Das verworfene Erbe (ursprünglicher Originaltitel Go down, Moses and Other Stories, späterer Originaltitel Go down, Moses, deutschsprachige Übersetzung ab 1974 teilweise ebenfalls unter dem Titel Go down, Moses) ist ein Erzählband des US-amerikanischen Schriftstellers und späteren Nobelpreisträgers William Faulkner. Das Buch erschien erstmals 1942 im Verlag Random House und enthält teilweise bereits zuvor publizierte, für die Buchveröffentlichung überarbeitete Texte. Der Erzählband firmiert teils als Sammlung lose verknüpfter„collection of previously published material revised and loosely bound together“ – Ted Atkinson: The impenetrable lightness of being. Miscegenation imagery and the anxiety of whiteness in „Go Down, Moses“. In: Annette Trefzer et al. (Hrsg.): Faulkner and formalism : returns of the text. Faulkner and Yoknapatawpha, 2008. University Press of Mississippi, Jackson MS 2012. ISBN 978-1-61703-256-1. S. 126–138. Hier S. 133. Kurzgeschichten, teils als Roman.„At the University of Mississippi in 1947, for example, he [=Faulkner] told a class, ‚it is simply a collection of short stories.‘ To his editor Robert K. Haas, however, he wrote in 1949 that ‚Moses is indeed a novel‘“ – David H. Evans: A great story. Pathfinding and providence in „Go Down, Moses“. David H. Evans: William Faulkner, William James, and the American pragmatic tradition. Louisiana State University Press, Baton Rouge LA 2008. ISBN 0-8071-3315-9. S. 193–234. Hier S. 201. Die erste deutschsprachige Übersetzung des Erzählbandes von Hermann Stresau erschien 1953 unter dem Titel Das verworfene Erbe bei Fretz & Wasmuth sowie im selben Jahr als Lizenzausgabe in Deutschland beim Stuttgarter Verlag Scherz & Goverts. Die Erzählung Pantaloon in black (deutsch: Schwarzer Harlekin), die im englischen Original an dritter Stelle des Erzählbandes platziert ist und „am wenigsten zur erzählerischen Einheit beiträgt“,„the chapter that does least to enhance the narrative unity of Go down, Moses“ – Mark Royden Winchell: Family Values in „Go Down, Moses“. In: Mark Royden Winchell: Reinventing the South. Versions of a literary region. University of Missouri Press, Columbia MO 2006. ISBN 0-8262-1618-8. S. 139–160. Hier S. 156. fehlt in dieser deutschsprachigen Übersetzung. Kurzbeschreibung Das verworfene Erbe ist ein Erzählband aus sieben lose miteinander verknüpften Episoden, die die Geschichte der Nachfahren des Sklavenhalters Carothers McCaslin über mehrere Generationen hinweg beleuchten. Im Zentrum vieler Episoden stehen Carothers‘ weißer Enkel Ike McCaslin und Carothers‘ illegitimer farbiger Enkel Lucas Beauchamp. Die Geschichten thematisieren die komplexen Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen im amerikanischen Süden, insbesondere die Verstrickungen von Familie, Besitz und Rassismus. Inhalt der einzelnen Episoden Es war

Der Südstaaten-Landeigner Buck McCaslin reitet mit seinem Neffen Cass Edmonds zur benachbarten Plantage von Hubert Beauchamp, um den entflohenen Sklaven Tomeys Turl zu verfolgen, der Tennie besuchen will, eine Sklavin der Beauchamps, in die er verliebt ist. Weil die Verfolgung unter Erfolglosigkeit leidet, müssen Buck und sein Neffe Cass die Nacht im Beauchamp-Haus verbringen, landen ohne böse Absicht im Schlafzimmer der altjüngferlichen Schwester Huberts: Sophonisba. Sie wacht schreiend auf, und Hubert nutzt die Situation, um Buck zu drängen, Sophonsiba zu heiraten. Die beiden Männer spielen Karten, um zu entscheiden, ob Buck tatsächlich Sophonsiba heiraten muss und ob Tennie oder Turl den Besitzer wechselt, da deren Liebesgeplänkel ohnehin unkontrollierbar ist. Buck verliert die Runde, Bucks Bruder Buddy überredet Hubert zu einer Revanchepartie, und wieder gewinnt Hubert das Spiel: Buck und Sophonisba sowie Tennie und Tomeys Turl werden heiraten. Das Herdfeuer

