mini|hochkant| Im Brunnen: Schattige und lichtdurchflutete Bereiche wechseln sich ab. Selbst die unteren Etagen werden durch indirektes Tageslicht ausreichend erhellt. Dies wird durch den Aufbau mit Säulen und einem in großen Teilen offenen Dach erreicht. Der unterirdische Teil des Gebäudes hat 148 tragende Säulen sowie mindestens ebenso viele Pilaster an den Seitenwänden. Der Dada-Harir-Stufenbrunnen (In Gujarati: Dada Harir ni Vav), auch Bai-Harir-Stufenbrunnen genannt, in Ahmedabad, Indien, ist ein prächtiges, tempelartiges Brunnenbauwerk aus dem Jahr A.D. 1500. Vom Eingang führt ein breiter, geradliniger Treppenkorridor über fünf Untergeschossebenen durch luftige, mehrgeschossige Säulenpavillons bis zu 21 Meter tief unter die Erde. Zentrales Element ist ein oktogonaler Schacht von 4,5 m lichter Weite, der auf allen Etagen von Wandelgängen und Sitzgelegenheiten umgeben ist und an dessen Boden sich ein Stufenbecken befindet. Säulen und Wände sind mit aufwendigen Steinmetzarbeiten verziert. Zu seiner Bauzeit in einem Vorort, etwa einen Kilometer vor den Toren der mittelalterlichen Stadt gelegen, bildete der Brunnen zusammen mit einer Moschee, einem Mausoleum und einem Obstbaumgarten für Einwohner und Reisende ein kulturell-religiöses Zentrum und eine Raststätte am Weg zur Stadt. Der Gebäudekomplex wurde von einer wohlhabenden Frau namens Harir gestiftet. Sie war die Oberaufseherin im Harem von Sultan Mahmud Begada und die Amme eines seiner Söhne. Die Anlage ist ein herausragendes Beispiel für die Architektur und Steinmetzkunst hinduistischer Handwerker unter islamischer Herrschaft in Nordindien, welche die traditionell hindu-jainistische Solanki Architektur mit kunstvollen Elementen islamischer Baukunst verbindet.
Stufenbrunnen Architektonische Beschreibung mini|hochkant|Grund- und Aufriss: Auf dieser architektonischen Zeichnung des Stufenbrunnens fehlen die beiden untersten Etagen mit ihren Treppenläufen sowie ein Stufenbecken am Ende der Treppe das den Boden des oktogonalen Schachts bildet. Der Dada-Harir-Stufenbrunnen ist ein Tiefbauwerk, dessen ursprüngliche technische Funktion die Gewinnung und Speicherung von Grundwasser ist. Er wurde überwiegend aus meist kunstvoll behauenen Steinen und stellenweise aus verputzten Ziegeln gebaut. In seinem Kern besteht das Gebäude aus einem linearen Treppenkorridor, der fünf abgestufte Untergeschosse über ihre gesamte Breite miteinander verbindet, an deren Stirnseite sich ein Brunnenschacht befindet. Am oberen Ende der Treppe steht ein Eingangs-Pavillon. Am unteren Ende der Treppe befindet sich ein quadratisches Stufenbecken, über dem sich ein oktogonaler Zierbrunnenschacht mit Verweilbereichen in allen anderen Geschossen öffnet. Über zwei enge, in die Seitenwände eingebaute Wendeltreppen haben die vier oberen Geschosse des Zierbrunnens einen direkten Zugang untereinander und zur Oberfläche, wo sie mit zwei kleinen quadratischen Vordächern, sogenannten Chhatri, überdacht sind.
Hinter dem Zierbrunnen schließt das Gebäude mit einem zirkularen Ziehbrunnenschacht ab, aus dem Wasser zur Oberfläche gehoben werden kann. Oberirdisch wird eine rechteckige Fläche von einer niedrigen Brüstung umgeben, die das Bauwerk umfasst und eine in Teilen begehbare Dachebene begrenzt.
Das Gebäude hat von der ersten Stufe zum Pavillon am Haupteingang im Osten bis zu seinem Ende an der Westseite des Ziehbrunnenschachts die Außenmaße von 73,6 m Länge und bis zu 12,2 m Breite. Der Stufenbrunnen ist mit seiner Hauptachse ebenso wie die Qibla der zugehörigen Moschee nach Westen ausgerichtet, und zwar relativ exakt in Richtung des 3.800 Kilometer entfernten Mekka.
mini|hochkant|Eine kleine Vor- oder Eingangshalle, das sogenannte Mukhamandapa am Eingang des Gebäudes Der Pavillon am Haupteingang, der dem Mukhamandapa in der hinduistischen Tempelarchitektur entspricht, ist eine einfache, offene Säulenhalle auf einer erhöhten, quadratischen Plattform, die von drei Seiten über Freitreppen mit je zehn Stufen zugänglich ist. Die Plattform liegt 1,8 m über dem Bodenniveau, hat eine innere Kantenlänge von 4,5 m und wird von einer Kuppel überspannt, die von zwölf Säulen getragen wird.
