Das als Ecce homo bekannte Gemälde des schwäbischen Barockkünstlers Johann Heinrich Schönfeld, das 1644/45 in Neapel entstand, stellt die Vorführung Christi durch Pontius Pilatus dar. Es misst 151 auf 205,5 Zentimeter und befindet sich seit 1963 im Besitz der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, welche es in der Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim ausstellen.

Beschreibung & Deutung Der Werktitel Ecce homo bezieht sich auf den 19. Abschnitt des Johannes-Evangeliums, der vom Prozess um Jesus handelt. Dort wird er dem Volk von Pontius Pilatus mit den Worten "Siehe, der Mensch!" (der genaue Wortlaut der Übersetzung variiert), lateinisch "Ecce homo", vorgeführt. Dem Kunsthistoriker Robert Oertel zufolge spielt die dargestellte Szene kurz nach diesem Ausruf, woraufhin das Publikum die Kreuzigung fordert.

Die dargestellte Szene spielt sich auf dem Vorplatz einer Tempelanlage ab. Im Zentrum des Geschehens befindet sich eine Dreiergruppe, bestehend aus Jesus Christus, Pontius Pilatus und einem seiner Soldaten, oberhalb der zum Portikus führenden Treppe des rechten Gebäudes. Die Gruppe führt Jesus dem Publikum, hier als bleicher Mann mit heruntergerissenem Gewand und gebückter Haltung, vor. Er ist gefesselt und trägt eine Dornenkrone. Pontius Pilatus wird hingegen aufrecht, mit Schwert und teils purpurnem Gewand dargestellt. Zwischen den Säulen des Tempels stehen weitere Personen, einige in roten Gewändern. Ein Soldat auf der dem Betrachtenden zugewandten Seite hindert mit seiner Lanze eine Person am Hinaufklettern des Podiums.

Die unten stehende Menschenmenge trägt bunte Gewänder, mit teils aufwändigen Mustern (siehe Ecke links unten). Zudem sind die Figuren in Tücher und Turbane gehüllt. Die Wahl der Gewänder könnte Schönfelds Vorliebe für Kostüme und der damaligen, westlichen Vorstellung des Orients entspringen. Zum Publikum gehören auch eine Frau, die ein Kind an der Hand hält und dem Betrachter zugewandt ist, und ein weiteres Kind mit einem Lamm.

Der Tempel auf der rechten Bildhälfte befindet sich auf einem durch eine Freitreppe mit dem Platz verbundenen Podium. Der Portikus füllt mit seiner Tiefe die gesamte Breite der Bildhälfte und wird von acht korinthischen Säulen umrahmt. Das Gebälk trägt ein Wappen. Der Tempelbau im Hintergrund verfügt über ein auf Säulen ruhendes Flachdach, auf dem mehrere Personen, die einen Stier an den Hörnern ziehen, als Statuen dargestellt sind. Des Weiteren ist in der Mitte des Platzes ein steinernes Podest zu erkennen, auf dem sich weitere Skulpturen erahnen lassen. Im Vordergrund am unteren Bildrand befindet sich eine weitere Treppe, auf deren Steinstufen eine Vase und ein Schild platziert sind. Ihre Funktion liegt vermutlich in der künstlerischen Ausschmückung des Bildvordergrunds und der Demonstration von Schönfelds Fähigkeiten, etwa in den präzise gemalten Reflexionen.

Gerade durch die Körperhaltung der Hauptfiguren unterstreicht Schönfeld das Geschehen und die Machtverhältnisse. Jesus wird in gebückter Körperhaltung dargestellt, wodurch er schwach und gebrochen wirkt. Pilatus wird hingegen triumphierend im Kontrapost dargestellt. Aber auch die Menschenmenge, die den Großteil des Bildes einnimmt, wirkt mächtiger, schließlich fordert diese auch die Kreuzigung und entscheidet somit über das Schicksal Jesu. Die Frau mit Kind könnte auf Tizians Gemälde Ecce Homo anspielen. Das Kind mit dem Lamm lässt sich als Hinweis auf die Passion Christi verstehen.

Verschiedene Deutungen der Kulisse in der Forschungsliteratur mini|225x225px|Mark Aurel beim rituellen Opfer an den kapitolinischen Jupiter (Kapitolinische Museen)

Marc Aurels Opfer vor dem kapitolinischen Jupitertempel Bei den Statuen auf dem hinteren Tempel handelt es sich um eine Darstellung, die auf dem Relief von Marc Aurels Opfer vor dem kapitolinischen Jupitertempel basiert. Diese Opferszene könnte als Verweis auf das bevorstehende Martyrium gedeutet werden. Da sich Schönfeld zuvor von 1633 bis 1636/37 in Rom aufhielt, ist diese Inspirationsquelle sehr gut möglich.alt=The facade of San Paolo Maggiore before and after the collapse of 1688 (from Celano 1692)|mini|223x223px|Die Fassade von San Paolo Maggiore vor und nach dem Erdbeben 1688 (Celano 1692)

San Paolo Maggiore, Neapel Pée verweist auf Ähnlichkeiten des Tempelbaus auf der rechten Bildhälfte zur Fassade der Kirche San Paolo Maggiore in Neapel, welche 1688 durch ein Erdbeben zerstört wurde. Da dort vermutlich Passionsspiele stattfanden, kann darin eine Inspirationsquelle für Schönfeld vermutet werden.

