mini|Martin Dörflein am Arbeitstisch seiner Werkstatt, 1906 Martin Dörflein (* 3. Oktober 1839 in Schweinfurt; † 1. März 1917 ebenda) war ein bayerischer Königlicher Hof-Buchbindermeister und Kunstbuchbinder. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des kunstvollen Handwerkseinbands im Stil des Historismus und erlangte insbesondere durch seine monumentalen Prachteinbände für staatliche Stellen, Adel und Klerus überregionale Bekanntheit.Arthur Kallmann: Berühmte Meister früherer Zeit. Martin Dörflein. In: Allgemeiner Anzeiger für Buchbindereien. 61. Jahrgang, Nr. 1, 1948.

Leben und Ausbildung Martin Dörflein wurde 1839 als Sohn des Schuhmachermeisters Johann Andreas Dörflein und dessen Ehefrau Margarete geb. Weinich geboren. Nach seiner Lehrzeit in Schweinfurt bildete er sich auf seiner Wanderschaft in allen Fachbereichen der Buchbinderei, Lederbearbeitung und der Vergoldung fort.

Im Jahr 1865 gründete er, zuerst mit seinem Halbbruder Egelsehr, später mit seinem Sohn Friedrich, sein eigenes Geschäft in Schweinfurt. 1868 erwarb er ein Anwesen im Schweinfurter Steinweg (die spätere Schultestraße 18), das fortan als Wohn- und Werkstattgebäude diente. Dörflein war 1884 Gründer der Buchbinderinnung Schweinfurt.Kunstbuchbinder Martin Dörflein. In: Schweinfurter Heimatblätter. Jahrgang 1955, Nr. 15.Maria Hahn: Schweinfurts Drucker, Buchbinder und Buchhändler. Zur Geschichte des Handwerks und Handels der Stadt. Würzburg, Univ., Phil. Fak., Diss. 1968. (Erschienen als Sonderdruck aus: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd. X, Lief. 1–2, 1969)Protokollbuch der Buchbinderinnung, Zunftlade, Städt. Museum Schweinfurt In seiner 1891 erschienenen Programmschrift „Die Kunstbuchbinderei. Das Stiefkind noch im Kranze der deutschen Gewerbe“ wandte er sich gegen die industrielle Massenfertigung und forderte eine Rückbesinnung auf die handwerkliche Qualität. Als Verfasser zahlreicher Fachaufsätze über Buchbinderei war er im Kollegenkreis weithin bekannt.Archiv für Buchbinderei, IX. Jahrgang, Heft 5, August 1909Archiv für Buchbinderei, IX. Jahrgang, Heft 12, März 1910

Werk mini|Bucheinband Hans Sachs (1901) mini|Einband Doré-Bibel (1892) Dörfleins Schaffen verband traditionelle Buchbinderei mit Techniken der Lederschnitt, -präge und -treibarbeit, Vergoldung und Ziselierung. Seine Werke wurden zeitgenössisch als „Denkmale aus Leder“ bezeichnet.

Das Riesenbuch (1890) links|mini|Martin Dörflein (links) mit seinem Sohn Friedrich und dem Riesenbuch (1890). Anlässlich der Enthüllung des Rückert-Denkmals in Schweinfurt schuf Dörflein ein „Riesenbuch“, das den Ehrengästen der Festlichkeiten als „Memorialia“ diente.

Streng nach Regeln der Buchbinderkunst wurde das Riesenbuch – trotz seiner Höhe von 2,00 m, einer Breite von 1,25 m, einer Dicke von 0,84 m und eines Gewichts von 100 kg – so konstruiert, dass es dennoch die Ästhetik eines klassischen, handgebundenen Folianten bewahrt.

Der Einband besteht aus schwerem, rot gefärbtem Jute-Gewebe, das durch fünf massive schwarze Bünde auf dem Buchrücken unterteilt wird. Die Dekoration umfasst Silberbeschläge und vier große Goldagraffen an den Ecken, massive schwarze Lederriemen-Schließen mit imitiertem Silberemail und silbernen Zierknöpfen sowie handgestochene Kapitalbünde aus Wolle. Die Decke hat eine strenge symmetrische Gliederung mit profilierten Holzleisten, dreifarbigen Bandverschlingungen in Schwarz, Weiß und Rot, abgesetzt durch goldene Halbbundstäbe, in der Mitte befindet sich ein großes, kreisförmiges Mittelfeld, das von einem Reliefstab mit Goldzacke eingerahmt wird, darin der Titel in lateinischer Goldschrift. An den Seiten ein punzierter Goldschnitt, der mit Rankenmotiven verziert ist.

