Die Griechisch-nordmazedonischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Griechenland und Nordmazedonien. Beide Länder unterhalten komplexe bilaterale Beziehungen auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene. Jahrzehntelang wurden diese Beziehungen vom Streit über den Staatsnamen Mazedoniens belastet, der in historischen Identitätsfragen wurzelte und erst 2018/19 durch das Prespa-Abkommen beigelegt werden konnte. Seit der Umbenennung in Nordmazedonien und der Normalisierung der Beziehungen unterstützen beide Länder eine strategische Partnerschaft, etwa durch Griechenlands Förderung des NATO-Beitritts (2020) und der EU-Annäherung Nordmazedoniens. Trotz früherer Spannungen bestehen enge Wirtschaftsverflechtungen sowie vielfältige kulturelle und personelle Kontakte zwischen den Nachbarn.
Geschichte
Antike bis frühes 20. Jahrhundert mini|Historisches, griechisches, und nördliches Mazedonien Das Gebiet des heutigen Nordmazedonien gehört historisch zur Region Makedonien, deren Name auf das antike Königreich unter Alexander dem Großen zurückgeht. Dieses Reich war hellenistisch geprägt und bildet einen wichtigen Teil des griechischen historischen Erbes. Im 6. Jahrhundert n. Chr. wanderten jedoch slawische Völker in die Region ein, was die ethnische Zusammensetzung nachhaltig veränderte. Aus diesen slawischen Siedlern ging die heutige Ethnie der (slawischen) Mazedonier hervor, die sprachlich und kulturell den Südslawen (insbesondere den Bulgaren) nahesteht. Nach Jahrhunderten osmanischer Herrschaft wurde das Gebiet Makedoniens infolge der Balkankriege 1912/13 unter den Nachbarstaaten aufgeteilt: Griechenland, Serbien (später Jugoslawien) und Bulgarien gliederten jeweils Teile Makedoniens in ihr Staatsgebiet ein, wobei der Konflikt um die Region als Mazedonische Frage bekannt wurde. Griechenland erhielt dabei den größten Teil (Ägäis-Makedonien), während das Gebiet des heutigen Nordmazedonien als Vardar-Mazedonien Teil Serbiens wurde. Diese Teilung legten den Grundstein für künftige nationale Spannungen, da nun zwei Staaten (Griechenland und Jugoslawien) Anspruch auf das historische Erbe Makedoniens erhoben.
In der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien etablierte der jugoslawische Präsident Josip Broz Tito ab 1944 in Vardar-Mazedonien eine eigene Teilrepublik namens Volksrepublik (später Sozialistische Republik) Mazedonien. Tito förderte gezielt die Entstehung einer separaten mazedonischen Nation, was aus griechischer Sicht dem Ziel diente, jugoslawische Territorialansprüche auf griechisches Makedonien vorzubereiten. Athen befürchtete insbesondere, Belgrad könne über Mazedonien einen Zugang zur Ägäis anstreben. Die griechische Regierung betrachtete daher den neuen mazedonischen Nationaldiskurs als Gefährdung ihrer territorialen Integrität und ihres kulturellen Erbes. Vor diesem Hintergrund waren die Beziehungen zwischen Griechenland und der jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien während des Kalten Krieges von Misstrauen geprägt, auch wenn es formal keine direkten Konflikte gab.