Zudem weist auch das Wappen, welches am Gebälk angebracht ist, darauf hin, dass es sich hier um kein tatsächlich aus der Antike stammendes Bauwerk handelt. Dabei muss es sich um eine Erfindung Schönfelds handeln, da die ehemalige Fassade von San Paolo nicht über ein solches verfügte.

Gestaltungsmittel & Wirkung mini|263x263px|Ecce homo von Tizian, 1543 Schönfeld wählt eine entfernte Perspektive, in der Jesus im Vergleich zur restlichen Szenerie klein und zerbrechlich wirkt. Hierbei unterscheidet sich Schönfelds Ecce Homo auch von den Darstellungen anderer Künstler. Zwar ist die allgemeine Komposition, wenn auch gespiegelt, vergleichbar mit Tizians Ausführung des Motivs, allerdings wird durch das Größenverhältnis bei Schönfeld eine ganz andere Wirkung erzielt.

Das Gemälde wurde mit Ölfarben auf einer Leinwand gemalt. Schönfeld sorgt für einen starken Kontrast, indem er trotz der bunt leuchtenden Gewänder eine insgesamt düstere und bedrohlich wirkende Szenerie schafft, welche vor allem durch den dunklen Himmel und den gelblichen Horizont an eine Gewitterstimmung erinnert. Die roten und die schwefelgelben Gewänder tragen ebenso zur apokalyptischen Stimmung bei.

Geschichte des Bildes Das Gemälde entstand während Schönfelds Aufenthalt in Neapel, der von circa 1637 bis etwa 1649 andauerte. Vermutlich flossen sowohl Eindrücke aus Neapel als auch solche aus dem vorherigen Aufenthalt in Rom in die Werke dieser Schaffensphase ein. Hierbei sind Einflüsse aus dem Neovenezianismus durch Filippo d’Angeli gut möglich. Aber auch Analogien zu Bernardo Cavallino werden in der Forschung für möglich gehalten.

Gerade aufgrund der zeitlichen, geografischen und stilistischen Parallelen zu letzterem wurde das Werk anfangs noch nicht Schönfeld zugeschrieben. Dies wurde jedoch 1927 durch Hermann Voss korrigiert.

Nach seiner Fertigstellung verblieb das Werk zunächst in Neapel. Dort befand es sich in der Collezione Duca di Corigliano-Saluzzo im Palazzo Saluzzo di Corigliano und der Collezione Principessa di Gerace. 1938 wurde es auch im Rahmen einer Ausstellung zur neapolitanischen Malerei des 17. bis 19. Jahrhunderts ausgestellt. Seit 1963 befindet es sich im Besitz der Pinakotheken, die es neben anderen Werken des Barocks aus Italien in der Alten Pinakothek ausstellten. Heute ist es Teil der neuen Hängung im Neuen Schloss Schleißheim.

Beim Betrachten des Bildes fällt auf, dass es inzwischen sehr dunkel geworden ist, da es lange nicht mehr restauriert wurde. Zudem lässt sich eine Doublierung bei einer früheren Restaurierung vermuten.

Literatur Ursula Zeller (Hrsg.): Johann Heinrich Schönfeld – Welt der Götter, Heiligen und Heldenmythen. (Ausstellungskatalog, Friedrichshafen, Zeppelin Museum, 16. Oktober 2009 – 7. Februar 2010), DuMont, Köln 2009, ISBN 978-3-8321-9243-3 Robert Oertel: Kunstwerke der Welt - Aus dem öffentlichen bayerischen Kunstbesitz. Hrsg.: Remigius Netzer (= Kunstwerke der Welt - Aus dem öffentlichen bayerischen Kunstbesitz. Band 4). Verlag Lambert Müller GmbH, München 1964 Herbert Pée: Johann Heinrich Schönfeld – Die Gemälde. Deutscher Verlag für Kunstwissenschaft, Berlin 1971, ISBN 3-87157-017-6 Museum Ulm (Hrsg.): Johann Heinrich Schönfeld – Bilder, Zeichnungen, Graphik. (Ausstellungskatalog, Museum Ulm, 2. Juli – 17. September 1967), Ulm 1967 Hermann Voss: Johann Heinrich Schönfeld – Ein schwäbischer Maler des 17. Jahrhunderts. Verlag Biberacher Verlagsdruckerei, Biberach an der Riss 1964 Cécile Michaud: Johann Heinrich Schönfeld – Un Peintre Allemand du XVIIe Siècle en Italie. Martin Meidenbauer Verlagsbuchhandlung, München 2006, ISBN 3-89975-585-5 Hermann Voss: Das schwäbische Museum - Zeitschrift für Kultur, Kunst und Geschichte Schwabens. Hrsg.: Schwäbischer Museumsverband (= Das schwäbische Museum - Zeitschrift für Kultur, Kunst und Geschichte Schwabens. Jahrgang 1927, Heft 3). Haas & Grabherr Verlag, Augsburg 1927

Weblinks Ecce homo auf der Website der Pinakotheken

Einzelnachweise

Kategorie:Gemälde (17. Jahrhundert) Kategorie:Bayerische Staatsgemäldesammlungen