miniatur|Palazzo di Bonifacio VIII. in Anagni Der Palazzo di Bonifacio VIII. in Anagni in der italienischen Provinz Latium ist eigentlich der Palazzo di Gregorio IX., ein aus dem 13. Jahrhundert stammendes Gebäude, das ab den 1950er-Jahren das dem Caetani-Papst gewidmete Museum aufnahm. Das Gebäude liegt in der Strada Vittorio Emanuele, 240, und es handelt sich um eines der Gebäude, die Pietro II. Caetani gekauft hatte; das andere ist als Palazzo Traietto bekannt. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der erstgenannte Palast „Palazzo di Gregorio IX.“ genannt, weil er dem anderen Papst aus Anagni, Ugolino di Anagni, gehört hatte und dann an dessen Erben weitergegeben wurde. Heute gehört er zum Mutterhaus der Zisterzienserschwestern der Wohltätigkeit.

Giuseppe Marchetti Longhi, Topograph und Archäologe, ist die Aufwertung des Komplexes zu verdanken, den er fälschlicherweise dem letzten Papst aus Anagni zuordnete: 1950 richtete er den Kern einer permanenten Ausstellung ein, die Bonifatius VIII. und dem Jubeljahr 1300 gewidmet war. Die Ausstellung, die ab 1953 durch die Sammlung archäologischer Fundstücke und historischer Dokumente erweitert wurde, wurde „Museo bonifaciano e del Lazio meridionale“ (dt.: Museum des Bonifatius und des südlichen Latiums) getauft und damit das erste Museum in Anagni, das öffentlich zugänglich war, geschaffen. Ab den 2000er-Jahren wurde die Sammlung eine eigene Abteilung, eingebettet in das größere Palastmuseum, das auch die architektonische Struktur und die religiöse Natur, die über die Jahrhunderte dieses Gebäude charakterisiert hat, aufwertet. Somit wurden neue Besucherrundgänge durch den Komplex eröffnet.

Geschichte Auch wenn aus der Benennung des Anwesens die Widmung an Papst Bonifatius VIII. hervorgeht, gelangte der Palast der 1297 in die Hände der Caetani, der Familie des Papstes, als Bonifatius bereits drei Jahre lang Papst war. Pietro III. Caetani, der Neffe des Papstes und Sohn von dessen Bruder Roffredo, Graf von Caserta, kaufte das Gebäude im Umfeld einer Reihe von Haus- und Grundstückskäufen um die Kathedrale von Anagni durch die reiche Adelsfamilie.

Vor den Caetani Die Quellen weisen ohne Zweifel ein Gebäude aus den ersten Jahren des 13. Jahrhunderts aus; die Analyse der einzelnen Mauerschichten aber erlaubt es, anzunehmen, dass das Gebäude sogar noch älter ist. Gesichert ist, dass es die Residenz von Ugolino Conti (Papst Gregor IX.) war und wegen seiner Bedeutung als „maius“ (dt.: wesentlich) bezeichnet wurde. Der Bau erfolgte auf einem Grundstück des Vaters des Pontifex, Mattia Conti; er muss innerhalb des ersten Viertels des 13. Jahrhunderts fertiggestellt worden sein, einer Zeit generell intensiver Bautätigkeit in ganz Anagni. Sobald Conti 1227 zum Papst gewählt war, setzte er seine Nichte Maria, die Tochter seines Bruders Adinolfo, als seine Erbin ein, folglich auch als Erbin des Palastes, wobei er sich für sich und seine Familienangehörigen die Möglichkeit vorbehielt, dort zu wohnen.

In diesem Rahmen trafen sich Papst Gregor IX. und der Kaiser Friedrich II. am 1. September 1230, nach dem Frieden von San Germano und der Aufhebung der Exkommunikation, die über dem Kopf des Herrschers schwebte, durch den Pontifex: Die beiden „saßen gemeinsam zu Tisch mit einer prächtigen Schar von Fürsten und Ältesten, die dort eingeladen waren“, um die Versöhnung zwischen den beiden Herrschaften zu unterstreichen. Friedrich sollte diesen Besuch nicht vergessen: In einer Epistel von 1239 beschwerte er sich nach einer neuerlichen Meinungsverschiedenheit mit Gregor IX. beim Papst, dass dieser die Armut Petrus’ vergessen habe, wie dessen Residenz in Anagni zeigte, wo dieser einen verschwenderischen Palast habe bauen lassen.