Mit seiner Größe galt es als eines der größten handgefertigten Bücher seiner Zeit. Das Buch befindet sich heute in Privatbesitz.Ein Riesenbuch. In: Allgemeiner Anzeiger für Buchbindereien. 6. Jahrgang, Nr. 10, 15. Mai 1891, S. 90.Anton Oeller: Aus dem Leben Schweinfurter Männer und Frauen: aus dem Nachlaß des Ehrenamtlichen Stadtarchivars Landgerichtsrat a.D. Anton Oeller. Adler bis Eber. Lieferung 1. Deutschland, Histor. Verein Schweinfurt, 1968ff.Ein Riesenbuch. In: Österreichisch-Ungarische Buchdrucker Zeitung, 19. Jahrgang, Nr. 26 vom 25. Juni 1891

Missale für Grafenrheinfeld (1896) Das für die Pfarrkirche in Grafenrheinfeld gefertigte Meßbuch gilt als eines der prächtigsten Werke des Hofbuchbindermeisters Martin Dörflein. Da es sich bei der Pfarrkirche um eine sog. „Kreuzkirche“ handelt folgt die Gestaltung konsequent dem Thema der Kreuzkirche und vermeidet jedes fremde Beiwerk. Die Vorderseite zeigt ein künstlerisches Flachrelief der Kreuzauffindung durch die Kaiserin Helena. Flankiert wird dieses Zentrum von Darstellungen des Sündenfalls am Baum der Erkenntnis und dem alttestamentarischen Vorbild des mosaischen Kreuzes. Die obere Mitte ziert das Opferlamm, während unten ein strahlender Kelch die tägliche Wiederkehr des Meßopfers symbolisiert. Die ornamentale Gestaltung des Hintergrunds ist im filigranen Stil der „Kleinmeister“ wie Hans Sebald Beham gehalten. Die Eckbeschläge fassen Medaillons der vier Evangelisten ein, die in ihrer klassischen Symbolik dargestellt sind.

Auf der Rückseite findet sich ein Relief der Kreuzeserhöhung durch Kaiser Heraklius, umrahmt von Engeln und Ranken der Passionsblume. Besonders hervorzuheben ist der massive, reich ziselierte Goldschnitt, der Motive von Brot und Wein zeigt. An den Schnittkanten des Buches sind die lateinischen Schriftzüge O Crux, Ave und Spes Unica zu lesen. 243x243px|mini|Vorderseite des Missale für Grafenrheinfeld Im Inneren ist das Buch statt mit Papier mit Rindleder ausgekleidet und reich vergoldet. Die Beschläge aus Silber wurden nach Dörfleins Entwürfen in einer Würzburger Werkstatt gefertigt. Für die künstlerische Überarbeitung der religiösen Motive zeichnete der Redemptoristenpater Max Schmalzl verantwortlich.

Das Messbuch wurde mit einem silbernen Staatspreis ausgezeichnet und befindet sich heute im Kirchenschatzmuseum Grafenrheinfeld.Museumsführer Kirchenschatzmuseum Grafenrheinfeld, Gemeinde Grafenrheinfeld (Hrsg.), Ludwig & Höhne, Schweinfurt 1991, S. 7Schweinfurter Tagblatt No. 130 vom 6. Juni 1896Süddeutsche Landpost Nürnberg, No. 214, vom 11. September 1896Fränkischer Anzeiger-Rothenburg ob der Tauber, No. 163, 1. Juli 1896Fränkischer Kurier, No. 313, vom 21. Juni 1896

Buch der Stadt Schweinfurt (1904) Das Goldene Buch wurde von Laura Schröder zum Gedenken an ihren Ehemann Friedrich Schröder gestiftet. Der Buchblock besteht aus 210 Bogen japanischen Pergament in Elfenbeintönung und wiegt ca. 15 kg.

Der Einband aus englischem Rindsleder zeigt auf der Vorderseite hochplastische Treibarbeiten und das Schweinfurter Stadtwappen, den aus Leder getriebenen silbernen Stadtadler auf blauem Wappenschild, darüber die Mauerkrone. Dieser wird von allegorischen Figuren des Handwerks (mit Hammer und Zirkel) und der Industrie (mit Zahnrad) flankiert. Die massiven Silberbeschläge an den Ecken sind mit Emaille und halbkugelförmigen Lapislazuli-Steinen verziert. Die vier Ecken sind durch vier herausgehobene Wappen, (der Stadt, Frankens, Kurbayerns und des deutschen Reiches) in Emaille auf Silber geschmückt.

Der Buchrücken ist oben mit „Goldenes Buch“ unten mit „Stadt Schweinfurt“ übergoldet beschriftet, dazwischen eingeschnittenen Attribute der Landwirtschaft, des Handwerks und der Industrie. 266x266px|mini|Deckelspiegel des Goldenen Buches der Stadt Schweinfurt Der Buchrücken zeigt mittig in Flachschnitt den Reichsadler mit Eichenlaubbordüren. An den Ecken massive Silberbeschläge mit vier tief eingravierten und vergoldeten Jahreszahlen. 791: erste urkundliche Erwähnung Schweinfurts, 1282: Bestätigung der freien Reichsstadt Schweinfurt durch König Rudolph von Habsburg, 1554: vollständige Zerstörung Schweinfurts im Markgräflerkrieg und 1802: Ende der Reichsfreiheit; Schweinfurt kommt zu Bayern.

