Die Raffinerie Trzebinia ist ein polnischer Industriebetrieb in Trzebinia, etwa 30 km von Krakau entfernt. Die Ursprünge gehen auf eine 1895 erbaute Raffinerie zur Verarbeitung von galizischem Erdöl zurück, die als Mineralöl-Industrie-AG Trzebinia zur größten Mineralölgesellschaft in Österreich-Ungarn avancierte. Verbunden mit einem Produktionsrückgang gelangte das Unternehmen 1918 unter polnische Verwaltung. Als Erdöl-Raffinerie Trzebinia GmbH erfuhr der Betrieb während der deutschen Besetzung Polens umfangreiche Kapazitätserweiterungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich der Betrieb zum größten polnischen Produzenten von Erdölprodukten. 1999 übernahm PKN Orlen die Raffinerie. Seit 2015 firmiert der Standort unter Orlen Południe (Orlen Süd).
Kaiserzeit Am 6. Mai 1895 beantragte Graf Andreas Potocki, einer der reichsten Großgrundbesitzer in Galizien, den Bau einer Erdölraffinerie in unmittelbarer Nähe der Eisenbahnlinie Wien–Krakau–Lemberg. Einen Monat später erteilte Kaiser Franz Joseph die Genehmigung. Die Standortwahl fiel auf Trzebinia, einen Ort im damaligen Kronland Galizien, das ab 1772 zur Habsburgermonarchie bzw. ab 1867 zu Österreich-Ungarn gehörte. In Trzebinia traf die Kaiser Ferdinands-Nordbahn mit der Krakau-Oberschlesischen Eisenbahn zusammen. Über diese bestanden Anschlüsse zur Galizischen Carl Ludwig-Bahn und ab 1883 zur Dniester-Bahn, womit eine direkte Verbindung zwischen dem oberschlesischen Industrierevier und den galizischen Erdölfeldern existierte.Rafinerii Nafty „Trzebinia“ (nakładem): Rafineria „Trzebinia“ 1895–1970. Przedsiębiorstwo Doświadczalne „Naftochem“. Oddział Małej Poligrafi, Wydawnictw i Reklamy, Rafineria „Trzebinia“ (Trzebinia), 1971 (polnisch, ohne Seitennummerierung veröffentlicht).
Mit einer Kapazität von monatlich 400 Tonnen Rohöl ging am 1. Juni 1896 die Mineralöl-Raffinerie des Grafen Andreas Potocki & Compagnie in Trzebinia, so die damalige offizielle Firmierung, voll in Betrieb. Zu dieser Zeit arbeiteten in dem Unternehmen etwa 250 Personen. Die Hauptprodukte waren verschiedene Sorten Petroleum: Imperial, Salon, Economic und Export. Den Absatz und Handel der Mineralölprodukte erledigte die Filiale der k. k. privilegierten Österreichischen Kredit-Anstalt für Handel und Gewerbe in Brünn.W. Burkart (Hrsg.): Mährisch-Schlesischer Correspondent – Illustrirtes Morgenblatt. Nr. 54. Verlag W. Burkart Brünn, 6. März 1895, S. 3.
Im April 1897 übernahm die Österreichische Länderbank den Vertrieb und bereitete eine Umwandlung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft vor.Wiener Allgemeine Zeitung vom 17. April 1897, S. 4, rechte Spalte: Österreichische Länderbank ANNO, abgerufen am 4. Oktober 2025. Nach sorgfältiger Investorensuche folgte am 29. Oktober 1898 die Gründung der Mineralöl-Industrie-Actien-Gesellschaft Trzebinia mit Sitz in Trzebinia. Als Anteilseigner wurden in den Verwaltungsrat unter anderem gewählt: Graf Andreas Potocki (Vorsitzender), Fürst Dominik Radziwill, Graf Edward Raczynski, Graf Adam Skrzynski, Graf Anton Wodzicki. Das Aktienkapital betrug 3.800.000 Kronen.Verlag „Der Tresor“ (Hrsg.): Mineralöl-Industrie-Gesellschaft in Trzebinia. Der Tresor – Zeitschrift für Volkswirthschaft und Finanzwesen, Nr. 1383, 3. November 1898, S. 352.
Die rasante Entwicklung der Raffinerie begann 1904. Das Unternehmen zählte zu den Gründungsmitgliedern der Aktiengesellschaft für österreichische und ungarische Mineralölprodukte (kurz OLEX) mit Sitz in Wien und ging am 1. Juli 1904 darin als 100%iges Tochterunternehmen auf. Kurz darauf nahm die Raffinerie Trzebinia eine neue Destillationsanlage in Betrieb, die 5000 Tonnen Öl pro Monat verarbeiten konnte. Zudem wurde zwischen 1905 und 1913 eine Paraffinanlage mit einer jährlichen Kapazität von 12.000 Tonnen errichtet. Außerdem erhielt der Standort eine eigene Verladestelle auf der Strecke Trzebinia-Skawce sowie eine Kokerei, eine Asphaltmischanlage, eine Tankreinigungsanlage, ein Kraftwerk mit drei Gleichstromgeneratoren, eine Pumpstation und ein Labor.
