Das Lemkin Institute for Genocide Prevention (LIGP), oder nur Lemkin Institute, ist eine US-amerikanische Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Philadelphia, die in mehreren Ländern aktiv ist. Die Organisation will zur Genozidprävention und einer Vernetzung zivilgesellschaftlicher Akteure beitragen.
Gründung Das Institut entstand 2021 aus dem Iraq Project for Genocide Prevention and Accountability, das im Jahr 2017 von der Holocaust- und Genozidexpertin Elisa von Joeden-Forgey und Irene Victoria Massimino in der Folge des durch DAESH begangenen Völkermords an den Jesiden gegründet wurde. Das Lemkin-Institut wurde nach Raphael Lemkin (1900–1959) benannt, einem jüdischen Anwalt und Überlebenden des Holocausts, der den Begriff des Völkermords mitgeprägt hat. Seit 2024 ist das Lemkin-Institut Mitglied der internationalen Initiative Global Action Against Mass Atrocity Crimes.
Das Lemkin-Institut finanziert sich durch Spendenakquise und den Verkauf von Merchandise. Im Jahr 2023 betrug der Umsatz 10.300 US-Dollar. Eine staatliche Förderung oder die Annahme von Großspenden lehnt das Lemkin-Institut ab mit dem erklärten Ziel, Unabhängigkeit zu wahren und veröffentlicht jährliche Transparenzberichte.
Ziele und Methoden Die Völkermorddefinition der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords sieht das Lemkin-Institut als zu eng gefasst und definiert Genozid nach zehn von Gregory Stanton definierten Kriterien, die in einem achtstufigen Prozess geprüft werden. Das Ziel ist eine frühzeitige Erkennung von Genozidrisiken. Bei drohenden Genoziden veröffentlicht das Lemkin-Institut „Red Flag Alerts“ und ruft zu Präventionsmaßnahmen auf. Wenn das Lemkin-Institut von einem Genozid ausgeht, spricht es „Active Genocide Alerts“ aus und veröffentlicht ergänzend fachliche Gutachten.
Aktivitäten Das Lemkin-Institut veröffentlichte unter anderem Stellungnahmen zu folgenden Konflikten:
Bergkarabachkonflikt seit 2021
Ab dem Jahr 2021 sprach das Lemkin-Institut Warnungen vor genozidaler Gewalt durch Aserbaidschan an Armeniern aus, nachdem der Latschin-Korridor zwischen Armenien und Bergkarabach durch aserbaidschanische Soldaten blockiert worden war. Im September 2023 gab das Lemkin-Institut auf dem Höhepunkt des Offensive Aserbaidschans gegen Arzach auf Grundlage eines 126-seitigen Berichts eine Genozidwarnung heraus. Neben der Aussprache von Warnungen setzte sich das Lemkin-Institut für eine Ahndung der in dem Konflikt begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.
Russischer Überfall auf die Ukraine seit 2022
Das Lemkin-Institut beteiligte sich mit weiteren zivilgesellschaftlichen Akteuren an einer Klage vor dem Internationalen Strafgerichtshof zur Ahndung der Verschleppung ukrainischer Kinder nach Russland.
Krieg in Israel und Gaza seit 2023 Das Lemkin-Institut veröffentlichte im Dezember 2023 eine Erklärung, in der es Israels Vorgehen im Gazastreifen als Völkermord verurteilte. Nachfahren von Raphael Lemkin kritisierten die Entscheidung, die zu einem Streit um den Namen des Instituts führte.
Zweite Präsidentschaft von Donald Trump seit 2025 Am Tag der zweiten Amtseinführung von Donald Trump gab das Lemkin-Institut eine Genozidwarnung für die USA heraus, nachdem Elon Musk zweimal eine Geste zeigte, die von vielen Beobachtern als Hitlergruß gewertet wurde. Das Lemkin Institut warnte vor einer Einschränkung der Schutzrechte Geflüchteter und Angehöriger der LGBTQ-Community und dem Abbau von demokratischen Strukturen.
Rechte von transgeschlechtlichen Menschen Das Lemkin-Institut hat den genderkritischen Feminismus als „genozidale Ideologie, die die vollständige Auslöschung der Transidentität weltweit anstrebt“ beschrieben. In einer Stellungnahme zu diesem Thema argumentierte das Lemkin-Institut, dass die Rhetorik von Anti-Trans-Aktivisten, die Transfrauen als gefährlich darstellen, nicht auf Fakten beruhe, sondern vielmehr dazu diene, Zustimmung für Anti-Trans-Gewalt zu erzeugen. Im Jahr 2022 erklärte das Lemkin-Institut die Anti-Trans-Gesetzgebung in den Vereinigten Staaten als genozidial und spricht dabei in einem Bericht von 2026 von einem „Genozid an trans Menschen“. Im Juni 2025 veröffentlichte das Lemkin-Institut eine Stellungnahme zu den Rechten von trans- und intergeschlechtlichen Menschen im Vereinigten Königreich, in der es feststellte, dass die Maßnahmen britischer staatlicher Institutionen, einschließlich der Leitlinien der Equality and Human Rights Commission (EHRC) und der Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs des Vereinigten Königreichs, Teil eines „umfassenderen Prozesses der Auslöschung“ seien. Dem Institut zufolge „passen alle [in seinem Bericht] beschriebenen Maßnahmen nahtlos in das 9. Muster des Völkermords: ‚Leugnung und/oder Verhinderung der Identität‘“.
Rezeption Die Berichte des Lemkin-Instituts werden durch die Plattform Media Bias/Fact Check als überwiegend sachlich, aber tendenziell wertend eingestuft.
Im Januar 2026 wurde bekannt, dass das Institut in Russland zu einer unerwünschten Organisation erklärt worden war.Нежелательные организации пополнились 21 января
Namensstreit In November 2024 erklärte Joseph Lemkin, ein Nachfahre des Namensgebers Raphael Lemkin, dass dieser ein überzeugter Zionist gewesen sei, und kritisierte, dass das Lemkin-Institut Israel einen Genozid vorwerfe. Mit Unterstützung der European Jewish Association fordern Joseph Lemkin und andere Mitglieder der Familie Stand Mai 2026 von den Behörden in Pennsylvania eine Untersuchung, ob die Nutzung des Namens Lemkin missbräuchlich sei. Die Familie erhielt im Januar 2026 Unterstützung von über 100 Holocaust- und Genozidforschern, die erklärten, die Nutzung von Lemkins Namen dabei, dem jüdischen Staat Völkermord vorzuwerfen, sei „nichts weniger als eine Umkehrung des Holocaust“.
Weblinks Lemkin-Institut Lemkin-Institute for Genocide Prevention (Policy commons) Reading Lemkin Today: Is Genocide Law Fit for the Purpose He Intended? (Harvard Human Rights Journal)
Einzelnachweise
Kategorie:Organisation (Philadelphia) Kategorie:Genozidforschung Kategorie:Forschungseinrichtungsgründung 2021 Kategorie:„Unerwünschte ausländische Organisation“ in Russland