Franz Christian Lerse, auch Lersé (* 9. Juni 1749 in Buchsweiler; † 15. Juni 1800 in Wien), war ein deutscher Pädagoge und früher Kunsthistoriker. Bekannt wurde er durch seine Freundschaft mit Johann Wolfgang von Goethe und durch die erste Beschreibung des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald noch aus der Zeit vor der Französischen Revolution. mini|hochkant|Franz Christian Lerse: Anzeige der Gemählde und Statuten der ehemaligen Antoniter Kirche zu Isenheim im Obern Elsass, 1780/81
Leben Franz Christian Lerse wurde am 9. Juni 1749 in Buchsweiler geboren. Seine Eltern waren der Regierungsrat Philipp Jakob Lerse und seine Frau Marie Susanne geb. Barth. In der weiterführenden Literatur werden noch sechs, teilweise sogar sieben Geschwister genannt.Zu einzelnen Aspekten der Biografie von Franz Christian Lerse gibt es in der Literatur widersprüchliche Aussagen, die heute nicht mehr aufzulösen sind. So wird von drei, manchmal sogar vier Brüdern gesprochen. Historisch belegbar sind Ludwig Heinrich (1746–1809), der als Landesdirektionsrat im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken wirkte und in Mannheim verstarb, sowie Philipp, der bayerischer Regierungsrat war. Es werden weiterhin drei Schwestern angeführt. Urkundliche Belege gibt es aber nur für Henriette und Luise, denen vom Pfalzgrafen Max Joseph 1796 eine jährliche Pension zugesprochen wurde (vgl. Westpfälzische Geschichtsblätter, Bd. 26, Zweibrücken 1927, S. 443). Sich widersprechende Angaben gibt es auch zum Sterbeort von Lerse. Meistens wird das Schloss Vöslau der Familie Fries genannt. Christian Steeb, der sich 2010 eingehend mit der Biografie von Lerse und seinen letzten Lebensjahren beschäftigt hat, führt hingegen das Stadtpalais der Familie am Wiener Josephsplatz an (vgl. Christian Steeb: Goethes Jugendfreund Franz Christian Lerse und seine Berufung nach Wien im Jahre 1793. In: Wiener Geschichtsblätter. 65. Jg., Nr. 3, Wien 2010, S. 216). Und so steht es auch in der Wiener Zeitung vom 25. Juni 1800 (S. 2047): Den 16. Juni. In der Stadt. H[er]r. Franz v. Lerse, herrs[chaftlicher] Gouverneur u[nd] Churpfälz[ischer] Hofrath, alt 50 J[ahre] am Josephespl[atz] R.1224. Aber hier wird, abweichend zu allen anderen Schriften, der 16. Juni als Todestag genannt. Sein Vater trat Anfang der 1760er Jahre in den Dienst bei Christian IV. ein und die Familie zog nach Zweibrücken, wo Franz Christian das Gymnasium besuchte. Für das Theologiestudium ging er zuerst nach Leipzig und schrieb sich dann am 25. Mai 1767 als Franciscus Christianus Lersé aus Buxovilla-Alsatus in Gießen ein. Später wechselte er nach Straßburg und immatrikulierte sich als theologiae candidatus am 8. Juni 1770 an der dortigen Universität. Gewohnt hat er „bey der Frau Dr. Wilhelmini“. mini|hochkant|„Die Zusammensetzung dieses Gemähldes ist neu, einfach und erhaben, die Stärke und Wahrheit im Ausdruck so treffend, dass man es ohne die innigste Rührung und Theilnehmung nicht betrachten kann.“ (Lerse, 1780/81)
In Straßburg schloss sich Lerse dem Kreis um Johann Daniel Salzmann an, war häufig Gast der Mittagsgesellschaft und verkehrte dort mit Johann Heinrich Jung-Stilling, dem ebenfalls aus Buchsweiler stammenden Friedrich Leopold Weyland, Heinrich Leopold Wagner und dem gleichaltrigen Johann Wolfgang von Goethe. Jung-Stilling schreibt im dritten Teil seiner Autobiografie Heinrich Stillings Wanderschaft über eine dieser Zusammenkünfte mit Lerse und Goethe:
Im Herbst 1771 ging Goethe zurück nach Frankfurt und Lerse zog nach Versailles, wo er als Hauslehrer für die Kinder des Diplomaten Christian Friedrich Pfeffel von Kriegelstein tätig war. Schon 1773 kehrte Lerse in das Elsass zurück, ging nach Colmar und schloss sich Gottlieb Konrad Pfeffel an, der ihn als Lehrer für neuere Sprachen und Geschichte an seine École militaire berief. Pfeffel verlor später während der Französischen Revolution sein gesamtes Vermögen und die Schule musste 1792 wegen finanzieller Schwierigkeiten endgültig schließen. mini|hochkant|„In den Fingerspitzen ist ein Zug, der allein den Maler verewigen würde, wenn auch sonsten nichts von dem Gemählde übrig gebieben wäre.“ (Lerse, 1780/81)
