mini|Veranstaltung des Collettivo di Fabbrica vor dem Werksgelände Das Collettivo di Fabbrica ex-GKN – Lavoratori GKN Firenze (deutsch: Fabrikkollektiv ex-GKN, auch bekannt unter dem Kampagnentitel #Insorgiamo) ist eine Genossenschaft und andauernde Betriebsversammlung ehemaliger Mitarbeiter des GKN-Werks in Campi Bisenzio, Florenz, zum Erhalt des Standorts mit neuer sozial-ökologischer Produktion.

2025 war es die längste De-facto-Betriebsbesetzung in der Geschichte Italiens.

Ursprung Am 9. Juli 2021 erhielten alle der gut 500 Beschäftigten des britischen Automobilzulieferers GKN Driveline am Standort Campi Bisenzio ihre fristlose Kündigung mit der Ankündigung der Schließung des Standorts. Den europaweit erfolgenden Standortschließungen GKNs in Birmingham, Florenz und Kaiserslautern ging eine Übernahme durch Melrose Industries sowie ein lokales Zerwürfnis mit der Metallarbeitergewerkschaft FIOM voraus. Daraufhin riefen die Beschäftigten auf dem Betriebsgelände eine lang andauernde Betriebsversammlung ein, um den Kündigungen zu widersprechen. Ziel war der Erhalt ihrer Arbeitsplätze und die Umstellung der Produktion auf nachhaltige Mobilität und erneuerbare Energien.

Zum Jahresbeginn 2022 übertrug die Investmentgesellschaft Melrose die Liegenschaft für einen Euro an ihren bisherigen Berater Francesco Borgomeo, in dessen Eigentum sich das Werk seitdem befand. Nachdem dieser entgegen früherer Ankündigungen keinen Plan zur Reindustrialisierung des 40.000 Quadratmeter großen Standorts vorlegte, Anfang November 2022 illegitim die Zahlung des Kurzarbeitergeldes einstellte und im März 2023 den erneuten Verkauf ankündigte, legten die Beschäftigten einen eigenen Produktionsplan vor, der am Standort durch eine Genossenschaft umgesetzt werden sollte.

Vorhaben der Beschäftigten mini|Ehemaliger GKN-Betriebsrat Dario Salvetti und Mitstreiter bei einem Event des Fabrikkollektivs Die ehemaligen GKN-Arbeiter beabsichtigten, die „Produktion in der Fabrik demokratisch, sozial und ökologisch sinnvoll zu gestalten“, was durch Einstellung des Automobilzulieferbetriebes geschehen sollte. In einem mit Unterstützung von Ingenieuren und Ökonomen der Universität Pisa und weiterer Hochschulen erstellten Produktions- und Industrialisierungsplan stellte das Fabrikkollektiv die Umsetzbarkeit seines Vorhabens dar. Dieser sah eine „zweigleisige Konversionsstrategie“ vor, die neben der fortgesetzten Fertigung von Achswellen für Busse, der Produktion von Elektrolyseuren, mobilen und stationären Batteriespeichern sowie Transporträdern und Solartechnik beabsichtigte. Die Montage von Solarmodulen und Fertigung von Fahrrädern sollte dabei zunächst Hauptumsatzquelle sein. Beschäftigte begannen mit Entwurf und Vertrieb entsprechender Prototypen.

Weiterer Verlauf mini|Demonstration zur Unterstützung des Fabrikkollektivs Entgegen früherer Erwägungen verwarf die toskanische Regionalregierung Mitte 2024 die Gewährung eines öffentlichen Kredits in Höhe von 30 Millionen Euro an das Fabrikkollektiv. Auch die nach italienischem Recht mögliche Enteignung des Eigentümers fand keine Mehrheit. Nachdem frühere Entlassungen rechtlich keinen Bestand hatten, diese die zunächst gewachsene Unterstützerzahl in der Belegschaft aber wieder geschwächt hatten, bestätigte ein Gericht Anfang Juli 2025 die Kündigung aller verbliebenen Arbeitsverträge. Am 28. Juli 2025 gründeten die Region Toskana und die umliegenden Kommunen ein Industriekonsortium, das Vergabe und Nachnutzung des Standorts klären sollte. Wurde zwischenzeitlich die Übergabe an die Genossenschaft sowie die Öffnung der Liegenschaft für verschiedene industrielle Startups diskutiert und das Gesetz 234/21 zur Reindustrialisierung des Standorts verabschiedet, waren bis Oktober 2025 keine Maßnahmen wie etwa die Inanspruchnahme des Vorkaufsrechts oder der Enteignung erfolgt.

