Die Wirtschaft Mexikos ist mit einem Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 1,9 Billionen US-Dollar (2024) die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas (nach Brasilien) und weltweit eine der 20 größten. Das Land ist u. a. Mitglied der OECD sowie der G20. Mit einem BIP pro Kopf von knapp 14.700 US-Dollar (2024) gilt Mexko als Land der oberen mittleren Einkommensklasse und als Schwellenland. Die Wirtschaftsleistung basiert heute vor allem auf Industrie- und Dienstleistungssektoren und ist eng verflochten mit dem nordamerikanischen Markt (insbesondere den USA). Das Land zählt weltweit zu den größten Exporteuren von Waren (Autos, Maschinen, Rohstoffe) und Dienstleistungen (Tourismus). Trotz dieser Stärken und bedeutender Rohstoffvorkommen steht das Land vor Herausforderungen wie hohen sozialen Ungleichheiten, regionalen Entwicklungsgefällen und einem großen informellen Sektor. Durch relativ langsames Produktivitätswachstum droht Mexiko in der mittleren Einkommensfalle steckenzubleiben.
Geschichte
Koloniale Wirtschaft In der spanischen Kolonialzeit (Neuspanien) war Mexikos Wirtschaft stark auf Rohstoffausbeutung ausgerichtet. Edelmetalle, allen voran Silber, machten bis ins 18. Jahrhundert bis zu 90 % der Exporte nach Europa aus. Mexiko avancierte im späten 18. Jahrhundert zum weltweit größten Silberproduzenten und überholte damit das zuvor dominierende Potosí in Bolivien. Daneben spielten großflächige Agrarbetriebe (Haciendas) eine wichtige Rolle in der kolonialen Ökonomie. Eine eigenständige Industrialisierung fand hingegen kaum statt, da die spanische Krone die Kolonie vor allem als Rohstofflieferant nutzte und lokale Weiterverarbeitung oder Manufakturen wenig fördert. Der koloniale Wirtschaftsaufbau legte damit den Grundstein für eine periphere Rolle Mexikos im globalen Handel, als Exporteur von Bergbau- und Agrarprodukten und Importeur von Fertigwaren aus Europa.
Nach der Unabhängigkeit Der Unabhängigkeitskrieg (1810–1821) hinterließ Mexiko in einer wirtschaftlichen Krise. Infrastruktur und Produktion waren durch den langjährigen Konflikt schwer beschädigt, der Handel mit Spanien brach weg, und das Land war verarmt. Insbesondere die Silberförderung, vormals Stütze der kolonialen Wirtschaft, brach während der Kriegsjahre drastisch ein. In den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit kam es zudem zu politischen Instabilitäten, Territorialverlusten (wie dem Krieg gegen die USA 1846–1848) und häufigen Machtwechseln, welche die wirtschaftliche Entwicklung hemmten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts stabilisierte sich die Lage unter der Herrschaft von Langzeit-Präsident Porfirio Díaz.
Erste Industrialisierungsansätze
Während des Porfiriats erlebte Mexiko seine erste nennenswerte Phase der Modernisierung und Industrialisierung. Die Díaz-Regierung förderte ausländische Investitionen in Infrastruktur und Bergbau, baute ein dichtes Eisenbahnnetz auf und schuf ein investitionsfreundliches Klima. Bis 1910 wurden rund 24.000 km Eisenbahnstrecken verlegt, finanziert hauptsächlich durch Kapital aus den USA, Großbritannien und Frankreich. Parallel entstanden erste Industriebetriebe (Textilfabriken, Stahlwerke), und der Bergbausektor (Silber, Kupfer) wurde belebt. Nach 1900 stieg Mexiko sogar zu einem der weltweit führenden Erdölförderer auf; ausländische Firmen (v. a. US-amerikanische und britische) begannen, die reichen Ölfelder an der Golfküste auszubeuten. Diese wirtschaftliche Expansion schlug sich in rasant wachsenden Handelszahlen nieder: Zwischen 1877 und 1910 verzehnfachte sich der Außenhandelswert auf ca. 250 Millionen US-Dollar jährlich.
Allerdings profitierten vor allem die ausländischen Investoren und eine kleine einheimische Oberschicht von diesem Wachstum, während die Landbevölkerung und Arbeiter von Landenteignungen, niedrigen Löhnen und sozialer Ungleichheit belastet blieben. Diese Spannungen trugen mit zum Ausbruch der Mexikanischen Revolution 1910 bei, die das Porfiriat beendete.
