mini|Nordpolarkarte von Gerhard Mercator, 1595 (Groclant unten links, oberhalb von Grönland)
Grocland (auch Groclant, Groclandt geschrieben) ist eine angeblich von Riesen bewohnte Phantominsel im Nordatlantik, die westlich oder südwestlich von Grönland liegen soll. Der Legende nach wurde sie von König Artus erobert und besiedelt.
Die Artussage Der englische Regierungsberater und Universalgelehrte John Dee behauptete in seinem 1578 entstandenen Werk Brytanici Imperii Limites (Grenzen des Britischen Weltreichs)John Dees Manuskriptsammlung unter dem Titel: Brytanici Imperii Limites wird im Original in der British Library aufbewahrt., dass Elisabeth I. Anspruch auf den Königstitel für alle nördlichen Küsten und Inseln erheben könne, von Atlantis, Ophir, Thule, Antilia, der Sankt-Brendan-Insel bis zu allen nördlichen Inseln um Grönland, ob groß oder klein. Dee begründete dies im Wesentlichen damit, dass er sich auf die mythische Eroberungsreise von König Arthur (oder Artus) in die nördlichen Länder berief („depende cheiflie vppon our Kinge Arthur“), die ihn der Legende nach bis zum Nordpol geführt haben soll.Ken MacMillan, Jennifer Abeles (Hrsg.): John Dee: The Limits of the British Empire. Praeger, Westport (CT) 2004, ISBN 0-275-97823-0, S. 52
Es ist umstritten, ob König Arthur eine Sagengestalt ist oder ein historischer Herrscher, der um 500 n. Chr. gelebt haben soll. Das heutige Wissen über ihn stammt vornehmlich aus literarischen Werken des europäischen Mittelalters. Der walisische Gelehrte und Geschichtsschreiber Geoffrey von Monmouth berichtet in Band 9 seiner im 12. Jahrhundert entstandenen, in lateinischer Sprache verfassten Historia regum Britanniae (Geschichte der Könige Britanniens) über eine Expedition Arthurs in die nördlichen Länder. Glaubt man dieser Quelle, rüstete Arthur im Jahr 530 n. Chr. eine Flotte ausE.G.R. (Eva Germaine Rimington) Taylor: A Letter Dated 1577 From Mercator To John Dee. In: Imago Mundi, A Review Of Early Cartography XIII, 1956, S. 58 und segelte nach Irland, das er eroberte. Anschließend bezwang er Island, Norwegen und Dänemark. Doldavius, König von Gotland, sowie Gunfasius, Herrscher der Orkneyinseln, unterwarfen sich freiwillig.Geoffrey of Monmouth Translated by Sebastian Evans. J. M. Dent & Co, London 1904, Kapitel X
In Momouths Historia fehlt allerdings jegliche Bestätigung für Dees Behauptung, Artus habe seine Herrschaft über den Arktischen Ozean und Grönland, je nach Interpretation auch Teile Nordamerikaszum Beispiel: Robert MacCann: King Arthurs Life in the Otherworld. Imperator Press 2018, ISBN 978-0994510235, ausgedehnt.
John Dees Korrespondenz Dee führte eine Korrespondenz mit dem berühmten und angesehenen Kartografen Gerhard Mercator. Im Jahr 1577 schrieb Mercator – teils in Latein, teils in Niederländisch – einen Antwortbrief an John Dee, der – wenn auch mit Brandschäden – erhalten ist und im Britischen Museum aufbewahrt wird:
In seiner monumentalen Weltkarte von 1569 hat Mercator links unten eine Nebenkarte der Nordpolarregion eingefügt, auf der auch Grocland eingezeichnet ist. In einer Erläuterung beschreibt er, wie er zu den Informationen über diese abgelegene und unerforschte Gegend kam:
Jacob Cnoyen und die Inventio Fortunata Jacob Cnoyen (auch: Jocobus, Jacques oder Jakob) war ein mittelalterlicher Reisender, über den nur sehr wenig bekannt ist. Sein Herkunftsort soll ’s-Hertogenbosch (lateinisch: Buscoducensis) in den Niederlanden sein. Er schrieb einen Reisebericht, Itinerario genannt, der heute verschollen ist und von dem wir nur aus der Sekundärliteratur wissen. In diesem Buch bezieht sich Cnoyen wiederum auf den Reisebericht eines Minoriten-Mönchs aus Oxford, der Mitte des 14. Jahrhunderts im Auftrag des englischen Königs Eduard III. mehrere Reisen unternahm, die ihn u. a. in den Nordatlantik führten. Seine Entdeckungen beschrieb er in einem dem König gewidmeten Buch mit dem Titel Inventio Fortunata (glückliche oder glückbringende Entdeckung), das heute ebenfalls verloren ist. Der Bericht des Mönchs ist sehr phantasievoll. Wie wir aus der Sekundärliteratur wissen, beschrieb er u. a. den Magnetberg am Nordpol und den Schiffe verschlingenden „Maelstrom“vielleicht identisch mit dem Moskenstraumen, die auch verschiedene zeitgenössischen Kartenmacher abbilden.
