mini|Peter Handke (1983) Der Hausierer ist der Titel des 1967 publizierten zweiten Romans von Peter Handke. Er ist nach den Aufbauschemata eines Kriminalromans strukturiert, hat jedoch keine geschlossene Handlung und wird deshalb als experimentelles Sprachspiel im weiteren Sinn bezeichnet und dem Dekonstruktivismus bzw. der Metafiktion oder der Metanarration zugerechnet.Anđelka Krstanović-Janković: Der Hausierer. Die Dekonstruktion der Geschichte durch die Metanarration und das Verfahren der narrativen Reduktion. FOLIA LINGUISTICA ET LITTERARIA. Journal of Language and Literary Studies. Fakultät für Philologie Banja Luka, 2018, S. 141. https://folia.ucg.ac.me/image/20/Krstanovic.pdf

Inhalt Überblick Handkes „Mordgeschichte“ ist kein konventioneller Kriminalroman, hat aber dessen typisches Aufbauschema: Ein Fremder kommt in eine Gesellschaft. Eines ihrer Mitglieder wird vor Zeugen getötet. Die Ermittlungen werden ergebnislos eingestellt. Nach der Entdeckung eines zweiten Toten beschuldigt man den Fremden der Tat, doch er kann den Mörder ermitteln. Dieser gesteht vor der Gesellschaft seine Tat und stirbt auf der Flucht.

Jedes der zwölf Kapitel beginnt mit einem theoretischen Vorspann, welcher die jeweilige Phase der Mordgeschichte erläutert. Anschließend werden die einzelnen Etappen ausgestaltet. Hauptfigur ist „der Hausierer“, der am Anfang in der Gesellschaft als der „Außenstehende“ auftaucht. V. a. aus seiner Perspektive werden die Beobachtungen und Wahrnehmungen in zusammenhanglos aneinandergereihten Sätzen beschrieben. Handke erklärt dazu: „Der Leser, wenn er eine Geschichte zusammensuchen will, kann sich nur an das äußere Kriminalgeschichtenschema halten, es gibt keine Geschichte zum Zusammensuchen, die Sätze lassen sich nicht logisch zusammensetzen.“Begleittext Handkes zum Roman unter dem Titel Über meinen neuen Roman »Der Hausierer«. Suhrkamp-Jahresschau Dichten und Trachten von 1967.

Die einzelnen Kapitel folgen zwar der Struktur eines Kriminalromans, die Aktionen sowie die Erläuterung der Motive ergeben jedoch für den Leser nur ein fragmentarisches Montagebild (siehe die Beispiele im Abschnitt Interpretation): „Fetzen einer imaginären Kriminalhandlung“ („Eine behandschuhte Hand erscheint am Fensterbrett. Ein kleiner Schreckenslaut entfährt ihrem Mund“) wechseln ab mit „absurden Feststellungen“, mit „Sätzen, die logisch »falsch« sind“ („Er hat nicht zuerst auf den Boden geschaut“). „Präzise Detailaufnahmen“ („Der angebissene Apfel steckt im Kanalgitter“) stehen neben „sprachlichen und sachlichen Ungereimtheiten“, neben Verneinungssätzen („Niemand verschwand eilig in einem Kino.“) und Kommentaren zur Technik trivialer Kriminalromane („Je länger der Tote beschrieben wird, desto mehr sieht er aus wie ein Einrichtungsgegenstand“, „Er kann noch nicht sterben, es ist in der Geschichte noch zu wenig über ihn bekannt.“)Hans Christoph Buch: Der Hausierer. Tot oder sauber aufgeräumt. DER SPIEGEL 52/1967. 17. Dezember 1967. Spiegel Kultur Online https://www.spiegel.de/kultur/tot-und-sauber-aufgeraeumt-a-e66e817d-0002-0001-0000-000046165073.

1. Die Ordnung vor der ersten Unordnung „Die Mordgeschichte beginnt, wie alle Geschichten, als die Fortsetzung einer nicht vorhandenen Geschichte. […] Die Geschichte geht von einer Person aus, die immer nur dazukommt und nie dazugehört. Der Dazukommende sieht die Dinge an dem Ort der Handlung zu ersten Mal. Er muss sie alle erst wahrnehmen. […] Wenn die Geschichte beginnt, zeigt sich dem Dazukommenden alles, was sich zeigt, in der schönsten und besten Ordnung. […] Die Ordnung wird deshalb vorgeführt, weil gewiss ist: es wird etwas geschehen, etwas wird sich ändern oder geändert werden. Es ist eine Ordnung, die nicht lange ertragen werden kann. Sie ist eine geformte Ordnung, die einem Fremden sofort als geregelt erscheint“.Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 7, 9.