Weltkriege und Nachkriegszeit Der Erste Weltkrieg fiel in Mexiko mit der Revolutionszeit zusammen und belastete die mexikanische Exportwirtschaft. Ebenfalls verheerend waren die Folgen der Great Depression in den benachbarten USA, welche auch Mexiko schwer trafen. Mitte der 1930er Jahre begann sich die mexikanische Wirtschaft unter General und Präsident Lázaro Cárdenas (1934–1940) zu erholen, der eine neue Phase der Industrialisierung in Mexiko einleitete. 1934 gründete Cárdenas die Entwicklungsbank Nacional Financiera SA (Nafinsa) und 1938 ließ er die Ölindustrie verstaatlichen und Petróleos Mexicanos (PEMEX) gründen. Der Zweite Weltkrieg wirkte sich positiv auf die mexikanische Wirtschaft aus, da Mexiko die USA mit kriegswichtigen Rohstoffen (Erdöl, Kupfer) und seinen Agrarerzeugnissen beliefern konnte. Während seiner Präsidentschaft von Manuel Ávila Camacho (1940–46) erholte sich die mexikanische Wirtschaft weiter und trat in eine Phase anhaltenden Wachstums ein, die als mexikanisches Wunder bekannt ist.
In der Frühphase des Kalten Krieges galt Mexiko als eines der wirtschaftlich vielversprechendsten Länder der Dritten Welt. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg stimulierte das umfassende Importsubstitutionsprogramm von Präsident Miguel Alemán Valdés (1946–52) die Produktion durch die Ankurbelung der Binnennachfrage. Das Land erlebte schnelles industrielles Wachstum und rasche Urbanisierung. Internationale Unternehmen siedelten sich in dem Land an, so wurde Volkswagen de México 1964 gegründet. Allerdings konnte auch in diesen guten Zeiten nie genug industrielle Arbeitsplätze für die rasch wachsende Bevölkerung geschaffen werden, was zu höher Emigration von Mexikanern in die Vereinigten Staaten führte. Mit den Ölpreiskrisen der 1970er Jahre bekam die wirtschaftliche Entwicklung erste Dellen, jedoch setzte die mexikanische Wirtschaft ihr Wachstum fort. Die 1980er Jahre wurden dagegen als verlorene Dekade (Década Perdida) bekannt und waren von Schuldenkrisen und hoher Inflation in ganz Lateinamerika geprägt.
Nordamerikanische Integration mini|Unterzeichnung des Freihandelsabkommens NAFTA (1994) Nach Jahrzehnten staatlich gelenkter Entwicklungspolitik und Importsubstitution vollzog Mexiko in den 1980er Jahren einen wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel. Die schwere Schuldenkrise von 1982 zwang das Land zu Strukturreformen und einer Öffnung der Wirtschaft. Mexiko trat 1986 dem GATT (Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen) bei und leitete Privatisierungen staatlicher Unternehmen sowie den Abbau von Handelsbarrieren ein. Diese neoliberalen Reformen setzten sich unter Präsident Carlos Salinas (1988–1994) fort und gipfelten in der Unterzeichnung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) mit den USA und Kanada. NAFTA trat am 1. Januar 1994 in Kraft und band Mexikos Volkswirtschaft eng an den US-Markt.H. Sangmeister, A. Melchor Del Río: Mexiko und die NAFTA: zehn Jahre Erfahrungen; die mexikanischen Erwartungen an das Nordamerikanische Freihandelsabkommen haben sich nur teilweise erfüllt. (Brennpunkt Lateinamerika, 6). Institut für Iberoamerika-Kunde, Hamburg 2004. Infolge des Abkommens stieg der Handel mit den NAFTA-Partnern sprunghaft: Zwischen 1993 und 2003 wuchs das Handelsvolumen innerhalb des NAFTA-Raums um 116 % (von 299 Mrd. auf 645 Mrd. US$), der bilaterale Handel Mexiko–USA sogar um 188 %. Auch die ausländischen Direktinvestitionen nahmen drastisch zu – die jährlichen FDI-Zuflüsse nach Mexiko lagen im NAFTA-Jahrzehnt 389 % höher als im vorherigen Jahrzehnt.Georg Scherer: Zehn Jahre NAFTA SWP Berlin
Mexikos Exportwirtschaft diversifizierte sich weg von der Abhängigkeit vom Erdöl: Der Anteil der Waren- und Dienstleistungsexporte am BIP stieg von 15 % (1993) auf über 27 % im Jahr 2002. Allerdings zeigte sich gleichzeitig, dass nicht alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen vom Freihandel profitierten. Symbolhaft besetzte am Tag des NAFTA-Inkrafttretens die indigene Zapatista-Guerilla mehrere Orte im armen Bundesstaat Chiapas, um gegen die soziale und regionale Ungleichheit zu protestieren. Im selben Jahr erschütterte zudem die sogenannte „Tequila-Krise“ das Land: Eine Währungskrise führte Ende 1994 zu einem drastischen Peso-Verfall und Kapitalflucht. Die Regierung musste den festen Wechselkurs zum US-Dollar aufgeben und erhielt ein internationales Rettungspaket von knapp 50 Mrd. US$ (u. a. von USA, IWF und BIZ) zur Stabilisierung. Dank straffer Finanzpolitik und Reformanstrengungen erholte sich die mexikanische Wirtschaft ab 1996 wieder.