Unabhängigkeit und Namensstreit seit 1991 Mit dem Zerfall Jugoslawiens erklärte die ehemalige Teilrepublik Mazedonien im September 1991 ihre Unabhängigkeit als Republik Mazedonien. Unmittelbar darauf entbrannte ein heftiger Streit mit Griechenland über den neuen Staatsnamen. Athen lehnte den Namen „Republik Mazedonien“ vehement ab, da das antike Makedonien aus griechischer Sicht eindeutig Teil der griechischen Geschichte sei und im Altertum nicht von Slawen bewohnt war. Griechenland warf dem jungen Staat implizite Gebietsansprüche (obwohl eine mazedonische Verfassungsergänzung von 1992 Gebietsforderungen ausschloss) und sah in Symbolen eine Provokation. Tatsächlich hatte die Republik Mazedonien 1992 eine neue Flagge mit dem Stern von Vergina – einem antiken Symbol aus dem Grab Philipps II. in Griechenland – eingeführt, was von Athen als Aneignung griechischer Historie scharf kritisiert wurde. Als Reaktion verhinderte Griechenland 1992 die internationale Anerkennung des Staatsnamens und setzte durch, dass das Land der UNO vorerst nur unter der provisorischen Bezeichnung Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien (FYROM) beitreten durfte. Ferner verhängte Athen 1994 ein einseitiges Handels- und Transitembargo gegen Mazedonien, das die Wirtschaft des jungen Staates stark beeinträchtigte. mini|Mazedonische Flagge (1992–1995) mit dem Stern von Vergina Unter Vermittlung der Vereinten Nationen kam es im September 1995 zum Interim-Abkommen von New York (Interim Accord) zwischen beiden Ländern. Darin verpflichtete sich Mazedonien zu vertrauensbildenden Maßnahmen, etwa zur Änderung seiner Staatsflagge – der Vergina-Stern wurde durch eine neue Sonne ersetzt. Im Gegenzug beendete Griechenland sein Embargo und erkannte Mazedonien unter dem FYROM-Namen an; beide Seiten richteten diplomatische Verbindungsbüros in Skopje und Athen ein (anstelle offizieller Botschaften). Trotz dieser Entspannung blieben die politischen Beziehungen kalt. In der griechischen Öffentlichkeit wurde der nördliche Nachbar abfällig meist nur „Skopje“ genannt (nach der Hauptstadt) und die Bevölkerung als Skopianer bezeichnet, was die Mazedonier als Herabwürdigung empfanden. Parallel begann sich jedoch ein reger wirtschaftlicher und touristischer Austausch zu entwickeln, der teils im Kontrast zum diplomatischen Frost stand.
Wegen des Namensstreits blockierte Griechenland weiterhin jeden Schritt Mazedoniens in Richtung NATO und EU. Auf dem NATO-Gipfel in Bukarest 2008 legte Athen sein Veto gegen eine Einladung Mazedoniens zum Bündnis ein. Mazedonien klagte daraufhin vor dem Internationalen Gerichtshof gegen Griechenland wegen Bruchs des Interim-Abkommens (Artikel 11 verbot obstruktive Maßnahmen für NATO/EU-Beitritte). Im Dezember 2011 gab der IGH Mazedonien zwar Recht und stellte fest, dass Griechenland mit der Blockade der NATO-Aufnahme gegen seine Verpflichtungen verstoßen hatte. Dennoch änderte das Urteil faktisch nichts an Athens Haltung. Bis 2018 widerstanden beide Seiten allen Kompromissvorschlägen der UN-Vermittler zäh. Innenpolitisch war die Frage hochemotional: In Griechenland kam es zu Massenprotesten gegen jede Verwendung des Namens „Mazedonien“ durch Skopje, während in Mazedonien nationalistische Kräfte jedwede Namensänderung strikt ablehnten. Erst ein Regierungswechsel in Skopje 2017 eröffnete ein Fenster für eine Verhandlungslösung.
Prespa-Abkommen und Normalisierung mini|Unterzeichnung des Prespa-Abkommens durch die jeweiligen Außenminister beider Staaten (2018) Im Jahr 2018 gelang der Durchbruch in dem jahrzehntelangen Disput. Am 17. Juni 2018 unterzeichneten die Außenminister Nikos Kotzias und Nikola Dimitrov in Psarádes am Prespasee das nach dem Ort benannte Prespa-Abkommen, nachdem zuvor eine endgültige Einigung zwischen beiden Regierung erfolgt war. Dieses Abkommen zur Beilegung der Namensdifferenz sah vor, dass der Staat Mazedonien fortan Republik Nordmazedonien heißen wird, ein Name, der erga omnes (für alle Verwendungszwecke innen- und außenpolitisch) gilt. Zugleich erkannte Griechenland das Existenzrecht einer eigenen makedonischen (mazedonischen) Nation und Sprache an, betonte aber deren Unterschied zur antiken hellenistischen Kultur Makedoniens. Nordmazedonien sagte im Gegenzug zu, auf antike Symbole und jedwede Andeutung von Irredentismus zu verzichten. Zur Überprüfung wurde eine gemeinsame Expertenkommission für historische und Bildungsfragen eingerichtet.Text des Prespa-Abkommens. (PDF) mfa.gr
Auf mazedonischer Seite wurde die Umsetzung des Prespa-Abkommens durch ein Referendum und Parlamentsbeschluss erreicht. Ein nicht-bindendes Referendum im September 2018 erzielte zwar eine Zustimmung von über 90 % der Abstimmenden, jedoch bei nur ca. 37 % Beteiligung (unter dem Quorum). Schließlich verabschiedete das Parlament in Skopje im Januar 2019 mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit die nötigen Verfassungsänderungen, einschließlich der Namensänderung zu Nordmazedonien. Am 12. Februar 2019 trat das Abkommen in Kraft, nachdem auch das griechische Parlament zugestimmt hatte. Die beiden Verbindungsbüros in den Hauptstädten wurden in Botschaften umgewandelt und die diplomatischen Beziehungen damit vollends normalisiert. Griechenland hob umgehend seine Vorbehalte in internationalen Organisationen auf. So unterzeichnete Athen als erster NATO-Mitgliedstaat das Beitrittsprotokoll Nordmazedoniens, wodurch das Land im März 2020 offiziell der NATO als 30. Mitglied beitreten konnte. Ebenso erklärte Griechenland, fortan die EU-Beitrittsperspektive Nordmazedoniens zu unterstützen.
