Rusguniae ist eine antike Stadt und ein archäologischer Fundplatz in Tamentfoust (Kap Matifou) in der Gemeinde El Marsa (Provinz Algier, Algerien). Sie lag am Ostufer der Bucht von Algier, gegenüber dem antiken Icosium (Algier). Rusguniae ist durch antike Quellen (darunter Plinius der Ältere und das Itinerarium Antonini), durch Inschriften (insbesondere Meilensteine) sowie durch archäologische Forschungen und Grabungen bekannt.
Rusguniae wurde in augusteischer Zeit gegründet und gehörte später zur Provinz Mauretania Caesariensis. Seine Funktion wird häufig im Zusammenhang mit Küstenschifffahrt, Ankerplätzen und den nautischen Bedingungen an der algierischen Küste diskutiert: Der Kapvorsprung von Matifou bietet relativ geschützte Liegeplätze, bleibt jedoch saisonalen Winden und Küstenströmungen ausgesetzt.
Die Bauten der antiken Stadt sind weitgehend verschwunden oder durch moderne Bebauung überdeckt. Nachgewiesen sind unter anderem eine christliche Basilika mit Nekropolen, Thermen, Mosaiken, Inschriften sowie ein 1943 entdeckter Münzhort. Der Fundplatz steht seit 2012 unter Denkmalschutz.
Lage und Umwelt links|mini|Ost–West-Blick entlang der algerischen Küste mit der Lage von Rusguniae (rot) links|mini|West–Ost-Blick entlang der algerischen Küste mit der Lage von Rusguniae (rot)
Lage in der Bucht von Algier Rusguniae liegt im Nordosten der Bucht von Algier, gegenüber von Algier (dem antiken Icosium), zwischen dem heutigen Tamentfoust (ehemals Laperouse) und Bordj-El-Bahri („Kap Matifou“, das von dem namensgleichen Kap am Ostrand der Bucht zu unterscheiden ist). Die antike Stadt war entlang der Küstenlinie angelegt. Heute sind wegen nachantiken Materialraubs und starker Überbauung kaum noch oberirdische Strukturen sichtbar.
Historische Topographie Aufgrund tiefgreifender Landschaftsveränderungen wird zur Rekonstruktion der lokalen Geographie häufig die Beschreibung von Louis Adrien Berbrugger aus den ersten Jahrzehnten der französischen Kolonialzeit herangezogen. Berbrugger beschreibt die Bucht von Algier und den Golf von Bengüt als zwei Halbkreise, die sich am Kap Matifou berühren, und hebt die naturräumliche Abgrenzung dieses Sektors gegenüber dem Umland hervor. Er erwähnt zudem den Stamm der Haraoua als Nutzer der zwischen Hügelland und Mittelmeer gelegenen Flächen (vgl. hier die aktuelle Stadt Heraouas, bzw. H'raoua in rund 10 km Entfernung).
Berbrugger beschreibt zwei Zugangswege nach Matifou: einen Seeweg (direkt, aber windabhängig) und einen Landweg von Algier über Bab-Azoun und Maison-Carrée, mit zwei Varianten (eine längere, sicherere Route und eine kürzere, jedoch lokal gefährdete Route, unter anderem mit Treibsandbereichen an der Mündung eines Oued). Er charakterisiert die Ebenen und Hügel als buschreich und ohne ausgebaute Wege schwer passierbar; Brandrodungen (Weide, Brennholz) veränderten das Landschaftsbild zusätzlich.
Nautische Bedingungen und Standortwahl Die Bedeutung von Rusguniae hängt auch mit nautischen Faktoren zusammen: Das Kap Matifou bietet für die westlich davon gelegene Küste relativ geschützte Ankerplätze gegenüber häufigen Ostwinden im Sommer, bleibt aber in anderen Wettersituationen und in Übergangsjahreszeiten exponiert. Weil sich die antike Schifffahrt aber auf die Sommersaison konzentrierte, waren Windverhältnisse dieser Monate für nautische Planungen ausschlaggebend. Hinzu kommen ostwärts gerichtete Küstenströmungen entlang der nordmaghrebinischen Küste. Bereits in der nautischen Literatur des 19. Jahrhunderts wurde die Bucht von Algier beschrieben und der Einfluss der Windverhältnisse auf Ankerplätze diskutiert, insbesondere die Schutzwirkung von Kaps gegenüber exponierten Lagen.
