mini|Tamiko Thiel Tamiko Thiel (* 1957 in Oakland, Kalifornien) ist eine US-amerikanische Künstlerin deutsch-japanischer Abstammung, die für ihre digitale Kunst bekannt ist. Sie erschafft virtuelle Welten und Interaktive Kunstwerke und arbeitet mit Augmented Reality (AR) und Virtuelle Realität (VR). Sie hat ebenfalls Künstliche Intelligenz (Kl) eingesetzt, um partizipatorische, multi-perspektivische wie auch kritisch-reflexive Werke zu schaffen. In ihren Werken untersucht sie häufig „das Zusammenspiel von Ort, Raum, Körper und kultureller Identität“. Thiel lebt in München, Deutschland.
Leben und Werk Tamiko Thiel wurde 1957 in Oakland, Kalifornien, geboren. Sie wuchs in Seattle, Washington, auf. Sie ist die Tochter von Midori Kono Thiel, einer japanisch-amerikanischen Kalligrafin, und Philip Thiel, einem Deutschamerikaner.
Ausbildung
Thiel studierte zunächst Allgemeine Ingenieurwissenschaften mit den Schwerpunkten Produktdesign und Mensch-Maschine-Interface-Design an der Stanford University und erwarb dort im Jahr 1979 ihren Bachelor of Science (B.S.).
1983 erwarb sie am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, Massachusetts, USA, den Master of Science (M.S.) in Maschinenbau. Dort studierte sie Computergrafik und visuelle Bildbearbeitung bei der Architecture Machine Group und im Visual Language Workshop (dem späteren MIT Media Lab) und erlangte fundierte Programmierkenntnisse. Zudem befasste sie sich mit der Mensch-Maschine-Schnittstelle im Biomechanics Lab und schrieb ihre Masterarbeit über die Echtzeitsimulation einer Ultraschall-Mobilitätshilfe für sehbehinderte Menschen.Real-Time Simulation of Ultra-Sonic Mobility Aid for the Blind.
Im Sommer 1985 war sie Gaststudentin bei dem Maler Jörg Immendorff an der Akademie der Bildenden Künste München. Von Herbst 1987 bis Frühjahr 1988 nahm sie an einem Projektseminar bei dem Objektkünstler Daniel Spoerri teil. Sie absolvierte 1991 die Akademie mit einem Diplom in Angewandter Grafik und dem Schwerpunkt Installationskunst und Videokunst bei Gerhard Berger. Als Teil ihrer Abschlussarbeit entstand das 1-Kanal-Video Golden Seed, das Teil einer Mixed-Reality-Installation war.
Wirken und künstlerische Entwicklung Schon zu ihrer Zeit am MIT entdeckte sie die Medienkunst für sich, hielt die Zeit dafür aber noch zu früh. Erst nach der Entwicklung der Connection Machine sah sie die Zeit dafür reif. Thiels künstlerische Praxis umfasst eine Vielzahl von Medien, darunter VR- und AR-Installationen, digitale Drucke, Objekte, Videoarbeiten und netzbasierte Projekte. Viele ihrer Arbeiten verbinden technische Innovationen mit gesellschaftlichen, historischen und politischen Fragestellungen. Außerdem publizierte sie eine Vielzahl von wissenschaftlichen Arbeiten im Bereich von VR und AR.
Frühe Karriere und technische Arbeiten Nach ihrem Studium arbeitete Thiel zunächst als Produktdesignerin, unter anderem bei Hewlett-Packard im Silicon Valley. Später wurde sie leitende Produktdesignerin für die Connection Machine CM-1/CM-2-Supercomputer bei Thinking Machines Corporation zusammen mit Danny Hillis, Carl Feynman und Brewster Kahle. Dieser Computer, dessen ästhetisches Design sie maßgeblich mitprägte, gilt als einflussreiche frühe visuelle Verknüpfung von Technologie und Formensprache in der Geschichte der Informatik und ist unter anderem in der Sammlung des Museum of Modern Art (MoMA) in New York vertreten.
In den 1990er Jahren begann Thiel, digitale Technologien als künstlerisches Medium zu nutzen. Ihre Arbeit Starbright World (1994–1997), eine onlinebasierte virtuelle Welt für schwer kranke Kinder, die in Zusammenarbeit mit der Starbright Foundation und Steven Spielberg realisiert wurde, gilt als frühe Vision einer Social-VR-Umgebung. Starbright World gewann unter anderem den Cyberedge: Virtual Reality product of the Year Award 1995, den Global Information Infrastructure Award: Winner of Next Generation Award 1996 und den Asahi Shimbun: Digital Entertainment Award 1996.