Karten mini|hochkant=1.4|Mercators Weltkarte von 1569
Aus diesen Informationen hat Mercator offenbar seine großformatige Mercator-Weltkarte von 1569 zusammengestellt, die erste bislang bekannte Karte, auf der Grocland abgebildet ist. Die Insel trägt die Bezeichnung: „Groclant insula cuius incole Suedi sunt origine.“ (Grocland ist eine Insel, deren Einwohner ursprünglich Schweden sind). Dies könnte ein Hinweis auf die Besiedlung Grönlands und Amerikas durch die Wikinger sein. Grocland ist ein weiteres Mal auf einer Nebenkarte des Nördlichen Polarkreises eingezeichnet, zwischen dem aus vier Inseln bestehenden, mythischen Nordpolarkontinent mit dem Nordpol („Rupes Nigra et altissima“) und dem viel zu kleinen Grönland („Groenlant“).
mini|Weltkarte des Mathias Quad von 1608 (Groclant: Mitte oben) Im Atlas Fasciculus Geographicus von Mathias Quad (latinisiert: Matthias Quadus), herausgegeben 1608 bei Johann Bussemacher in Köln, ist „Groclant“ auf zwei Karten abgebildet: der Weltkarte (TYPUS ORBIS TERRARUM) und der Karte des Nordpols (POLUS ARCTICUS, Seite 81 f.), beide Karten basieren in wesentlichen Teilen auf der Ausgabe von Mercators Nordpolar-Karte aus dem Jahr 1595.
Die Entdeckungsreisen von Martin Frobisher und John Davis auf der Suche nach der Nordwestpassage erbrachten Gewissheit, dass die Insel Grocland nicht existiert. Im frühen 17. Jahrhundert verschwindet Grocland aus den Atlanten. Die letzte Karte, auf der die Insel noch verzeichnet ist, dürfte die prächtig illustrierte Nordpolar-Karte Septentrionalium Terrarum desriptio von Gerhard Mercator in der Ausgabe von 1623 sein. Sie zeigt „Groclant“ westlich von Grönland („Groenland“) zwischen 75° und 80° nördlicher Breite unmittelbar südlich des geheimnisvollen Nordkontinentes („Terra Septentrionalis Incognita“). Die Erläuterung mit dem Hinweis auf die Initialbesiedlung der Schweden ist entfernt.
Grocland ist nur auf Mercator-Karten oder deren Derivaten abgebildet. Die Insel erscheint nur für die relativ kurze Zeit von rund 40 Jahren auf den Karten und in den Atlanten. Hauptsächlich sind dies Werke, die auf den Karten von Gerhard Mercator beruhen.Raymond h. Ramsay: No longer on the map. Viking Press, New York 1972, S. 205
Beschreibung und Name Über Grocland ist wenig bekannt. Auf den Karten ist die Insel nur als Umriss abgebildet, ohne Details im Inselinnern. In Mercators Brief an John Dee steht nur die kurze Anmerkung, dass Artus Grocland besiedelt habe, das von Riesen bewohnt sei, die 23 Fuß (rund 7 Meter) groß seien („In hit Grocland vant hij volcke lanck 23 voet, daer men lande mede meet“).
Der Ursprung des Namens Grocland ist heute nicht mehr ersichtlich. Eine einfache Erklärung wäre, dass die Bezeichnung auf einem Schreib- oder Kopierfehler beruht. Auf alten Karten wird Grönland meist „Groenland“ oder „Groenlant“ geschrieben. Das „e“ könnte bei unaufmerksamer Schreibweise durchaus mit einem „c“ verwechselt werden. Deutlich wird das in einer Karte von 1582 von Michael Lok, die in Hakluyts Buch Divers Voyages enthalten ist.Richard Hakluyt: Divers Voyages touching the Discovery of America and Adjacent. Hakluyt Society, London 1850, Karte auf S. 50 Dort ist ein Teil der Insel Grocland abgebildet mit der Bezeichnung „Groetland“, die aber auch als „Groctland“ gelesen werden kann. Auf derselben Karte findet man auch Grönland, geschrieben: „Groenland“, als Halbinsel des amerikanischen Kontinents.
Der Historiker Thomas Greene, Associate Professor an der University of North Georgia, glaubt, die Insel Grocland sei mit Grönland identisch und beruft sich dabei auf eine Anmerkung von John Dee: „Grocland to / me seemeth to be our Groenlande“ (Grocland scheint mir unser Groenland zu sein).Thomas Green: John Dee, King Arthur, and the Conquest of the Arctic. In: Journal of Early Medieval Northwestern Europe, Nr. 15, Oktober 2012, S. 11
Fazit Die Insel Grocland gibt es nicht, sie ist eine Erfindung mittelalterlicher Mythen, die heute nicht mehr im Original erhalten sind. Welcher Insel im Nordpolarmeer sie entsprechen könnte, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Der amerikanische Schriftsteller William Henry Babcock (1849–1922) hält Grocland für eine vergrößerte Darstellung der Diskoinsel auf den Karten oder eine näher an Grönland herangerückte Darstellung der Baffininsel.Wiliam Henry Babcock: Legendary islands of the Atlantic; a study in medieval geography. American Geographical Society, New York 1922, S. 184
Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Phantominsel Kategorie:Geschichte Grönlands