mit einem „Ausdruck der Verwunderung und Verwirrung“: sein Gesicht ist eine Maske, er hat keine Ähnlichkeit mit einem Spaßmacher. „Er ist die verkörperte Verwunderung“. 3–7: „Er setzt sich in Bewegung […] Seine Art zu gehen ist eine sehr mechanische, künstliche, eine, die es nicht gibt“ […] Er fängt an zu sprechen „Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein andrer gewesen ist“ und wiederholt immer wieder diesen Satz.

8–16: Mit der 8. Szene beginnt die destruktive Phase: „[V]on allen Seiten setzen jetzt [unsichtbare] Einsager ein, die Kaspar durch Sprechen zum Sprechen bringen“: „Du hast einen Satz, mit dem du selber schon alles sagen kannst, was du anderen nicht sagen kannst. […] mit dem du jede Unordnung im Vergleich zu einer anderen Unordnung als verhältnismäßige Ordnung bezeichnen kannst. […] Du kannst dir nichts mehr vorstellen ohne den Satz […] Du wirst aufmerksam auf dich […] und mit dem Satz lernst du zu sprechen und mit dem Satz lernst du, dass du sprichst […] und zu lernen lernst […] und du lernst mit dem Satz, Ordnung zu lernen“. Während dieser Instruktionen wird Kaspar immer unsicherer, sein Satz gerät ins Stocken, er erprobt das Mobiliar und die Requisiten und bringt dadurch die Bühne in Unordnung, bis er still sitzen bleibt. 17: Nach dieser Vorbereitung „treiben“ die Einsager Kaspar nach und nach durch das Sprechen anderer Sätze „seinen Satz aus“. Anfangs wehrt er sich dagegen, aber sein Satz zerfällt immer mehr in einzelne Laute: „Du kannst dich gegen keinen Satz wehren […] Weil du von nichts den Namen weißt, tut dir alles weh, wenn du auch nicht weißt, dass es dir weh tut, weil du nicht weißt, was das Wort Wehtun bedeutet […] Du gewöhnst dich schon an andere Sätze, so dass du ohne sie nicht mehr auskommst. Du kannst dir deinen Satz für sich allein schon nicht mehr vorstellen“. Parallel zu Kaspars Zerlegung seines Satzes reden die Einsager auf ihn ein: „Ordnen, Stellen, Legen, Setzen.“

18–26: Nach der Destruktion des Satzes beginnt die konstruktive Phase: „Kaspar wird zum Sprechen gebracht“, zugleich wird sein Denken ordnungsgemäß strukturiert. Die Einsager bringen ihm Wörter und Sätze bei, die Kaspar mühsam nachspricht. „Damals als ich noch weg war, habe ich niemals so viele Schmerzen im Kopf gehabt, und man hat mich nicht so gequält wie jetzt seit ich hier bin. […] Ich sah weder etwas noch hörte ich etwas, und es ging mir gut.“ Aber er erkennt („wie ich jetzt erst sehe“), was er bisher alles getan hat. Er entdeckt die Ordnung als Prinzip („Seit ich sprechen kann, kann ich ordnungsgemäß aufstehen.“) und die Einsager erklären ihm: „Du bist in Ordnung, wenn du von dir selber keine Geschichte mehr zu erzählen brauchst: du bist in Ordnung, wenn sich deine Geschichte von keiner andern Geschichte mehr unterscheidet“ (20). Kaspar lernt die Ordnung: das Binden des Schuhbands (21), den Sitz der Hose (22), das ordentliche Zuknöpfen der Jacke (23). Er räumt die Bühne auf, begleitet von Klischeesätzen der Einsager (25): „Jeder ist für seinen Fortschritt verantwortlich […] Jeder sagt ja zu sich selbst […] Nur wer gesund ist, kann viel leisten […] Die Zeit richtig einteilen […] Mit einem freundliche Lächeln andeuten, dass du die Arbeit gerne tust [...] Du musst selbständig handeln können […] Es kommt darauf an, dabei zu sein. […] Die Ordnung der Gegenstände schafft alle Voraussetzungen für das Glück […] Du bist nicht zum Vergnügen auf der Welt“. Kaspar übernimmt diese Gedanken (26): „Alles, was ich beim Namen nennen kann, ist nicht mehr unheimlich […] alles, was ordentlich ist, ist schön […] alles, was in Ordnung ist, ist in Ordnung, weil ich mir sage, dass es in Ordnung ist“. 27–32: Die Einsager lehren Kaspar Satzmodelle und damit verbundene Denkweisen: „Du sprichst zuende, du denkst zuende“, „Das Urteil ist hart, aber gerecht“, „Der Arme ist arm, aber glücklich“, „Je lieber der Tisch gedeckt ist, desto liebevoller kommst du nach Hause“ „Je weiter nach Süden, desto fauler die Leute“, „Jeder Mensch verdient Achtung, auch eine Putzfrau“. Die Einsager schließen ihr Sprach- und Denkschulungsprogramm mit einem Resümee ab: „Du weißt, was du sagst. Du sagst, was du denkst“, „Du willst nur, was alle wollen“, „Du kannst nichts sagen, was du nicht auch denkst“, „…weil du nichts anderes denken darfst als das, was du sagst. Denk, was du sagst“, „Du bist aufgeknackt“.

