Ifigenia in Aulide ist eine Oper in drei Akten von Nicola Porpora (Musik) mit einem Libretto von Paolo Antonio Rolli. Die Uraufführung war am 3. Mai 1735 im King’s Theatre am Haymarket in London.

Handlung

„Argomento“ – ‚Inhalt‘

Kurzfassung

Erster Akt. Agamennone bereut seine Zustimmung zur Opferung seiner Tochter Ifigenia. Er warnt sie und seine Frau Clitennestra (Klytaimnestra) vor der Reise nach Aulis. Sein Brief wird jedoch abgefangen, und die beiden treffen im griechischen Lager ein. Dort verlieben sich Ifigenia und ihr angeblicher Bräutigam Achille tatsächlich ineinander. Der Hohepriester Calcante fährt mit der Täuschung fort, um Ifigenie zur Opferung in den Tempel zu locken. Agamennone klärt Achille über die wahren Hintergründe auf. Der schwört, Ifigenia zu retten.

Zweiter Akt. Es kommt zum Streit zwischen dem griechischen Kämpfer Ulisse (Odysseus) und Agamennone. Ifigenia erklärt sich bereit, das Opfer auf sich zu nehmen, um die Ehre ihres Vaters zu retten. Agamennone fleht Calcante vergeblich an, einzulenken. Achille überredet Ifigenia, mit seinen Leuten, den Myrmidonen, zu fliehen.

Dritter Akt. Calcante und seine Priester finden Ifigenia bei den Myrmidonen und bringen diese dazu, Ifigenia selbst zum Tempel zu führen. Ifigenia ergibt sich in ihr Schicksal. Als sie an den Altar geführt wird, versucht Achille, sie gewaltsam zu befreien. Da erscheint die Göttin Diana und erklärt, dass sie durch Ifigenias Opfermut besänftigt sei und an ihrer Stelle eine Hirschkuh als Opfer annehme. Ifigenia soll ihr in Zukunft als Priesterin auf Tauris dienen. Die Flaute ist beendet, und die Griechen können nach Troja aufbrechen. Alle preisen die Göttin Diana.

Erster Akt

Hof des Tempels der Diana in Aulis

Szene 1. Ulisse (Odysseus) zeigt Calcante einen abgefangenen Brief Agamennones an seine Frau Clitennestra (Klytaimnestra), der sie auffordert, umgehend nach Argos zurückzukehren, weil die Hochzeit von Achille und Ifigenia verschoben wurde. Es handelt sich offensichtlich um eine Warnung, um Ifigenias Opfertod zu verhindern. Calcante bittet Ulisse, Achille nichts davon zu sagen, um nicht dessen Zorn zu wecken. Ulisse meint, dass Achilles Wut lediglich von kurzer Dauer sei, aber stets der Klugheit weiche (Ulisse: „Svolgi l’impeto al valore“). Der Hohepriester bedauert zwar, dass ausgerechnet die von ihm hochgeschätzte Ifigenia geopfert werden muss, doch das höhere Ziel ist ihm wichtiger.

Szene 2. Agamennone behauptet Calcante gegenüber, dass Clitennestra zwar angekommen sei, aber durch eine plötzliche Krankheit zur Rückkehr gezwungen wurde. Er ist fest entschlossen, seine Tochter zu retten (Agamennone: „Dall’Eolie caverne profonde“).

Wald mit einigen Zelten in der Nähe von Aulis

Szene 3. Achille empfängt Clitennestra und Ifigenia im griechischen Lager. Ifigenia hatte sich ihren Bräutigam zwar anders vorgestellt, entwickelt aber schnell Gefühle für ihn (Ifigenia: „All’imago nel pensier“). Achille geht es ebenso (Achille: „Nel già bramoso petto“).

Eine Galerie in Agamennones Palast an den Bänken des Euripos

Szene 4. Agamennone wünscht, die Göttin hätte sein eigenes Blut anstelle das seiner Tochter gefordert. Als sie mit ihrer Mutter erscheint, wagt er es nicht, den beiden die Wahrheit zu sagen. Er behauptet, seine Tränen seien Tränen der Liebe und Freude.

Szene 5. Calcante teilt Clitennestra mit, dass die Priester bereits im Tempel warten, um die Hochzeit zu vollziehen. Clitennestra dankt ihm (Clitennestra: „Con le fiamme più vivaci“). Ifigenia übermittelt ihrem Vater Grüße von ihrem Bruder Oreste (Orestes). Auch sie freut sich auf die Hochzeit und ist gerührt von seinen Tränen (Ifigenia: „Padre, sì grande affetto“). Nachdem die beiden Frauen gegangen sind, ermahnt Calcante den König, sich an die Vereinbarung zu halten (Calcante: „Padre di tutti è Giove“).