Jüngere Entwicklung und Reformen Seit den 2000er-Jahren wächst Mexikos Wirtschaft moderat, aber kontinuierlich (durchschnittlich ~2–3 % jährlich), teilweise allerdings auch nur mit 1 bis 2 Prozent und verzeichnet damit nur wenige Wohlstandsgewinne pro Kopf gerechnet. 2001 überholte Mexiko in der nominalen Wirtschaftsleistung kurzzeitig Brasilien und wurde größte Volkswirtschaft Lateinamerikas. 2006 trat Mexiko der OECD bei, was seine Integration in die Weltwirtschaft unterstrich. In den 2010er-Jahren unternahmen verschiedene Regierungen große Strukturreformen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Besonders hervorzuheben ist das Reformpaket 2013 unter Präsident Enrique Peña Nieto: Es umfasste u. a. eine Energiesektor-Reform, die das seit 1938 bestehende Monopol des Staatskonzerns PEMEX aufhob und private Investitionen in Öl- und Gasförderung sowie in die Stromerzeugung zuließ. Außerdem wurde auch der Telekommunikationssektor entmonopolisiert und für ausländische Investoren geöffnet und die Mehrwertsteuer vereinheitlicht.
Diese und weitere Reformen (im Bildungs-, Finanz- und Arbeitssektor) sollten das Wachstumspotenzial heben. Kurzfristig verlief ihre Umsetzung jedoch schleppend, und das Wirtschaftswachstum blieb verhalten. Seit 2018 verfolgt die Regierung unter Präsident Andrés Manuel López Obrador (AMLO) einen wirtschaftspolitischen Kurs, der stärker auf staatliche Kontrolle setzt. Einige der früheren Reformen wurden teilweise revidiert, insbesondere im Energiesektor: Die Öffnung für private Öl- und Strominvestoren wurde faktisch eingefroren, stattdessen werden PEMEX und die staatliche Elektrizitätsgesellschaft CFE wieder vorrangig gefördert. Diese Politik löste Spannungen mit den USA und Kanada aus, da sie als Verstoß gegen das neu verhandelte Freihandelsabkommen USMCA (das NAFTA 2020 ersetzte) angesehen wird. Stattdessen bemühte sich AMLO um den Aufbau eines modernen Sozialstaats und ein von ihm eingeführtes Programm von direkten Geldtransfers an Bedürftige verhalf über 13 Millionen Menschen aus der Armut. Das durchschnittliche Wirtschaftswachstum in seiner Amtszeit lag jedoch (auch durch die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie) bei lediglich 0,8 Prozent jährlich.
Wirtschaftsstruktur mini|Geschäftszentrum von Mexiko-Stadt Mexikos Bruttoinlandsprodukt verteilt sich heute vor allem auf den Dienstleistungs- und Industriesektor. Der Dienstleistungssektor erbringt rund 59 % der Wirtschaftsleistung, gefolgt von der Industrie mit ca. 32 %. Die Landwirtschaft trägt nur etwa 4 % zum BIP bei (Stand 2022). Ein ähnliches Bild zeigt die Beschäftigtenstruktur: Etwa 60 % der Erwerbstätigen arbeiten im weit gefassten Dienstleistungsbereich, ca. 26 % in Industrie und Baugewerbe und rund 12 % in der Landwirtschaft. Die Rohstoff- und Energiewirtschaft (v. a. Öl- und Gasförderung sowie Bergbau) ist offiziell in den Industriesektor eingerechnet, hat aber aufgrund der Ölgeschichte Mexikos eine besondere Bedeutung.
Primärer Sektor
Landwirtschaft mini|Landwirtschaft in Puebla