mini|hochkant|Sigfrido Ranucci (2024) Sigfrido Ranucci (* 24. August 1961 in Rom) ist ein italienischer Investigativjournalist. Er ist in seinem Heimatland unter anderem bekannt als Moderator des Wochenmagazins Report des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders Rai 3.
Die Rundfunkgesellschaft RAI entzog Ranucci im August 2026 die Leitung von Report und reagierte damit auf seine mögliche Verwicklung in ein Bombenattentat am 16. Oktober 2025 auf sein eigenes Haus.
Leben und Wirken
Ausbildung und Tätigkeit als Auslandskorrespondent
Ranucci studierte Literaturwissenschaft an der Universität La Sapienza in seiner Heimatstadt Rom. Nach dem Laurea-Abschluss begann er seine Karriere als Journalist bei der Tageszeitung Paese Sera. 1989 begann er für die öffentlich-rechtliche Rundfunkgesellschaft Rai – Radiotelevisione Italiana zu arbeiten. Dort war er für TG3, die Nachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms Rai 3, und für den Spartensender Rai News tätig. Ab 1999 war er Auslandskorrespondent für Rai auf dem Balkan und in New York, wo er die Berichterstattung zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 leistete.
Investigativjournalismus und Tätigkeit bei Report
Er hat zahlreiche investigative Rechercheprojekte durchgeführt, unter anderem über die Mafia – darunter das letzte Interview des Richters Paolo Borsellino vor dessen Ermordung (1992) –, über illegalen Abfallhandel und über die Verwendung nichtkonventioneller Waffen, insbesondere die 2005 produzierte Dokumentation Fallujah la strage nascosta („Falludscha, das verborgene Massaker“), in der er die USA bezichtigte, beim Angriff und der Eroberung der irakischen Stadt Falludscha 2004 massive Kriegsverbrechen begangen zu haben. Die US-Regierung musste, nachdem sie anfänglich die Vorwürfe bestritten hatte, schließlich zugeben, bei der Eroberung chemische Waffen eingesetzt zu haben.
Seit 2006 arbeitete er gemeinsam mit Milena Gabanelli für das Investigativmagazin Report auf Rai 3. Im Jahr 2017 übernahm er die Leitung der Sendung. 2024 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel La scelta („Die Auswahl“). Seit 2021 stand Ranucci unter ständigem Polizeischutz, wie etwa 20 weitere Journalisten in Italien.
Bombenanschlag 2025 und „Ranucci-Affäre“
Am Abend des 16. Oktober 2025 gegen 22 Uhr wurde auf Ranuccis Auto, das er vor seinem Wohnhaus in Campo Ascolano, einem Ortsteil der Stadt Pomezia im Großraum Rom, abgestellt hatte, ein Sprengstoffanschlag verübt. Das Fahrzeug brannte vollständig aus, ebenso wurden das Auto von Ranuccis Tochter zerstört und ein Nachbarhaus beschädigt. Personen kamen nicht zu Schaden. Der Bombenanschlag wurde am Jahrestag des Mordanschlags auf die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia im Jahr 2017 verübt. Der Journalist erklärte, er habe im Jahr zuvor bereits vor seinem Haus „zwei Kugeln aus einer P38“ gefunden. Die deutsche Pistole Walther P38 ist in Italien als Waffe bekannt, die für viele Anschläge in der Zeit des Terrorismus der 1970er Jahre (Anni di piombo, „bleierne Jahre“) verwendet wurde. Die französische Tageszeitung Le Monde ordnete das Attentat in den Kontext einer Situation der italienischen Medien ein, die sich seit dem Regierungsantritt von Giorgia Meloni drastisch verschlechtert habe und von Einschüchterung durch die Regierung in verschiedener Weise geprägt sei. In der Rangliste der Pressefreiheit hat sich die Position Italiens seit Anfang der 2020er Jahre deutlich verschlechtert; 2025 stand es auf Platz 49 und damit an drittletzter Stelle aller EU-Länder; schlechter waren nur Rumänien und Ungarn eingestuft. Ranucci sei auch innerhalb der Rai aufgrund seiner investigativen Recherche zunehmend isoliert. Meloni erklärte ihre „volle Solidarität“ mit Ranucci. Im Sommer 2026 stellte sich heraus, dass der Anschlag offenbar von dem mit Ranucci befreundeten Unternehmer Valter Lavitola in Auftrag gegeben worden war. Am 12. August 2026 gestand Lavitola dies. Er behauptete, mit dem Anschlag beabsichtigt zu haben, dass Ranuccis Personenschutz verstärkt würde. Die Ermittlungsbehörden nehmen an, dass Lavitola Ranuccis politische Karriere habe fördern wollen. Sie erklärten, keine Hinweise auf eine Mitwisserschaft Ranuccis zu haben.
