mini|Darstellung der Lustmorde und Überfälle auf Frauen im Landkreis Bochum, Dezember 1880 Die Bochumer Lustmorde (auch Bochumer Frauenmorde) waren eine ungeklärte Mordserie mit Vergewaltigung an wahrscheinlich acht Frauen und Mädchen im Landkreis Bochum zwischen 1878 und 1882. Weitere versuchte Überfälle wurden dem Täter zugerechnet. Die Aufmerksamkeit über diese Gewalttaten zog weite Kreise, auch in der überregionalen Berichterstattung, teils mit Fehlmeldungen. Sie brachte der Stadt Bochum damals eine traurige Berühmtheit.

Für diese Art sexualisierter Morde wurde erstmals der Begriff Lustmord verwendet. Die Berichterstattung über das fünfte Opfer, die Hebamme Johanne Becker, in dem Leipziger Tagesblatt im November 1880 war Bezugsquelle für die Aufnahme des Wortes Lustmord in das Wörterbuch der Gebrüder Grimm im Jahr 1881 oder 1885.

Anfang der Mordserie mini|Übersichtskarte über alle bekannten Vorfälle

Überfälle auf junge Frauen, welche im Kontext der Morde gesehen wurden

Henriette Wittkämper, Lisette Friedrichs und weitere Fälle Im Rahmen der späteren Berichterstattung wird in manchen Berichten auf einen unsittlichen Angriff auf Henriette Wittkämper bei Herne eingegangen, welcher am 3. Oktober 1878 erfolgte. Ihr wurde von einem Mann eine Schlinge aus weißem Schweinsleder (die Tatwaffe in wenigstens zwei weiteren Fällen) übergeworfen. Nur dadurch, dass das kräftige Mädchen seine Hand dazwischenhalten konnte und durch Gegenwehr und Hilferufe, entging es wahrscheinlich einer Vergewaltigung und Mord.

Auch weitere versuchte Überfälle wurden später vor dem ersten Mord mit der Serie in Zusammenhang gebracht, teils aber später nicht mehr erwähnt.

Am 27. Dezember 1878 gab es dann einen Überfall auf die unverehelichte Lisette Friedrichs in Harpen, welche ebenfalls mit einem ledernen Riemen überfallen wurde. Aufgrund des Hilfegeschreis des Mädchens ergriff der Täter die Flucht. Der Täter wurde von ihr beschrieben als um die 30 Jahre, groß, und blond.

Mord an Josefine Kost Als ersten bekannten Mord der Serie zählt die Vergewaltigung und Ermordung von Josefine Kost (17 Jahre) in Grumme bei Bochum. Die Tat geschah am hellen Mittag am 30. Dezember 1878. Sie wurde mit einem ledernen Riemen erdrosselt. Im Januar 1879 wurde von falschen Spuren und Verdächtigungen eines jungen Metzgergesellen aufgrund von böswilligen Verleumdungen berichtet. Weiterhin wurde angegeben, wie in der Überzeugung der damaligen Zeit Ermittlungsversuche erfolgten:

Die Belohnung zur Ergreifung des Täters wurde auf 500 Mark angesetzt, und dann später auf 900 Mark erhöht. Der Fall wurde von der Bochumer Staatsanwaltschaft in Verbindung mit dem Überfall auf Lisette Friedrichs gesehen.

Ein weiterer Überfall Am 13. Januar 1879 erfolgte in Wiemelhausen in der Nähe der Zeche Friederika bei Bochum ein misslungener Überfall auf ein Mädchen, welches den Täter ähnlich beschrieb wie bei dem Überfall auf Lisette Friedrichs.

Elise Riemenschneider Das nächste Opfer war die 14-jährige Magd Elise Riemenschneider, die am 5. Juli 1879 in Querenburg, südlich von Bochum, ermordet wurde. Das Mädchen war morgens um 7:30 Uhr zum Hüten der Kühe auf ein Feld geschickt worden. Kurz danach muss sie ermordet worden sein. Das Sittlichkeitsverbrechen soll nach dem Mord stattgefunden haben. In einem späteren Zeitungsbericht von 1927 wurde sie auch als sehr stabil gebautes Weibsbild bezeichnet. Um 10 Uhr wurde sie, vom eigenen Halstuch erdrosselt, in einem nahegelegenen Gebüsch gefunden. Es wurde in der örtlichen Presse ein Zusammenhang mit dem ähnlichen Fall der Josefine Kost gesehen, und auch die Entsendung von Berliner Kriminalbeamten gewünscht. Mit diesem zweiten Mordfall wurde auch angefangen, überörtlich zu berichten.