mini|hochkant|Zentrale Treppe im Eingangsbereich Von seiner Westseite führt eine geradläufige, offene Treppe mit einer Laufbreite von 5,6 m zum Brunnen hinunter. Nach 17, von einem schmalen Absatz unterbrochenen Stufen wird im Souterrain 3,35 m tiefer ein Absatz in einer ersten Galerie erreicht. Diese Plattform ist 5,8 m lang und wird von einem Dach bedeckt, das auf acht Säulen ruht die auf ihr stehen, mit entsprechenden Pilastern an den Wänden. Dies ist die erste von fünf Turmstrukturen, die in der Tempelarchitektur als Kūta bezeichnet werden.
Ein weiterer Treppenlauf, ebenfalls mit 17 durch einen schmalen Absatz geteilte Stufen, führt von dort hinunter in die zweite Kūta, zur Ebene der zweiten Galerie, auf eine mit 2,7 m deutlich kürzere Plattform mit vier tragenden Säulen und korrespondierenden Pilastern. Darüber befinden sich zwei Dachschichten.
Von dort aus führt ein dritter Treppenlauf in eine dritte Kūta, zur dritten Galerie, die, relativ zum Eingangspavillon 10 m tiefer liegt. Diese hat wieder acht Säulen mit korrespondierenden Pilastern und weist auf den Ebenen der verschiedenen Plattformen drei Dachschichten auf. Bis mindestens zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier der Grundwasserspiegel erreicht, weshalb das folgende vierte Untergeschoss immer überflutet war.
mini|hochkant|Auch die Strukturen, die dazu dienen den Seitendruck des Erdreichs auf die Wände abzufangen sind kunstvoll gestaltet. Hier die Ansicht im dritten Untergeschoss auf Kapitelle im ersten Stützrahmen zwischen der dritten und vierten Kuta. Der Rahmen besteht auf jeder Geschossebene aus zwei engstehenden Säulenpaaren, die auf einem gemeinsamen, länglichen Sockel ruhen und mit Kapitellen mit seitlich hervorstehenden Klammerpaaren gekrönt sind. Hinzu kommt noch je ein Pilasterpaar an den beiden Seitenwänden. Ab der dritten Galerie, wo eine Tiefe von zehn Metern unter der Erdoberfläche überschritten wird, benötigen die Seitenwände mehr Abstützung. Die Erbauer, die sich dessen wohl bewusst waren, teilten die nächste Öffnung über der Treppe die von der dritten Galerie in die vierte hinunterführt, in zwei, durch Stürze von 1,2 m Breite in jedem Stockwerk, getragen von einem Paar Doppelsäulen. Durch diese strukturelle Anordnung werden die seitlichen Schubkräfte der Mauern wirksam aufgefangen und überwunden.
mini|hochkant|links|Im vierten Untergeschoss (Januar 2025): Hier taucht die große Treppe ins Wasser ab. Im Wasser, sozusagen auf halber Treppe nach unten, sind die Säulen der zweiten Stützstruktur zu sehen. Der hintere Bereich des Gebäudes ist über die an den Wänden verlaufenden Simse auf Wasserhöhe zu erreichen. Bis hierhin, geschätzte 15 m unter der Dachebene, dringt das Tageslicht noch ein. Es folgt eine vierte Kūta, wo sich eine vierte Galerie öffnet, mit einer Plattform von etwa 5,8 m Länge, auf der acht Pfeiler mit acht Pilastern stehen, darüber vier Dachschichten. Knapp unterhalb des Fußbodens steht heute (Stand Januar 2025) das Wasser an und bedeckt die weitere Treppe.
Die fünfte Galerie ist die am tiefsten gelegene und hat die aufwendigste Konstruktion. Sie bildet den Boden eines vom Konzept her inversen Turms. Dieser besteht aus einem nach oben offenen, oktogonalen Schacht, der zwischen zwei Säulenpavillons eingefasst ist. Dieser Teil des Bauwerks bildet ein Quadrat mit einer von Seitenlänge von 7,3 Metern, das einen Durchgang rund um den Schacht ermöglicht, wobei die Säulen so angeordnet sind, wie sie eine Kuppel stützen würden, d. h. in einem Zwölferquadrat, das so angeordnet ist, dass acht ein regelmäßiges Achteck bilden. Der Schacht hat eine lichte Weite von 4,5 Meter. An seinem Boden befindet sich ein quadratisches Stufenbecken. Von dort führt eine zwei Meter breite gewölbte Türöffnung in einer massiven Strukturwand zum Schacht des Ziehbrunnens. Der Schacht des Ziehbrunnens hat einen Durchmesser von etwa 6 Metern.
