Der Sonderforschungsbereich 240 „Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien“ war ein Sonderforschungsbereich, der an der Universität Siegen angesiedelt war.

Der SFB 240 war der erste medienwissenschaftliche SFB in der Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und markierte einen entscheidenden Meilenstein in der institutionellen Etablierung der kulturwissenschaftlich orientierten Medienforschung in Deutschland sowie der Medienwissenschaft als akademischer Leitdisziplin. Bis in die 1980er Jahre war Medienwissenschaft noch keine fest verankerte Universitätsdisziplin; Forschung und Lehre erfolgten in unterschiedlichen Fächern mit jeweils eigenen Fragestellungen und Methoden – nicht selten begleitet von Kompetenzkonflikten. Zahlreiche Aufbaustudiengänge zu Film und Fernsehen entstanden, meist auf Initiative von Literatur- oder Theaterwissenschaftlern. Eine stabile institutionelle Grundlage erhielt das Fach erst mit der Gründung des SFB 240, der die wissenschaftliche Untersuchung audiovisueller und digitaler Bildschirmmedien erstmals in einen langfristigen, interdisziplinären Forschungsrahmen der DFG einband. Wie Bohn, Müller und Ruppert 1988 in ihrem Beitrag „Ansichten einer zukünftigen Medienwissenschaft“ hervorheben, war der SFB 240 hierbei von zentraler Bedeutung für die disziplinäre Selbstverständigung und Profilbildung der Medienwissenschaft. Für den Hamburger Medienwissenschaftler Hans-Dieter Kübler wurde Siegen mit seinem SFB 240 „quasi zum Mekka der geisteswissenschaftlichen Medienforschung, viele orientierten sich dahin und kooperierten in etlichen Netzwerken, ungleich mehr, als beschäftigt waren“. Der SFB 240 setzte zentrale Impulse für die theoretische und empirische Auseinandersetzung mit den Transformationsprozessen moderner Medienkulturen und prägte nachhaltig die Entwicklung der deutschen Medienwissenschaft als eigenständige Disziplin.

Der Sonderforschungsbereich 240 erhielt eine außergewöhnlich lange Förderung von 15 Jahren – vom 1. Januar 1986 bis zum 31. Dezember 2000, was der maximalen Förderdauer der DFG für einen SFB entspricht. Die Gesamtfördersumme betrug 17,5 Mio. Euro.Wissenschaftsrat (Hrsg.): Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Kommunikations- und Medienwissenschaften in Deutschland. Wissenschaftsrat, Köln Mai 2007, S. 146 (Drs. 7901-07), , , (Digitalisat (PDF; 662 KBKB)). In diesem Zeitraum wurden 33 Teilprojekte mit knapp 100 Wissenschaftlern durchgeführt.

Gründung und Geschichte Der Germanist Helmut Kreuzer, seit 1972 Gründungssenator der Gesamthochschule Siegen, regte 1983 die Einrichtung eines SFB mit literaturwissenschaftlichem Medienschwerpunkt an. Für den Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen war der Hintergrund der, dass die „Germanistik ab Ende der 1970er Jahre ihren Gegenstandsbereich erweitert und sich zumindest in Teilen als Medienwissenschaft neu erfunden hat. Institutionell gefördert wurde diese Entwicklung durch den Sonderforschungsbereich Bildschirmmedien in Siegen, den die DFG 1985 eingerichtet hat. Dieser Sonderforschungsbereich hatte ausdrücklich das Ziel, zur 'Etablierung einer historisch, ästhetisch und pragmatisch orientierten Medienforschung beizutragen'“.

Die Antragstellung erfolgte 1983–1985 aus dem Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften und dem Institut für Empirische Literatur- und Medienforschung (LUMIS) durch die Wissenschaftler Thomas Koebner (Marburg), Helmut Schanze (Aachen/Siegen) und Siegfried J. Schmidt (Siegen). Später beteiligten sich Wissenschaftler aus den Bereichen Sozialwissenschaften, Kunst- und Musikpädagogik, Wirtschaftswissenschaften sowie Elektrotechnik und Informatik. Nach Antragstellung im April 1985 richtete die DFG im November den SFB 240 für eine qualitativ orientierte Medienforschung ein. Sprecher waren neben Helmut Kreuzer (1985–1988) später dann Christian W. Thomsen (1989 bis 1991) und Helmut Schanze (1992 bis 2000). Der SFB stellte erfolgreiche Folgeanträge in den Jahren 1988, 1991, 1994 und 1997. Die Forschung verband historisch-hermeneutische und sozialwissenschaftlich-empirische Methoden. Es entstanden über 2000 Veröffentlichungen sowie zahlreiche internationale Tagungen. Bei den Publikationen sind die fünfbändige Geschichte des Fernsehens in Deutschland und 80 „Arbeitshefte Bildschirmedien“, die unten im Detail aufgeführt sind, hervorzuheben.Überblick clio-online vom 16. September 2011

