Das Gemälde La Maddalena penitente (deutsch die Büßende Magdalena), in der Literatur auch als „Corsini-Magdalena“ (engl. Corsini Magdalen) bezeichnet, ist eine ikonische Ganzkörperdarstellung der büßenden Hl. Maria Magdalena und wurde laut neuester Forschung vor 1630 als Prototyp vom Bologneser Maler und Bildhauer Guido Reni (1575–1642) angefertigtAoife Brady: The Studio of Guido Reni from 1620 to 1630, 2020, S. 12. und 1633 an Kardinal Antonio Santacroce verkauft. Das Gemälde ist Öl auf Leinwand ausgeführt und hat die Maße 231 auf 152 Zentimeter. Es ist im Palazzo Barberini, einem Standort der Gallerie Nazionali d’Arte Antica in Rom, zu besichtigen.

Das Gemälde zeigt ein im 17. Jahrhundert während der Gegenreformation beliebtes Motiv der Heiligen Maria Magdalena als Büßerin in einer Höhle umgeben von Symbolen des Todes und der Entsagung und diente in Guido Renis Werkstatt als Vorlage für Kopien und verschiedene Variationen der Darstellung der Heiligen Maria Magdalena als Büßerin in den 1620er und 1630er Jahren.

Bildbeschreibung Die Komposition des Gemäldes ist bewusst didaktisch einfach gehalten und war damals für alle Gläubigen leicht verständlich.

Das Gemälde zeigt die Hl. Maria Magdalena in Ganzkörperdarstellung in einer bildfüllenden Diagonale als Büßerin in einer Höhle mit dem für Guido Reni typischen feinen Gesicht und „himmelnden Blick“.Jörg Martin Merz: Guido Reni. In: Allgemeines Künstlerlexikon XCVIII. Thieme-Becker, 14. August 2025, abgerufen am 27. Dezember 2025 (deutsch). Maria Magdalena richtet ihren Blick „seufzend voller Schmerzen“ zum Himmel empor.Richard Spear: La Maddalena Penitente. In: Biblioteca Nazionale di Bologna, Guido Reni: 1575–1642, Bologna 1988, S. 142. Über ihr schweben zwei Putti und weisen in den Himmel. Maria Magdalena ist umgeben von Symbolen des Todes (Kreuz, Totenschädel) und der Entsagung (karge Felsen, abgeschnittene Wurzeln). Hinter dem Kreuz liegen die Bücher des Alten und Neuen Testaments. Die Heilige ist als anmutige, schöne junge Frau dargestellt.

mini|hochkant=0.7|Guido Reni: Selbstporträt, 1635, Öl auf Leinwand, 48 × 37 cm, Uffizien, Florenz

Im Gegensatz zu vielen anderen Magdalenen-Darstellungen ist die Heilige hier nicht barbusig, sondern in ein schneeweißes zartes Hemd und ein rosafarbenes Gewand mit üppigen Falten gehüllt. Sie ist barfuß und ihre langen blonden Haare fallen in offenen Flechten bis auf ihre Hüften. Der linke Arm ist ausgestreckt, die linke Hand liegt auf dem Totenschädel, während der rechte Arm angewinkelt ist und sie ihren Kopf leicht auf die rechte Hand stützt. Durch den Eingang zur Höhle blickt der Betrachter auf eine idyllische Landschaft bei Sonnenuntergang.

Vor dem dunklen, in Erd- und Grautönen gemalten Hintergrund der Höhle leuchtet die in hellen Farbtönen gemalte Figur der Maria Magdalena heraus. Während das Inkarnat der beiden Putti in der rechten oberen Ecke rosig und sehr lebendig gemalt ist, erzählt das fast überirdisch weiße Inkarnat der Heiligen von einem Leben in Abgeschiedenheit und Kontemplation. Ihr Hemd ist blütenweiß, jedoch nicht transparent und umhüllt ihren Körper in weichen Falten, während ihr rosafarbenes Gewand in dicken, schweren Falten die Heilige wie eine wärmende Decke umfängt. Das Rosa des Gewandes korrespondiert mit dem blauen Band, das einen Putto umfängt und dessen Scham bedeckt.

Das Licht scheint aus dem Inneren der Höhle zu kommen und beleuchtet sowohl die Figur der Heiligen als auch die Putti und schafft so eine dialoghafte Verbindung zwischen ihnen. Der Körper der Heiligen bildet eine Diagonale von rechts unten nach links oben, während die Achse hinauf zu den Putti und in den Himmel eine Diagonale von Mitte links nach rechts oben bildet. Beide Diagonalen zusammen bilden ein offenes V.