Währenddessen begann das Fabrikkollektiv mittels Anteilszeichnungen, Spenden und Krediten mit der Finanzierung der geplanten Genossenschaft GFF – GKN For Future. 2024 hatten 150 Organisationen und 800 Einzelpersonen ihre Unterstützung zugesichert. Die „Mitbestimmung durch die sozialen Bewegungen“ und Außenstehende solle beim laufenden Geschäftsbetrieb als Orientierung dienen.

Ergänzend zur Zeichnung von Anteilen wurden seit dem Jahreswechsel 2025/2026 Spenden per Crowdfunding über eine soziale Trägerorganisation gesammelt. Sprecher des Kollektivs gingen 2026 davon aus, dass örtliche politische Vertreter keine Tagung des Industriekonsortiums mehr anstreben und erwogen die Umsetzung an einem anderen Standort.

Rezeption mini|Unterstützer des Fabrikkollektivs versammeln sich am WerkseingangDer Konversionplan und die Mobilisierung der Beschäftigten wurden wissenschaftlich und medial mitunter mit dem britischen Lucas-Plan verglichen. Dabei beziehen sich die Beschäftigten selbst auf ehemalige Streiks im Fiat-Werk Mirafiori. Kommentatoren ordnen die von den Beschäftigten gewählten Instrumente als Mutualismus ein. Im Zentrum stehe das Verständnis einer „öffentliche[n], sozial-integrierte[n] Fabrik, die als wirtschaftlich und sozial prägender Akteur in der Region verstanden werden soll“.

Mit Werksschließungen in Deutschland konfrontierte GKN-Beschäftigte am Standort Zwickau-Mosel beriefen sich auf das Fabrikkollektiv. Sie erhielten Unterstützung der IG Metall und von Fridays for Future. In Italien unterstützen regionale Landwirtschaftsverbände, Schriftstellervereinigungen und Greta Thunberg das Vorhaben.

Die Theatergruppe Kepler-452 verfasste das Theaterstück Il Capitale – un libro che ancora non abbiamo letto („Das Kapital – ein Buch, das wir noch nicht gelesen haben“) über den Arbeitskampf des Collettivo di Fabbrica, das unter anderem 2024 beim Internationalen Theaterfestival FIND an der Schaubühne Berlin aufgeführt wurde.

Surplus bezeichnete das Collettivo 2026 neben Mondragón, Sieben Linden und anderen als „Leuchtturm der Wirtschaftsdemokratie“. Die Freie Arbeiter*innen-Union (FAU) organisierte im März 2026 einen „Solidaritätsabend“.

Veröffentlichungen

Un piano multilivello per la stabilità occupazionale e la reindustrializzazione del sito produttivo ex-GKN: proposte per la mobilità pubblica e la sostenibilità ambientale. Konversionplan. Fakultät für Wirtschaftswissenschaften, Scuola Superiore Sant’Anna. (Online verfügbar; PDF)

Kepler-452: Il Capitale – un libro che ancora non abbiamo letto. Theaterstück. Luca Sossella editore, Rom 2023, ISBN 979-12-5998-057-1.

Siehe auch

Lucas-Plan Marcora-Gesetz Strike Bike

Weblinks

#Insorgiamo – Website des Collettivo di Fabbrica

Dokumentarfilme

Markus Henssler: Italiens längster Arbeitskampf. Reportage. arte/SWR 2025 (31 Minuten). Siamo tutti GKN! Das Collettivo di Fabbrica. Leftvision 2025 (7 Minuten). Thomas Maddens: The Cost of Growth. Dokumentarfilm mit Ausschnitten über das Collettivo. Belgien 2026 (93 Minuten). Lasst uns aufstehen! Das Fabrikkollektiv GKN. Labournet.tv 2022 (14 Minuten).

Literatur

Div.: Darunter insb.:

Einzelnachweise

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