Das Schiessunglück am Bäzberg ereignete sich am 7. September 1944 im Fort Bäzberg bei Andermatt im Kanton Uri. Bei dem Militärunfall während einer Schiessübung mit Panzerturmgeschützen kamen acht Angehörige der Schweizer Armee ums Leben. Die Katastrophe wurde durch einen aus seinem Sitz gefallenen Kupferdichtungsring verursacht, der zur Explosion von 14 im Geschützturm gelagerten Treibladungsbeuteln führte.

Hintergrund mini|Das Fort Bäzberg hoch über der Schöllenenschlucht (2016) Das Fort Bäzberg war als Artilleriewerk Teil der Gotthardbefestigungen im Raum Andermatt. Das 1892 erbaute Fort war mit dem an seinem Fuss liegenden Fort Bühl eines der ersten Felswerke in Europa. Es verfügte über drei 12-cm-Kanonen in Panzertürmen System Schumann von Gruson sowie weitere Geschütze. Das Fort wurde 1947 als Kampfanlage aufgehoben, die 12-cm-Panzertürme wurden 1951 aus dem Inventar gestrichen und diente bis 2017 diente das Fort als Gebirgsunterkunft.

Im September 1944 absolvierte die Artillerie-Offiziersschule 44 (Art OS 44) in Andermatt eine Schiessausbildung mit Festungsgeschützen. Die Offiziersaspiranten sollten an den modernen 10,5-cm-Turmkanonen "Modell 39 L52" ausgebildet werden, die als Prototyp im Artilleriewerk San Carlo auf der Gotthardpasshöhe eingebaut worden waren.

Unglück Am 7. September 1944 fuhren drei Klassen Festungsartillerie-Offiziersaspiranten der Artillerie-Offiziersschule 44 (Art OS 44) von Andermatt zum Werk Bäzberg hinauf. Die zu jener Zeit im Aktivdienst befindliche Festungsartillerie-Kompanie 17 und die Festungswachtkompanie Andermatt stellten die Geschützmannschaften für zwei 12-cm-Geschütztürme. Die Schiesskommandoposten wurden unweit der Panzergeschütztürme auf der Abdeckung eingerichtet.

Vor Beginn des Schiessens wurde das Reglement für das Geschütz vorgelesen. Mit Nachdruck wurde befohlen, vor jedem Schliessen des Querkeilverschlusses zu kontrollieren, ob der Kupferdichtungsring (sogenannter Liderungsring) richtig in seiner Versatzung sass. Ferner wurde gemäss Reglement befohlen, dass auf dem Bedienungsboden nur die Pulversäcke für einen Schuss liegen dürfen. Der Ladungsvorrat für die Schiessübung musste in der unteren Turmetage bereit liegen.

Um 10:00 Uhr begann das Schiessen. Um etwa 10:30 Uhr kam aus Turm 1 keine Antwort mehr auf telefonische Anrufe vom Kommandoposten; zudem hatte der letzte Schuss dieses Turms die untere Sicherheitsgrenze unterschritten. Der Kommandoposten liess daraufhin in Turm 2 das Schiessen einstellen und von dort den Geschützführer mit einem Festungswachtsoldaten zu Turm 1 schicken. Im Querstollen unterhalb des Unglücksturms kamen die beiden wegen des dichten Pulverrauchs nicht weiter. Die Fortwache war zu diesem Zeitpunkt bereits alarmiert und zwar durch Verletzte, die sich aus dem Turm gerettet hatten.

Im oberen Geschoss von Turm 1 hatte sich zuvor schlagartig ein Brand mit Explosion ereignet. Nach dem Bericht eines Überlebenden war der Raum sofort voller Rauch, Hitze und Flammen, kurz darauf war es völlig dunkel. Ein Offiziersaspirant, der gerade erst als Ablösung des Geschützführers in den Turm gekommen war, fand am Boden eine Öffnung, die der Explosionsdruck in den Holzboden gerissen hatte, liess sich durch sie ins untere Turmgeschoss fallen und gelangte über die Treppe zum Telefon im Quergang. Dort traf er einen Festungswachtsoldaten, der ebenfalls entkommen war; die beiden meldeten das Unglück nach Andermatt. Sie waren die einzigen Überlebenden der Besatzung des oberen Turmbodens.

Die Fortwache, mit Kreislaufgeräten ausgerüstet, konnte nur noch Tote bergen. Beim Ausgang des Werks lagen schliesslich sieben Tote, sechs Verletzte wurden mit einem Lastwagen ins Militärspital Andermatt gebracht.