Die ikonographische Bedeutung der Attribute und der Kompositionselemente Maria Magdalena oder auch Maria aus Magdala (1. Jh.) war eine der galiläischen Frauen, die Jesus von Nazareth begleiteten und ihn und seine Jünger finanziell unterstützten. Sie stammte aus Magdala, dem heutigen Migdal am Westufer des Sees Genezareth und war eine der ersten Anhänger Jesu.Erhard Gorys: Lexikon der Heiligen, München 2008, S. 232–233.

Das Gemälde führt unterschiedliche Darstellungstraditionen der Hl. Maria Magdalena zusammen: zum einen Elemente aus dem Neuen Testament, zum anderen Elemente der Magdalenenvita aus der Überlieferung in der mittelalterlichen Volksschrift der Legenda aurea von Jacobus da Voragine (12. Jh.)

Auf dem Gemälde ist Maria Magdalena von christlich geprägten Attributen umgeben, die auf ihre Rolle als Heilige, Einsiedlerin und Büßerin anspielen:

Die Bücher auf dem Felsen hinter dem Kreuz kann man als die Bücher des Alten und Neuen Testaments deuten und weisen Maria Magdalena als gebildete Frau und Predigerin aus. Nach der Legenda aurea werden Maria Magdalena und ihre Geschwister Martha von Bethanien und Lazarus in einem segellosen Schiff ausgesetzt und landen in der Provence in der Nähe von Marseille, wo sie das Evangelium predigen und die Lehre Jesu verbreiten.Jacobus da Voragine: Legenda aurea. Aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz. Gütersloh 1955. S. 364.

Das Kruzifix ist generell ein Attribut für heilige Personen, die in der Nachfolge Christi stehen, wie z. B. Apostel oder Kirchenväter. Es zeichnet Maria Magdalena als Heilige, Einsiedlerin und Büßerin aus.Hannelore Sachs, Ernst Badstübner, Helga Neumann: Wörterbuch der christlichen Ikonographie. 8. veränderte Auflage, Regensburg 2004, S. 224. Der Totenkopf wurde vor allem in der Kunst des 17. Jahrhunderts als Attribut für Einsiedler verwendet und ist u. a. der Heiligen Maria Magdalena zugeordnet.Hannelore Sachs, Ernst Badstübner, Helga Neumann: Wörterbuch der christlichen Ikonographie. 8. veränderte. Auflage. Schnell & Steiner GmbH, Regensburg 2004, ISBN 3-7954-1653-1, S. 347–348. Die Wurzeln stehen für Selbstkasteiung und ein karges Leben in Enthaltsamkeit. Maria Magdalena bedurfte, laut der Legenda aurea, keiner Nahrung, sondern wurde siebenmal am Tag vom Gesang der Engel gespeist.Jacobus da Voragine: Die Legenda aurea. Aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz. 14. Auflage 2004. S. 367. Auch Elemente der Komposition haben eine ikonographische Bedeutung: Die Höhle ist ein Motiv aus der Magdalenenvita der Legenda aurea, in der die Heilige bis zu ihrem Tod als Asketin und Einsiedlerin in einer Höhle im Massif-de-Sainte-Baume lebte. Die beiden Putti verweisen auf die Legende, dass Maria Magdalena jeden Tag von Engeln in den Himmel getragen wurde, um dort ihrem Gesang zu lauschen. Ihr offenes Haar hingegen bezieht sich auf eine Stelle im Lukas-Evangelium, in der eine Sünderin aus Dankbarkeit und Buße Jesus die Füße wäscht und diese mit ihren offenen Haaren trocknet (Lk, 7,37-38). Papst Gregor I. setzte im Jahr 591 in einer Predigt Maria Magdalena mit dieser anonymen Sünderin gleich. Diese Identifikation wurde Teil der katholischen Tradition um Maria Magdalena.Hiltgart Keller: Reclams Lexikon der Heiligen und Biblischen Gestalten, 9. durchgesehene Auflage 2001, Reclam-Verlag. Stuttgart 1968. S. 412.

Einordnung in das künstlerische Werk Guido Renis

Guido Reni war im 17. Jahrhundert einer der gefragtesten Künstler seiner Zeit. Seine Werke waren aufgrund ihrer ansprechenden Motive und der gefälligen Ausführung sowohl beim Klerus als auch beim Adel und dem reichen Bürgertum sehr beliebt. Einige seiner Motive waren regelrechte „Verkaufsschlager“, u. a. die büßende Hl. Maria Magdalena in verschiedenen Variationen, der büßende Hl. Petrus und die sterbende Cleopatra.Aoife Brady: The Studio of Guido Reni from 1620 to 1630, 2020, S. 3. Allein von diesem Magdalenenmotiv gibt es 56 Kopien aus Guido Renis Werkstatt.

