Nolin, , auch manolin, mandolin (abgeleitet von mandolin, „Mandoline“, in europäischen Sprachen), ist eine gezupfte Kastenzither auf der indonesischen Insel Bali, deren Saiten über eine Reihe von Tasten verkürzt werden. Die seit den 1930er Jahren auf der Insel bekannte und 1961 mit einem eigens geschaffenen Gamelan (gamelan mandolin) in die balinesische Musik eingeführte nolin ist mit der japanischen taishōgoto und der pakistanischen bulbultarang, instrumentenkundlich aber nicht mit der Mandoline verwandt. Eine mit etwa 20 Tasten und Tonabnehmer ausgestattete Neuentwicklung namens neo nolin wird in Zentralbali in Ensembles für moderne klassische Kompositionen eingesetzt.

Auf Balis Nachbarinsel Lombok ist die Tastenzither als mendolen oder manduli, in Ostbali und Lombok auch als penting bekannt. Bei den Bugis in Südsulawesi heißt eine ähnliche Tastenzither mandoliong und dient meist zur Liedbegleitung.

Herkunft und Verbreitung mini|Japanische taishōgoto mini|Von Otto Teller in Klingenthal um 1920 patentierte Akkordolia mini|In Nordwestindien und Pakistan gespielte bulbultarang Ausgangspunkt dieses Instrumententyps ist die japanische zweisaitige taishōgoto, die nach ihrer Grundform auf die alte Wölbbrettzither koto zurückgeht, die wohl spätestens Anfang des 8. Jahrhunderts von China nach Japan gelangte. Die dreizehnsaitige koto mit beweglichen Stegen wurde in der höfischen Musik hauptsächlich zur Gesangsbegleitung gespielt.W. Adriaansz: Koto. In: Grove Music Online, 2001 Die taishōgoto („koto aus der Taishō-Zeit“) wurde 1912 in Japan eingeführt, erfunden vom japanischen Instrumentenbauer Goro Morita, der in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nach Europa und in die Vereinigten Staaten gereist war und sich unter anderem von der Tastenmechanik einer Schreibmaschine anregen ließ. Vielleicht lernte er dort auch Erfindungen des amerikanischen Instrumentenbauers Henry Charles Marx (1875–1947) kennen, der unter anderem 1912 eine marxophone genannte Kastenzither patentieren ließ, bei der ein Teil der Saiten mit elastischen Hämmerchen über Tasten angeschlagen werden.Marxophone. Organology Für die Autoharp, deren Saiten sich über Tasten dämpfen lassen, wurde 1910 ein US-amerikanisches Patent erteilt. Bei diesen und ähnlichen Erfindungen wie der ab 1900 von Wilhelm Kruse im sächsischen Markneukirchen gebauten Manualzither, genannt Pianochordia,Manualzither. Musical Instrument Museums Online werden die Saiten jedoch nicht verkürzt und produzieren nur einen Ton. Ein japanisches Vorbild könnte die zweisaitige japanische Brettzither nigenkin gewesen sein, denn die erste Version der heute sechssaitigen taishōgoto besaß ebenfalls nur zwei Saiten.Kazuhisa Imaizumi: What’s a Taishokoto? Lyrist Co., 2012

Bereits in der Meiji-Zeit (1868–1912) begann die westliche Musikkultur, einen starken Einfluss auf die japanische Musik auszuüben. Resultate dieser westlichen Einflussnahme waren ab 1900 Klavier- und Violinenkonzerte und ab 1907 der gelegentliche Ersatz der Langhalslaute shamisen durch die Violine.Masakata Kanazawa: Japan. IX. Music in the period of Westernization. 2. Western art music. (i) To 1945, und Linda Fujie: Japan. IX. 3. Popular music. (i) To 1945. In: Grove Music Online, 2001

In den 1920er Jahren erreichte die taishōgoto Indien, wo sich eine wesentlich größere Tastenzither zunächst vermutlich von Mumbai aus unter dem Namen bulbultarang im Nordwesten Indiens in die pakistanische Provinz Sindh und vor allem in die dortige Großstadt Karatschi verbreitete.Alastair Dick, Jean During: Bulbultarang. In: Grove Music Online, 13. Januar 2015 Die indische Minderheit in Ostafrika sorgte ab Mitte der 1950er Jahre für den Einsatz derselben Tastenzither mit dem Namen taishokoto im arabisch, afrikanisch und indisch beeinflussten Musikstil Taarab, wie auf damaligen kenianischen Schallplattenaufnahmen zu hören ist.Traveling With the Taishōkoto. Excavated Shellac Der zu tashkota verkürzte Name bezeichnet eine elektrisch verstärkte Tastenzither, die in den 1970er Jahren in den Taarab von Mombasa und der Insel Sansibar eingeführt wurde.Zanzibara 10: First Modern–Taarab Vibes from Mombasa & Tanga 1970–1990. Youtube-Video, bei Buda Musique