Szene 6. Agamennone offenbart Achille den wahren Hintergrund der angeblichen Hochzeit und bittet ihn um Hilfe (Agamennone: „Oh se la sua beltà“). Achille will das grausame Opfer unter keinen Umständen zulassen (Achille: „Allontanata agnella“).

Zweiter Akt

Szene 1. Ulisse gibt Agamennone die Schuld an der andauernden Flaute, die sie daran hindert, nach Troja zu fahren, um die entführte Helena zu befreien. Agamennone erwidert, dass ihr Plan gescheitert sei, weil ein verräterischer Sklave ihn Clitennestra und Ifigenia enthüllt habe. Als Ulisse vorschlägt, dann einfach mit Gewalt vorzugehen, meint Agamennone, dass Ifigenias Klagen die Soldaten zu Mitleid rühren würden. Ulisse stellt ihn vor die Wahl: Entweder seine Tochter stirbt oder es gibt Krieg (Ulisse: „Scegli Atride“).

Szene 2. Clitennestra hat durch ihren treuen Sklaven Stenelo erfahren, dass Agamennone nach einem Weg sucht, ihre gemeinsame Tochter zu retten. Er bestätigt das, weist aber darauf hin, dass Calcante, Ulisse und Menelao (Menelaos) auf ihrem Tod beharren. Beide sehen keinen Ausweg.

Szene 3. Ifigenia selbst erklärt sich bereit, das voreilig abgegebene Gelübde ihres Vaters zu erfüllen, um seine Ehre zu retten (Ifigenia: „Lasciar bramo“).

Szene 4. Agamennone stellt sich bildhaft vor, wie Ifigenia unter seiner eigenen Hand das Leben aushauchen wird. Er fleht Calcante an, auf das Opfer zu verzichten (Agamennone: „Tu spietato non farai“). Der Hohepriester erkennt, dass Agamennone zu einer Verzweiflungstat fähig ist. Noch mehr als ihn aber fürchtet er Achille. Er flieht in den Tempel, wo er die Autorität des Gottes Jupiter besitzt.

Szene 5. Clitennestra und Achille überlegen, wie sie Ifigenia retten können und überzeugen diese davon, dass diejenigen, die auf dem Opfer beharren, den Willen der Götter falsch auslegen. Achille übergibt sie zum Schutz seinen eigenen Leuten, den Myrmidonen (Ifigenia: „All’amor di dolce madre“). Sie sollen sie gegen Menelao und Ulisse verteidigen (Achille: „Tratto al guardo avvelenato“). Clitennestra weist auf die unbezwingbare Macht der Mutterliebe hin (Clitennestra: „Il regno la sorte“).

Innenhof des Tempels

Szene 6. Achille und Calcante streiten heftig. Beide glauben, den Willen der Götter zu erfüllen. Achille meint, Diana selbst ermutige ihn (Achille/Calcante: „Per cader de i numi all’Are“).

Dritter Akt

Zelte der Myrmidonen

Szene 1. Achille verspricht Ifigenia den Schutz seiner Leute. Bei Einbruch der Dunkelheit werde am Ufer des Euripos ein Schiff auf sie warten. Ihre Eltern werden bald dazustoßen. Ifigenia verabschiedet sich mit der Bitte, dass er beim bevorstehenden Kampf um Troja an sie denken und ihr treu bleiben möge (Ifigenia: „Quando sarai fra l’armi“). Achille geht davon aus, dass sie in seiner Heimat in Sicherheit sein wird (Achille: „Le limpid onde“).

Wald

Szene 2. Calcante und seine Priester spüren die Myrmidonen auf und zwingen sie mit ihrer von Blitz und Donner beglaubigten göttlichen Autorität dazu, Ifigenia selbst an den Altar zu führen.

Szene 3. Clitennestra und Agamennone verlieren die Hoffnung. Ifigenia versucht sie damit zu trösten, dass dieser Moment ihr die Unsterblichkeit bringen werde (Ifigenia/Clitennestra/Agamennone: „Ah no, non piangere – Che pena! che orror!“).

Tempel der Diana mit einem vor dem Bildnis der Göttin brennenden Altar

Szene 4. Calcante beginnt mit der Opferzeremonie (Calcante: „Son nostre forze le turbe ignare“).

Szene 5 „ultima“. Die Myrmidonen und Priester führen Ifigenia zum Altar (Marsch). Sie ist bereit, zur Ehre Griechenlands den Tod auf sich zu nehmen (Ifigenia: „Per tua gloria o Grecia amata“). Da dringt Achille mit gezogenem Schwert in den Tempel ein und bedroht den Hohepriester. In diesem Moment erscheint die Göttin Diana in einer Wolke, während gleichzeitig in einer anderen Wolke eine tote Hirschkuh aufsteigt. Sie gebietet Achille Einhalt und erklärt, dass Ifigenias mutige Bereitschaft zum Opfer sie besänftigt habe. Sei starker Arm sei zu großen Taten geboren. Ifigenia solle von nun an als Priesterin in ihrem Tempel in Tauris wirken. Die Hirschkuh sei ihrer Rache wegen stellvertretend für ihr geliebtes Tier gestorben. Die Flaute ist damit beendet (Diana: „Già scherzanto a i lidi il vento“). Achille und die anderen preisen die Göttin (Agamennone/Clitennestra: „Bella dea di tal contento“ – Achille und Chor: „Con alte lodi“).