Der Schwarzbrenner Lucas Beauchamp, Sohn von Tomeys Turl und Tennie, möchte verhindern, dass der einfältige George Wilkins seine Tochter Nat heiratet, und plant deshalb eine Anzeige gegen ihn wegen Schwarzbrennerei. Beim Vergraben seiner eigenen Brennerei-Ausrüstung entdeckt Lucas eine Goldmünze und wird vom Schatzsucherfieber gepackt. Die Anzeige führt zur Entdeckung erst von Lucas’ Ausrüstung, dann von Georges Ausrüstung, die George auf Lucas‘ Veranda versteckt hatte. Nat sowie George belasten Lucas gegenüber der Polizei. Durch eine rückdatierte Heiratsvereinbarung verhindern die drei jedoch, vor Gericht gegeneinander aussagen zu müssen. Lucas versucht später, einen Metalldetektor zu erwerben, und bringt den Detektoren-Händler durch einen inszenierten Silberfund ebenfalls in Schatzsucherlaune. Als Beauchamps Frau Molly wegen seiner Schatzsuch-Besessenheit die Scheidung einreichen will, erkennt Lucas, dass sie ihm wichtiger ist als der Detektor, und gibt den Detektor fort. Schwarzer Harlekin

Die Frau des schwarzen Sägewerks-Vorarbeiters Rider ist verstorben, eines Mieters von Roth Edmonds, dem nunmehrigen Eigentümer der McCaslin-Plantage. Nach der Beerdigung seiner Gattin glaubt Rider, ihren Geist zu sehen, kehrt zur Arbeit ins Sägewerk zurück, verlässt sie vorzeitig, kauft sich einen Krug Whisky, den er in großen Mengen trinkt. Nach einer weiteren gespenstischen Erscheinung geht er zu einem nächtlichen Würfelspiel und stellt einen Weißen namens Birdsong, der seit vielen Jahren die Schwarzen beim Würfeln betrügt. Rider schneidet Birdsong die Kehle durch, ehe Birdsong ihn erschießen kann. Am Folgetag wird Rider verhaftet, in der Folgenacht aus der Zelle geholt und gelyncht. Das alte Volk

Der junge Ike McCaslin, Sohn von Buck McCaslin und Sophonisba Beauchamp, erlegt seinen ersten Hirschbock, und sein halbindianischer Mentor Sam Fathers salbt ihn rituell mit dessen Blut. Auf dem Rückweg von der Jagd kommt der Jagdhelfer Boon Hogganbeck angeritten und verkündet, er habe gerade einen riesigen Hirschbock gesehen. Die Gruppe zerstreut sich, um den großen Hirsch zu jagen. Sam und Ike hören ein Horn, und Ike nimmt an, der Bock sei erlegt. Doch dann kommt ein riesiger Bock den Hang herunter und blickt Ike und Sam Fathers ernst und würdevoll an. Sie sehen davon ab, ihn zu erschießen. In dieser Nacht berichtet Ike seinem Cousin Cass Edmonds von dem Bock, und Cass erzählt ihm, dass auch er den Bock gesehen hat: Sam hatte Cass an dem Tag, an dem er seinen ersten Hirsch erlegt hatte, auf dieselbe Lichtung geführt. Der Bär

Erzählt wird die Initiationsgeschichte des jungen Plantagenbesitzer-Sohns Ike McCaslin, der auf jährlichen Ausflügen unter Anleitung des erfahrenen Halb-Indianers Sam Fathers das Jagen lernt. Im Zentrum der Erzählung steht die mystische Figur des Bären Old Ben, der über Jahre hinweg nicht zu bezwingen ist, zum Symbol für die unzähmbare Wildnis und letztlich doch erlegt wird. In einer Nebenhandlung der Erzählung entdeckt Ike die dunkle Geschichte seiner Familie, geprägt von Sklaverei, Inzest und seinem skrupellosen Großvater Carothers McCaslin. Ike lehnt aufgrund der Art, wie sein Wohlstand zustande kam, sein Erbe ab zugunsten seines Cousins Cass Edmonds. Herbst im Delta

Der greise Ike McCaslin macht mit Freunden einen Jagdausflug, darunter seinem Verwandten Roth Edmonds, einem Enkel von Ikes Cousin Cass Edmonds und Eigentümer der McCaslin-Plantage. Im Lager deutet Roth an, dass eine Frau kommen werde, und übergibt Ike heimlich einen Umschlag mit Geld. Am nächsten Morgen erscheint die junge Frau mit einem Baby und entpuppt sich als Großnichte von Lucas Beauchamp und heimliche Liebhaberin von Roth Edmonds. Ike ist erschüttert über das Vorhandensein eines Kindes, „in dem zum ersten Mal beide Zweige der McCaslins vereint sind.“„the child in whom, for the first time, both branches of the McCaslins have been joined“ – André Bleikasten: Legacies. Go down, Moses. In: André Bleikasten: William Faulkner. A life through novels. Indiana University Press, Bloomington IN 2017. ISBN 978-0-253-02284-4. S. 308–323. Hier S. 320. Geh hin, Moses