Nach dem Tod von Maria erbte den Palast deren Sohn Mattia, wie Quellen anlässlich eines erneuten politischen Treffens zwischen Papst und Kaiser verzeichnen: 1254 empfing Papst Innozenz IV. – der 1243 in Anagni gewählt worden war – die Gesandten des Königreichs Sizilien in Gegenwart der Kardinäle und des Volkes im „Palatio Domini Matthiae“ (dt.: Palast des Herrn Matthias).

1297 schließlich verkauften die Söhne von Matthias, des Papstes, Adinolfo und Nicola, den Palast an Pietro II. Caetani zusammen mit den anderen Anwesen – oder sie mussten ihn verkaufen.

Unter Bonifatius VIII. Der Kauf des Palastes durch Pietro II. Caetani war ein Teil einer speziellen Strategie zur Beschaffung von Vermögenswerten, die sich jahrzehntelang fortsetzte.

Benedetto, der spätere Papst Bonifatius VIII., genoss üppige, kirchliche Vorteile, nachdem er bereits Kaplan des Papstes, Legat in Frankreich (1265) und in England (1266), Nuntius für Steuererhebung (1269) und Notar des Papstes (1276) war: Eine Kanonikerstelle und eine Pfründe in der Kathedrale von Anagni ab 1250, eine Kanonikerstelle in Todi ab 1260 und die Stelle eines vatikanischen Kanonikers an San Pietro ab 1281.

Seine vielfachen Stellen und Vorteile ermöglichten ihm, ein immenses Vermögen anzusammeln, das er nach Befolgung der Verfassung als regelrechtes, persönliches Lehen nutzte, sodass die Colonna ihn später anklagten, zu diesem Zweck Geld von Untergebenen erpresst zu haben.

In Anagni leitete Benedetto 1283 eine Reihe von Handelsgeschäften mit dem Ziel ein, Eigentümer des gesamten Viertels Castello zu werden. Zu diesen geschäftlichen Transaktionen kamen noch die von Bonifatius VIII. beauftragten Werke: Der große Palast, der heute Palazzo Traietto genannt wird, ein imposanter Bau mit Bogenfassade, die Capella Caetani, die 1292 an die Südfassade der Kathedrale von Anagni angebaut wurde, die Residenz der Kanoniker, die Erweiterung des Episkopats, wo der Papst die berühmte „Ohrfeige“ erhielt, wie durch jüngste Studien hinreichend belegt wurde.

Der Palast war mit einigen strukturellen Änderungen daher Teil eines Stadtplanungsprogramms mit dem Ziel, eine Familienfestung zu errichten, geschützt durch die alte Umfassungsmauer der Akropolis, die heute noch sichtbar ist, nach dem Modell römischer Adelsfamilien: Aus dieser Perspektive spielt er eine herausragende, repräsentative Rolle, wie auch der Reichtum seiner Verzierungen bezeugt.

Nach den Caetani Der Palast blieb bis 1690 in Besitz der Caetani und fiel dann als testamentarischer Nachlass des Markgrafen Orazio an die Astalli, Verwandte von mütterlicher Seite. 1764 verstarb der letzte Nachkomme der Astalli, Tiberio, in Schulden: Das Werk der Kongregation von Anagni löste dann das Gebäude aus und integrierte es in sein Mutterhaus aus dem 18. Jahrhundert. Einige Räume wurden später einer Nutzungsänderung unterzogen: Die Säle wurden zu Getreidespeicher, Internat, Kollegium und Familienhaus.

Heute beherbergen die einzelnen Teile des Komplexes den Kindergarten „Suor Claudia de Angelis“, eine Unterkunft am Pilgerweg der Via Francigena und ein Museum, das dem Palast gewidmet ist und die Sammlung des Museo bonifaciano e del Lazio meridionale enthält.

Beschreibung miniatur|Grundriss der Museumsräume im Palazzo Bonifacio VIII. Es ist schwierig, mit Sicherheit die zeitliche Abfolge der Umbauten aufzuzeigen, die dem Palast sein heutiges Aussehen verliehen. Die Forscherin Rossana Ferretti behauptet, dass das Gebäude vollständig auf Betreiben von Bonifacio VIII. erbaut worden sei. Giovanni Carbonara identifizierte über 15 verschiedene Umbauten, von denen neun auf das 10.–11. Jahrhundert und das 15. Jahrhundert zu datieren sind: Im Laufe der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts führte die Vereinigung der beiden Wohnhäuser aus dem Ende des 12. Jahrhunderts zur Realisierung eines kleinen romanischen Palastes mit einem anschließenden Turm; das Gebäude wurde später, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, nach gotischem Geschmack umgebaut und mit einer Konstruktion erweitert, die aus imposanten Bögen auf sehr hohen Pfeilern bestand.