Gestaltung

Musiknummern

Erster Akt Arie (Ulisse): „Svolgi l’impeto al valore“ (Szene 1) Arie (Agamennone): „Dall’Eolie caverne profonde“ (Szene 2) Arie (Ifigenia): „All’imago nel pensier“ (Szene 3) Arie (Achille): „Nel già bramoso petto“ (Szene 3) Arie (Clitennestra): „Con le fiamme più vivaci“ (Szene 5) Arie (Ifigenia): „Padre, sì grande affetto“ (Szene 5) Arie (Calcante): „Padre di tutti è Giove“ (Szene 5) Arie (Agamennone): „Oh se la sua beltà“ (Szene 6) Arie (Achille): „Allontanata agnella“ (Szene 6)

Zweiter Akt Arie (Ulisse): „Scegli Atride“ (Szene 1) Arie (Ifigenia): „Lasciar bramo“ (Szene 3) Arie (Agamennone): „Tu spietato non farai“ (Szene 4) Arie (Ifigenia): „All’amor di dolce madre“ (Szene 5) Arie (Achille): „Tratto al guardo avvelenato“ (Szene 5) Arie (Clitennestra): „Il regno la sorte“ (Szene 5) Duett (Achille, Calcante): „Per cader de i numi all’Are“ (Szene 6)

Dritter Akt Arie (Ifigenia): „Quando sarai fra l’armi“ (Szene 1) Arie (Achille): „Le limpid onde“ (Szene 1) Terzett (Ifigenia, Clitennestra, Agamennone): „Ah no, non piangere – Che pena! che orror!“ (Szene 3) Arie (Calcante): „Son nostre forze le turbe ignare“ (Szene 4) Marsch der Myrmidonen und Priester (Szene 5) Arie (Ifigenia): „Per tua gloria o Grecia amata“ (Szene 5) Arie (Diana): „Già scherzanto a i lidi il vento“ (Szene 5) Duett (Agamennone, Clitennestra): „Bella dea di tal contento“ (Szene 5) Arie (Achille) und Chor: „Con alte lodi“ (Szene 5)

Aufbau

Im Vergleich mit Porporas vorangegangenen Opern ist Ifigenia in Aulide deutlich traditioneller aufgebaut. Das gilt gleichermaßen für das Libretto und die Musik. Die Oper folgt dem konventionellen Schema mit abwechselnden Secco-Rezitativen und Arien. Es gibt vergleichsweise wenig dramatische Handlung oder Charakterentwicklung.

Bei den Arien handelt es sich überwiegend vom da-capo-Arien. Nur vier besitzen eine Strophenform mit jeweils zwei Versen. Kürzere Kavatinen oder Arietten fehlen völlig. Die Arien der Ifigenia („Per tua gloria o Grecia amata“) und der Diana („Già scherzanto a i lidi il vento“) in der Schlussszene sind verkürzt. Von den insgesamt einundzwanzig Arien stehen fünf in einer Moll-Tonart. Hinzu kommen zwei Duette und ein Terzett sowie ein Schlusschor als da-capo-Wiederholung der vorangegangenen Arie. Das Duett „Bella dea di tal contento“ folgt unmittelbar der Arie der Diana und besitzt die Funktion einer da-capo-Wiederholung derselben. Vom Orchester begleitete Accompagnato-Rezitative verwendete Porpora hier sehr viel seltener als in der Vorgängeroper Polifemo. Offenbar hat Rollis an dramatischen Effekten armes Libretto Porpora nur wenig inspiriert.

An Instrumentalstücken nennt das Libretto nur einen „Marsch der Myrmidonen und Priester“ zu Beginn der Schlussszene. Abgesehen von der Ouvertüre hielt sich auch Porpora daran. Letztere besteht aus vier Teilen mit einem kurzen affettuoso zwischen dem dritten und dem vierten Satz und ist eine Mischung aus der französischen und der italienischen Ouvertürenform. Fugato-Abschnitte fehlen. Ungewöhnlicherweise setzte Porpora hier keine Blechblasinstrumente ein, sondern beschränkte sich auf Oboen und Fagotte zusätzlich zum üblichen Streicherensemble mit Basso continuo. Drei Arien und der Schlusschor benötigen weitere Instrumente wie Hörner, Trompeten, Flöten, Oboen oder Fagotte.

Werkgeschichte