Kulturkampf und verdächtige Individuen Das Westfälisches Volksblatt, eine katholische Zeitung aus Paderborn, sah in den Morden einen Verfall der Sitten durch den Verlust der Religion, und den Hang zu Lustbarkeiten, gerade bei der Jugend, welche „… allerhand Schenkwirthschaften und zweifelhaften Tanzlocalen …“ besuchen. Gerade die Ausweisung der Patres (gemeint waren unter anderem die der Redemptoristen in Bochum im Kulturkampf) wurde beklagt. Besonders da „… hier viel verkommenes und verwahrlostes Volk im Verlaufe der letzten Jahre zusammengekommen …“ sei. Der ungenannte Correspondent führte die Grausamkeit wie folgt aus:

Auch in anderen Zeitungen des Kaiserreiches wurden Parallelen zwischen der verwilderten Arbeiterbevölkerung und dem Kulturkampf gesehen.

Infolge der Mordtat an Elise Riemenschneider wurden etliche Verdächtige verhaftet. Darunter auch Landstreicher und andere verdächtige Individuen. Unter allen Festgenommenen, bezeichnet als „verschiedenes Gesindel“, konnte keiner der Verdächtigen mit den Verbrechen in Verbindung gebracht werden. Später wurde noch der „ungerathene“ Sohn des lokalen Mühlenbesitzers Kleffmann steckbrieflich bis in eine niederländische Hafenstadt verfolgt und dort im November verhaftet. Den Aufenthaltsort des Verdächtigen fand der seit Wochen als Feldmesser verkleidete ermittelnde Berliner Kriminalkommissar von Raumer heraus. Als trauriges Nachspiel wurde erwähnt, dass den alten Kleffmann beim Bekanntwerden des Steckbriefes ein Schlaganfall niederwarf.

Lisette Schülken mini|Kriminal-Polizeiinspektor von Meerscheidt-Hüllessem, Ermittler bei den Bochumer Lustmorden. Es folgte der dritte Mord an der 19- bis 20-jährigen Lisette Schülken „zu Gisenberg bei Castrop“ am 5. August 1879, als braves Kind ehrenwerter Eltern beschrieben. Sie wurde um 10 Uhr von ihren Dienstherren auf das Feld zum Roggenbinden geschickt. Als sie mittags nicht zum Essen erschien, wurde nach ihr gesucht. Sie wurde in dem Wald, welcher zu dem Gut Gysenberg gehört, gefunden. Anhand der Fingernägel konnte man folgern, dass die sehr kräftige und stark gebaute junge Frau sich zur Wehr gesetzt hatte. Allerdings half es nicht, sie wurde durch das eigene Tuch erdrosselt und missbraucht. Das Sittlichkeitsverbrechen soll nach dem Mord stattgefunden haben.

Auch hier wurde eine Prämie ausgesetzt, dieses Mal in der Höhe von 750 Mark. Auch hier wurden unter anderen zerlumpte Vagabunden verhaftet. In dem Fall konnte ebenfalls bei den Verhafteten keine Schuld nachgewiesen werden. Auch wurde kritisiert, dass die Polizei nicht den Tatort abgeriegelt hatte und sich die Untersuchungen vor allem gegen Landstreicher und ähnliche untere Schichten konzentrierten.

Da es offensichtlich war, dass die provinzielle Bochumer Polizei nicht in der Lage war, mit den Verbrechen umzugehen, wurden im August 1880 der Kriminalkommissar Leopold von Meerscheidt-Hüllessem von Berlin sowie sein Assistent, Kriminalwachmeister Sowa, nach Bochum beordert, und richteten dort eine Ermittlungsstelle ein. Ihnen wurden Gendarmen aus dem Landkreis Bochum zugewiesen. Die Gruppe arbeitete direkt mit der Staatsanwaltschaft zusammen und erstattete den Bochumer Landrat August Overweg regelmäßig Bericht.

Überfall auf Friederike Hühning und andere Frauen Mit der Mordserie wurde später der am 16. Mai 1880, am ersten Pfingsttage, der versuchte Überfall auf die unverehelichte Dienstmagd Friederike Hühning, unterwegs in Harpen, in Verbindung gebracht. In dem Mordfall Minna Pott wurde von insgesamt vier Angriffen dieser Art berichtet, ohne Details zu nennen.

Wilhelmine Pott Auch der vierte Mord an der Magd Wilhelmine (Minna) Pott (19 Jahre) am 30. Juli 1880 erfolgte bei der Feldarbeit in der Herner Mark. Sie war beauftragt, zwei Feldarbeitern das Frühstück zu bringen und dann ebenfalls Roggen zu binden. Sie hatte das Frühstück am vereinbarten Ort abgestellt, war aber nicht anwesend. Nachdem Minna Pott mittags vermisst wurde, wurde umgehend die Polizei informiert, welche eine Suche startete. Sie wurde teilweise entblößt mit zerrissenen Kleidern unweit ihrer Arbeit am Rande eines Waldes gefunden. Minna Pott wurde auch als kräftige Person beschrieben und hatte sich ebenfalls erfolglos gewehrt. Sie wurde mit einem Strick erdrosselt. Das Sittlichkeitsverbrechen soll nach dem Mord stattgefunden haben.