In der Folge verbesserten sich die bilateralen Beziehungen spürbar. Im April 2019 fand in Skopje die erste Sitzung eines hochrangigen Kooperationsrats zwischen den beiden Regierungen statt, bei der zahlreiche Vereinbarungen zur vertieften Zusammenarbeit (etwa im Bereich der EU-Integration und der Wirtschaftskooperation) unterzeichnet wurden. Es entwickeln sich seither enge Kontakte auf Regierungsebene, aber auch auf zivilgesellschaftlicher Ebene nahm der Austausch zu. Griechenlands damalige Opposition, die konservative Nea Dimokratia, hatte das Prespa-Abkommen zwar abgelehnt, doch Premier Kyriakos Mitsotakis bestätigte nach seinem Amtsantritt 2019, dass seine Regierung den Vertrag einhalten werde. In Nordmazedonien ist es zwar teilweise innenpolitisch umstritten, wird jedoch von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt, ebenso wie in Griechenland. 2021 bezeichnete der griechische Außenminister Griechenland sogar als „engsten Partner und Verbündeten“ Nordmazedoniens in der Region.
Wirtschaftsbeziehungen Trotz politischer Differenzen in der Vergangenheit blieben die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Griechenland und (Nord-)Mazedonien robust. Griechenland zählt zu den wichtigsten Handelspartnern Nordmazedoniens und ist dessen „Tor“ zum Meer. Bereits 2016 betrug das bilaterale Handelsvolumen fast 600 Millionen €;Geschäftsleute aus Mazedonien und Griechenland suchen nach einer Fluggesellschaft zwischen Skopje und Athen. koha.mk nach dem Prespa-Abkommen stieg der Austausch weiter dynamisch an. Bis 2022 erreichte das bilaterale Handelsvolumen rund 1,6 Milliarden Euro jährlich. Wichtigste Exportgüter Nordmazedoniens nach Griechenland sind landwirtschaftliche Erzeugnisse, während Griechenland vor allem verarbeitete Produkte und Erdölerzeugnisse liefert. Auf Unternehmensseite ist Griechenland einer der größten Investoren in Nordmazedonien. Griechische Direktinvestitionen summierten sich bis Ende 2022 auf rund 620 Millionen €. Besonders in den Sektoren Bankwesen, Energie und Handel sind griechische Firmen präsent. Bereits in den 1990er Jahren erwarb z. B. Hellenic Petroleum die Mehrheitsanteile der Raffinerie OKTA in Skopje, und griechische Banken engagierten sich im Nachbarland. Nach 2019 intensivierten sich gemeinsame Wirtschaftsprojekte weiter: So unterzeichneten beide Regierungen 2021 eine Vereinbarung zum Bau einer Erdgas-Pipeline zwischen Nordgriechenland und Nordmazedonien, um die Energieinfrastruktur zu verknüpfen und die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Auch der Tourismus bildet ein wichtiges wirtschaftliches Verbindungsglied. Im Jahr 2023 besuchten über 1,12 Millionen Einwohner Nordmazedoniens das Nachbarland – nahezu doppelt so viele wie im Vorjahr.
Kultur und Migration