Virtual Reality und installative Arbeiten Ihr VR-Projekt Beyond Manzanar (2000, gemeinsam mit Zara Houshmand) ist eine immersive virtuelle Darstellung des ehemaligen japanisch-amerikanischen Internierungslagers Manzanar und reflektiert Themen wie Exil, Identität und Geschichte. Es wurde Teil der Sammlung des San Jose Museum of Art.
Virtuelle Mauer / ReConstructing the Wall ist ein medienkünstlerisches Projekt, das mithilfe virtueller Realität einen ehemaligen Abschnitt der Berliner Mauer zwischen den Stadtteilen Kreuzberg und Mitte digital rekonstruiert. Auf der Grundlage historischer Recherchen sowie von Zeitzeug:innenberichten entstand eine interaktive 3D-Installation, in der Besuchern verschiedene Szenen aus dem Alltag an der innerdeutschen Grenze zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren erkunden können. Das Projekt versteht sich als digitaler Erinnerungsraum, der die Geschichte der Berliner Mauer nicht nur dokumentiert, sondern durch immersive Erfahrung zur Auseinandersetzung mit der Teilung der Stadt und ihren gesellschaftlichen Folgen anregt.
Augmented Reality Als Mitbegründerin der Künstlergruppe Manifest.AR nutzte Thiel AR-Technologien, um raum- und ortsbezogene Kunst in institutionellen Kontexten zu realisieren, etwa durch Guerilla-Interventionen in Museen und auf Biennalen.
Einige ihrer AR-Installationen, wie Unexpected Growth (2018, mit /p) für das Whitney Museum of American Art in New York, thematisieren Umwelt- und Zukunftsfragen durch digitale Überlagerung realer Orte.
Lehre und Vermittlung Thiel ist international als Dozentin und Gastprofessorin tätig, unter anderem an Universitäten in Europa, Asien und den USA, wo sie zu Themen wie VR, AR, neue Medien und Interfaces lehrt.
Rezeption Kunstkritiker und Fachliteratur heben Thiels Bedeutung als Pionierin der digitalen Kunst hervor, insbesondere für ihre frühen künstlerischen Anwendungen von Virtual Reality und Augmented Reality sowie ihre kritischen Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen im digitalen Raum. Werke wie z. B. der CM-2 Supercomputer und Unexpected Growth sind in namhaften Sammlungen in Museen wie dem Museum of Modern Art und dem Whitney Museum of American Art vertreten.
Ausstellungen (Auswahl)
2025: Entwürfe Connection Machine, Kunsthalle Wien 2025: Atmos Sphaerae, Siggraph Art Gallery, Vancouver BC, Canada. 2023: What You Sow/Was Man Sät, AR Biennal, NRW-Forum, Düsseldorf 2022: Evolution of Fish Hood Museum of Art, Darthmouth College, Hanover, USA 2021: Lend Me Your Face! Microwave Festival, Hong Kong 2020: Suspended Spring, Telematic Gallery, San Francisco 2019: Beyond Manzanar, Museum of Art, San Jose/Silicon Valley 2017: Connection Machine CM-2, Musem of Modern Art, New York 2016: Gardens of the Anthropocene, Seattle Art Museum, Seattle USA 2013: Virtuale, Siggraph Asia Art Gallery, Hong Kong 2012: All Hail Damien Hirst! Tate Gallery of Modern Art, London 2011: DUMBO Arts Festival, Brooklyn, New York 2010: We AR in MoMA, Museum of Modern Art (MoMA), New York 2008: Virtuelle Mauer/ReConstructing the Wall, Museum für Kommunikation Berlin 2006: Next Level: Die Lust am Spiel in der Netzwerkgesellschaft, Kunstverein Wolfsburg, Wolfsburg
