Der Bär (Originaltitel: The bear) ist die drittletzte Episode innerhalb des Erzählbandes Das verworfene Erbe von William Faulkner. Urfassungen von Teilen des Textes wurden unter dem Titel Lion im Dezember 1935 im Harper’s Magazine und als Der Bär im Mai 1942 in der Saturday Evening Post veröffentlicht. Eine weitere Version der Erzählung findet sich in Faulkners Erzählband Der große Wald (Originaltitel: Big woods). Die deutschsprachige Übersetzung von Der Bär stammt von Hermann Stresau. Kurzbeschreibung Erzählt wird die Initiationsgeschichte des jungen Plantagenbesitzer-Sohns Ike McCaslin, der auf jährlichen Ausflügen unter Anleitung des erfahrenen Halb-Indianers Sam Fathers das Jagen lernt. Im Zentrum der Erzählung steht die mystische Figur des Bären Old Ben, der über Jahre hinweg nicht zu bezwingen ist, doch als Symbol für die unzähmbare Wildnis letztlich erlegt wird. In einer Nebenhandlung der Erzählung entdeckt Ike die dunkle Geschichte seiner Familie, geprägt von Sklaverei und Inzest, und lehnt sein Erbe ab. Inhalt Die Titelfigur dieser Erzählung ist „das Totemtier schlechthin, die lebendige Seele des Waldes“:„the totemic animal par excellence, the living soul of the forest“ – André Bleikasten: Legacies. Go down, Moses. In: André Bleikasten: William Faulkner. A life through novels. Indiana University Press, Bloomington IN 2017. ISBN 978-0-253-02284-4. S. 308–323. Hier S. 315. Old Ben, der große Bär „mit dem von einer Falle zerschmetterten Fuß und einem Namen, den er in einem fast hundert Quadratmeilen großen Gebiet erlangt hatte, eine endgültige Bezeichnung wie ein lebender Mensch“. Old Ben ist berüchtigt für seine Taten und Untaten, berichtet wird „von Schüssen aus Flinten und sogar Büchsen aus nächster Nähe, die nicht mehr Wirkung erzielten als eine Handvoll Erbsen aus einem Kinderblasrohr“. Ein Kind ist auch der zehnjährige Plantagenbesitzer-Abkömmling Ike McCaslin, als er im November 1877Von dem zeitlichen Fixpunkt der mit „1878“ gravierten Hinterlader-Büchse aus (Faulkner, Der Bär, S. 157) lassen sich dank Jahreswechseln und Altersangaben Ikes die restlichen Jahreszahlen zuverlässig angeben. erstmals Old Bens ansichtig wird, doch Ikes Mentor Sam Fathers ist skeptisch, dass man Old Bens habhaft werden kann: „Wir haben noch nicht den richtigen Hund dafür“, meint der Halb-Indianer Fathers, obwohl die Jagdgesellschaft über elf Jagdhunde verfügt. Zweimal jährlich begibt sich diese Jagdgesellschaft in die Wildnis, um Old Ben zu jagen. „Im Laufe der Jahre, in denen er gejagt wird, wird der Bär in den Köpfen der Jäger zu einer Kreatur von mythischem Ausmaß“„Over the years that he is hunted, the bear becomes a creature of mythical proportions in the minds of the hunters“ – Anna Priddy: The bear. In: Anna Priddy: Bloom's how to write about William Faulkner. Bloom's Literary Criticism, New York NY 2010. ISBN 978-0-7910-9742-7. S. 197–207. Hier S. 197. und „ein unüberwindlich lebender Anachronismus, aus einer längst verstorbenen Zeit stammend, ein Phantom, Überbleibsel, eine Gottheit des alten wilden Lebens, um das die winzigen Menschenwesen wimmelten“. Im Juni 1878 darf Ike erstmals nicht nur am November-, sondern auch am Juni-Camp in der Wildnis teilnehmen, wagt sich allein in die Wildnis, erst seinen Hinterlader, dann Uhr und Kompass zurücklassend: „aus eigenem Willen und Verzicht hatte er sich auf etwas eingelassen, das nicht ein Schachspiel war und keine Wahl übrig ließ, er ließ sich auf eine Bedingung ein, bei der nicht nur die bisher unverbrüchliche Anonymität des Bären, sondern all die uralten Regeln und Vorteile des Jägers und des Gejagten aufgehoben waren“. Ikes Verzicht auf die Insignien der Zivilisation wird belohnt: „Dann sah er den Bären. Er trat nicht heraus, in Erscheinung: er war einfach da, unbeweglich, […] nicht so groß, wie er ihn erwartet hatte, größer noch, unabschätzbar […], und sah ihn an.“ Während Ikes viertem Juni-Camp, also 1881, tut Sam Fathers einen wilden Mischlingshund auf, der just ein Fohlen gerissen hat. Der Hund ist „zum Teil Bulldogge, etwas vom Airedale und von einem Dutzend anderer Rassen wahrscheinlich“, besitzt eine Körpergröße von mehr als einem „dreiviertel Meter Schulterhöhe, und sie schätzten ihn auf über achtzig Pfund. Er besaß kalte gelbe Augen und eine gewaltige Brust und am ganzen Körper diese sonderbare Färbung, die bläuliche Stahlfarbe eines Pistolenlaufs.