mini|hochkant|links|Im vierten Untergeschoss im Zentrum des Brunnengebäudes: Blick nach Westen. In der Bildmitte fällt der Blick durch eine Verbindungsöffnung auf eine Ziernische im Ziehbrunnenschacht. Diese wird von zwei Reliefs mit Hamsa-Paaren eingerahmt, wobei hier nur eines davon sichtbar ist. In allen anderen Etagen ist der Schacht mit 0,6 Meter hohen Brüstungswänden eingefasst. Die dem Schacht zugewandten Seiten dieser Brüstungen sind kunstvoll mit Maßwerk nach rein hinduistischem Muster geschnitzt, allerdings ohne figurative Plastiken. Auf den Brüstungen gibt es eine Sitzfläche, die im ersten bis vierten Untergeschoss zum Schacht hin mit schräg gestellten Steinplatten abgeschlossen ist, die als Rückenlehne dienen. Hier und rund um den Hauptschacht konnten sich die Besucher während der heißen Stunden des Tages abkühlen.
Die Abdeckungen der Seitenwände sind am unteren Rand geschnitzt, und die Friese um den achteckigen Schacht sind reich an Details. Im Einklang mit den Böden der oberen Galerien befinden sich Gesimse, die etwa einen Fuß von den Seitenwänden abstehen und an der Unterseite von geschnitzten Konsolen gestützt werden: Diese laufen auch um den runden Schacht herum.
mini|hochkant|„Baum des Lebens“, ein Beispiel für die rein islamischen Elemente der Dekoration die die zahlreichen Nischen an den Wänden füllen
In den Wänden der ersten Galerie befinden sich zwischen den Pilastern auf jeder Seite drei Nischen oder Tafeln. Die jeweils mittlere davon enthält eine Inschrift, die anderen sind mit Maßwerk im Stil ähnlicher Nischen in den Minaretten der Moscheen ausgefüllt. Diese haben jedoch höhere Giebel. In den Galerien der anderen Untergeschosse, in den Seitenwänden der Galerie um den oktogonalen Hauptschacht und vereinzelt im Ziehbrunnenschacht befinden sich weitere Nischen mit ähnlichen Schnitzereien, insgesamt mindestens 48 Stück. Unter all diesen Nischen enthält nur eine rein hinduistische Dekoration mit konventionalisierten Pfauen und Schlangen.
Um von einer Kuta zur nächsten in den verschiedenen Ebenen zu gelangen, sind entlang der Wände des stufenförmigen Korridors in jedem Stockwerk Vorsprünge angebracht. Diese ruhen auf Konsolen, die mit Anhängern verziert sind. Die Kanten der Vorsprünge selbst sind mit quastenartigen Mustern verziert.
Geschichte Der Bai-Harir-Komplex entstand in einer Epoche, in der Ahmedabad eine Blütezeit als Handels- und Handwerksstadt erlebte. Die Stadt war eines der wichtigsten Handelszentren Westindiens an den Binnenhandelsrouten, die Nordindien mit dem Hafen von Cambay (heute Khambhat) verbanden. Ahmedabad war zudem die Residenzstadt des Sultans von Gujarat, Mahmud Begada (Regierungszeit 1458–1511). Dessen Urgroßvater Ahmad Shah hatte im Jahr 1410 die schon seinerzeit wohlhabende Ansiedlung Asawal am Ostufer des Sabarmati-Flusses zur Hauptstadt des Gujarat-Sultanats gemacht, sie nach sich umbenannt und mit einer Stadtmauer befestigt. Während seiner Herrschaft förderte Sultan Mahmud Begada sorgfältig Handwerk und Handel und verschönerte die Stadt und ihre, je nach Zählung 360 bis 380 Vororte mit prächtigen Gebäuden, von denen viele heute noch erhalten sind, ließ an den Straßen Bäume pflanzen und die Stadtmauer verstärken. Ahmedabad erlangte in dieser Zeit großen Reichtum, Größe und Pracht. Wenn auch ein muslimischer Herrscher regierte und Moscheen das Stadtbild prägten, so hatte Ahmedabad damals aber ebenso hinduistischen wie muslimischen Charakter. Bis ins 18. Jahrhundert waren die Staatsbeamten überwiegend Muslime, ebenso wie die erfahrenen Weber. Die Finanziers und Händler waren hingegen in der Regel Hindus und Jains, mit Ausnahme der schiitischen Bohras, die mit Seide und Stückwaren handelten. Handwerker für Bauarbeiten waren meist Hindus und Jains.
Die Bauherrin