Für die Gelehrte Teresa Rinaldi gab es dagegen sieben Bauphasen. Zwischen dem Ende des 12. Jahrhunderts und dem Anfang des 13. Jahrhunderts wurde eine befestigte Linie aus dem Hochmittelalter mit zwei Türmen in den Hauptbaukörper integriert, was zum Bau von Querbögen und Holzböden führte; die Verwendung französischer Maßeinheiten darin führte Rinaldi zu der Annahme, dass Handwerker aus Frankreich oder unter französischem Einfluss am Werke waren, vermutlich über den Zisterzienserorden. Unweit von Anagri, in Fossanova, hatten ebendiese Zisterziensermönche, die über die Alpen gekommen waren, an der Errichtung des Klosters gearbeitet, das 1208 von Papst Innozenz III. geweiht worden war. Diese Hypothese kann die Annahme stützen, dass das erstgenannte Gebäude Innozenz gehörte. Dem folgenden Pontifikat von Gregor IX. können wir dagegen die Errichtung des Südflügels und der beiden Stockwerke auf den bereits existierenden Befestigungen zuschreiben, ebenso wie die Aufstockung des Nordflügels. Den Caetani ist schließlich die Erweiterung des Ostflügels zu verdanken.

In struktureller Hinsicht wurde der Palast später nicht mehr wesentlich verändert, aber sehr wohl in seiner Nutzung nach dem Kauf der Räumlichkeiten durch die Suore Cistercensi della Carità, die sich um die Restaurierung der Böden und der Räume kümmerten.

Erstes Stockwerk Im ersten Stockwerk des Palastes sind heute öffentlich zugänglich der Saal Gregors IX. und der Saal, der nach Mater Claudia de Angelis benannt ist; sie zeigen Holzböden und sind durch einen großen Steinbogen in der Mitte gekennzeichnet, der auf Halbsäulen, verziert mit wertvollen Kapitellen im Stil der burgundischen Zisterzienser, liegt. Diese Räumlichkeiten sollen mit dem alten Herz des Palastes korrespondieren und gehörten vielleicht bereits dem mit Türmen bewehrten Haus von Innozenz III. Auf Besucherrundgang durch das Museum haben diese beiden Räume den Zweck, die antike und mittelalterliche Topographie der Gegend zu zeigen, in der die Papstresidenz steht, die Entwicklung des Gebäudes zur Zeit der Päpste und die jüngste Geschichte des mit dem Mutterhaus verbundenen Komplexes.

Zweites Stockwerk Über die steinerne Wendeltreppe im Inneren des alten Rundturmes am Eck gelangt man in das zweite Stockwerk des Palastes, das durch zwei große, rechteckige Räume mit Fresken, doppeltem Kreuzgewölbe und Querbögen in der Mitte, die bis zum Boden reichen, gekennzeichnet ist. Die beiden Säle, der „Saal der Gänse“ und der „Saal der Schachbretter“, enthalten die Reste der alten Kamine, sind durch eine kleine Loggia verbunden und öffnen sich zu einem ursprünglich terrassierten Raum und zum offenen Himmel hin, der heute dem „Saal des Jubeljahres“ entspricht. Es gibt dort weitere Räume und eine Galerie, die auf der Ostseite liegen und vermutlich zur Erweiterung gehören, die durch die Caetani veranlasst wurde.

Kleine Loggia miniatur|Kleine Loggia des Palastes Die kleine Loggia ist ein überdachter Übergang mit sechs eleganten Doppelfenstern, der 1921, anlässlich des 600-Jährigen Todestages von Dante Alighieri, restauriert wurde. Vom letzten Doppelfenster hinten aus ist ein Mauerabschnitt in Opus quadratum der Akropolis von Anagni zu sehen, der aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. stammt und auch im Mittelalter als Abgrenzung zum Bereich der Kathedrale diente. Der Palast Peter II., der direkt außerhalb des Mauerrings errichtet wurde, diente der Zugangskontrolle zu diesem erhöhten und symbolisch prominenten Platz der Stadt.

Saal der Gänse