Lerse war kurz Offizier in der neugebildeten Nationalgarde und blieb noch bis Februar 1793 als Distriktsarchivar und leitender Bibliothekar in Colmar. Es war dies die Zeit, in der er sich für die Rettung der in den Kirchen verbliebenen Kunstwerke einsetzte, darunter waren die Tafeln des Isenheimer Altars und Martin Schongauers bekannte Madonna im Rosenhag. Im Frühjahr 1793 verließ Lerse dann endgültig Colmar und ging nach Wien. Er folgte als Hofmeister einem seiner ehemaligen Schüler an der École militaire, dem Reichsgrafen Moritz von Fries.
Im Herbst 1794 begleitete Lerse seinen Schüler Fries nach Leipzig, wo dieser mit einem Jurastudium seine Ausbildung abschließen sollte. Am 18. Oktober 1794 immatrikulierten sich beide an der dortigen Universität. Zu Fries heißt es in den Matrikelbüchern: „Fries a commes maur. Vindobonen. i 18. X. 1794“ und zu Lerse: „Lerse a Franc. Christ., consiliarius aulicus Bipontin. i 18. X. 1794, dp. Gießen.“ mini|hochkant|„Etwas weiter stehen Maria und Johannes, die herrlichste Gruppe in Zeichnung und Ausdruck, die man nur sehen kann.“ (Lerse 1780/81)
Sie blieben bis September 1797 in Leipzig und unternahmen „zahlreiche Reisen […], die den Erzieher und seinen an der Kunst begeisterten Schüler nach Dresden, nach Berlin und natürlich auch des öfteren zu Goethe nach Weimar führten. [Eine für] Moritz Fries, seinen Charakter, wie auch seinen späteren Lebensweg sicherlich prägende Zeit.“
Wieder in Wien lernte Lerse 1798 im Hause des Bankiers Nathan Adam von Arnstein die junge Sophie Brentano kennen, die sich zusammen mit ihrer Stiefmutter ebenfalls in der Stadt aufhielt. Er warb vergebens um die viele Jahre jüngere Frau, die ihn folgendermaßen beschrieb:
Beide blieben am Ende unverheiratet. Sophie Brentano verstarb mit nur 24 Jahren am 19. September 1800 auf dem Gut von Christoph Martin Wieland in Oßmannstedt. Lerse starb bereits wenige Monate vorher am 15. Juni 1800 im Alter von 51 Jahren im damaligen Palais Fries, dem heutigen Palais Pallavicini am Josefsplatz 5 in Wien. Aus Anlass seines Todes erschien wenige Tage später in der Zeitschrift Der Teutsche Merkur ein anonym verfasster Nachruf: mini|hochkant|Gedenktafel am Schlosserhaus in Emmendingen
mini|hochkant|Kennst Du ein Land? Wo stets die Veilchen blühn, Am ewig grünen Busch die Rosen glühn? (1798) Als Todesursache wurden damals nicht näher bezeichnete Lungengeschwüre genannt. Beigesetzt wurde Lerse in Wien. Nähere Angaben können auch deshalb nicht gemacht werden, weil der zentrale evangelische Friedhof Matzleinsdorf erst 1858 geweiht wurde. Vorher wurden die Verstorbenen evangelischen Glaubens auf verschiedenen katholischen Friedhöfen der Stadt beerdigt, die heute teilweise nicht mehr existieren. mini|hochkant|Kennst Du es wohl? O lass dahin, Lass eilends uns, geliebte Freundin ziehn. (1798)
Freundschaft mit Goethe Goethe und Lerse lernten sich 1770 als 21-jährige Studenten in Straßburg kennen. Sie beide waren Teilnehmer der Mittagsgesellschaft um den Juristen Johann Daniel Salzmann. Der Philologe Karl August Böttiger, der lange Zeit in Weimar gelebt hatte, schrieb rückblickend auf diese Zeit:
Goethe setzte seinem Freund in dem erwähnten Drama Götz von Berlichingen ein literarisches Denkmal, indem er den treuen und klugen Knappen des Götz nach ihm benannte. Noch in diese frühe Zeit gehört ein weiteres schriftliches Dokument ihrer Freundschaft. Beide verband auch die gemeinsame Liebe zu dem englischen Dichter William Shakespeare.
