mini|Agrippina die Jüngere; Büste im Landesmuseum Württemberg, Marmor, 40,5 cm, 50er Jahre n. Chr.

Iulia Agrippina (* 6. November 15 oder 16 n. Chr.Der Eintrag für das Jahr 16 in den Fasti Antiates ministrorum () belegt den Geburtstag am 6. November, ebenso die Einträge in den Akten der Arvalbrüder für die Jahre 57/58; siehe hierzu Victor Ehrenberg, A. H. M. Jones (Hrsg.): Documents Illustrating the Reigns of August and Tiberius. Oxford 1955, S. 54. Da sich daraus kein Geburtsjahr ermitteln lässt, wird das Geburtsjahr seit Theodor Mommsen: Die Familie des Germanicus. In: Hermes. Band 13, 1878, S. 245–265, hier: 252–262, üblicherweise in das Jahr 15 datiert; eine Geburt erst im Jahr 16 und eine Änderung der Geschwisterabfolge schlug vor: John H. Humphrey: The Three Daughters of Agrippina Maior. In: American Journal of Ancient History. Band 4, 1979, S. 125–143; nach Abwägung der Argumente Humphreys hält Anthony A. Barrett: Agrippina, Mother of Nero. London 1996, ISBN 0-7134-6854-8, S. 269–271, an dem Geburtsjahr 15 fest, weist aber auf die damit verbundene Unsicherheit hin; Werner Eck: Agrippina, die Stadtgründerin Kölns. Köln 1993, ISBN 3-7743-0271-5, S. 8 hält das Jahr 15 für wahrscheinlich, ohne das Jahr 16 auszuschließen; S. 10 schreibt er „15/16“. in Oppidum Ubiorum; † 59 in Kampanien), zur Unterscheidung von ihrer Mutter oft Agrippina die Jüngere (lateinisch: Agrippina minor) genannt, war eine Tochter des Germanicus und der älteren Agrippina und damit Angehörige der julisch-claudischen Dynastie. Sie war die Schwester Caligulas, Mutter Neros und Frau des Kaisers Claudius.

Familie Agrippina war das siebte von mindestens neun Kindern von Germanicus Iulius Caesar und Vipsania Agrippina, auch Agrippina die Ältere genannt. Sie war Urenkelin des Augustus und gehörte damit zum engsten Umfeld der Kaiserfamilie. Auf Anweisung Augustus’ adoptierte Agrippinas Großonkel Tiberius ihren Vater Germanicus. Tiberius wurde damit rechtlich zu ihrem Großvater.Werner Eck: Agrippina, die Stadtgründerin Kölns. Köln 1993, ISBN 3-7743-0271-5, S. 8–12. Zu ihren Geschwistern gehörten Nero Caesar und Drusus Caesar, die 20 n. Chr. von Tiberius als potentielle Thronfolger adoptiert, aber 30 bzw. 33 n. Chr. hingerichtet wurden, der spätere Kaiser Caligula sowie Drusilla und Iulia Livilla.

Leben mini|Das Julisch-Claudische Kaiserhaus Agrippina wurde im Oppidum Ubiorum, benannt nach den dort angesiedelten Ubiern, an der Stelle des späteren Köln, geboren. Zu diesem Zeitpunkt war Germanicus der Oberbefehlshaber der in Germanien kämpfenden Legionen. Bald nach Agrippinas Geburt wurde Germanicus von Tiberius von der Rheingrenze abberufen und in die östlichen Gebiete entsandt, wo er ebenfalls eine hohe Machtposition besetzte, bevor er unter unklaren Umständen starb. Von dem guten Ruf ihrer Eltern profitierte auch die junge Agrippina.

Über ihr Leben ist bis zum Tod des Tiberius im Jahr 37 n. Chr. nicht viel bekannt. In ihrer Jugend lebte sie wahrscheinlich bei ihrer Großmutter Antonia in Rom, während ihre Eltern in den Osten zogen. Sie erhielt Unterricht im Lesen und Schreiben und eine grundsätzlich gute Bildung.Werner Eck: Agrippina, die Stadtgründerin Kölns. Köln 1993, ISBN 3-7743-0271-5, S. 13–18.