33–58: Kaspar ist nun ein austauschbares Modell. Nacheinander treten weitere Kaspars auf. Kaspar spricht über seine Entwicklung („Ich bin stolz auf das Erreichte“, „Mein Kopf ist heiter geworden“), seine Eigenschaften („ich bin bei allen beliebt“, „Ich bin für alle da“, „Ich habe keine besonderen Kennzeichen“) und seine Wünsche, die seine Anpassung an die Gesellschaft ausdrücken: „Ich möchte mitwirken“, „Es ist schon immer mein Wunsch gewesen, dabeizusein“, „ich möchte jetzt kein andrer mehr sein“, „Ich weiß jetzt, was ich will: Ich will still sein“.

59: Während der Pause hören die Zuschauer über Lautsprecher die „Pausentexte“, zusammengesetzt aus dem Programm der Einsager, Redewendungen und Originalaufnahmen öffentlicher Sprecher jeder Art.

2. Teil, Szenen 60–61: Während die Kaspars auftreten und Pakete auspacken, rezitieren die Einsager Sätze über das „Dreinschlagen“ und „In-Ordnung-Bringen“, bei dem man „nicht so still und ordentlich [ist] wie später, wenn man - selber durch die an andere verteilte Tracht Prügel in Ordnung gebracht - mit ruhigem Gewissen die in Ordnung gebrachte Welt genießen will und kann“, „Die in Ordnung Gebrachten […] sollen jetzt danach trachten ohne Zwang und Schläge aus eigener Kraft neue Wege zu zeigen, indem sie für alle gültigen Sätze suchen […] auch die anderen sollen endlich wollen können was sie selber jetzt wollen sollen können“. 62–65: Der Original-Kaspar erzählt nun mit einer den Einsagern ähnlichen Stimme die Geschichte seiner sprachlichen Sozialisation und seine Reflexionen darüber: „ich war ohne Bewusstsein“, „ich selber verstellte mir die Sicht“, „Ich lernte alles was leer war mit Wörtern zu füllen“, „für jeden Riss in der Mauer habe ich Sätze als Listen, die mir helfen die Lage nicht zu verschlimmern“. Er trägt Redewendungen und Klischees vor, die mit „jeder“ oder „keiner“ beginnen: „Jeder muss frei sein jeder muss dabei sein“, „kein Jugendlicher darf herumlungern“. Er resümiert: „Schon mit meinem ersten Satz bin ich in die Falle gegangen […] Ich bin zum Sprechen gebracht. Ich bin in die Wirklichkeit überführt“. 65: Kaspar schließt mit der Erkenntnis: „ich habe mich selber noch erlebt“, „ich komme nicht mit dem Schrecken davon“, „Ich bin nur zufällig ich“. Während seiner Rede erzeugen die anderen Kaspars einen immer höllischeren Lärm, kichern, werden still, zappeln immer weniger und werden vom sich schließenden Vorhang umgeworfen.

Interpretation Kaspar wird von der Literaturkritik als thematische Fortführung der Publikumsbeschimpfung (1966) und als weiteres Beispiel für Handkes Poetik angesehen, nach der das Theater „den Mechanismus eines entstehenden Normenzwanges, der für den einzelnen das Bild von Wirklichkeit prägt, im Spiel vorführen und erklären“ soll. „Verursacher und Vermittler dieser Normen“ sei die Sprache selbst, durch sie werde „der einzelne sozialisiert, in das herrschende System eingegliedert – auf Kosten seiner Individualität“ in einem „Prozess individualitätszerstörender Anpassung.“Hans Gerd Rötzer: Geschichte der deutschen Literatur. C.C. Buchner Verlag Bamberg, 1992, S. 452. Dementsprechend ist für Strauß das Thema des Spiels Kaspar die „Manipulierbarkeit des einzelnen durch die öffentlich verordnete Sprache“Botho Strauß: ›Kaspar‹-Aufführungen in Frankfurt und Oberhausen. In: Theater heute, 1968, H. 6, S. 30/31. Zitiert in: Kindlers Literaturlexikon in dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1974, Bd. 24, S. 10737. im Zusammenhang mit dem Aufbau und die Zerstörung sprachlicher Beziehungen. In Handkes Titelvorschlag „Sprachfolterung“ komme dies deutlich zum Ausdruck: „der Mensch als Produkt dessen, was ihm eingesagt und vorgesagt wird. […] Kaspar Hauser, der Findling auf der Suche nach seiner Identität, ist Modell für den noch ungeprägten Menschen, der von seiner Umwelt vereinnahmt wird.“Siegfried Kienzle: Schauspielführer der Gegenwart. Interpretationen zum Schauspiel ab 1945. Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1978, S. 272.