Der Deckelspiegel zeigt im großen Mittelfeld die Widmung: Zum ehrenden Andenken und im Sinne ihres Ehemanns Friedrich Schröder, Magistratsrat und Landtagsabgeordneter, seiner Vaterstadt gewidmet von dessen Gattin – Laura Schröder geb. Metz. Umrahmt oben von einer Abbildung des alten Schweinfurts mit seinen 42 Türmen und Festungswall, unten das moderne Schweinfurt mit Fabrikkaminen. Rechts und links Abbildungen der vier alten Stadttore, des alten Gymnasiums, des Rathauses und des Rückert- und Kriegerdenkmals. Das Buch befindet sich im alten Rathaus der Stadt Schweinfurt.Das „Goldene Buch“ der Stadt Schweinfurt. In: Schweinfurter Tagblatt. 1. Juni 1904.Schweinfurter Tagblatt, Von König Ludwig bis Seebohm, 16. November 1963Schweinfurter Tagblatt, Nr. 117-13, 21./22./23. Mai 1988

Jubiläumsmissale für Bamberg (1907) mini|241x241px|Vorderdeckel des Bamberger Missale Das Missale war ein offizielles Weihegeschenk der königlich bayerischen Staatsregierung an das Metropolitankapitel Bamberg. Konkret wurde die Schenkung durch die beiden Ministerien des Äußern und des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten (auch als Ministerien des Hauses und des Kultus bezeichnet) finanziert und gewidmet. Die Schenkung erfolgte aus Anlass der Neun-Jahrhundertfeier der Gründung des Bistums Bamberg.

Der Vorderdeckel zeigt zentral die Begründer des Bamberger Doms, das heilige Kaiserpaar Heinrich II. und Kunigunda gemeinsam ein Modell des Bamberger Domes tragend. Diese plastisch hervorgehobene Darstellung basiert auf einem historischen Holzschnitt von Johann Sensenschmidt aus dem 15. Jahrhundert und ist in romanische Reliefs eingebettet. In den vier Ecken des Vorderdeckels befinden sich Medaillons aus naturfarbenem Rindleder, welche die Bistumspatrone Petrus, Georg, Kilian und Otto als Brustbilder in einer Elfenbeinimitation abbilden. mini|253x253px|Rückseite des Bamberger Missale Der Rückdeckel ist ebenso gestaltet und präsentiert in der Mitte in den heraldischen Farben das aus dem Leder getriebene Wappen des Erzbischofs Friedrich Philipp, welches eine Taube über einem Löwen zeigt. Die vier Eckmedaillons der Rückseite sind in derselben Elfenbeintechnik gehalten und zeigen die Wappen des Papstes, des Königreichs Bayern, des Hochstifts sowie der Stadt Bamberg. mini|250x250px|Deckelspiegel des Bamberger Missale Die Innenseite des vorderen Deckels besteht aus glattem Rindleder, das durch eine dunkelgrüne und schwarze Marmorierung sowie in vergoldeter Ritzmanier den Eindruck einer antiken, abgeriebenen Goldplatte erweckt. Zentral ist die lateinische Widmungsinschrift zur 900-Jahr-Feier eingraviert: „D. O. M. nongentesimo anniversario ab Episcopatu Babenbergensi fundato recurrente Ecclesiae Metropolitanae hunc librum Gubernii Regii munificentia impensis publicis D. D. D.“, während die Ecken die Symbole der vier Evangelisten zeigen. Am oberen Rand der Innenseite ist der Psalmist David mit seiner Harfe zu sehen, während am unteren Rand die heilige Cäcilia an der Orgel dargestellt wird. Der hintere Innendeckel folgt einer ähnlichen dekorativen Logik und wird durch Vorsatzblätter aus farblich abgestimmtem Seidendamast ergänzt.

Der Buchrücken trägt den Buchtitel sowie christliche Symbole; Kreuz, Kelch und Hostie, Lamm Gottes auf dem Buch mit sieben Siegeln, Senfstrauch und Pelikan. mini|185x185px|Seitenansicht des Bamberger Missale Den gesamten Einband umschließen silbervergoldete Beschläge, die mit Halbedelsteinen wie Karneol und Malachit veredelt sind.

Das Werk wurde mit der goldenen Staatsmedaille ausgezeichnet und befindet sich heute im Diözesanmuseum Bamberg.

Weitere bedeutende Arbeiten (Auswahl) Huldigungsadresse der Stadt Schweinfurt an Ludwig II. (1880): Eine großformatige Mappe in aufwendiger Kunststickerei.