Wenige Jahre nach ihrer Einführung in Japan war die taishōgoto vermutlich auch in China bekannt. Der erste überlieferte Beleg für ihre Existenz in China ist eine Werbeanzeige für eine im Land produzierte Version aus dem Jahr 1926, was für ihre zunehmende Beliebtheit bei einer chinesischen Zuhörerschaft in jener Zeit spricht. In den 1920er und 1930er Jahren wurde die taishōgoto von vielen Leuten weniger als ernsthaftes Musikinstrument, sondern wegen ihrer leichten Erlernbarkeit eher als Spielzeuginstrument betrachtet, das auch von Straßenhändlern verkauft wurde. In China wurde die taishōgoto gelegentlich zur Begleitung der „Trommellieder“, dagu shu (einer alten musikalischen Erzähltradition mit der Fasstrommel dagu), eingesetzt. Ein Sänger von „Trommelliedern“, Sun Chenghai (1915–1973), führte in den 1930er Jahren anstelle der bisher ausschließlich als Liedbegleitung verwendeten Langhalslaute sanxian neben der bereits populären taishōgoto chinesische Saiteninstrumente wie die Schalenhalslaute pipa, das Hackbrett yangqin sowie die Röhrenspießgeigen sihu und dihu ein.Yu Shi: Journey to the northeast: producing Chinese folk performances with the Japanese media industry amid empire expansion. In: International Journal of Asian Studies, September 2025, S. 1–21, hier S. 4f

Parallele Entwicklungen zur taishōgoto zwischen 1900 und 1930 gab es auch in Europa. Zwischen 1908 und 1910 erfand Otto Teller in Klingenthal, Sachsen, auf der Basis einer Hummel eine der taishōgoto sehr ähnliche Akkordolia mit sieben Saiten (dreifach und vierfach),Manualzither von Otto Teller, um 1920. Musical Instrument Museums Online; Zither „Akkordolia“, von Otto Teller aus Klingenthal/SA, Klangvorstellung. Youtube-Video die bis etwa 1939 gebaut wurde.Wilfried Ulrich: Mountain Dulcimer Relatives Worldwide. The Taishokoto in Japan. Dulcimer Sessions, Juni 2009 Goro Morita könnte die Hummel (eine Bordunzither ähnlich der norwegischen langeleik) und die Akkordolia bei seinem Besuch in Deutschland gesehen haben. Die Akkordolia wurde wie die taishōgoto damals als preiswertes Massenprodukt hergestellt.

In den 1930er Jahren brachten chinesische Migranten die allgemein in Indonesien als chinesisches Musikinstrument geltende Tastenzither nach Bali, wo sie in die einheimische Musikkultur integriert wurde. Regional begrenzt kommen Tastenzithern nach dem Vorbild der taishōgoto – von chinesischen Händlern verbreitet – heute in der balinesischen Musik, in der Musik von Lombok, in Südsulawesi und in Westsumatra (kucapi) vor.

In Wajo, einem Regierungsbezirk von Südsulawesi, spielten erstmals um 1950 in Sengkang, einem Handelsort und dem Hauptort des Bezirks, als Händler zugewanderte Chinesen die mandoliong. In ein einheimisches Ensemble mit Saiteninstrumenten wurde die mandoliong ab etwa 1970 übernommen.Andi Ihsan, Andi Taslim Saputra, 2024, S. 199f

Wortumfeld Populäre Instrumentennamen haben häufig nichts mit instrumentenkundlichen Begriffen zu tun. So ist die gelegentlich als „Nagoya-Harfe“ bezeichnete taishōgoto keine Harfe und die auch „Indian banjo“ genannte bulbultarang ist keine Langhalslaute. Ebenso wenig ist die auf Bali nolin oder mandolin genannte Tastenzither eine mit der Mandoline verwandte Laute. In Sri Lanka hat die taishōgoto den Namen „Japan mandolin“ erhalten; als ein einfaches Instrument, das zumindest in den 1980er Jahren auch von Bettlern auf der Straße und in der Nähe von Tempeln verwendet wurde, heißt sie dort bajau.Chinthaka P. Meddegoda: From Swarmandal to Taishogoto: South Asian Reputation of Zithers. In: Xiao Mei, Gisa Jähnichen (Hrsg.): Musical Bows and Zithers Along the Great Silk Road. Logos Verlag, Berlin 2023, S. 119–130, hier S. 127f