Auszeichnungen (Auswahl) 2024: ACM SIGGRAPH Distinguished Artist Award die Arbeit Lifetime Achievement in Digital Art 2024: AWE’s XR Hall of Fame! (Augmented World Expo) 2013: MacDowell fellowship, Peterborough, New Hampshire 2013: Rockefeller Foundation Cultural Innovation Fund Award, zusammen mit acht anderen Künstlern für Mi Querido Barrio Project El Barrio is home!, eine virtuelle kultur-historische Tour durch El Barrio mit Hilfe von computergestützter erweiterter Realität durch das Caribbean Cultural Center African Diaspora Institute (CCCADI). Tamiko Thiel war die leitende Künstlerin für dieses Projekt.CCCADI Mitteilung vom 9. April 2013; Review Upcoming East Harlem Augmented Reality Art Exhibit 2009: IBM Innovation Award, verliehen an Teresa Reuter und Tamiko Thiel (T+T) für die Arbeit "Virtuelle Mauer/ReConstructing the Wall" 2007: Hauptstadtkulturfonds (Berlin Capital City Cultural Fund) Award für die Arbeit "Virtuelle Mauer/ReConstructing the Wall"HauptstadtkultrurfondsTamiko Thiel Website 2004/2005: Center for Advanced Visual Studies (CAVS) fellow, Massachusetts Institute of Technology (MIT) 1996: Global Information Infrastructure Awards: Winner of Next Generation Award (Vormals National Information Infrastructure Awards) 1996: Asahi Shimbun: Digital Entertainment AwardA Virtual Playground for Seriously Ill Children 1995: Cyberedge: Virtual Reality product of the Year Award
Publikationen (Auswahl)
Critical interventions into canonical spaces. Augmented reality at the 2011 Venice and Istanbul Biennials. In: Augmented Reality Art: From an Emerging Technology to a Novel Creative Medium. Springer Verlag, Third Edition 2022, ISBN 978-3-030-96863-2, S. 41–72. The Design of the Connection Machine. In: The Designed World: Images, Objects, Environments. Oxford 2010, ISBN 978-1-84788-585-2, S. 155–166. Beyond Manzanar: Creating Dramatic Structure in Ergodic Narratives. In: Technologies for Interactive Storytelling and Entertainment. Second International Conference, Tidse 2004. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-22283-9, S. 246–251. mit Teresa Reuter: Rhetorics of the Interactive 3D Installation „Virtuelle Mauer/ReConstructing the wall“. In: Interactive Storytelling: Third Joint Conference on Interactive Storytelling, ICIDS 2010. Springer, Berlin 2010, ISBN 978-3-642-16638-9, S. 129–140. Interview, Statement Art Work. In: Leonardo Electronic Almanac, Vol 19,2, ISBN 978-1-906897-23-9, S. 210–219. Where Stones Can Speak: Dramatic Encounter in Interactive 3D Virtual Reality. In: Third Person. Authoring and Exploring Vast Narratives. Massachusetts Institute of Technology, Cambridge 2009, ISBN 978-0-262-53379-9, S. 153–178. Cyber Animis and Augmented Dreams. In: Leoalmanac. ISSN 1071-4391. AR-Kunstwerke sind - wie die Liebe - real aber nicht greifbar. Ein Gespräch mit Pamela C. Scorzin. In: Kunstforum international, die aktuelle Zeitschrift für alle Bereiche der bildenden Kunst, Band 291, 2023, S. 106–125. ISSN 0177-3674.
Weblinks Website Tamiko Thiel Radical Software: Women, Art & Computing 1960–1991. Warum können Maschinen nicht lebendig sein? Tamiko Thiel über Technologie, Identität, japanische Kultur, den Geist von Objekten und die Seele von Maschinen. In: Musemsfernsehen, Video 28:05, 2025, siwe im Kanal Kunsthalle Wien, abgerufen am 28. November 2025. Tamiko Thiel über Socially Critical VR and AR Artworks, 1994-2023, über XR und die ästhetische und erfahrungsbezogene Entwicklung ihrer Kunstwerke. YouTube Video 27:14 vom 24. Oktober 2023, abgerufen am 28. November 2025. Gespräch mit Tamiko Thiel auf dem Vintage Computer Festival Midwest vom 6. August 2020, veröffentlicht in der Sendung „Vintage COMP! w/ jasmaz“, YouTube Audio-Video 39:11, abgerufen am 28. November 2025. Erreichbar ebenso im aNONradio: https://anonradio.net/tamiko-thiel/. Augmented Reality ARtworks. Tamiko Thiel in AR in ACTION, YouTube Video 14:16, Kanal AR in Action 2017, abgerufen am 28. November 2025. Virtuelle Mauer Berlin
Einzelnachweise
Kategorie:Medienkünstler (Deutschland) Kategorie:Virtual Reality Kategorie:Augmented-Reality-Software Kategorie:Autor Kategorie:Japaner Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Geboren 1957 Kategorie:Frau