“ Diesem Hund, Lion genannt, versucht Sam Fathers durch Hunger und Fressengeben die „nicht zu bändigende und ungebrochene Seele“ zu bändigen und zu brechen, letztlich erfolgreich. Vom November 1881 an kümmert sich der Jagdhelfer Boon Hogganbeck dann um Lion; die beiden werden unzertrennlich. „Es war, als sei Lion ein Weib – oder vielleicht war Boon der weibliche Teil“, und Ike braucht einige Zeit zu verstehen, warum sein Mentor Sam Fathers Lion aus der Hand gibt: „Es war durchaus in Ordnung gewesen. Es war genau so, wie es sein mußte. Sam war der Herr und Meister; Boon, der Plebejer, war sein Jäger. Es war Boons Sache, die Hunde zu pflegen.“ Lion ist es, der Old Ben im Dezember 1883 stellt, und Ike McCaslin ist es, der am ehesten die Möglichkeit hätte, den Bären inmitten der Jagdhunde zu erschießen, „aber er konnte nichts sehen als das Gewimmel scheckiger Hundeleiber, bis der Bär daraus zum Vorschein kam. Boon schrie irgend etwas, er konnte nicht ausmachen, was; er konnte sehen, wie Lion immer noch an der Kehle des Bären hing, und er sah, wie der Bär, halb aufgerichtet, einen der Hunde mit einer Tatze schlug und fünf oder sechs Fuß wegschleuderte, und dann sah er ihn sich ganz aufrichten, höher und höher, als sei kein Ende abzusehen, sah ihn wieder aufrecht stehen und sich anschicken, mit den Vordertatzen Lions Bauch zu zerfetzen. Da lief Boon auf ihn zu. Der Knabe [Ike] sah das Funkeln der Klinge in seiner Hand“, Boon will „sich rittlings über den Bären werfen“, Boon sticht zu, „nur ein Mal zu.“ Am Ende des Kampfes ist Old Ben durch Boons Messer erlegt, Lion hängen die Gedärme heraus, Boon ist verletzt, und Sam Fathers ist unbemerkt von den anderen von seinem Maultier gefallen und redet zunächst nur Indianisch: „Mit der Vernichtung des Bären – der symbolischen Zerstörung der Wildnis – bricht Sam Fathers zusammen“. „With the destruction of the bear – the symbolic destruction of the wilderness – Sam Fathers collapses“ – A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Go Down, Moses. In: A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Critical companion to William Faulkner. A literary reference to his life and work. Facts On File, New York NY 2008. ISBN 0-8160-6432-6. S. 97–113. Hier S. 100. Ein Arzt kümmert sich um Boon und Sam Fathers, zuvor aber um Lion, „schob die Eingeweide zurück und nähte ihn ohne Betäubung zu“, ohne Erfolg: Lion stirbt am Folgetag, „als die Sonne unterging“, bald darauf Sam Fathers.
Zwei Jahre später, also im Jahre 1885, sucht Ike McCaslin „noch ein letztes Mal das Lager auf, ehe die Bauholzgesellschaft einzog und mit dem Schneiden der Stämme begann.“ Die „untergehende Wildnis, an deren Rändern ständig und ameisenhaft Menschen nagten mit Pflügen und Äxten“, weicht nun immer mehr der vermeintlichen Zivilisation: Statt Old Ben, der laut der Erzählung mehrfach gleich einer Lokomotive gewütet hat, gibt es nun richtige Lokomotiven, es gibt „ein neues, schon halb aufgebautes Sägewerk, zwei oder drei Morgen Land bedeckend, und scheinbar meilenweit unabsehbare Stapel rostroter Stahlschienen“ sowie Zement-Markierungszeichen zur Flurstück-Begrenzung, „kalkweiß, leblos und abstoßend fremdartig an diesem Orte, wo selbst der Verfall ein siedendes Gebrodel war von schwellender Befruchtung und Empfängnis und Geburt und wo es keinen Tod gab.“ Die einstige Wildnis „ist nun domestiziert statt wild; der Bauer hat den Jäger ersetzt; die Stammesgemeinschaft der Indianer wurde durch die weiße patriarchalische Familie ersetzt; der symbolische Handel archaischer Gesellschaften wurde durch eine halbfeudale, halbkapitalistische Wirtschaft ersetzt.“„The earth is now domesticated instead of wild; the farmer has replaced the hunter; the tribal fraternity of Indians has been replaced by the white patriarchal family; the symbolic trading of archaic societies has been replaced by a semi-feudal, semi-capitalist economy“ – Bleikasten, Legacies, S. 316. Die Geschichte schließt damit, dass Boon, mit dem Einzug der Bauholzgesellschaft „seit sechs Monaten Bezirkssheriff“, unter einem Baum, in dem vierzig oder fünfzig Eichhörnchen „von Ast zu Ast hüpfend und schnellend“ den ganzen Baum „zu einem einzigen irrsinnigen Strudel von Blättern“ machen, sein eigenes Gewehr zertrümmert und Ike McCaslin bedroht: „Mach, daß du hier wegkommst! Rühr sie nicht an! Nicht ein einziges rührst du an! Sie gehören mir!“