2. Die erste Unordnung „Die Beschreibung der Ordnung dient nur der Beschreibung der Unordnung, die durch den ersten Mord entsteht. […] Der Mord nun geschieht so, dass er einen Abbruch dieser Wirklichkeit bewirkt. […] Der Mord ist erkennbar von Augenzeugen, die gerade noch in dieser alltäglichen Wirklichkeit vertieft waren.“Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 18.

3. Die Ordnung der Unordnung „Der Mord geht jetzt nicht mehr vor sich, er ist schon geschehen. […] Die Wiederherstellung der alten Ordnung ist nicht mehr möglich. Es geht jetzt darum, die Unordnung, die durch die Tat entstanden ist, zu ordnen, indem diese Unordnung aufgezählt und beschrieben wird. […] Einer, der, jedenfalls in der Mordgeschichte, nicht zu den Nachforschenden gehört, […] bemerkt den Fehler. So wird er, der sich eigentlich aus der Geschichte heraushalten wollte, in die Geschichte hineingezogen. […] Er ist der einzige, der die Einzelheiten kennt, welche die Möglichkeiten vielleicht plötzlich zur einzig möglichen Tatsache machen kann.“Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 30, 31.

4. Die Entlarvung der anfangs gezeigten Ordnung „Dass vor dem Mord nur eine scheinbare Ordnung gezeigt wurde, ist nur die List der Mordgeschichte gewesen. […] Es ist nur eine Ordnung des ersten Blicks gewesen. […] Nach dem Mord jetzt muss diese einstige sinnliche Ordnung überprüft werden. […] Es geht jetzt um die Geschichte der Unordnung, die verschwiegen worden ist. […] Der Dazukommende, von dem die Geschichte ausgeht, hat sich ablenken lassen. […] Das Ungeklärte beunruhigt ihn jetzt. […] Als Außenstehender kann er ungezwungen fragen. […] Dennoch erregt er Misstrauen, weil an dieser Stelle der Geschichte jede Frage und jeder Frager, den man nicht kennt, Misstrauen erregen müssen. […] In diesem Kapitel stößt der Fragende nur auf Hindernisse.“Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 39, 40.

5. Die Verfolgung „Dem Versuch, durch Befragung der Personen und durch Untersuchung der Gegenstände von der ursprünglichen Unzahl der Möglichkeiten zur einzig möglichen Tatsache zu kommen, begegnet der Versuch, es bei der Unzahl der Möglichkeiten bleiben zu lassen oder zumindest eine Beschränkung auf die einzig mögliche Tatsache zu verhindern oder aber den Frager durch falsche Antworten oder durch falsche Anordnung von Gegenständen zu der falschen einzig möglichen Tatsache abzulenken. […] Er verfolgt den Betreffenden oder lässt ihn verfolgen. In der Geschichte sagt dem Verfolgten das unbestimmte Gefühl, dass er verfolgt wird. […] Auf diesen Augenblick wartet der Verfolgte. In diesem Augenblick wird es darauf ankommen, die Rollen zu vertauschen.“Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 49. 50.

6. Die Befragung „Der, der in der Mordgeschichte etwas weiß oder von dem zumindest geglaubt wird, dass er etwas wisse, muss, bevor von ihm die Antwort gefordert werden kann, in eine Beziehung zu dem Antwort Fordernden gebracht werden, die es ihm ermöglicht, die Antwort zu fordern. Diese Beziehung ist in jedem Fall ein ›in der Gewalt sein‹ dessen, der gefragt werden soll: es muss möglich sein, bei einer Verweigerung der Antwort gegen die Person des Gefragten Folgen zu setzen. Weil aber die Fragenden die Möglichkeit haben, Folgen zu setzen, können sie den Befragten, indem sie ihm diese Folgen vor Augen halten, erpressen. Eine Nichtbeantwortung wird in jedem Fall Folgen bewirken.“Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 63.

