Katabasis (von altgriechisch κατάβασις katábasis „Abstieg, Hinabstieg“) bezeichnet in der Literaturwissenschaft und Rhetorik die narrative oder symbolische Bewegung des Abstiegs – häufig in die Unterwelt, aber auch metaphorisch in Bereiche des Todes, der Dunkelheit, des Unbewussten oder der inneren Prüfung. Der Begriff bildet das Gegenstück zur Anabasis (ἀνάβασις, „Aufstieg, Rückkehr“). Begriff und Ursprung In der antiken Dichtung bezeichnet Katabasis ursprünglich den mythischen Abstieg eines Helden oder Gottes in die Unterwelt. Frühe literarische Beispiele finden sich in Homers Odyssee (Gesang XI), in der Odysseus die Schatten der Toten aufsucht, sowie in Vergils Aeneis (Buch VI), wo Aeneas seinen verstorbenen Vater Anchises besucht.

Neben der Unterweltsfahrt ist die Katabasis auch ein archetypisches Motiv der Heldenreise: Der Abstieg markiert einen Wendepunkt der Handlung, an dem der Held mit Tod, Schuld oder Erkenntnis konfrontiert wird, bevor er erneuert an die Oberfläche zurückkehrt.

Funktion in der Literatur In der Literatur dient die Katabasis als Symbol für eine Prüfung, Läuterung oder Initiation. Sie steht oft für den Übergang in eine andere Bewusstseins- oder Daseinsform. In der klassischen Mythologie findet sich dieses Motiv bei Gilgamesch, Orpheus, Herakles und Christus.

In der europäischen Literaturtradition ist die Katabasis ein wiederkehrendes Strukturprinzip:

In Dantes Divina Commedia (um 1307–1321) steht der Abstieg in die Hölle als Weg zur Erkenntnis. In James Joyce’ Ulysses (1922) erscheint sie als ironisch-alltägliche Version des mythischen Abstiegs. In Franz Kafkas Der Process (postum 1925) wird sie zur bürokratischen und existenziellen Unterwelt. In Ingeborg Bachmanns Malina (1971) symbolisiert sie den psychischen und sprachlichen Zusammenbruch der Erzählerin.

In der Moderne und Gegenwartsliteratur hat sich der Begriff von der mythischen Topographie gelöst und wird auch metaphorisch für Abstiege in das Soziale, das Unbewusste oder das Sprachliche verwendet.

Rhetorische Bedeutung In der Rhetorik bezeichnet Katabasis eine absteigende Bewegung der Rede oder Darstellung; etwa vom Erhabenen zum Alltäglichen, vom Pathos zur Ironie oder vom Allgemeinen zum Besonderen. Diese Form des „Hinabsteigens“ kann eine bewusste Gegenbewegung zur Klimax darstellen und dient häufig dazu, Nähe, Realismus oder humorvolle Distanz zu erzeugen.

Symbolische und psychologische Deutung In der Religionswissenschaft und Psychologie (etwa bei Carl Gustav Jung oder Joseph Campbell) wird die Katabasis als archetypischer Abstieg in das Unbewusste interpretiert, der Voraussetzung für eine anschließende Wiedergeburt oder Selbsterkenntnis ist. Sie bildet damit eine zentrale Phase der sogenannten Heldenreise, in der der Held in die „Nacht der Seele“ eintritt, bevor er geläutert zurückkehrt.

Rezeption und Forschung Der Begriff Katabasis wird in der modernen Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft vielfach interdisziplinär verwendet, etwa in der Mythenforschung, der Narratologie, der Psychoanalyse und der Moderne-Forschung. Er dient dort als Beschreibung einer Bewegung des Übergangs – vom Bewusstsein zum Unbewussten, vom Sichtbaren zum Verdrängten oder vom Leben zum Tod.

Siehe auch

Anabasis Höllenfahrt Heldenreise Unterwelt Rhetorische Figuren

Literatur

Northrop Frye: Anatomy of Criticism. Princeton University Press, Princeton 1957. Joseph Campbell: The Hero with a Thousand Faces. Princeton University Press, Princeton 1949. Mircea Eliade: Mythos und Wirklichkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1962. Erich Auerbach: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur. Francke, Bern 1946. Jean-Pierre Vernant: Mythos und Denken bei den Griechen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991. Harald Weinrich: Tempus. Besprochene und erzählte Welt. Kohlhammer, Stuttgart 1964. Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979. Amaranth Feuth: Metaliterary katabasis in the writings of Eavan Boland, Derek Walcott and Gloria Naylor: the poet and the underworld (Bloomsbury studies in classical reception). Bloomsbury Academic, London 2026, ISBN 9781350536012.

Kategorie:Literaturwissenschaft Kategorie:Rhetorik