mini|Heutige Hauptzufahrt zum Verallia-Werk Wirges Die Glasfabrik Wirges (heute Verallia-Werk Wirges) ist eine seit 1895 bestehende Glasfabrik im rheinland-pfälzischen Wirges. Heute gehört der Standort dem Glasproduzenten Verallia Deutschland.
Geschichte Im Jahr 1891 begann die „Fabrik feuer- und säurefester Produkte Aktien Gesellschaft“ am Ortsrand von Wirges mit dem Bau einer Schamottefabrik. Die Lage zwischen den Tongruben des Westerwaldes schien ideal. Im November 1894 begann die Schamotteproduktion mit mehr als 300 Mitarbeitern. Eine eigenes Elektrizitätswerk mit Dampfmaschinen versorgte die Fabrik schon bald mit Strom, den notwendigen Ton für die Schamottsteine bekam das Werk über eine Seilbahn aus der nahen Tongrube.
Im Jahre 1894 beschloss die Verwaltung den Bau einer Glasfabrik und einer chemischen Fabrik.Eckhard Schmidt: Glück und Glas. Denkschrift zur 100. Wiederkehr des Gründungstages der ersten Siemens-Glashütte in Dresden 1862-1962. Verlag Hoppenstedts Wirtschaft-Archiv, 1962, S. 28 f. Ab Mitte November 1895 folgte die Herstellung von Flaschen und Großglas sowie Ballonflaschen für chemische Erzeugnisse mit mehr als 300 Mitarbeitern. Die Produktionsanlagen bestanden aus vier Glasschmelzwannen, 1897 kamen zwei weitere hinzu. Schon Ende 1896 waren bereits über 1000 Arbeiter beschäftigt,Glaswerke Verallia (Wirges), QR Kultur, abgerufen am 3. Februar 2026 die vor allem aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches, Ostpreußen, Böhmen und Schlesien kamen, wo viele Glasbläser lebten. Zusammen mit dem Bau der Glasfabrik entstanden auch die Arbeiter-Siedlungen „Vor der Asbach I“ und II sowie „Am Dornberg I“, später kamen „Am Dornberg II“ und III hinzu.Glaswerke Verallia, Georoute Glasstadt Wirges, QR Kultur, abgerufen am 13. April 2026 Weitere Wohngebäude entstanden später in der Waldstraße und der Neuen Straße.
Im Jahr 1897 nahm die chemische Fabrik ihre Produktion von schwefelsaurer Tonerde, Schwefelsäure und Berliner Blau auf. Schon im Jahre 1898 beschäftigte das Unternehmen 1700 Arbeiter und war damit das größte Industrieunternehmen im Unterwesterwald.
Im März 1901 eröffnete die zuständige Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen den damaligen Generaldirektor Böing. Man verdächtigte ihn unter anderem der Bilanzfälschung, Unterschlagung von Geschäftsunterlagen und einer unberechtigten Erhöhung der Gehälter für sich und seinen Bruder. Der Gesamtverlust betrug über 7 Millionen Reichsmark. Nach Abzug der Rücklagen handelte es sich immer noch um einen Verlust von mehr als 3 Millionen Mark. Über 1.400 Arbeiter mussten im Sommer 1901 entlassen werden und trotzdem musste die Firma 1901 Konkurs anmelden. Im folgenden Jahr übernahm die „Aktiengesellschaft für Glasindustrie, vormals Friedrich Siemens“ die „Fabrik feuer- und säurefester Produkte AG in Vallendar“. Damit gingen die Fabrikanlagen in Wirges in den Besitz von Siemens-Glas über.Konrad Fuchs: Bemerkungen zur Gastarbeiterfrage im 19. Jahrhundert. In: Nassauische Annalen, Band 95, 1984, S. 297 f.
