mini|Benjamin Samuel Bolomey (1739–1819): Porträt von etwa 1780 Tobias Boas (* 3. November 1696 in Den Haag; † 27. November 1782 daselbst) war ein auch außerhalb der Republik der Vereinigten Niederlande einflussreicher Bankier, Kaufmann und einer der führenden Köpfe der jüdischen Gemeinde. Er erlangte europaweite Bekanntheit als Finanzier von Königshäusern und des Statthalterhofs in der Republik, unterstützte diese aber auch mit beträchtlichen Mitteln. Zudem spielte er eine herausragende Rolle im wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Leben seiner Heimatstadt.
Leben mini|„Abbildung wie bey den glucklichen Einzug unsers Durchlauchtigsten Herrn Erbstadhalters mit desselben Gemahlin Königliche Hoheit in Dem Haag der Banquier Tobias Boas sein Hauss den 9. Novembr. 1767 illuminiret“, 57,6 × b 37,5 cm (Illuminierung des Boas’schen Hauses anlässlich des Besuches von Willem V., des Prinzen von Oranje-Nassau, und seiner Frau Wilhelmine von Preußen) Boas wurde in Den Haag als Sohn des aschkenasischen Juden Abraham Boas (1661–1746) und der Mirjam (oder Marya) Magnus geboren. Sie war Tochter des jüdischen Metzgers Tobias Magnus. Abraham Boas kam im polnischen Śrem zur Welt. Er ließ sich in Den Haag nieder, wo er 1690 die Haager Bürgerschaft erwarb.
1696 kaufte er das große Wohnhaus Salomo’s Tempel in der St. Jacobsstraat. 1703 versuchte er, Aufnahme in die Weinhändlergilde zu finden, wurde jedoch abgewiesen. Daraufhin widmete er sich dem Handel mit Juwelen, Gold und Textilien. 1716 ging Abraham mit seinem etwa zwanzigjährigen Sohn Tobias eine Zusammenarbeit mit Hendrik van de Casteele ein. Aus dieser Zusammenarbeit entstand das Bankhaus Boas.
Tobias Boas baute die Unternehmungen seines Vaters weiter aus und fand mit seiner Bank auch außerhalb der Niederlande Anerkennung. 1727 übernahm Tobias Boas das Bankhaus seines Vaters, handelte aber weiterhin mit Juwelen. Er galt sogar als der Juwelen- und Silberspezialist von Den Haag. Für alle bedeutenden (auch nichtjüdischen) Familien seiner Heimatstadt taxierte er Juwelen und wurde zum Finanzier der Oranier. Er verhalf der Republik während der Krise von 1750 zu entscheidenden Geldsummen. Dazu nahm er einen Privatkredit von mehr als einer Million Gulden auf. mini|Verpflichtung Boas’, einen Teil des Gehaltes für Rabbi Shaul Halevi zu übernehmen, 1748 Er heiratete drei Mal, nämlich 1712 Duyfje Levi, 1722 Sara Symons aus Amsterdam und 1757 Scheba Mozes Goldsmit, Witwe des Michiel Mozes Goldsmit aus Königsberg. Aus den ersten beiden Ehen gingen sechzehn Kinder hervor, von denen fünf früh starben. Seine erwachsenen Kinder verheiratete Boas mit herausragenden Angehörigen der europäisch-jüdischen Elite, wie den Familien Gomperts, Wertheimer, Oppenheimer und Kann (seit 1760 in Den Haag ansässigTh. Stevens: De familie Kann en haar financiële activiteiten gedurende vier eeuwen, in: Studia Rosenthaliana 4 (1970) 43–95.).
Bis 1723 hielten die Den Haager Juden ihre Gottesdienste mehr als 25 Jahre in der Haussynagoge der Familie Boas ab, nämlich im dritten Stock von Salomos Tempel. Nachdem die neue Synagoge am Brouwerssloot fertiggestellt war, versprachen Tobias und sein Vater, keine öffentlichen Versammlungen mehr in ihrer Haussynagoge abzuhalten. Sie vermachten der neuen Synagoge religiöse Gegenstände, darunter der Toraschrein (Aron Hakodesj).
Ein Hauslehrer sorgte dafür, dass die Kinder eine gründliche orthodox-jüdische Erziehung erhielten. Chaim Joseph David Azulai (Chida) (1724–1806), ein Gesandter der jüdischen Gemeinde in Hebron, war 1778 bei seinem Besuch in Den Haag tief beeindruckt vom Wissen des Vaters und seiner Söhne, was er seinem Tagebuch anvertraute. Boas besaß eine große Bibliothek mit Beständen zur Mystik, Philosophie und er hatte rabbinische Literatur gesammelt, ebenso wie rare Bibelausgaben.