Ziele, Methoden und theoretische Einordnung Der SFB 240 hatte zum Ziel, die Theorie, Geschichte und Ästhetik der Bildschirmmedien bezogen auf ihre Präsentationsformen und Handlungsrollen zu untersuchen. Der vollständige Titel „Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien“ verdeutlicht die drei tragenden Säulen des Forschungsprogramms:

Ästhetik: Analyse der formalen und künstlerischen Gestaltung von Bildschirmmedien, ihrer visuellen und audiovisuellen Ausdrucksformen Pragmatik: Untersuchung der praktischen Nutzung, Handlungsrollen und Rezeptionsmuster Geschichte: Historische Entwicklung und medienkulturelle Kontextualisierung

Forschungsschwerpunkte und Gegenstandsbereiche

Primärer Fokus: Fernsehen Zunächst lag der Forschungsschwerpunkt des SFB 240 vor allem bei der historischen und ästhetischen Erforschung des Mediums Fernsehen. Dies war hochaktuell, da der SFB 240 die Entwicklung und Einführung des Privatfernsehens sowie die grundsätzliche Neubestimmung der Medienlandschaft hin zu einem „dualen System“ begleitete. Die Fernsehforschung umfasste verschiedene Aspekte:

Institutionelle Dimension

Organisationsstrukturen des bundesrepublikanischen Fernsehens Entstehung und Entwicklung des dualen Rundfunksystems (öffentlich-rechtlich und privat) Institutionengeschichte und Programmgeschichte

Technische Dimension

Technikgeschichte des BRD-Fernsehens Dispositiv Fernsehen und Programmstrukturen

Inhaltliche und ästhetische Dimension Der SFB 240 untersuchte systematisch verschiedene Fernsehgattungen und -genres:

Fernsehen und Literatur: Fiktionale Fernsehsendungen nach literarischer Vorlage, Fernsehgeschichte der Literatur Das Fernsehspiel: Als Kunstform und Erzählmaschine Kunstsendungen: Geschichte der Kunstsendung im Fernsehen Musik im Fernsehen Theatersendungen im Fernsehen Spielfilme im Fernsehprogramm Serien im Vorabend- und Hauptprogramm Informations- und Dokumentarsendungen Unterhaltung, Werbung und Zielgruppenprogramme

Pragmatische Dimension

Handlungsrollen im Fernsehen: Vom „Autor“ zum Nutzer Fernsehgattungen und ihre Rezeption Produktverbund mit anderen Medien

Erweiterung: „Neue Medien“ Gleichwohl wurden Text- und Datenbanksysteme als „Neue Medien“ in das Forschungsprogramm aufgenommen. Es entstanden Forschungsprojekte zu:

Textsysteme und Veränderungen des Literaturbegriffs Interaktive Medien und ihre Nutzer (4 Bände, 1998–2002) Medienwertungsforschung

Methodische Innovation und spezifische Forschungsfelder In den Projekten des SFB 240 griffen historisch-hermeneutische Forschungen und sozialwissenschaftlich-empirische Methoden ineinander. Diese Integration war für die damalige Zeit neu, da sie die oft als unvereinbar geltenden Ansätze der geisteswissenschaftlichen Medienwissenschaft und der sozialwissenschaftlichen Kommunikationswissenschaft zusammenführte. Für Gerd Hallenberger, so schrieb er im Reallexikon der deutschen Literatur (1997) war der SFB 240 einer „der herausragenden Brückenschläge […], bei denen Wissenschaftler mit literaturwissenschaftlichem Hintergrund erfolgreich mit sozialwissenschaftlich orientierten Wissenschaftlern kooperierten“.

