Der Lynchmord an Haftom Zarhum ereignete sich am 18. Oktober 2015 an der zentralen Busstation der israelischen Stadt Beʾer Scheva. Der eritreische Asylsuchende wurde nach einem Terroranschlag irrtümlich für einen weiteren Täter gehalten, angeschossen und von Umstehenden misshandelt; er starb am folgenden Tag an seinen Verletzungen.
Tathergang
Am 18. Oktober 2015, zur Zeit der sogenannten „Messer-Intifada“, als in Israel laut dem israelischen Nachrichtenportal Ynet „nahezu täglich Angriffe von Palästinensern erfolgten“, hielt sich Haftom Zarhum an der Busstation von Beʾer Scheva auf, um seinen Aufenthaltsstatus zu verlängern. Ein 21-jähriger palästinensischer Araber aus dem nahen Dorf al-Uqbi, der mit Messer und Pistole bewaffnet war, erschoss zunächst den dort ebenfalls anwesenden israelischen Soldaten Omri Levy und schoss dann mit dessen Gewehr auf mindestens zehn weitere Personen, bevor er selbst erschossen wurde. Der Sicherheitsoffizier der Busstation, Ziad Asam, hielt auch Zarhum für einen Terroristen und schoss auf ihn; ebenso ein Grenzpolizist. Laut Autopsie wurde Zarhum von insgesamt acht Kugeln getroffen, zwei davon tödlich.
Wie die Aufzeichnungen der Sicherheitskamera später belegten, lag er danach blutend am Boden und wurde im Verlauf der nächsten 16 Minuten wiederholt von insgesamt neun der Anwesenden mit Stühlen beworfen, getreten und mit einer Bank geschlagen, laut Berichten begleitet von Rufen wie „Tod den Arabern!“, „Araber raus!“ und „Am Israel Chai“ („das Volk Israels lebt!“).
Als Sanitäter eintrafen, hielt die Menge sie zunächst davon ab, Zarhum zu versorgen; erst mit Verzögerung wurde er in ein Krankenhaus gebracht, wo er am 19. Oktober 2015 starb. Laut Polizeiquellen wurden an seinem Körper sowohl mehrere Schusswunden als auch Anzeichen von Gewalt festgestellt, aber letztendlich seien es die Schussverletzungen gewesen, die Zarhums Tod verursachten.
Ermittlungen und Rechtsfolgen Unmittelbar nach dem Vorfall begann die Polizei mit Untersuchungen und der Auswertung von Videomaterial. Ermittlungen gegen die beiden Schützen wurden von vornherein ausgeschlossen. Von den neun, die Zarhum misshandelt hatten, wurden vier angeklagt. Zwei Zivilisten akzeptierten 2018 Strafabsprachen und erhielten gemeinnützige Arbeit nebst einer dreistelligen Geldstrafe resp. eine viermonatige Haftstrafe. Zwei weitere Angeklagte – ein IDF-Soldat und ein Angestellter des Strafvollzugs – plädierten auf unschuldig und wurden im Juli 2020 vom Bezirksgericht Be’er Scheva freigesprochen; der Oberste Gerichtshof bestätigte die Freisprüche im Juni 2022. Begründet wurden die niedrigen Strafmaße mit der allgemeinen Panik, die aufgrund häufiger Terrorattacken in der Gesellschaft geherrscht hätte, sowie damit, dass die Angreifer „berechtigte Zweifel“ haben konnten, ob es sich bei Zarhum nicht vielleicht doch um einen Terroristen gehandelt habe.
Reaktionen Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verurteilte den Mord und sprach den Angehörigen sein Mitgefühl aus. Israelische und internationale Medien beschrieben die Attacke auf Zarhum als (rassistisch motiviertes) Lynching. Der eritreische Botschafter in Israel forderte die Festnahme der Beteiligten und eine gründliche Untersuchung. Israels Polizei erklärte, der Sicherheitsmann, der Zarhum angeschossen hatte, sei befragt und freigelassen worden. Im Dezember 2015 erneuerte die Israelische Ärztekammer ihre Richtlinien zur Triage an Anschlagsorten: Verwundete sollten nach Schwere der Verletzung behandelt werden, auch wenn es sich um mutmaßliche Täter handle. Vertreter von Flüchtlingen äußerten die Sorge, Ziel ähnlicher Übergriffe werden zu können.Haaretz: „Refugees in Israel Fear They Could All Be Targets of Next Lynch Mob“ (22. Oktober 2015)
Rezeption Laut Menschenrechtlern beklagen sich viele Zuwanderer aus Afrika über Rassismus und Diskriminierung in Israel. Kommentare ordneten den Vorfall in einen Kontext von Anfeindungen gegenüber afrikanischen Asylsuchenden ein. Spätere Beiträge griffen den Fall im Lichte der Gerichtsentscheidungen erneut auf.
Verfilmung Der Vorfall wurde 2016 im Dokumentarfilm Death in the Terminal (Regie: Tali Shemesh, Asaf Sudry) aufgearbeitet; der Film gewann beim Dokumentarfilmfestival Docaviv in Tel Aviv drei Preise, darunter „Bester israelischer Film“.
Opferfamilie Kurz nach dem Vorfall berichteten Medien, Zarhums Angehörige seien nicht als Terroropfer entschädigungsberechtigt; der Generalstaatsanwalt empfahl dennoch Unterstützungsleistungen. Die National Insurance Agency lehnte es ab, Zarhum als Terroropfer anzuerkennen, da der Eritreer illegal in das Land eingereist war.
Einzelnachweise
Kategorie:Rassismus Kategorie:Tötungsdelikt Kategorie:Kriminalfall 2015 Kategorie:Person (Eritrea) Kategorie:Israelische Geschichte (21. Jahrhundert) Kategorie:Eritreisch-israelische Beziehungen Kategorie:Kriminalfall in Israel Kategorie:Be’er Scheva