Mandolinen und ähnliche Zupflauten (in der Größe von Ukulelen) kamen im 16. Jahrhundert mit portugiesischen Händlern über Sri Lanka ins Malaiische Archipel. Als Anfang des 17. Jahrhunderts die Niederländische Ostindien-Kompanie Indonesien in Besitz nahm, hatte sich unter portugiesisch-einheimischen Bevölkerungsgruppen (etwa in der christlichen Siedlung Tugu) bereits aus portugiesischen Musikinstrumenten und Liedern ein Musikstil entwickelt, der heute als kroncong bekannt ist.Lutgard Mutsaers: „Barat Ketemu Timur“: Cross-Cultural Encounters and the Making of Early Kroncong History. In: Bart Barendregt, Els Bogaerts (Hrsg.): Recollecting Resonances. Indonesian-Dutch Musical Encounters. (Southeast Asia Mediated, Band 288/4) Brill, Leiden/Boston 2014, S. 259–279, hier S. 262 Anfang des 20. Jahrhunderts war kroncong auf Java ein überwiegend städtischer Musikstil in der Umgebung von Jakarta. In den aus zwei bis vier Musikern bestehenden Ensembles spielte einer eine Mandoline. Kroncong gehörte zum Milieu von Straßenmusikern (buaya kroncong, „Krokodil-kroncong“),Indonesisch buaya („Krokodil“) bezieht sich auf Straßenmusiker, die mit akrobatischen Kunststückchen ihr Publikum anziehen, Aufreißer und Kleingangster. die häufig zusammen mit einer (mutmaßlich auch als Prostituierte tätigen) Sängerin von kleinen Spenden lebten.Judith Becker: Kroncong, Indonesian Popular Music. In: Asian Music, Band 7, Nr. 1 (Southeast Asia Issue) 1975, S. 14–19, hier S. 15 Die Mandoline war somit zu der Zeit, als die Tastenzither eingeführt wurde, auf sozialer Ebene mit jener verbunden, denn beide gehörten zu den importierten, einfachen und in der Volksmusik der Unterschichten gespielten Musikinstrumenten. Mit der Integration der nolin in neue Formen der klassischen Gamelans auf Bali und in der Musik von Lombok änderte sich ihre kulturelle Bewertung zu einem Musikinstrument chinesischen Ursprungs, mit dem eine besondere, aber traditionelle Musik gespielt wird.I Gede Mawan: Neo Nolin „Genre“ New Music. In: International Journal of Linguistics, Literature and Culture, Band 7, Nr. 3, Mai 2021, S. 163–171, hier S. 165

Die Zugehörigkeit der nolin zu den Zithern kommt im balinesischen Namen kecapi mandolin zum Ausdruck. Die kacapi ist eine Brettzither, die nicht auf Bali vorkommt, sondern nur in Westjava zur Liedbegleitung und in kleinen Ensembles gespielt wird. Im Osten Balis wird penting (indonesisch, „wichtig, bedeutend“) als Instrumentenname verwendet. Penting bezeichnet auf Lombok ebenfalls die Tastenzither, hauptsächlich jedoch die Schalenhalslaute gambus.

An der Westküste Sumatras (Provinz Bengkulu) nennen die Minangkabau die Tastenzither kucapi. Das auf Sanskrit kacchapi für altindische Saiteninstrumente zurückgehende Wortumfeld (kecapi, kacapi und kucapi) bezeichnet auf Sumatra ansonsten mehrere einfache Zithern und eine Laute (hasapi).

Der Name mendolen für die von den Sasak in Lombok gelegentlich gespielte Tastenzither ähnelt klanglich mandolin, wird aber auch mit menduli, was in der Sasak-Sprache „kochendes Wasser“ bedeutet, in Verbindung gebracht.Hamzan Wadi: Mendolen, Alat Musik Tradisional Suku Sasak Pulau Lombok Sudah Ada Sejak Zaman Jepang. MetroNTB.com, 10. November 2022

Die Bugis in Südsulawesi nennen die Tastenzither mandoliong, ein zur Bezeichnung von Saiteninstrumenten chinesischen Ursprungs in die buginesische Sprache eingegangenes Wort.

Bauform Größe, Korpusform und Gestaltung sind unterschiedlich und nicht standardisiert. Der Resonanzkasten ist flach, langrechteckig oder verjüngt sich leicht in Richtung der Stimmwirbel. Häufig ist der hölzerne Kasten mit ornamentalen Schnitzereien verziert und bemalt, entsprechend etwa dem Metallophon gangsa und anderen Musikinstrumenten der Gamelans. Eine typische nolin ist etwa 55 Zentimeter lang und 20 Zentimeter breit. Vier bis sechs Gitarrensaiten verlaufen von einer von der Gitarre übernommenen Stimmmechanik über die flache Korpusdecke und einen Steg am gegenüberliegenden Ende bis zum Befestigungspunkt an der Kante. Meist befindet sich ein rundes Schallloch unter den Saiten am Steg.