Das Rohöl bezog die Gesellschaft ausschließlich von den galizischen Ölfeldern um Boryslaw, Olszanica, Krosno, Jedlicze und Zagorzany.Reichsamt des Inneren (Hrsg.): Deutsches Handels-Archiv. Zeitschrift für Handel und Gewerbe. Band 2. Verlag von Ernst Siegfried Mittler und Sohn, 1903, S. 295. Spätestens ab 1905 exportierte die Raffinerie wöchentlich Schweröl in Kesselwagen unter anderem nach Belgien, Frankreich, Deutschland und in die Schweiz, aber auch via Dordrecht, Hoek van Holland, Middelburg, Rotterdam und Vlissingen nach Übersee.Verein Deutscher Eisenbahnverwaltung (Hrsg.): Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahnverwaltung. Band 46. Julius Springer, 1906, S. 319.
Unter Führung der DEA Deutsche Erdöl AG erlangte 1911/12 bei der OLEX ein deutsch-britisches Konsortium durch umfangreiche Aktienkäufe eine beherrschende Stellung. Zugleich erwarb die DEA die Aktienmehrheit der Raffinerie Trzebinia.Andreas Resch: Industriekartelle in Österreich vor dem Ersten Weltkrieg. Duncker & Humblot, 2002, S. 193. Die neue Firmierung lautete Mineralöl-Industrie-AG Trzebinia. Der Hauptsitz befand sich weiterhin in Wien, 1. Bezirk, Renngasse 6. Eine Zweigniederlassung unterhielt die Gesellschaft in Krakau.Neue Freie Presse vom 30. August 1914, S. 73: Mineralöl-Industrie-Actien-Gesellschaft Trzebinia ANNO, abgerufen am 5. Oktober 2025.
Erster Weltkrieg Zwischen 1914 und 1918 erfolgten nicht nur seitens der DEA umfangreiche Investition. Wie alle österreichisch-ungarischen Raffinerien musste das Unternehmen während des Ersten Weltkriegs nahezu die gesamte Mineralölproduktion an die Heeresverwaltung liefern. Auf Staatskosten erhielt die Raffinerie Trzebinia unter anderem eine große, moderne und sehr kostspielige Toluolanlage.Robert Schwarz: Die Mineralölindustrie Österreich-Ungarns. Verlag für Fachliteratur Wien, 1919, S. 185, S. 208. Mit finanzieller Unterstützung der DEA übernahm die Mineralöl-Industrie-AG Trzebinia sämtliche Aktien der:
Austria – Mineralöl-Raffinerie GmbH in Drohobycz Erste Galizische Petroleum-Industrie-AG in Peczenizyn Mineralöl-Raffinerie Mährisch-Schönberg GmbH in Mährisch-Schönberg
Diese vier DEA-Raffinerien in Galizien verarbeiteten im Geschäftsjahr 1913/14 zusammen 151.939 Tonnen Rohöl, wovon auf die Raffinerie Trzebinia rund 60.000 Tonnen entfielen. Bis 1918 erhöhte die Gesellschaft die Kapazitäten auf insgesamt 170.000 Tonnen (Trzebinia 95.000 Tonnen). Beschäftigt waren zu dieser Zeit in Trzebinia 315, in Peczenizy 165, in Drohobycz 213, in Mährisch-Schönberg 134 und in der Wiener Zentrale 67 Personen. Darüber hinaus besaß die Mineralöl-Industrie-AG Trzebinia die Aktienmehrheit an folgenden Upstream-Gesellschaften:
Alfa Petroleum-GmbH Alliance Petroleum-GmbH Carpathian Petroleum-GmbH Centrum Oel- und Bohrgesellschaft mbH Erdölwerke Galizien GmbH Premier Petroleum-GmbH Triumph Petroleum-GmbH
Diese Gesellschaften waren die größten Erdölgewinnungsunternehmen in Galizien. Sie beschäftigten rund 2000 Arbeitskräfte und verfügten über 90 produzierende Sonden mit einer Fördermenge von insgesamt 170.000 Tonnen Rohöl. Des Weiteren bestanden Beteiligungen an zahlreichen Pipelines sowie Transport-, Lager- und Verkaufsunternehmen. Damit stellte die Mineralöl-Industrie-AG Trzebinia nach der Übernahme durch die DEA in der Förderung, der Veredelung und im Vertrieb von Mineralöl bis Oktober 1918 den größten Konzern in der gesamten österreichisch-ungarischen Rohölindustrie dar.