In erster Ehe war sie seit 28 n. Chr. mit Gnaeus Domitius Ahenobarbus verheiratet, mit dem sie im Jahr 37 n. Chr. ihren einzigen Sohn hatte, Lucius Domitius Ahenobarbus, den späteren Kaiser Nero. Nachdem ihr Bruder Caligula sie zu Beginn seiner Herrschaft zusammen mit den beiden Schwestern Drusilla und Iulia Livilla wie Göttinnen hatte verehren lassen, verdächtigte er nach Drusillas Tod die beiden anderen Schwestern, sich zusammen mit ihrem Schwager Marcus Aemilius Lepidus gegen ihn verschworen zu haben, und schickte Agrippina 39 n. Chr. in die Verbannung auf die Felseninsel Pontia, von der sie erst nach seiner Ermordung 41 n. Chr. zurückkehren konnte. Ihr erster Mann verstarb 40 n. Chr. infolge einer Krankheit. Nach ihrer Rückkehr heiratete sie in zweiter Ehe Gaius Sallustius Crispus Passienus,Sueton, Vita Passieni Crispi (englische Übersetzung). einen wohlhabenden und einflussreichen Senator,Werner Eck: Agrippina, die Stadtgründerin Kölns. Köln 1993, ISBN 3-7743-0271-5, S. 21–25. der wohl 47 n. Chr. verschied; laut Sueton kam er durch die Heimtücke Agrippinas um.Sueton, Vita Passieni Crispi (englische Übersetzung).

Im Jahr 49 n. Chr. heiratete Agrippina dann ihren Onkel Claudius als dessen vierte Ehefrau, wofür eigens ein Gesetz geändert werden musste, das die Heirat zwischen Onkel und Nichte verbot. Danach gelang es ihr, ihre Position am Hof zu stärken und die ihrer Gegner und Gegnerinnen zu schwächen. Claudius erhoffte sich durch die Verbindung mit Agrippina, die im Unterschied zu ihm von Kaiser Augustus abstammte, zusätzliche dynastische Legitimation. Auch in der Außendarstellung stärkte die Heirat daher Agrippinas Einfluss und ihr Ansehen, weshalb sie mit Statuen und Inschriften geehrt wurde.

Agrippina hatte durch ihre neue Stellung zwar keine rechtliche oder institutionelle Position inne, aber eine faktische politische Macht, die sie für sich beanspruchte und ausübte. Aus Bildzeugnissen und der ihr vorwiegend feindlich gesinnten Geschichtsschreibung wird deutlich, dass sie nicht dem traditionellen Frauenbild entsprach. Sie versuchte, für ihren Sohn die Thronfolge zu sichern, obwohl Claudius selbst einen Sohn, Tiberius Claudius Caesar Germanicus, auch Britannicus genannt, aus der Ehe mit Valeria Messalina hatte. Im Februar des Jahres 50 n. Chr. adoptierte Claudius den 12-jährigen Lucius, der nun als Nero Claudius Caesar Drusus Germanicus in der Thronfolge vor seinem jüngeren Stiefbruder Britannicus stand und ihn damit als unmittelbaren Nachfolger verdrängte, was eine Stärkung des zukünftig schlechten Rufes Agrippinas zur Folge hatte. Zudem verlieh Claudius seiner Frau nun den Titel Augusta. Sie war damit die erste römische Kaiserfrau, der dieser Titel zu Lebzeiten ihres Gatten verliehen wurde, und verfügte zudem über volles Münzrecht. Daher konnte Agrippina auf reichsweiten Prägungen auch ohne Nennung oder Porträt des Princeps dargestellt werden. Ihre Macht zeigt sich ebenso in der Gründung der nach ihr benannten Colonia Claudia Ara Agrippinensium 50 n. Chr., womit die Siedlung an ihrem Geburtsort vom Oppidum zu einer Colonia civium Romanorum erhoben wurde, deren Einwohner, zunächst meist Veteranen, römisches Bürgerrecht hatten.Tacitus, Annales 12,26–27.

Nero wurde mit 13 Jahren für volljährig erklärt und zum Senator und Prokonsul ernannt. Mit 16 Jahren wurde er 53 n. Chr. mit seiner 13-jährigen Stiefschwester Claudia Octavia, der Tochter des Claudius und der Valeria Messalina, verheiratet. Durch die Adoption Neros war dieser offiziell zu ihrem Bruder geworden, den sie nach römischem Recht nicht heiraten durfte, weshalb Claudia zuvor per Adoption pro forma zu einer Octavierin gemacht wurde. Als Mutter Neros erhielt Agrippina zu seiner Regierungszeit Unterstützung durch den Prätorianerpräfekten Sextus Afranius Burrus, einen Berater und Lehrer Neros, sowie den Philosophen Seneca, die beide durch Agrippina eine höhere Stellung erhielten.

