mini|hochkant|Richard Wagner, 1867 Über das Dirigieren ist der Titel einer kunsttheoretischen Schrift Richard Wagners, die von September 1869 bis Januar 1870 als Artikelfolge in der Neuen Zeitschrift für Musik erschien und kurz darauf als Broschüre veröffentlicht wurde. Wie der Essay Beethoven gehört das Werk zu Wagners zentralen musikästhetischen Schriften der 1870er Jahre. Er verarbeitete seine Erfahrungen als Dirigent, kritisierte die Dirigierpraxis und systematisierte seine Ansichten. Eine wichtige Rolle spielt die flexible Gestaltung des Tempos.

Mit etlichen Notenbeispielen ging Wagner auf Kompositionen Ludwig van Beethovens und anderer Komponisten sowie auf eigene Werke wie das Meistersinger-Vorspiel ein. Er wandte sich gegen eine angeblich etablierte Interpretationskultur, die er mit dem vormals geschätzten Felix Mendelssohn Bartholdy in Verbindung brachte. An mehreren Stellen des Textes polemisierte er gegen Johannes Brahms. Mit der Wendung vom „Musikbankier“ und weiteren Aussagen kann auch diese Schrift als antisemitisch eingestuft werden. Inhalt Im Zentrum des Traktats steht die Entscheidung für das passende Tempo. Das korrekte Zeitmaß sei nur durch „die richtige Erfassung des Melos“ zu erkennen. Zit. nach: Hans-Joachim Hinrichsen: Wagner als Dirigent. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Metzler. Kassel 2021, S. 40.

Für Wagner war es entscheidend, Kompositionen vom Gesang her zu begreifen und als sinnerfüllte Melodien zu erfassen. Nur so sei es möglich, das Werk zu verstehen und angemessen zu interpretieren. Nicht die Hauptzeitmaße seien wichtig, sondern deren flexible „Modifikationen“, die den Eigenarten der Musikstücke entsprechen müssten. Er verdeutlichte dies am Beispiel seines eigenen Dirigats der Freischütz-Ouvertüre.

Wagner befasste sich auch mit der Dynamik, die er allerdings nicht so eingehend erörterte wie die Veränderungen des Tempos.Hans-Joachim Hinrichsen: Wagner als Dirigent. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Metzler. Kassel 2021, S. 40. Das „gleichmäßig starke Aushalten eines Tones“ sei im Gesang und Orchester die Basis der Dynamik. Da die Dirigenten hiervon „so gut wie gar nichts mehr wissen“, bevorzugten sie die Effekte eines „überleisen Pianos“, das auf Saiteninstrumenten leicht zu erzielen sei.Zit. nach Dieter Borchmeyer (Hrsg.): Über das Dirigieren. In: Richard Wagner. Dichtungen und Schriften. Jubiläumsausgabe in zehn Bänden. Band 8. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 153–154.

Der flexible Vortrag sei in den Orchestern mangelhaft, da „Mendelssohns Maxime des flotten Darüberhinweggehens“ zu einem Dogma erhoben worden sei. Das eigentliche Zeitmaß richte sich „nach dem Charakter“ der Interpretation und liege zwischen dem überwiegend „gehaltenen Tone (dem Gesange)“ und der „rhythmischen Bewegung (der Figuration)“. Das Adagio stehe dem Allegro gegenüber und könne gewissermaßen „nicht langsam genug genommen werden“. Wie der „in seiner Andauer modifizierte Ton die Grundlage“ des Vortrages sei, müsse das Adagio, das Beethoven im dritten Satz seiner neunten Sinfonie geprägt habe, die „Grundlage aller musikalischen Zeitmaßbestimmung“ sein. Beethovens bedeutende „Allegro-Sätze“ seien „durch eine Grundmelodie“ dominiert und erhielten so eine „sentimentale Bedeutung“.Zit. nach Dieter Borchmeyer (Hrsg.): Über das Dirigieren. In: Richard Wagner. Dichtungen und Schriften. Jubiläumsausgabe in zehn Bänden. Band 8. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 157. Ihnen stellte er den „naiven Charakter“ der Allegros Mozarts gegenüber. Er bezog sich auf Friedrich Schiller, der in seiner „berühmten“ Abhandlung zwischen naiver und „sentimentalischer“ Dichtung unterschieden hatte. Das „naive Allegro“ finde sich vor allem in den Ouvertüren Mozarts (etwa zu Figaro und Don Giovanni). Die Modifikation des Tempos sei ein „wahres Lebensprinzip“.Zit. nach Dieter Borchmeyer (Hrsg.): Über das Dirigieren. In: Richard Wagner. Dichtungen und Schriften. Jubiläumsausgabe in zehn Bänden. Band 8. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 158.

