Blarcamesin ist ein niedermolekularer experimenteller Arzneistoff, der zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit entwickelt wird. Der Wirkstoff aktiviert agonistisch den Sigma-1-Rezeptor, der in Körperzellen eine wichtige Rolle bei autophagischen („selbstreinigenden“) Prozessen spielt.
Die Verabreichung erfolgt oral (Einnahme) und unterscheidet sich darin von den bislang gegen Alzheimer zugelassenen Anti-Amyloid-Antikörpern, die infundiert werden.
Eigenschaften Blarcamesin ist eine niedermolekulare Verbindung mit einem Oxolanstrukturelement. Sie hat ein Stereozentrum, so dass es zwei Enantiomere gibt. Verwendet wird die Verbindung als Racemat. Ein Hydrochloridsalz, das Blarcamesinhydrochlorid, ist beschrieben.
Blarcamesin (ANAVEX 2-73) wirkt als Agonist am Sigma-1-Rezeptor. Es zeigt ferner Aktivität an muskarinischen Acetylcholinrezeptoren M1–M4 sowie an Natriumkanälen und iontotropen Glutamat-NMDA-Rezeptoren.Vanessa Villard, Julie Espallergues, Emeline Keller, Alexandre Vamvakides, Tangui Maurice: Anti-amnesic and neuroprotective potentials of the mixed muscarinic receptor/sigma1 (σ1) ligand ANAVEX2-73, a novel aminotetrahydrofuran derivative. In: Journal of Psychopharmacology, Bd. 2, Nr. 8, 2011, S. 1101–1117. doi:10.1177/0269881110379286. In Labortests an Mäusen wurden antiamnestische und neuroprotektive Eigenschaften gezeigt.
Klinische Studien Der Wirkstoff wurde in der randomisierten placebokontrollierten Phase 2b/3-Studie ANAVEX2-73-AD-004 an Alzheimer-Patienten in einem frühen Krankheitsstadium untersucht. In der Frühphase verlangsamte sich das Fortschreiten der Erkrankung, gemessen als Änderung des ADAS-Cog-13-Wertes (Alzheimer's Disease Assessment Scale-Cognitive Subscale), je nach Dosis um 35 bzw. 39 % im Vergleich zu Placebo.Stephen Macfarlane, Timo Grimmer, Ken Teo, Terence J O'Brien, Michael Woodward, Jennifer Grunfeld, Alastair Mander, Amy Brodtmann, Bruce J. Brew, Philip Morris, Cathy Short, Susan Kurrle, Rosalyn Lai, Sneha Bharadwaj, Peter Drysdale, Jonathan Sturm, Simon J.G. Lewis, David Barton, Chris Kalafatis, Saif Sharif, Richard Perry, Nicholas Mannering, J. Emer MacSweeney, Stephen Pearson, Craig Evans, Vivek Krishna, Alex Thompson, Malathy Munisamy, Neel Bhatt, Aliya Asher, Sandra Connell, Jennifer Lynch, Sterre Malou Rutgers, Paul LJ Dautzenberg, Niels Prins, Patrick Oschmann, Lutz Frölich, Pawel Tacik, Oliver Peters, Jens Wiltfang, Alexandre Henri-Bhargava, Eric Smith, Stephen Pasternak, Andrew Frank, Howard Chertkow, Jennifer Ingram, Ging-Yuek Robin Hsiung, Rodney Brittain, Carmela Tartaglia, Sharon Cohen, Luca M Villa, Elizabeth Gordon, Thomas Jubault, Nicolas Guizard, Amanda Tucker, Walter E Kaufmann, Kun Jin, William R Chezem, Christopher U Missling, Marwan N Sabbagh: Blarcamesine for the treatment of Early Alzheimer's Disease: Results from the ANAVEX2-73-AD-004 Phase IIB/III trial. In: The Journal of Prevention of Alzheimer's Disease, Bd. 12, Nr. 1, 2025, S. 100016, doi:10.1016/j.tjpad.2024.100016.
Der Wirkung liegt die Vorstellung zugrunde, dass durch eine gesteigerte Autophagie fehlgefaltete Proteine entfernt und somit schädliche Ablagerungen (β-Amyloid, τ-Protein) im Gehirn reduziert werden, bei gleichzeitiger Vermeidung schwerwiegender Komplikationen wie Amyloid-assoziierter Bildgebungsanomalien (ARIA). Die häufigste Nebenwirkung war Schwindel, der vorübergehend und meist leicht bis mäßig schwer war. 32 % der Studienteilnehmer der Verumgruppe brachen die Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen ab (in der Placebogruppe 7 %). Ein Trend zu schweren oder lebensbedrohlichen Ereignissen wurde nicht beobachtet.
Die Daten der Studie wurden als unzureichend und unplausibel kritisiert.J. Brodkin: Concerns about Anavex's clinical trial of Blarcamesine. In: The Journal of Prevention of Alzheimer's Disease, Bd. 12, Nr. 5, 2025, S. 100137. doi:10.1016/j.tjpad.2025.100137
Basierend auf den Ergebnissen der Studie stellte das Unternehmen Anavex bei der europäischen Arzneimittelagentur einen Antrag auf Zulassung, zog diesen jedoch im März 2026 zurück, nachdem sich abzeichnete, dass die Agentur auch nach zweifacher Prüfung keine Zulassungsempfehlung abgeben würde. Bereits im Dezember 2025 hatte sie bemängelt, dass die Hauptstudie die Wirksamkeit und Sicherheit des Arzneimittels bei Patienten mit früher Alzheimer-Krankheit, die keine Mutation im SIGMAR1-Gen (welches für den Sigma-1-Rezeptor codiert) aufweisen, nicht nachweisen konnte. Die Hauptstudie habe ihr Hauptziel, nämlich eine Verbesserung beider Hauptwirksamkeitsparameter zu zeigen, nicht erreicht. Es gebe methodische Probleme, die Zweifel an der Gültigkeit der Ergebnisse aufwarfen. Die Sicherheit betreffend stellte die Behörde fest, dass es aufgrund der hohen nebenwirkungsbedingten Abbruchrate in der Verumgruppe Bedenken zur Verträglichkeit gebe.
Einzelnachweise
Anmerkungen
Kategorie:Arzneistoff Kategorie:Antidementivum Kategorie:Oxolan Kategorie:Dimethylamin Kategorie:Phenylsubstituierter Heterocyclus