7. Die scheinbare Wiederkehr der Ordnung und die Ereignislosigkeit vor der zweiten Unordnung „Je mehr sich die Beschreibung auf den Mord beschränkt hat, desto mehr musste die Wirklichkeit aus dem Spiel bleiben. […] Wenn etwas, das für den gegenwärtigen Ablauf der Geschichte gar keine Bedeutung hatte, auf einmal beschrieben wurde, so musste es Bedeutung haben entweder für die Zukunft oder die Vergangenheit […] Der aus der Langeweile der Wirklichkeit in die Wirklichkeit der Mordgeschichte Geratene kehrt jetzt in die Langeweile zurück. […] Er erwartet zwar noch etwas, doch er kann gegenwärtig nichts tun. […] Es kommt soweit, dass ihn vor dieser ungeklärten Wirklichkeit ekelt und er sich die Mordgeschichte zurückwünscht.“Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 75–77.

8. Die zweite Unordnung „Die Mordgeschichte, die scheinbar schon ohne Lösung zuende war, geht weiter, als jetzt der zweite Mord geschieht. […] Das Opfer stirbt nicht in Gegenwart von Zeugen, die den Vorgang in der Gegenwart erleben könnten, sondern allein. […] Das Opfer wird gefunden.“Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 86.

9. Die falsche Entlarvung „An dieser Stelle der Mordgeschichte scheint bereits eine Person verantwortlich für die angerichtete Unordnung. […] In der Mordgeschichte kann man jedoch sicher sein, dass der, der besonders schuldig erscheint, unschuldig ist. […] Es gib immer einen, dem die Lückenlosigkeit der stummen Schuldbeweise verdächtig vorkommt. […] Schlimm ist nur, wenn er, wie so oft, zugleich der Beschuldigte ist […] Aber man kann sicher sein, dass er, jedenfalls in der Mordgeschichte, diese Lücke finden wird. Sonst wäre das ja keine Geschichte.“Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 97, 98.

10. Die Ruhe vor der Entlarvung „Vor der Entlarvung beginnt die Mordgeschichte um sich selber zu kreisen. Alles, was durch die Beschreibung schon bekannt ist, wird noch einmal durchgespielt […] Etwas ist vergessen worden. […] Immer wieder sagt der Betreffende sich vor, was er bemerkt hat, um jetzt zu bemerken, was ihm entgangen ist. […] Die Klärung des Falls geschieht […] nicht durch Nachdenken, sondern sie stößt zu, von außen, durch Zufall.“Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 104, 105.

11. Die Entlarvung „Die Beschreibung der Entlarvung hat die Form der Beschreibung des Mordes. […] Dem Dazukommenden, der den Mörder entlarven wird, zeigt sich die Ordnung wieder in einer besonderen Form. Die Wirkung der Entlarvung ist um so größer, je spielerischer und sorgloser die gegenwärtige Ordnung ist […] inmitten einer Festlichkeit oder bei einem Vergnügen […] Selbst der Entlarvte versucht die Entlarvung zunächst als Spaß aufzufassen. […] Die Entlarvung geschieht nicht gewaltsam, sondern mit List. Der Täter verspricht sich. Der Augenblick […] ist für die bis jetzt noch ungläubigen Zuhörer ein Augenblick des schrecklichen Staunens. Diese Verlegenheit nutzt der Entlarvte, die Gesellschaft noch einmal zu hintergehen. […] Wenn sie in seiner Gewalt ist, kann er ihr auch ausführlich seine Geschichte erzählen […] weil nach seiner Ansicht keiner seiner Zuhörer mehr die Gelegenheit haben wird, die Geschichte mitzuteilen. […] der den Mörder entlarvt hat […] hat aber vorgesorgt, dass der Mörder mit der Gewalt nichts mehr anfangen kann. […] Er versucht zu fliehen oder gibt auf. […] Jetzt sind alle Vorgänge und Zustände eindeutig. […] Es gibt keine Zweifel mehr. […] Jede Unordnung in der Mordgeschichte ist nur hingenommen worden, weil schließlich, in der Geschichte, sich die Ordnung einstellen muss, wenn diese dann auch, in der Regel, enttäuschend ist.“Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 110, 110.

12. Die endgültige Wiederkehr der Ordnung „Alles ist in Ordnung, und wenn etwas nicht in Ordnung ist, wird es jedenfalls nicht beschrieben. Die Ablenkung durch den Mord ist jetzt beseitigt […] Der Mord, kaum geklärt, ist schon so lange her, dass er gar nicht mehr wahr ist.“Peter Handke: Der Hausierer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1970, S. 119.

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