Toponymie Der Name Rusguniae (mit in antiken Quellen bezeugten Varianten wie Ruthisia (?) bei Mela, colonia Augusti R. bei Plinius, griech. Ῥουστόνιον bei Ptolemaios, R. colonia im Itinerarium Antonini, Rusgume und Rugunie in der Geographia Ravennatis sowie Rusgimia bei Guido) wird mit dem Gebiet von Kap Matifou und dem nahegelegenen punischen Stützpunkt Tametfoust verbunden; Huß erklärte den Namen als Rš-gnj („Cap du Francolin“).
Berbrugger bot mehrere, teils etymologisch argumentierende Erklärungsansätze an: Er deutete Rusgunia als von den Römern übernommenes und latinisiertes „berberisches“ Wort, stellte rus („Rous“) als Bestandteil mehrerer Küstentoponyme heraus und erklärte es als „Kap“; den zweiten Bestandteil gunia führte er als mögliche Ableitung von einem berberischen Wort guen („dormir“, schlafen) an. Er verband diese Deutung mit lokalen Überlieferungen zur Tradition der Sieben Schläfer.
Mammeri analysierte den Namen als Komposition aus rus („Kap“) und dem berberischen Element agouni. Lassère erwähnte daneben weitere Deutungen, darunter Ras-Agouni sowie eine rein semitische Herleitung als Ras-Gan („cap du jardin“), ohne sich festzulegen.
Geschichte
Prähistorie Für die Region werden prähistorische Funde gemeldet; an den Klippen des Kap Matifou sind moustérienzeitliche und neolithische Artefakte beschrieben.Piroutet Maurice: La station préhistorique d’Aïn-Taya, près d’Alger. In: Bulletin de la Société préhistorique de France, Bd. 27, Nr. 11, 1930, S. 513–517.Marchand, H.: Quartzites et silex taillés du Cap Matifou (baie d’Alger). In: Bulletin de la Société préhistorique de France, Bd. 31, Nr. 1, 1934, S. 83–87.
Punische Zeit Serge Lancel zählt Rusginiae zu den phönizischen Handelsplätzen, die sich entlang der algierischen Küste in relativ regelmäßigen Abständen finden.Serge Lancel: Algérie. In: Véronique Krings (Hrsg.): La civilisation phénicienne et punique. Manuel de recherche (= Handbuch der Orientalistik. Abteilung 1, Band 20). E. J. Brill, Leiden/New York/Köln 1995, ISBN 90-04-10068-7, S. 786–795, hier S. 790–791. Als Station des Küstenhandels gehört der Ort in den maritimen Raum des antiken Nordmaghreb. Bauliche Reste aus karthagischer Zeit sind jedoch nicht nachgewiesen. Salama verweist stattdessen auf eine außergewöhnlich große Menge gemischter Amphorenfragmente (Datierung etwa vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 7. Jahrhundert n. Chr.), die eine intensive und kontinuierliche Nutzung des Küstenareals nahelegt. Außerdem sind in der Region rund 100 punische und neopunische Stelen festgestellt.
Römische Zeit
mini|Bucht von Algier im 16. Jahrhundert
Nautische Bedingungen und Standortwahl Die Standortwahl wird meist nautisch erklärt: Das Kap Matifou schützt vor sommerlichen Ostwinden und bietet der Schifffahrt einen Zufluchtsraum. In der Diskussion wird dies häufig Icosium gegenübergestellt, das durch die Öffnung der Bucht stärker Nordwest- und Nordostwinden ausgesetzt ist. Salama beschreibt die Rahmenbedingungen durch Saisonalität (mare clausum), ostwärts gerichtete Küstenströmungen und ein Windregime mit westlicher Dominanz im Winter und östlicher im Sommer; Übergangsjahreszeiten können die Reede gefährlich machen. „Wirksame“ Ankerplätze liegen daher häufig im Lee eines Kaps, der Ostwinde abschirmt. Salama nennt zur Illustration mehrere historische Episoden: Beim gescheiterten Feldzug Karls V. gegen Algier (Oktober 1541) führte eine Sturmperiode zum Verlust von Schiffen und zwang zum Rückzug bis zum Kap Matifou; 1682 positionierte Duquesne (gefolgt von Tourville 1683 und d’Estrées 1688) seine Flotte bei Ostwind vor Rusguniae und entsandte Bombardierungsschiffe nach Algier. Eine im 19. Jahrhundert edierte Quelle diskutiert ebenfalls die Untauglichkeit eines nordost-exponierten Ankerplatzes für die Konzentration von Galeeren 1541 und erwähnt den Rückzug zum Kap Matifou bei Seegang.