Unter dieser Fülle an Werkstattarbeiten werden auf der Basis von wissenschaftlichen und restauratorischen Untersuchungen lediglich zwei Gemälde Guido Reni selbst (fatto di sua mano) zugeschrieben: die Ganzkörperdarstellung der sogenannten „Maddalena penitente“ oder „Corsini-Magdalena“ und die dreiviertelgroße Darstellung der sogenannten „ex-Almagìa Magdalena“ (beide benannt nach einem ihrer vormaligen Besitzer). Beide Magdalenen-Darstellungen tauchen im Barberini-Inventar von 1738 auf. Die „ex-Almagìa Magdalena“ befindet sich heute in Privatbesitz.Aoife Brady: The Studio of Guido Reni from 1620 to 1630, 2020, S. 4.

Kopienproduktion – Die Werkstatt Guido Renis Die Produktion von Kopien war in der Kunst der Neuzeit nicht ungewöhnlich. Viele Künstler, u. a. Tizian, Perugino, Domenichino und sogar Caravaggio fertigten in ihren Werkstätten Kopien ihrer Werke auf Bestellung an.

Guido Reni übertraf jedoch seine künstlerischen Zeitgenossen, was die schiere Menge an Kopien betrifft. Um der vielen Aufträge Herr zu werden, beschäftigte Reni in seiner Bologneser Werkstatt in der Via delle Pescherie zeitweise bis zu 80 Schüler und Gehilfen, die Kopien oder Variationen seiner beliebtesten Werke anfertigten.

Da sich die Kopien kaum oder nur geringfügig durch unterschiedliche Farbtönung voneinander unterscheiden, vertritt Aoife Brady in ihrem Artikel über Guido Renis Werkstatt die These, dass sie nicht freihändig gemalt worden sein können. Nachdem man organisches Material bei der Untersuchung der beiden Magdalenen gefunden hat, geht Brady davon aus, dass die Kopisten dünn gestreckte schwarze Seide, ein sogenanntes velo, über das Bild gespannt und mit weißer Kreide die Konturen abgemalt haben. Das velo wurde dann auf eine frische Leinwand gelegt und die Konturen übertragen. Die Zwischenlinien wurden anschließend freihändig hinzugefügt und die Farbe nach Augenmaß gemischt. Daher variiert bei den Kopien des Werkes meist die Rosatönung des Gewandes.

Rezeptionsgeschichte

alternativtext=Giovanni Francesco Grimaldi Porträt Kardinal Antonio Publicola Santacroce, um 1630, Öl auf Leinwand|mini|hochkant|Giovanni Francesco Grimaldi: Porträt Kardinal Antonio Publicola Santacroce, um 1630, Öl auf Leinwand mini|hochkant|Carlo Maratta: Porträt Kardinal Antonio Barberini, 1682/83, Gallerie Nazionali d’Arte Antica, Rom

Die Corsini-Magdalena war nicht nur der Prototyp für alle weiteren Magdalenen-Darstellungen Guido Renis, sondern auch – in Spiegelung – die Vorlage für Renis Die Toilette der Venus (1621–1623).Aoife Brady: The Studio of Guido Reni from 1620 to 1630, 2020, S. 10.

Selbst im 18. Jh. wurden noch Kopien der Maddalena penitente angefertigt, wie die Kopie der Maria Magdalena im Rijksmuseum Amsterdam (siehe Galerie) und Die büßende Magdalena in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung in der Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim bei München beweisen.

Einer Anekdote zufolge, sah Gian Lorenzo Bernini im Sommer 1665 am französischen Hof eine Reni-Magdalena. Er betrachtete sie lange und rief schließlich laut aus: „Dieses Gemälde ist nicht schön. Es ist wunderschön; ich wünschte, ich hätte es nicht gesehen; es sind Gemälde des Paradieses!“ Die Maddalena penitente im Palazzo Barberini soll das Vorbild für Berninis Allegorie der Gerechtigkeit am Grab Papst Urbans VIII. im Petersdom in Rom sein. Darauf weisen die diagonale Anordnung, die spezielle Position des Armes und der nach oben gerichtete Kopf, der sich sanft auf die rechte Hand stützt, hin.

Provenienz