Am 25. August 2026 wurde bekannt, dass die RAI Ranucci als Chef von Report abgesetzt hatte. Beobachter sahen in dem Schritt den Versuch, die traditionsreiche Sendung vor weiterem Schaden zu bewahren. Bereits vor der Affäre um die Urheberschaft des Bombenanschlags auf sein Haus war Ranucci aus anderen Gründen Kritik ausgesetzt, unter anderem wegen seiner Arbeitsmethoden sowie möglichem Machtmissbrauch gegenüber Frauen in untergeordneten Positionen.Matthias Rüb:
Wenige Tage später benannte die Rai die zwei Journalisten Giulia Presutti und Daniele Piervincenzi als Nachfolger Ranuccis bei Report ab November 2026. Die 1990 geborene Presutti war nach Absolvieren der Hochschule für Rundfunkjournalismus in Perugia und Tätigkeiten für RaiNews24, die Rai2-Sendung Nemo – Nessuno excluso und für NBC News in London seit 2018 Korrespondentin für Report. Sie verfügt über ausgiebige Erfahrung im Investigativjournalismus und wurde für eine Dokumentation über Menschenhandel mit dem Nachwuchsjournalistenpreis Premio Roberto Morrione ausgezeichnet. Der etwa 10 Jahre ältere Pervincenzi, seit 2016 für Rai tätig, war unter anderem Auslandskorrespondent in Moskau beim russischen Überfall auf die Ukraine 2022 und in Israel beim Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023.
Die Absetzung Ranuccis und die Berufung seiner Nachfolger stießen bei der Report-Redaktion mehrheitlich auf scharfe Ablehnung und wurde von ihr als „in keiner Weise repräsentativ für Geschichte und Werte“ der Sendung bezeichnet. Auch Oppositionspolitiker kritisierten das Prozedere scharf und warfen der Regierung vor, direkten Einfluss auf die Entscheidung ausgeübt zu haben. Die ehemalige Vorsitzende der parlamentarischen Kommission zur Überwachung des Rundfunks Barbara Floridia (Movimento 5 Stelle) sprach von einem „Meloni-Dekret“ und von „Unterwürfigkeit“ der Rai. Ranucci der Leitung der Sendung zu entheben, sei stets ein Ziel der Regierung Meloni gewesen. Floridia und andere verurteilten insbesondere, dass Ranucci trotz Fehlens von Beweisen für seine Mitwisserschaft bei dem Bombenanschlag abgesetzt worden sei und dass die Redaktion bei der Auswahl der Nachfolger nicht zu Rat gezogen worden sei. Sie betonte, nichts gegen die zur Nachfolge bestimmten Journalisten zu haben. Das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel hingegen berichtete, die beiden Journalisten stünden ihrem Ruf nach der italienischen Ministerpräsidentin Meloni und ihrer postfaschistischen Partei Fratelli d’Italia nahe. Der Journalist und Europaabgeordnete Sandro Ruotolo (Partito Democratico) rief die Europäische Kommission wegen des Verdachts einer Verletzung des Europäischen Medienfreiheitsgesetzes an. Ranucci kündigte rechtliche Schritte gegen seine Absetzung an.
Ehrungen und Auszeichnungen Für seine investigativen Recherchen erhielt Ranucci mehrere Preise, darunter den italienischen Journalismuspreisen Premio Ilaria Alpi und den Premiolino.
Schriften (mit Nicola Biondo:) Siebte, aktualisierte Neuauflage: Chiarelettere, Mailand 2022, ISBN 978-88-329-6580-3.
Il ritorno della casta: Assalto alla giustizia. Bompiani, Mailand 2026, ISBN 978-88-301-5534-3.
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Einzelnachweise
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