Koloniegründung und Verwaltungsstatus Nach den Bürgerkriegen am Ende der Republik und im Kontext eines Interregnums im mauretanischen Königreich etablierte Augustus ein Netz küstennaher Kolonien, um die römische Präsenz zu stabilisieren und die spätere Annexion vorzubereiten. Die Ansiedlung von Veteranen (in der Forschung mit der Legio IX Gemella verbunden) wird vor 27 n. Chr. angesetzt.Pierre Salama: La colonie de Rusguniae d’après les inscriptions. In: Revue africaine, Bd. 99, 1955, S. 5–52. Die bereits bei Plinius überlieferte Liste wird durch epigraphische Belege gestützt.Plinius: Naturalis historia V; kommentiert von Jehan Desanges, Paris 1980, S. 160–181.
Bis zur Annexion Mauretaniens im Jahr 40 n. Chr. blieb Rusguniae administrativ vom Königreich getrennt und wurde danach Bestandteil der Mauretania Caesariensis.Duncan Fishwick: The Annexation of Mauretania. In: Historia, Bd. 20, Nr. 4, 1971, S. 467–487, hier S. 474.
Verkehrswege und Institutionen Das Itinerarium Antonini (Ende 2. Jahrhundert) verortet Rusguniae an der Küstenstraße; deren Unterhalt ist durch Meilensteine dokumentiert. Eine Verbindung führte zudem in die Ebene der Mitidja und weiter zu Achsen Richtung Mouzaïa und ins Chélif-Tal, während eine topographisch schwierige und unsichere Gebirgsroute den Raum mit Auzia verband.Jean-Pierre Laporte: Notes sur Auzia (Sour el Ghozlane, ex-Aumale), en Maurétanie Césarienne. In: Bulletin de la Société nationale des antiquaires de France, 1996 (ersch. 1999), S. 300.
Die Einwohner (Nachkommen der augusteischen Veteranen) waren in die Tribus Quirina eingeschrieben. Kommunale Ämter (Decurionen, Ädilen, Duoviri, Duoviri quinquennales) sind epigraphisch belegt.CIL VIII 9045, 9047, 9249, 9250; AE 1928, Nr. 23. Als Beispiel eines lokalen Notablen gilt L. Decius Honoratus, der im Hungerjahr 164 Hilfe leistete.
Wirtschaft, Austausch und archäologische Indikatoren Keramikfunde deuten auf Importware (u. a. campanische Keramik, Arezzo, später La Graufesenque; im 2.–3. Jahrhundert afrikanische Sigillata).R. Guéry: Les marques de potiers sur terra sigillata découvertes en Algérie. In: Antiquités africaines, 1979, S. 23–97; 1987, S. 149–191; 1990, S. 87–112; 1992, S. 15–131; 1994, S. 89–187. Unterwasserfunde stützen das Bild einer Einbindung in westmediterrane Verkehrsströme: italienische Weine (2.–1. Jahrhundert v. Chr.), dann Garum und Öl aus Spanien (1.–2. Jahrhundert), ab Mitte 3. Jahrhundert afrikanische Öle und Salzprodukte. Rusguniae wird dabei eher als ausgebauter Ankerplatz denn als künstlich angelegter Hafen beschrieben, ohne dass dies eine maritime Aktivität ausschloss.
Die nautischen Bedingungen erklären diese Funktion teilweise: Der Sektor ist gegenüber Ostwinden relativ geschützt, bleibt jedoch nach Norden und Westen geöffnet; die Wassertiefen sind für antike Navigation ausreichend. Prospektionen und Unterwasser-Sammelaktionen um die Mitte des 20. Jahrhunderts lieferten große Mengen an Amphorenfragmenten; das Fehlen eindeutig nachgewiesener Hafenbauten führte zur Charakterisierung als häufig genutzter Ankerplatz (2. Jahrhundert v. Chr. bis 7. Jahrhundert n. Chr.).
Krisen des 3. Jahrhunderts Die Region wurde von Unruhen des 3. Jahrhunderts betroffen. Die in der Literatur als „Insurrection de 253“ bezeichnete Erhebung bildet einen Deutungsrahmen für Münzverbergungen.Jérôme Carcopino: L’Insurrection de 253 d’après une inscription de Miliana récemment découverte. In: Revue africaine, Bd. 60, 1919 (Nachdruck 1971), S. 375–389. Ein 1943 entdeckter Sesterzenhort am Kap Matifou wird als Teil eines breiteren Musters diskutiert.Pierre Salama: La trouvaille de sesterces de Rusguniae. In: Revue africaine, Bd. 101, 1957, S. 205–247.
Spätantike: Urbanität und Christianisierung