Vor allem im letzten Drittel des Werkes verband er praktische und kulturkritische Betrachtungen und klagte über eine fehlende deutsche Vortragskunst. Wagners Kritik richtet sich nicht gegen die Kapellmeister „vom alten Schrot“, sondern gegen moderne Dirigenten, die an ihre Stelle getreten seien. Die gegenwärtigen Orchesterleiter wüssten nichts „vom richtigen Tempo“, weil sie „nichts vom Gesange verstehen“.Dieter Borchmeyer: Richard Wagner: Werk – Leben – Zeit. Reclam, Stuttgart 2013, S. 93. Er wandte sich gegen eine angeblich etablierte und schädliche Interpretationsweise, die er mit dem vormals geschätzten und beneideten Mendelssohn in Verbindung brachte. Für die fehlerhafte Beethoven-Interpretation seien nicht bloß überkommene Konzepte des Dirigierens verantwortlich, sondern „Musikbankiers“, die aus Mendelssohns Schule hervorgegangen seien. Eine neue klassizistische Ästhetik gebe vor, sich an Goethe zu orientieren, der eben „auch allen Ungeheuerlichkeiten abhold gewesen“ sei.Lothar Schmidt: Über das Dirigieren. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Metzler. Kassel 2021, S. 143.

Wagner polemisierte gegen Johannes Brahms,Wolfgang Sandberger: Bilder, Denkmäler, Konstruktionen – Johannes Brahms als Figur des kollektiven Gedächtnisses. In: Wolfgang Sandberger (Hrsg.): Brahms-Handbuch. Metzler, Weimar 2009, S. 15. dessen spröder und hölzerner Vortrag am Klavier ihn peinlich berührt habe, und sprach von einer „Enthaltsamkeitsschule“.Zit. nach Dieter Borchmeyer (Hrsg.): Über das Dirigieren. In: Richard Wagner. Dichtungen und Schriften. Jubiläumsausgabe in zehn Bänden. Band 8. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 196. Die Liebeslieder-Walzer des „heiligen Johannes“, so albern bereits der Titel wirke, „könnten noch in die Kategorie der Übungen der unteren Grade gesetzt werden“. Eine „inbrünstige Sehnsucht nach der ‚Oper‘“, in der „alle religiöse Andacht der Enthaltsamen“ sich verliere, zeichne „unverkennbar die höheren und höchsten Grade aus.“ Würde nur es nur einmal zu einer „glücklichen Umarmung der ‚Oper‘ kommen“, stünde zu befürchten, dass „die ganze Schule gesprengt wäre.“Zit. nach Dieter Borchmeyer (Hrsg.): Über das Dirigieren. In: Richard Wagner. Dichtungen und Schriften. Jubiläumsausgabe in zehn Bänden. Band 8. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 195–196. Er lobte hingegen Franz Liszt, der ihm Klavierwerke Johann Sebastian Bachs sowie die Hammerklaviersonate Beethovens vorgespielt habe. Im es-Moll-Präludium aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers sei von „düsterer deutscher Gotik“ nichts zu hören gewesen; „alles alttestamentarische Akzentuieren“ sei wie im „Kultus“ einer „neu-hellenische(n) Synagoge […] auf das Manierlichste ausgemerzt“ worden.Zit. nach Dieter Borchmeyer (Hrsg.): Über das Dirigieren. In: Richard Wagner. Dichtungen und Schriften. Jubiläumsausgabe in zehn Bänden. Band 8. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 191. Wagner teilte auch gegen Jacques Offenbach aus und sprach von „semitischen Akzentuationen“ in der Musik Giacomo Meyerbeers.Lothar Schmidt: Über das Dirigieren. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Metzler. Kassel 2021, S. 143.

Hintergrund Das Berufsbild des Dirigenten entwickelte sich im frühen 19. Jahrhundert aus unterschiedlichen Genres, während sich in Wechselbeziehung dazu auch ein kanonisches Repertoire herausbildete. Wagner gehörte zu den dirigierenden Komponisten, war als Dirigent sehr einflussreich und prägte die Interpretationskultur des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts entscheidend.Hans-Joachim Hinrichsen: Wagner als Dirigent. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Metzler. Kassel 2021, S. 38.

Der von ihm geschätzte Carl Maria von Weber hatte ebenfalls als Dirigent gewirkt und mit seinen Äußerungen über bewegliche Tempi Wagners spätere Forderungen vorweggenommen. Von der romantisch-dramatischen Vortragskunst der berühmten Opernsängerin Wilhelmine Schröder-Devrient angeregt, entwickelte Wagner die Kunst des variablen Zeitmaßes.Wolfgang Schreiber: Große Dirigenten. Piper, München 2005, S. 18–20.