In den Teilprojekten des SFB 240 ließen sich spezifische Projektbereiche identifizieren:

Europäische Kinokunst im Zeitalter des Fernsehens Intermedialitätsforschung Medienwertungsforschung (Medienwissenschaften und Medienwertung) Interaktive Mediennutzung Visualisierung als Teilprozess der Modernisierung Kognitive Strukturen im Handeln mit Medien

Zentrale Forschungsleistung: Geschichte des Fernsehens Das Hauptwerk des SFB 240 war die fünfbändige „Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland“, herausgegeben von Helmut Kreuzer und Christian W. Thomsen (1993–1994):

Band 1: Institution, Technik und Programm. Rahmenaspekte der Programmgeschichte des Fernsehens (Hrsg. Knut Hickethier) Band 2: Das Fernsehen und die Künste (Hrsg. Helmut Schanze und Bernhard Zimmermann) Band 3: Informations- und Dokumentarsendungen (Hrsg. Peter Ludes, Heidemarie Schumacher, Peter Zimmermann) Band 4: Unterhaltung, Werbung und Zielgruppenprogramme (Hrsg. Hans-Dieter Erlinger und Hans-Friedrich Foltin) Band 5: Vom „Autor“ zum Nutzer: Handlungsrollen im Fernsehen (Hrsg. Werner Faulstich)

Die fünf Bände stellen die erste umfassende, wissenschaftlich fundierte Geschichte des bundesrepublikanischen Fernsehens dar und analysieren systematisch alle relevanten Programmformen, institutionellen Entwicklungen und medienkulturellen Kontexte.

Etablierung der Medienwissenschaft durch den SFB 240 Der SFB 240 und die Universität Siegen waren (neben der TU Berlin) zentral für die Etablierung der Medienwissenschaft als eigenständige Disziplin in Deutschland. Bereits seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre hatte Helmut Kreuzer eine Veränderung und damit Erweiterung des Literaturbegriffs gefordert. Diesem Ziel folgend, richtete er an der neu gegründeten Siegener Universität den Forschungsschwerpunkt „Massenmedien und Kommunikation“ ein und gründete dann zusammen mit Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universitäten Siegen und Marburg den Sonderforschungsbereich 240 „Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien“, der von 1985 bis 2000 bestand. In den ersten Jahren seines Bestehens verfolgte dieser Forschungsverbund das Ziel, nach der Einführung des privaten Rundfunks systematisch die Geschichte der Fernsehprogramme aus der Zeit des ausschließlich öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu untersuchen. Zu den Ergebnissen dieser Forschungen gehört die fünfbändige Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland (1993–1994).Der SFB 240 legte empirische und konzeptionelle Grundlagen, indem er den Literaturbegriff systematisch um Massen- und Bildschirmmedien erweiterte. Zunächst analysierte der Verbund die Fernsehentwicklung in der Bundesrepublik während des öffentlich-rechtlichen Monopols, um Forschungslücken vor der bevorstehenden Privatisierung zu schließen. Die fünfbändige „Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland“ (1993–1994) etablierte mit der Synthese programmanalytischer, pragmatischer und ästhetischer Ansätze die Fernsehforschung als eigenständiges Forschungsfeld in Deutschland. Der interdisziplinäre Ansatz entwickelte neue Begriffe und Methoden, um Bildschirmmedien als ästhetisch-pragmatische Phänomene zu erfassen. Die breite interdisziplinäre Herangehensweise des SFB 240 ging weit über die damaligen Standards in der kultur- und geisteswissenschaftlichen Grundlagenforschung hinaus und markierte eine Pionierrolle für die Medienwissenschaft, die sich erst in den 1990er Jahren als eigenständige Disziplin an den Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz etablierte.Medienwissenschaft studieren, abgerufen am 8. Januar 2026 Durch seinen programmatischen und methodischen Ansatz lieferte der SFB 240 wegweisende Impulse, die die Entwicklung moderner Medienforschung nachhaltig prägten und bis heute dienen. Jens Schröter hebt in seinem Handbuch Medienwissenschaft u. a. den SFB 240 als Großforschungseinrichtung hervor:Der Erfolg der Medienwissenschaft seit Mitte der 1990er Jahre war darum nicht zufällig begleitet von verschiedenen SFBs („Bildschirmmedien“ und „Medienumbrüche“ in Siegen; „Medien und kulturelle Kommunikation“ in Köln) oder den Gradiuiertenkollegs („Intermedialität“ in Siegen; „Automatismen“ in Paderborn; „Mediale Historiographien“ in Weimar etc.

Relevanz für die Praxis