Lerse trug den Straßburger Freunden am 14. Oktober 1771, dem Shakespeares-Tag, die von Goethe zu diesem Anlass geschriebene Rede vor, die dieser zeitgleich in Frankfurt hielt. Als Dank dafür schenkte Goethe ihm ein Exemplar des Buches Othello. The Moor of Venice, a tragedy written by Mr. William Shakespeare aus dem Jahr 1766. Folgende Widmung findet sich auf der Innenseite des Buchdeckels: Seinem und Schäkespears würdigem Freund Lersen, zum ewigsten Angedenken Goethe. Und Lerse hat noch hinzugefügt: Ewig sey mein Herze dein. Mein lieber Goethe. Lerse. Das Buch befindet sich heute im Besitz des Goethe-Museums in Düsseldorf.
In den folgenden Colmarer Jahren, in denen zu Goethe nur brieflicher Kontakt bestand, war Lerse häufig zu Gast bei Goethes Schwester Cornelia und ihrem Mann Johann Georg Schlosser in Emmendingen. An diese Besuche erinnert eine Gedenktafel am Eingang des Schlosserhaus, in dem sich heute die Stadtbibliothek befindet.
Es ist kein Bildnis von Franz Christian Lerse überliefert. Sein Freund Goethe beschreibt ihn in seinem autobiografischen Werk Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit mit diesen Worten:
Lerse und der Isenheimer Altar Die einzige Beschreibung des vollständig erhaltenen Isenheimer Altars aus der Zeit vor der Französischen Revolution stammt aus der Hand von Franz Christian Lerse. Ihr „kommt [auch] deswegen eine herausragende Bedeutung zu, [weil sie] uns einen dokumentarischen Eindruck vom originalen Zustand des Werkes vermittelt.“ Lerse verfasste sie 1780/81 und gab ihr den Titel Anzeige der Gemählde und Statuen der ehemaligen Antonier Kirche zu Isenheim im Obern Elsaß. Am 24. Januar 1781 trug er die Beschreibung seinen Freunden in Colmar vor. Das Manuskript befindet sich heute in der Stadtbibliothek in Colmar (Bibliothèque municipale de Colmar, Ms 761–1).
Die erste Veröffentlichung des Manuskripts findet sich 1875 bei Charles Goutzwiller in seinem Werk Le Musée de Colmar: Martin Schongauer et son École, allerdings nur in französischer Übersetzung. 1884 bezog sich Friedrich Niedermayer in seinem Aufsatz: Mathias Grünewald auf dieses Buch und gab erstmals Auszüge der Beschreibung auf Deutsch heraus, benannte aber als wahrscheinlichen Autor noch Jean-Pierre Marquaire (1770–1833), Lerses Nachfolger als Bibliothekar in Colmar. Erst 1911 publizierte Heinrich Alfred Schmid die vollständige deutsche Originalfassung als Quelle Nr. 48 in seinem Standardwerk zur Grünewald-Forschung Die Gemälde und Zeichnungen von Matthias Grünewald und vermutete nun Franz Christian Lerse als Verfasser, eine Zuweisung, an der heute keinerlei Zweifel mehr besteht.
Lerses „Text leitete den langen Prozess der Wiederentdeckung […] des Werks von Grünewald ein, der zu einer neuen Wertschätzung des Künstlers […] führte [und er] spielte während der Zeit der Französischen Revolution eine wichtige Rolle bei der Rettung der Hauptbestandteile des Altars.“