Felix Mendelssohn Bartholdy, Gaspare Spontini und Hector Berlioz tendierten hingegen in eine Richtung, die sich durch Ausgeglichenheit und raschere Tempi von den rhythmischen Freiheiten Webers und Wagners absetzte. Wagner schätzte Berlioz als Dirigenten eigener Werke, nannte ihn aber einen „ordinären Taktschläger“, nachdem er 1855 in London dessen Interpretation der g-Moll-Sinfonie Mozarts gehört hatte. Ihn beeindruckte François-Antoine Habeneck, der die Uraufführung der Symphonie fantastique geleitet hatte und die Beethoven-Sinfonien stets auswendig dirigierte.Wolfgang Schreiber: Große Dirigenten. Piper, München 2005, S. 21–22. Unter seinem Einfluss ging Wagner in Paris dazu über, die zunächst sehr rasch gespielten Sinfonien langsamer zu dirigieren, womit er einen Trend in Deutschland umkehrte.Jan Caeyers: Beethoven. Der einsame Revolutionär. C.H. Beck, München 2020, S. 607.

Entstehung mini|hochkant|Porträt Ludwig van Beethovens von Ferdinand Georg Waldmüller, 1823 Wagner veröffentlichte die umfangreiche Schrift, nachdem er seine Dirigiertätigkeit aufgegeben hatte, zog Bilanz und ging auf grundsätzliche Fragen ein.Hans-Joachim Hinrichsen: Wagner als Dirigent. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Metzler. Kassel 2021, S. 39. Wie der 1870 geschriebene Essay Beethoven gehört Über das Dirigieren zu den zentralen musikästhetischen Schriften der 1870er Jahre.Lothar Schmidt: Über das Dirigieren. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Metzler. Kassel 2021, S. 142.

Das Werk steht im Zusammenhang mit den Zürcher Schriften Oper und Drama und Das Judenthum in der Musik, die kurz zuvor erneut herausgegeben wurden. Seine beabsichtigten Neuerungen hatte Wagner bereits in Dresden und dann erneut in München mit einem an den König von Bayern adressierten Memorandum über eine „zu errichtende deutsche Musikschule“ zusammengefasst.Hans-Joachim Hinrichsen: Wagner als Dirigent. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Metzler. Kassel 2021, S. 39.

Da in Wagners Jugend das Metier des Dirigierens noch nicht professionell und spezialisiert war, hält Hans-Joachim Hinrichsen es für unwahrscheinlich, dass er bei Christian Gottlieb Müller bereits „die Grundregeln“ erlernte, wie etwa Martin Gregor-Dellin behauptete. Wahrscheinlich habe er sich die Regeln in ihrer praktischen und vor allem ästhetischen Bedeutung im Laufe der Berufszeit selbst angeeignet. Wagner war Chorleiter in Würzburg und Kapellmeister in Magdeburg, Königsberg und Riga, sammelte dort Erfahrungen und musste sich im anstrengenden Alltagsbetrieb bewähren.Hans-Joachim Hinrichsen: Wagner als Dirigent. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Metzler. Kassel 2021, S. 38.

Außerhalb der Arbeitsroutine konnte er in diesen Städten bereits Orchester dirigieren und 1838/39 sechs Konzerte organisieren, in denen er Ouvertüren von Mendelssohn, Weber und Luigi Cherubini, die mittleren Sinfonien und einige Ouvertüren Beethovens sowie Mozarts g-Moll-Sinfonie KV 550 spielte. Während seiner Zeit als Dresdner Kapellmeister von 1842 bis 1849 bildete er ein eigenständiges Profil aus, das auch in der Presse gewürdigt wurde.Hans-Joachim Hinrichsen: Wagner als Dirigent. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): Wagner-Handbuch. Bärenreiter, Metzler. Kassel 2021, S. 38. In Dresden sowie in anderen Städten dirigierte er nahezu alle bedeutenden Opern Mozarts oder führte sie in Ausschnitten auf. Wie Hans von Bülow in einem Brief vom 31. März 1858 schrieb, gehörten die Inszenierungen zu den „schönsten musikalischen Erinnerungen“ und „ergreifendsten Eindrücke“ seines Lebens. „Aufführungen in solcher Vollendung“ habe er „nirgends wieder“ gehört.Zit. nach: Dieter Borchmeyer: Richard Wagner: Werk – Leben – Zeit. Reclam, Stuttgart 2013, S. 92.