Zwischenkriegspolen Nach dem Zerfall der Donaumonarchie erklärte das Umfeld um Józef Piłsudski Oberschlesien und ganz Galizien mit seiner wertvollen Erdölindustrie zum Bestandteil des neuen polnischen Staates. In der Folgezeit gelangten 87,3 % der galizischen Erdölindustrie in den Besitz ausländischer, überwiegend französischer Investoren. Heutige polnische Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass die gesamte polnische Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit ohne ausländisches Kapital überhaupt nicht funktionsfähig gewesen wäre.Jutta Günther, Dagmara Jajeśniak-Quast (Hrsg.): Willkommene Investoren oder nationaler Ausverkauf? Ausländische Direktinvestitionen in Ostmitteleuropa im 20. Jahrhundert. BWV Verlag, 2006, S. 115–118. Jedoch suchten die ausländischen Unternehmer nach hohen und schnellen Gewinnen, ohne langfristig Investitionen vorzunehmen. Erträge wurden nicht reinvestiert, sondern flossen als Gewinne ins Ausland ab. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise sank das Interesse ausländischer Investoren am polnischen Markt – eine Tendenz, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs andauerte.
Zunächst stellte die polnische Regierung im November 1919 die Raffinerie Trzebinia („Spólka akcyjna dla przemyslu naftowego, Trzebinia“) – wie sämtliche galizische Objekte der Deutschen Erdöl AG – unter Zwangsverwaltung.Robert Schwarz (Hrsg.): Petroleum. Zeitschrift für die gesamten Interessen der Erdöl-Industrie und des Mineralöl-Handels. Band 21. Ausgaben 19–36. Industrieverlag von Hernhaussen KG, 1925, S. 1552. Am 16. Juli 1920 sprachen die Siegermächte des Ersten Weltkriegs im Vertrag von Saint-Germain ganz Galizien Polen zu und enteigneten die österreichisch-ungarischen und deutschen Erdölunternehmen. Während die Verarbeitungskapazität der Raffinerie Trzebinia 1920 noch bei 80.000 Tonnen gelegen war, ging die Erdölproduktion in Polen ab Mitte der 1920er Jahre stark zurück. Das Werk fuhr mit dem alten Equipment aus der Kaiserzeit und damit auf Verschleiß.United States Bureau of Foreign and Domestic Commerce (Hrsg.): Petroleum in refineries in foreign countries. In: The Balance of International Payments of the United States. Ausgaben 476–500. U.S. Government Printing Office, 1927, S. 28.
Die Raffinerie gelangte in den Besitz von Małopolska, einer Gruppe französischer Petroleum-Industrie- und Handelsgesellschaften in Polen („Société Française Industrielle et Commerciale des Petroles“).Neue Freie Presse vom 1. November 1934, S. 15: Małopolska ANNO, abgerufen am 5. Oktober 2025. Sie stand jedoch zumindest bis 1931 unter staatlicher Aufsicht der Polski Zwiazkowe Rafinerje Olejow Skalnych, S. A. („Polnische Vereinigung der Steinölraffinerien“).US Department of Commerce (Hrsg.): Petroleum in refineries in foreign countries 1931. In: Trade Information Bulletin, Ausgaben 769–800. U.S. Government Printing Office, 1931, S. 33. Produziert wurden Benzin, Schmieröle, Paraffin und Asphalt. Die Erzeugnisse gelangten überwiegend in den Export in die Tschechoslowakei sowie kleinere Mengen nach Schweden, Deutschland, Großbritannien und Italien. Modernisierungen wurden nicht vorgenommen. In den 1930er Jahren beschäftigte die Raffinerie 350 Personen.Feliks Kiryk: Trzebinia. Zarys dziejów miasta i regionu. Secesja Kraków 1994, S. 362, S. 565 f.
Zweiter Weltkrieg mini|Galizien im heutigen Europa mini|Sowjetischer (links) und deutscher Öltransportzug auf dem galizischen Verladebahnhof Deutsch-Przemysl (20. Februar 1940) mini|Erdöl-Umfüllstation Przemysl (7. Februar 1940)
Entsprechend dem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt verlief nach der deutschen Besetzung Westpolens und der sowjetischen Besetzung Ostpolens die deutsch-sowjetische Demarkationslinie durch die galizischen Erdölgebiete.Rainer Karlsch: Ein vergessenes Großunternehmen. Die Geschichte der Karpaten Öl AG. In: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 1 (2004), Walter de Gruyter, 2004, S. 95–138. Damit fiel vorerst nur Westgalizien in deutsche Hände, mit wenig mehr als einem Viertel des 1938 in ganz Galizien erzeugten Öls (500.000 Tonnen). Die ergiebigsten Ölfelder befanden sich in Ostgalizien, das die Sowjetunion bereits am 4. Oktober 1939 in die Ukraine eingliederte.Dietrich Eichholtz: Krieg um Öl. Ein Erdölimperium als deutsches Kriegsziel (1938–1943). Leipziger Universitätsverlag, 2006, S. 19.