Friedrich Siemens, der Bruder von Werner von Siemens, besaß bereits mehrere Glashütten in Ostdeutschland, Ungarn und Rumänien und modernisierte den Betrieb in Wirges grundlegend.Schmidt (1962), S. 30 Er war im Besitz mehrere Patente zur Glasproduktion in speziellen Öfen, die er nun auch hier einsetzte. Aus dem Unternehmen von Siemens entstand im Jahre 1888 die „Aktien-Gesellschaft für Glasindustrie“ mit Sitz in Dresden. Das Unternehmen konnte mit mehreren Mineralwasserunternehmen Verträge für die Lieferung von Glasflaschen abschließen. Zudem hatte Siemens schon 1894 den Mineralbrunnen Fachingen gepachtet und hier einen Absatzmarkt für seine Flaschen. Es war ein wesentlicher Schritt weg von der Abfüllung in Tonkrügen und hin zu modernen Glasflaschen.
Im Jahr 1911 wurde die erste Owens-Flaschenmaschine an der Schmelzwanne III aufgestellt. Die Tagesproduktion stieg auf über 20.000 bis 25.000 Flaschen, in späteren Jahren sogar auf 30.000 Flaschen. Im folgenden Jahr wurde eine zweite Owens-Maschine angeschafft und eine neue elektrische Zentrale errichtet, welche auch den Strom für die Werkbahn erzeugte. Im Jahr 1917 erwarb das Unternehmen in Wirges die an das Werksgelände anschließenden Tonfelder und sicherte sich damit eine bedeutende Rohstoffgrundlage.
Infolge der Ruhrbesetzung 1923/24 und der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er-Jahre wurden die Werke vorübergehend stillgelegt. Erst Ende 1933 konnten die Schamottefabrik sowie die Glashütte mit zwei Schmelzwannen und zwei Owens-Maschinen mit etwa 550 Beschäftigten wieder den Betrieb aufnehmen. Im Jahre 1943 erfolgte die Umbenennung in „Siemens Glas AG“.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verblieb nur das Werk Wirges im Bundesgebiet. Alle übrigen Werke von Siemens-Glas lagen in den ehemaligen Ostgebieten oder in der sowjetischen Besatzungszone.Schmidt (1962), S. 22 Im Jahr 1948 erfolgte die Verlegung des Firmensitzes von Dresden nach Wirges. Das Werk in Wirges war von den Zerstörungen des Krieges weitgehend verschont worden, aber nicht mehr im produktionsfähigen Zustand. Zudem hatten viele Arbeiter im Krieg ihr Leben verloren oder waren in Gefangenschaft. Durch Verlegung der Firma Koch & Sterzel von Dresden nach Wirges im Jahre 1945 wurde in den Werksanlagen ein Wandler- und Transformatorenwerk aufgebaut und Strom- und Spannungswandler in Porzellan und Gießharzausführung, Regeltransformatoren und Hochspannungstransformatoren hergestellt.Schmidt (1962), S. 23 mini|Zufahrt Ost mit Werkfeuerwehr Trotzdem lief in den ersten Nachkriegsjahren nur eine Notproduktion und erst gegen Ende des Jahres 1950 waren wieder geregelte Produktionsverhältnisse geschaffen worden. Neu aufgenommen wurde die Fabrikation von technischen Gläsern, gepresstem Bauglas, Glasdachziegeln und technischem Porzellan.
Missmanagement führte in der Folgezeit zu einer sinkenden Leistungsfähigkeit des Unternehmens. Im Jahre 1955 fusionierte das Werk in Wirges mit der Oldenburgischen Glashütten AG. Doch die Fusion stärkte das Unternehmen nicht. In den Folgejahren geriet man zunehmend in Bedrängnis. Trotz eines Kredits der Berliner Handelsbank über 10 Millionen Mark musste die Fabrik Mitte 1957 Konkurs anmelden.