Durch die Steigerung von unsittlichen Attentaten und Morden kam es auch zur verstärkten Aufmerksamkeit durch die Behörden. So trafen am 5. August in Bochum der Arnsberger Regierungspräsident Steinmann, Oberstaatsanwalt Irgahn aus Hamm und der Staatsanwalt Lerbrocks aus Essen in Bochum zusammen, um weitere Maßnahmen zu beraten. Gleichzeitig wurde in diesem Fall eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt.

Überfall auf Emma Tönnshoff Am 24. Oktober 1880 erfolgte ein Tötungsversuch auf die Dienstmagd Emma Tönnshoff in Hordel, zwischen Bochum und Herne. Die Tat war von einem zufällig vorbeikommenden Passanten vereitelt worden. Der Überfall erfolgte im Dahlhauser Busch, der Täter versuchte, sie mit einer Schnur zu erwürgen und bedrohte sie mit einem Messer. In Bezug auf die Berichterstattung mit dem später folgenden Mord gaben die Behörden an, dass es sich wohl um den gleichen Täter handelte.

Mord an Johanne Becker mini|Aufruf zur Mithilfe und Wachsamkeit durch die Stadt-Polizei-Verwaltung nach dem Mord an Johanne Becker im Märkischen Sprecher, 6. November 1880 Der Mord an der Hebamme Johanne Becker am 1. November 1880, dem Tag von Allerheiligen, erregte dann weitere große Aufmerksamkeit, besonders, da hier der Mörder das Opfer aktiv in eine Falle lockte. Die Hebamme wurde von einem unbekannten Mann zu der angeblichen Geburt einer Schwangeren gerufen. Morgens um 6:30 Uhr gingen sie zusammen los, in die Richtung der Zeche Prinz von Preußen. Auf dem Weg zur vermeintlichen Wöchnerin wurde sie in einem Hohlweg im nördlichen Teil der Gemeinde Altenbochum brutal ermordet. Als Todesursache wurde Erdrosseln angegeben. Weiterhin waren ihr die Pulsadern an einer Hand durchgeschnitten. Johanne Becker hinterließ ihren Mann und vier kleine Kinder. In einem späteren Zeitungsbericht von 1927 wurde sie auch als sehr stabil gebautes Weibsbild bezeichnet.

Die Leiche wurde gegen 15 Uhr von einem polnischen Arbeiter gefunden, welcher sofort den Gemeindevorsteher Wintermann informierte. Dieser machte eine entsprechende Anzeige bei dem Bochumer Gericht und der Staatsanwaltschaft, welche sich zum Tatort begab.

Am 4. November appellierte der Bochumer Oberbürgermeister Bollmann an den Bürgersinn „aller rechtschaffenen Einwohner von Stadt und Land“ zur Mithilfe bei der Aufklärung. Er mahnte, „daß seinen eigenen weiblichen Angehörigen täglich etwas Aehnliches geschehen kann, sofern solche Scheusale nicht bald entdeckt und unschädlich gemacht werden.“ Weiterhin kündigte er eine hohe Belohnung an.Aufruf vom 4. November 1880

Die Staatsanwaltschaft, in Person des königlichen Staatsanwaltes Schwering, lobte bereits am 6. November die damals enorme Belohnung von 5000 Mark aus. Die Summe kam von der Gemeinde Altenbochum mit 500 Mark, von der Stadt Bochum mit 1500 Mark und vom Regierungspräsidenten in Arnsberg mit 3000 Mark. An der Stelle des Mordes wurde ein Holzkreuz errichtet, heute befindet sich die Mulde, damals Grabeloh oder auch Grohweg genannt, auf dem Hauptfriedhof Bochum.

Bericht und Verwendung des Begriffs Lustmord Selbst weit ab vom Industriegebiet an der Ruhr wurde darüber berichtet, so in der Leipziger Tageblatt und Anzeiger, welche am 5. November 1880 vermerkt: „Die Aufregung in der Stadt und der Umgebung ist nicht zu beschreiben.“ Auch in Österreich wurde darüber geschrieben, so im Salzburger Volksblatt.

In dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm wurde direkt auf den Bericht und Mordfall Bezug genommen:

Verhaftung und Hinrichtung des Wilhelm Schiff mini|Bericht zum 50. Jahrestag der Verhaftung und Verurteilung von Wilhelm Schiff, 1931

Der Verdächtige Schiff