Der Enkel von Lucas Beauchamp und Todeszellen-Insasse Samuel Worsham Beauchamp wird im Rahmen einer Volkszählung interviewt und gibt seine wahre Identität preis. Gleichzeitig hat Lucas‘ Frau Molly eine Vorahnung von Unheil im Zusammenhang mit ihrem lange verschollenen Enkel. Molly bittet den Anwalt Gavin Stevens, Samuels Aufenthaltsort und Befinden zu ermitteln. Stevens erfährt bald, dass Samuel Beauchamp in den nächsten Stunden hingerichtet werden soll, spendet und sammelt genug Geld, um Samuels Leichnam für die Beerdigung nach Hause zu bringen. Als Stevens bei der Trauerfeier vorbeischaut, verlässt sie schnell wieder, weil er sich fehl am Platz fühlt.

Episodenübergreifende Textanalyse Bei Das verworfene Erbe handelt es sich um eine auktorial erzählte „heterogene Ansammlung“ verschiedener als Kapitel oder Erzählungen firmierender Episoden, „die immer wieder die Frage nach ihrem eigenen Zusammenhalt aufwirft“,„a heterogeneous assemblage that insistently raises the issue of his own coherence“ – Evans, A great story, S. 227. wobei die Inhalte der einzelnen Episoden „zusammenlaufen, sich kreuzen und auseinanderlaufen, sich gegenseitig verflechten, aufeinander reagieren, sich gegenseitig widerstehen und einander überarbeiten“.„partial stories that run together, decussating and diverging, mutually interlacing, responding to, resisting, and revising one another“ – Evans, A great story, S. 234. Ort der Handlung ist weitgehend der fiktive Yoknapatawpha County. Der Berichtszeitraum des Erzählbandes erstreckt sich von 1859 bis in die 1940er Jahre, in Rückblenden bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts zurück, wobei die einzelnen Episoden nicht chronologisch aufeinander folgen.„chronology is scrambled“ – John Lennard: Go Down, Moses (1942). In: John Lennard: Reading William Faulkner. „Go down, Moses“ & „Big Woods“. Humanities-Ebooks, Tirril 2012. ISBN 978-1-84760-198-8. S. 57–91. Hier S. 58. Episodenübergreifende Themen „Der offensichtlichste gemeinsame Schwerpunkt“ von Das verworfene Erbe ist „die Frage der Rassenbeziehungen“, so der Literaturwissenschaftler Mark R. Winchell (Clemson University): „Drei der Erzählungen konzentrieren sich auf schwarze Charaktere, während die anderen vier in unterschiedlichem Maße die Interaktion zwischen der weißen Familie McCaslin-Edmonds und verschiedenen Schwarzen behandeln. In ‚Das alte Volk‘ und vier von fünf Abschnitten von ‚Der Bär‘ allerdings ist die Rassenfrage eindeutig weniger wichtig als die Zerstörung der Wildnis“,„The most obvious unifying focus of this ‚novel‘ is the issue of race relations. Three of the narratives concentrate on black characters, whereas the other four deal in varying degrees with the interaction between the white McCaslin Family and various blacks. Yet in ‚The Old People‘ and four of the five sections of ‚The Bear‘, the race question is clearly a less prominent concern than the destruction of the wilderness“ – Winchell, Family Values in „Go Down, Moses“, S. 140. was Das verworfene Erbe nach Ansicht des britischen Anglisten John Lennard (University of the West Indies) zu einem „Schlüsselwerk der Ökokritik“ macht.„a key-work for ecocriticism“ – Lennard, Go Down, Moses (1942), S. 74. Als Ganzes betrachtet bilden die sieben Episoden laut des Literaturwissenschaftlers David H. Evans (Dalhousie University) ein „immenses Gewirr aus gegenseitiger Abhängigkeit und Schuld, lang anhaltendem Zorn und schmerzhafter Liebe, Verwirrung und Verzweiflung, Vergebung und Trauer und Hoffnung“,„immense tangled skein of interdependence and indebtness, long anger and painful love, confusion and despair, and forgiveness and grief and hope“ – Evans, A great story, S. 234. eine „Geschichte der Armut, des Elends und der zerbrochenen Familien“, eine „Geschichte der Ausbeutung und des Unverständnisses, die das Verhältnis der Rassen in den Südstaaten geprägt hat“.„history of poverty, misery, and broken family [...] history of exploitation and incomprehension that has defined the relation of the races in the South“ – Evans, A great story, S. 232.