Die Ursache der Katastrophe war ein fehlender Kupferdichtungsring. Der kupferne Liderungsring musste beim Setzen der Granate oder beim Schliessen des Verschlusses aus seinem Sitz gefallen sein, ohne dass es jemand bemerkte. Zwischen Keilwand und Verschluss klaffte ein Spalt, aus dem beim Abschuss ein Teil der Ladung entwich und den direkt neben dem Geschütz liegenden Pulversackvorrat zur Explosion brachte. Die Untersuchung zeigte, dass Weisungen missachtet worden waren: Im Geschützturm waren entgegen den Vorschriften 14 Ladungssäcke ungeschützt im Geschützraum gelagert worden. Erlaubt gewesen wäre dort nur die Ladung für einen einzigen Schuss; weil stattdessen 14 Ladungssäcke offen neben dem Geschütz lagen, fing der ganze Vorrat Feuer. Die Männer im geschlossenen Turmraum erlitten schwere Verbrennungen oder wurden von den Brandgasen vergiftet.

Opfer Insgesamt kamen acht Wehrmänner ums Leben: ein Leutnant, ein Offiziersaspirant im Rang eines Korporals, ein Soldat des Festungswachtkorps, ein Telefonsoldat, drei Kanoniere und ein Mitrailleur. Einer der Verletzten starb einige Tage später im Spital Andermatt.

Zur Zahl der Verletzten machen die Quellen leicht unterschiedliche Angaben. Das Tagebuch der Festungsartillerie-Kompanie 17 verzeichnete sieben Tote sowie sechs Schwer- und Leichtverletzte; ein Augenzeuge nennt in seiner Bilanz acht Tote und fünf Schwerverletzte. Unter den Verletzten waren ein Oberleutnant (Gasvergiftung), zwei Mitrailleure (Verbrennungen, einer zusätzlich mit Armfraktur), zwei Kanoniere (Fraktur bzw. geringe Verbrennungen) sowie ein Offiziersaspirant und ein Festungswachtsoldat, die als Einzige vom oberen Turmboden entkamen. Einer der Überlebenden erlitt Verbrennungen dritten Grades an Gesicht und Händen und musste sich in den folgenden drei Jahren 43 plastisch-chirurgischen Eingriffen unterziehen.

Nach Einschätzung eines Überlebenden verdankten die beiden ihr Leben dem Umstand, dass der enorme Luftdruck für kurze Zeit ihre Atemwege unterbunden hatte, sodass relativ wenig Kohlenmonoxid eindringen konnte. Die im Turm Verbliebenen starben an Kohlenmonoxidvergiftung.

Trauerfeier und Gedenken Am 9. September 1944 fand vor der Kaserne Altkirch in Andermatt die militärische Trauerfeier statt. Vor den Trauergästen lagen sieben mit der Schweizerfahne bedeckte Särge. Unter den Trauergästen befanden sich der damalige Artilleriechef Divisionär de Montmollin und der Schulkommandant Oberst Maurer, späterer Artilleriechef.

Am 9. September 1994, auf den Tag genau 50 Jahre nach der Trauerfeier, trafen sich ehemalige Offiziere der damaligen Klasse beim Kommando des Festungskreises 23 in Andermatt. Von dort wurden sie mit Fahrzeugen zum Werk Bäzberg zur kurzen Gedenkfeier für die verunglückten Wehrmänner disloziert, im Beisein einer Delegation des Festungskreises 23 und eines Feldpredigers.

Technischer Hintergrund Bei den im Fort Bäzberg verwendeten 12-cm-Geschützen handelte es sich um Panzertürme System Schumann von Gruson. Bei Geschützen mit Keilverschluss, die lose Beuteltreibladungen verwenden, kommen Liderungsringe aus Metall zum Einsatz. Diese werden in eine entsprechende Aussparung des Verschlusses oder in eine Ringnut am Bodenring des Geschützrohres eingesetzt. Beim Abschuss wird der Liderungsring durch den Gasdruck auseinandergetrieben und dichtet den Ladungsraum nach aussen ab. Ein fehlender oder falsch eingesetzter Dichtungsring kann dazu führen, dass heisses Gas seitlich austritt und ungeschützte Treibladungsbeutel entzündet.

Folgen Nach diesem Unfall wurden umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen getroffen, wie das Tragen der Gasmaske mit Kollektivmaskenschutz oder die zur Sicherheit in Büchsen verpackten Ladungen. Die neueren 10,5-cm-Turmkanonen, etwa im Artilleriewerk San Carlo, hatten einen Keilverschluss und verschossen ihre Ladung aus Messinghülsen.

Dieser tragische Unfall mahnte eindringlich zur strikten Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften im Umgang mit Artilleriewaffen und führte zu nachhaltigen Verbesserungen der Sicherheitsvorkehrungen in der Schweizer Festungsartillerie.

Siehe auch Liste von Unfällen der Schweizer Armee

Einzelnachweise

Kategorie:Katastrophe 1944 Kategorie:Geschichte (Kanton Uri) Kategorie:Schweizerische Geschichte (20. Jahrhundert) Kategorie:Schweizerische Militärgeschichte Kategorie:Andermatt Kategorie:Explosionskatastrophe