Das Bankhaus Lenz & Co und die Glas- und Spiegelmanufaktur AG in Gelsenkirchen erwerben aus der Konkursmasse die Glashütte, die Schamottefabrik, das Wandler- und Transformatorenwerk und die Tongruben und führten die Fabriken unter dem alten Namen „Siemens-Glas AG“ fort.Schmidt (1962), S. 24 Schon im Januar 1958 nahm die Glashütte wieder den Betrieb auf, wenige Monate später auch die übrigen Betriebsteile. Am 30. Juni 1959 wurde der Unternehmensname in „Westerwald AG“ geändert.
Die Westerwald AG wurde an Ruhrglas Essen (später VEBA-Glas AG) veräußert. Im Jahr 1988 wurden alle Ruhrglaswerke an die Oberland Glas AG verkauft.Behälterglaswerk in Wirges blickt auf mehr als 125 Jahre bewegte Geschichte zurück, Westerwald Kurier, 29. September 2009, abgerufen am 21. November 2025 Schon im folgenden Jahr wurde das Wandler- und Transformatorenwerk an die Firma Ritz abgegeben, im Jahr 2000 die Schamottefabrik an Firma Rath verkauft. Im Jahr 2000 erwarb Saint Gobain die Oberland Glas AG. Die Glassteinproduktion wurde 2005 an die italienische Seves abgegeben. Im Jahr 2010 wurde die Marke „Verallia“ gegründet, im 2015 das Unternehmen „Verallia Apollo“. Ein Jahr später entstand Verallia als eigenständige Gruppe mit 10.000 Mitarbeitern.
Heute produziert man in Wirges Flaschen und Gläser für die Getränke- und Nahrungsmittelindustrie.
Werkbahn mini|Vom ehemaligen Werksbahnhof ist nur noch die alte Mauer der Verladerampe erkennbar. Auf dem Werksgelände gab es ab 1912 eine schmalspurige Werkbahn mit Elektrolokomotiven, die über Oberleitungen mit Strom versorgt wurden. Der normalspurige Anschluss zum Werk erfolgte zwischen Siershahn und Wirges an der Bahnstrecke Staffel–Siershahn, folgte dann parallel den Gleisen der Bahnstrecke und endete hinter einer Mauer in einem kleinen Werkbahnhof des Schamottewerkes. Parallel endete oberhalb der Normspurgleise die Werkbahn, sodass ein einfaches Umfüllen und Umladen möglich war.
Die Werkbahn mit der Spurweite 500 mm und später 600 mm verband nicht nur einzelne Teile des Schamottewerks,Westerwald KG, Glasfabrik, 56422 Wirges, Bahn-Express, Magazin für Werkbahnfreude, abgerufen am 11. Dezember 2025 sondern fuhr auch auf dem Gelände der Glasfabrik. Sie diente sowohl dem Transport von fertigen Produkten als auch der Anlieferung von Rohstoffen. Für den regelspurigen Gleisanschluss nutzte man zunächst neue Log der Firma Kraus, ab 1960 eine Diesellokomotive von Jung, die 1976 verkauft wurde, dann eine Lokomotive der Firma Jung. Für die Werkbahn nutze man Lokomotiven von Arthur Koppel & Co., AEG, SSW, Deutz und zuletzt einen „Schienen-Kuli“ von Ad. Strüver.
Im Jahr 2003 wurde die Anschlussweiche ausgebaut, die Gleise im Werk wurden 2005 entfernt.
Literatur Eckhard Schmidt: Glück und Glas. Denkschrift zur 100. Wiederkehr des Gründungstages der ersten Siemens-Glashütte in Dresden 1862-1962. Verlag Hoppenstedts Wirtschaft-Archiv, 1962
Weblinks
Geschichte der Wirgeser Glasfabrik, bildarchiv-neumann.de
Einzelnachweise
Kategorie:Glashersteller Kategorie:Wirges Kategorie:Unternehmen (Westerwaldkreis) Kategorie:Unternehmensgründung 1891