mini|Westfassade (1924) Der Festungsbauhof oder Festungsschirrhof (auch Kameralbauhof) war ein militärisch genutzter Gebäudekomplex in Koblenz. Die vom kurtrierischen Hofbaumeister Johann Andreas Gärtner 1781 entworfene Anlage wurde ab 1788 als Platzabschluss an der östlichen Seite des Clemensplatzes erbaut. Sie diente ab 1816 als Bauhof und ProviantamtVgl. Kriegs- und Befestigungsgeschichte von Coblenz und Ehrenbreitstein. Von Dziobek I., Ingenieur-Hauptmann und 1ter Adjutant der Königlichen 3ten Ingenieur-Inspektion, Koblenz 1834, Blatt 148, in: Stadtarchiv Koblenz, HK 11 Dzi. der preußischen Festung Koblenz und Ehrenbreitstein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die in großen Teilen zerstörte Anlage entfernt. An ihrer Stelle befindet sich heute u. a. der Reichenspergerplatz.
Geschichte In kurtierischer und französischer Zeit Bereits im September und Oktober 1781 legte Johann Andreas Gärtner erste Entwürfe für den neuen Gebäudekomplex an der östlichen Seite des Clemensplatzes vor.Siehe Grundrisse in: Landeshauptarchiv Koblenz Best. 702 Nr. 65, online abrufbar über Apertus. In diesen finden sich bereits einige Elemente des ausgeführten Projekts wieder, wie z. B. das Portal mit den vier Säulen am Clemensplatz. Gärtner integrierte zur Rheinfront hin auch einen großen kuppelbekrönten Heuschober, der jedoch nicht zur Ausführung kam.Kay Thoss: Andreas Gaertner (1744-1826). Architektur eines Lebens im Umbruch, Weimar 1998, S. 34 (Münster (Westfalen), Univ. Diss., 1996). Zu dieser Zeit plante Gärtner anscheinend noch die an der Nordseite des geplanten Gebäudes gelegene mittelalterliche Stadtmauer in das Bauwerk zu integrieren, wobei der in diesem Abschnitt gelegene achteckige Zachariasturm von 1333 und ein HalbrundturmVgl. Fritz Michel: Die Kunstdenkmäler der Stadt Koblenz. Die profanen Denkmäler und die Vororte, S. 55. als Magazine dienen sollten.Siehe Grundrisse in: Landeshauptarchiv Koblenz Best. 702 Nr. 65. Hierzu kam es jedoch nicht, da alle in diesem Bereich gelegenen mittelalterlichen und kurfürstlichen Verteidigungsanlagen in Vorbereitung für den Bau 1787/1788 beseitigt wurden. Im gleichen Jahr begann der Neubau, für den die Steine der aus diesem Anlass abgebrochenen ehemaligen Sakristei des Schlosses Philippsburg in Ehrenbreitstein verwendet wurden.Vgl. Fritz Michel: Kunstdenkmäler, S. 135f. Der Gebäudekomplex diente bis zur Eroberung der Stadt Koblenz durch französische Truppen unter General Marceau im Oktober 1794 als „Kameralbauhof“ bzw. als Festungsbauhof. Während der französischen Herrschaft in Koblenz wurde die Anlage vom Militär als Proviantamt genutzt, zu diesem Zweck wurden dort Schlachtereien, Bäckereien, Magazine angelegt. 1799 brannte ein Teil der Gebäude infolge einer Brandstiftung nieder.Christian von Stramberg: Rheinischer Antiquarius, Coblenz, die Stadt, 1. Band, 2. Auflage, Koblenz 1860, S. 569.
In preußischer Zeit Nach der preußischen Übernahme wurden 1816 die durch den Brand beschädigten Gebäudeteile und die Fassade zum Clemensplatz erneuert.Vgl. Christian von Stramberg: Rheinischer Antiquarius, Coblenz, die Stadt, 1. Band, 2. Auflage, Koblenz 1860, S. 569. Die gesamte Anlage wurde an die Metternicher Wasserleitung angeschlossen.Vgl. Thomas Tippach: Koblenz als preussische Garnison- und Festungsstadt, Köln Weimar Wien 2000, S. 137. Der Gebäudekomplex wurde 1816 auch zur Einrichtung einer Kaserne in Betracht gezogen, sollte aber zunächst vorläufig als Standort der Bäckerei und Festungsbrauerei genutzt werden.Thomas Tippach: Koblenz als preussische Garnison- und Festungsstadt, Köln Weimar Wien 2000, S. 26f., Fußnote 103. Tatsächlich diente die Anlage in der Folge als Festungsbauhof und als Proviantamt, wobei der Bereich nördlich der beiden Durchfahrten dem Proviantamt und der südliche Bereich dem Festungsbauhof vorbehalten war.Siehe Eintragungen im Grundriss von 1857 in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Best. F Nr. 70359. 1821 entstand in dem zum Rhein liegenden Gebäudeteil rechts der Durchfahrt, unter Einbeziehung zweier Backöfen aus der französischen Zeit, die neue Koblenzer Garnisonsbäckerei.Vgl. Koblenzer Volkszeitung Nr. 164, 19.07.1932: Die alte Festung Koblenz. Ihr Schicksal einst und morgen II. Diese blieb, abgesehen von einer dreijährigen Unterbrechung von 1911 bis 1914, vermutlich bis 1918 in Betrieb.Vgl. StAK DB 8 Militär, 08: Dienstgebäude, sonstige Militärbauten: 4.16. Festungs-Schirrhof (Proviantamt, Bauhof und Militärbäckerei).