Im Zusammenhang mit seinen weiträumigen Aktivitäten unterhielt er Kontakte sogar außerhalb Europas. Er sandte Ezekiel Rahabi, Vertreter der VOC in Indien und Mitglied der jüdischen Gemeinde im südindischen Cochin, zahlreiche hebräische Bücher. In einem Brief stellte er elf Fragen zum jüdischen Leben in der dortigen Gemeinde. 1768 schickte Rahabi ihm als Antwort ein hebräisches Manuskript, das als wichtige Quelle für die Geschichte der Juden in der südindischen Stadt gilt. In seinem Alltag hielt sich Boas selbst an die religiösen Vorschriften. Als sein Sohn Simeon nach Lüttich reiste, um dort katholische Geistliche zu treffen, wusste er, dass er dort kein koscheres Fleisch bekommen würde. Deshalb nahm er seinen eigenen „Schochet“ mit.
Boas erhielt auch von außerhalb der Niederlande Besuch, wie den des Venezianers Giacomo Casanova, der ihn an Heiligabend 1759 aufsuchte. Doch die von Boas vorgeschlagenen Finanztransaktionen sprengten bei weitem Casanovas Möglichkeiten, so dass er davon Abstand nehmen musste. Von Boas musste er lernen, dass nur bereits sehr Vermögende in kurzer Zeit große Summen Geldes verdienen konnten. Immerhin konnte er sich aus Paris einen Wechsel über 12.000 Francs auf Boas anweisen lassen und bei Boas für 40.000 Dukaten Diamanten erwerben, wie er in seiner Histoire de ma vie berichtet.
Boas erhielt Besuch von Kaiser Joseph II. von Österreich (1781), ebenso wie vom schwedischen König Gustav III., der dort Juwelen besichtigen wollte. Der Bankier unterhielt darüber hinaus gute Beziehungen zum polnischen König Stanislaw II. August, der ihn sogar bat, eines seiner (unehelichen) Kinder zu erziehen. Boas ersuchte 1745 gemeinsam mit Baruch Levi Gomperts die Republik, Kaiserin Maria Theresia dazu zu bewegen, die Vertreibung der Juden aus Prag zu beenden. Dies gelang zunächst nicht, doch 1748 durften die Juden nach Prag zurückkehren, wozu die intensive Korrespondenz zwischen den Gemeinden beigetragen hat, aber auch der britische Einfluss. Den Haag wurde zu einem Zufluchtsort für Juden aus Osteuropa, wo er als „Rebbe Tobia Haag“ bekannt war. mini|Simeon Boas Tobias Boas starb am 18. Dezember 1782 und wurde auf dem jüdischen Friedhof am Scheveningseweg beigesetzt. Dank der Hinterlassenschaft von 1,7 Millionen Gulden konnten seine Söhne Abraham (13. Oktober 1728 – 8. August 1798) und Simeon (28. Januar 1730 – 26. Februar 1795) das Bankhaus unter äußerst schwierigen Bedingungen noch mehr als zehn Jahre lang weiterführen. Sie gerieten 1792 aufgrund des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, des Krieges mit den Briten und der Französischen Revolution sowie der Zahlungseinstellungen deutscher Fürsten in finanzielle Schwierigkeiten und waren nicht in der Lage, ihre Gläubiger weiterhin zu bedienen. 1795 erfolgte der Bankrott. Nur die Wohnhäuser an der Amsterdamse Veerkade 23 von Simeon Boas und Salomo’s Tempel an der St. Jacobsstraat von Abraham Boas blieben im Besitz der Familie. Auch ihre Kleider, Möbel und Hausrat sowie der Anteil der Brüder an den hebräischen Büchern blieb ihnen erhalten.
Literatur Corien Glaudemans: Bankier Tobias Boas (1696–1782), Stichting Joes Erfgoog, Den Haag, 23. Februar 2016. (online) Corien Glaudemans: Op zoek naar de ark. De geschiedenis van de Heilige Arke of Aron Hakodesj van de Grote Synagoge in de Wagenstraat, in: Jaarboek Die Haghe 2015, Den Haag 2015, S. 127–151. Jozeph Michman (Melkman), Stefan Litt: Boas, Dutch banking family in der Encyclopaedia Judaica, Bd. 4: Blu–Cof, 2. Aufl., S. 20 f. (online, PDF)
Weblinks
Anmerkungen
Kategorie:Bankier Kategorie:Person des Judentums (Den Haag) Kategorie:Niederländer Kategorie:Geboren 1696 Kategorie:Gestorben 1782 Kategorie:Mann