mini|Agrippina mit Nero auf einem Aureus Tacitus zufolge hatte Agrippina ihren Mann Claudius mit Hilfe der Giftmischerin Lucusta vergiften lassen, um ihrem Sohn Nero zur Macht zu verhelfen. Anfangs hatte sie nach dem Tod des Claudius vielleicht darauf gehofft, die faktische Macht selbst ergreifen zu können, wie eine Münze mit der Aufschrift „Agrippina Augusta, Frau des vergöttlichten Claudius, Mutter von Nero Caesar“ annehmen lässt.Werner Eck: Die iulisch-claudische Familie. In: Hildegard Temporini-Gräfin Vitzthum (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms. München 2002, ISBN 978-3-406-49513-7, S. 103–163, hier: 151–152. Auch ließ sich Agrippina nun als Göttin des Glücks (Fortuna) darstellen.Dietrich Boschung, Werner Eck u. a.: Agrippina als Göttin des Glücks. Köln 2011. In den ersten Jahren übte sie noch starken Einfluss auf Neros Regierung aus, verlor diesen aber in den folgenden Jahren. Im Jahr 59 n. Chr. ließ Nero seine Mutter ermorden. Diese Tat wurde noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem sogenannten Cäsarenwahnsinn in Verbindung gebracht. Inzwischen gibt es auch andere Sichtweisen. Nach ihrem Tod erklärte der Senat ihren Geburtstag zum dies ater („Schwarzer Tag“).Tacitus, Annales 14,12,1. Seneca rechtfertigte die Tötung Agrippinas vor den Senatoren.

Wie bei den meisten Angehörigen des julisch-claudischen Geschlechts ist das Bild Agrippinas von der Darstellung in den antiken Quellen geprägt (vor allem Tacitus und Sueton), die kaum eine objektive Beurteilung zulassen. Tacitus zog in seinen Annales nach eigenen Angaben die von ihr verfassten Memoiren heran.Tacitus, Annales 4,53.

Agrippina minor als Königsmacherin Agrippina leitete diverse Schritte ein, um ihren Sohn zum nachfolgenden Herrscher zu machen. Sie beorderte Lucius Annaeus Seneca zurück, um ihn als seinen Tutor einzustellen.Katharina Ackenheil: Neros Herrschaftsantritt 54 n. Chr. In: Antike Welt. Heft 4, 2016, S. 8–12, hier: 9. Der Senator und Komplize der Livilla wurde zuvor von Messalina ins Exil nach Korsika geschickt.James Romm: The Woman who would rule Rome. In: History Today. Band 64, 2014, S. 10–16, hier: 13.

Des Weiteren setzte sich Agrippina zum Ziel, die Treue und Loyalität des Militärs für sich zu gewinnen. In der Prätorianergarde ernannte sie den Soldaten Afranius Burrus zum Befehlshaber und ersetzte allmählich die alten Soldaten durch neue, ihrem Vater Germanicus loyale. Bei Veranstaltungen trug sie eine Chlamys und soll überdies neben ihrem Mann gesessen haben, wodurch sie sich mit ihm gleichstellte.

Die antiken Quellen zeichnen dabei das Bild eines passiven Claudius. Derweil verlieh er ihr den Titel der Augusta, welchen er Messalina zuvor verwehrte und bewarb Münzen, die ihr Abbild trugen. Er adoptierte ihren Sohn Domitius 50 n. Chr. und verlieh ihm den Namen Nero. Dieser war drei Jahre älter als Britannicus und wurde 53 n. Chr. mit Claudius’ Tochter Octavia verheiratet.James Romm: The Woman who would rule Rome. In: History Today. Band 64, 2014, S. 10–16, hier: 14.

Britannicus negierte seinen Adoptivbruder und soll ihn einst bei seinem Geburtsnamen, Domitius, genannt haben. Als Agrippina dies erfuhr, berichtete sie Claudius davon und warf Britannicus Verrat vor. Claudius erlaubte ihr, Britannicus’ Tutoren zu entlassen und neue einzustellen.

Im späten 54 n. Chr. stand Britannicus kurz vor seinem 13. Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt wurde Claudius krank und starb kurz darauf in der Nacht zum 13. Oktober 54 n. Chr. in Folge einer Vergiftung, weshalb sein Adoptivsohn Nero im Alter von 16 Jahren zum Herrscher des Römischen Reiches ernannt wurde. Gerüchten zufolge vergiftete Agrippina ihren Mann Claudius, um seinem leiblichen Sohn Britannicus den Herrschaftsanspruch zu verwehren.

Insgesamt brachte Agrippina sechs Jahre damit zu, ihrem Sohn den Herrschertitel zu sichern. Nun erwartete sie eine Gegenleistung, die einen nicht unbeträchtlichen Machtanteil versprechen sollte. Fortan bewegte sie sich in Rom in Begleitung zweier Liktoren fort und gab den Prätorianern Befehle.

Zunächst störte sich Nero nicht daran, dass seine Mutter so viel Macht innehatte. Münzen zeigten sie gemeinsam und erstmalig war das Porträt einer lebenden Frau auf der Münzvorderseite abgebildet.James Romm: The Woman who would rule Rome. In: History Today. Band 64, 2014, S. 10–16, hier: 15.

Der Muttermord