1838 wurde an der Westseite der Anlage zunächst der nördliche Bereich neben dem Portal bin in etwa zu der Höhe des späteren Espenschiedschen Hauses um ein Stockwerk erhöht. Im folgenden Jahr erhielt der Bereich südlich des Portals ebenfalls ein zweites Stockwerk.Vgl. Festungs-Geschichte von Coblenz und Ehrenbreitstein 1834 bis 1905, Blatt 2f., in: Stadtarchiv Koblenz HK 11 Dzi. Das beeindruckende Espenschiedsche Haus war 1888 als Weinhandlung errichtet worden. Es wurde 1945 zerstört und von 1956 bis 1958 beseitigt (Vgl. Willi K. Michels: Schicksale Koblenzer Hausecken, Koblenz 1987, S. 17f.). Eine weitere Aufstockung erfolgte vor 1857 an der Südseite des Komplexes.Siehe Grundriss von 1857 in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Best. F Nr. 70359 und Foto der Südseite in diesem Beitrag. Der Innenhof der Anlage war größtenteils unbebaut, lediglich in der nordwestlichen Ecke wurde u. a. die Wohnung des Magazin-Aufsehers ergänzt, sodass hier ein zweiter kleinerer Innenhof entstand. Über die Jahre waren im großen Innenhof vermutlich diverse Holzschuppen aufgestellt. Pläne von 1857 zur Errichtung einer Dampfmühle im Innenhof kamen allerdings nicht zur Ausführung.Siehe Grundriss von 1857 in: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Best. F Nr. 70359.
Zur weiteren Geschichte des Bauhofs oder Umbauten an den Gebäuden in preußischer Zeit ist bislang nur wenig bekannt. 1889 kam das Gerücht auf, dass der Bereich auch als möglicher Aufstellungsort des Kaiser-Wilhelm-Denkmals im Gespräch gewesen wäre, wofür die Gebäude hätten weichen müssen.Vgl. Coblenz, 2. Dez., in: Ohligser Anzeiger Nr. 145, 1. Blatt, 7.12.1889, S. 6.
Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg Im Zuge der Besetzung von Koblenz durch amerikanische Truppen im Dezember 1918 wurde auch der Festungsbauhof von der amerikanischen Armee requiriert, die hier ihre Militärpolizei unterbrachte.Erinnerungen eines alten Polizisten, in: Emil Baldus: Geschichte der Polizei-Direktion Koblenz von 1804-1960, Koblenz 1961, S. 108-119, hier S. 114. Ob die Anlage in dieser Zeit noch anderen Zwecken diente, ist bislang nicht bekannt. Als militärisch genutztes Gebäude hätte der Bauhof mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrags nach dem Ende der Alliierten Rheinlandbesetzung demilitarisiert oder im ungünstigsten Fall abgerissen werden müssen. Um dies zu vermeiden, beantragte das zuständige Entfestigungsamt Koblenz bereits am 11. Dezember 1920 zusammen mit vielen anderen gefährdeten Standorten wie z. B. den Koblenzer Kasernen auch den Erhalt des Festungsschirrhofs am Clemensplatz. Zur Begründung führte das Amt den fehlenden militärischen Wert der diversen Standorte und die aus deren Zerstörung resultierende Vernichtung von Sachwerten an. Zudem sollte mit dem Erhalt von Gebäuden eine Linderung der Wohnungsnot erreicht werden, da für die bislang hier untergebrachten Truppen sonst an anderer Stelle Wohnraum requiriert oder geschaffen werden musste.Vgl. „Erhaltungsantrag für die Gebäude, die früher militärischen Zwecken gedient haben“, 11.12.1920, in: LHA Ko Best. 578,002 Nr. 4.
Nach dem endgültigen Abzug der amerikanischen Besatzung übernahm Mitte 1923 das französische Militär den Bauhof, das den Komplex in „Caserne Lyauthey“ umbenannte.Vgl. StAK DB 8 Militär: 06-15 Militärische Liegenschaften, 4.16. Festungs-Schirrhof (Proviantamt, Bauhof und Militärbäckerei). Wer der Namensgeber für die Kaserne war, ist nicht sicher, es könnte sich dabei um den General Hubert Joseph Lyautey handeln. Die ehemalige Garnisonsbäckerei diente bis zum 1. November 1926 der Interalliierten Rheinlandkommission, die im benachbarten Oberpräsidium der Rheinprovinz ihren Sitz hatte, und zuletzt auch der „Hohen Kommission der Französischen Republik in den Rheinprovinzen“ als Druckerei.Vgl. Eduard Redelsperger: Aus meiner Koblenzer Franzosenzeit, Koblenz o. J., S. 28 und S. 33. Nach der Räumung im Zuge des französischen Abzugs war die Garnisonsbäckerei bereits am 12. November 1929 an die deutschen Stellen zurückgegeben worden, der Rest des Komplexes folgte am 28. November 1929.Vgl. Koblenz. (Letzte Räumungstermine.), in: Ohligser Anzeiger Nr. 279, 1. Blatt, 28.11.1929, S. 6.
Bereits im Mai 1929 hatte die Denkmalpflege den Erhalt des Baukomplexes in seiner damaligen Form gefordertVgl. Anlage 7, S. 2, in: Stadt Koblenz. Amt 23/Liegenschaftsamt. Fach 2 Titel 1097: Ankäufe. und möglicherweise auch durchgesetzt. Im Dezember 1929 bekundete außerdem die Reichspost Interesse an den Gebäuden.Vgl. Was wird aus dem Ehrenbreitstein?, in: Ratinger Zeitung Nr. 291, 14.12.1929, S. 1 Die gesamte Anlage sollte allerdings stand September 1929 im Besitz des Reichs bleiben,Vgl. Die Befreiung von Koblenz, in: Bensberger Volkszeitung Nr. 226, 26.09.1929, S. 1 über Demilitarisierungsmaßnahmen oder Abrisspläne im Sinne der Bestimmungen des Versailler Vertrags ist nichts bekannt. Die Gebäude der Anlage wurden nachfolgend umgebaut und ab 1930 an Privatleute vermietet, außerdem war hier ein Teil der Rheinpolizei untergebracht.Koblenzer Volkszeitung Nr. 164, 19.07.1932.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und Beseitigung
Im Zweiten Weltkrieg wurde der ehemalige Festungsbauhof sehr beschädigt,Karl August Müller (Hrsg.): Koblenz an Rhein und Mosel. Das Stadtbild einst und jetzt, Koblenz 1949, S. 74, siehe auch Abb. S. 93 oben. eine alliierte Luftaufnahme um 1945 zeigt u. a. den südlich vom Portal am Clemensplatz gelegenen zweistöckigen Westflügel und die zum Rhein gelegene Zufahrt in Trümmern. Das noch erhaltene Eingangsportal am Clemensplatz wurde 1948 abgebaut, wobei die Steine mit Nummern versehen wurden.Vgl. StAK DB 8 Militär: 06-15 Militärische Liegenschaften, 08 Dienstgebäude, sonstige Militärbauten, 4.16. Festungs-Schirrhof (Proviantamt, Bauhof und Militärbäckerei). Erich Franke gibt 1949 als Jahr des Abbruchs an (vgl. Erich Franke: Koblenzer Kostbarkeiten. Stadtgeschichtliche Skizzen in Wort und Bild, Band 2, 2. Auflage, Koblenz 1975, S. 228). Bis zur weiteren Verwendung bei der geplanten Neugestaltung des GeländesVgl. Fritz Michel: Kunstdenkmäler, S. 136. wurde das Steinmaterial am Koblenzer Schloss eingelagert. Bei der Anlage des heute an der Stelle des Festungsbauhofs gelegenen Reichenspergerplatzes wurde dann aber auf den Wiederaufbau bzw. die Integration des Portals verzichtet und die Steine anderweitig verwendet.Vgl. StAK DB 8 Militär: 06-15 Militärische Liegenschaften, 08 Dienstgebäude, sonstige Militärbauten, 4.16. Festungs-Schirrhof (Proviantamt, Bauhof und Militärbäckerei). Im nördlichen Bereich des Bauhofs befindet sich heute ein Wohnblock.
Baubeschreibung mini|Blick auf die Südseite des Festungsbauhofs, in der Magazine, eine Tischler-Werkstatt und eine Schmiede untergebracht waren