mini|Hochaltar der Schlosskirche Weißenfels, von Böhm 1679 begonnen Johann Heinrich Böhm der Ältere (auch: Böhme; * um 1636 in Schneeberg; † 1680 in Weißenfels; begraben am 25. April 1680) war ein deutscher Bildhauer der Zeit des frühen Barock. Er führte seit den späten 1650er Jahren wesentliche Arbeiten der Schneeberger Werkstatt seines Vaters Johann Böhme aus und profilierte sich in den 1660er/70er Jahren mit eigenen Aufträgen in Sachsen, Thüringen und Anhalt.Sigfried Asche: Drei Bildhauerfamilien an der Elbe. Acht Meister des siebzehnten Jahrhunderts …, Wien/Wiesbaden 1961, insbes. Lebenslauf und Werkfolgen zu J. H. Böhm d. Ä., mit Angaben zur Hochzeit 1662, Tätigkeit in Schneeberg bis 1679, Übersiedlung nach Weißenfels und Begräbnis am 25. April 1680.

Leben Böhm wurde als Sohn des Schneeberger Bildhauers Johann Böhme geboren und dürfte dort auch seine Lehre absolviert haben. Die in der älteren Literatur überlieferte Annahme von Wanderjahren bis in die südlichen Niederlande beruht auf Auslegungen der Leichenpredigt und gilt in neuerer Forschung als überholt; wahrscheinlicher ist eine Ausbildung in der väterlichen Werkstatt.Die die These der Niederlande-Reise bei: Asche 1961; zur Neubewertung und Werkstattkontinuität in Schneeberg Mario Titze: Johann Böhm – Leben und Werk. Versuch einer Neubewertung. In: G.-H. Vogel (Hg.): Soli Deo Gloria. Johann Böhm (1595–1667), Berlin 2018, bes. zu den 1650er Jahren und zur Mitarbeit J. H. Böhm d. Ä. am Schleizer Fürstenstand. In der Schneeberger Werkstatt wurden auch weitere, später bekannte Bildhauer wie George Heermann ausgebildet. Stilbeobachtungen legen eine zeitweilige Schulung Johann Heinrichs um 1656/57 bei dem Dresdner Hofbildhauer Wolf Ernst Brohn († 1664) nahe.Indizienkette bei Titze 2018 (Motiv- und Formparallelen, v. a. Schleiz/Ehrenhain/Zwickau).

Im November 1662 heiratete Böhm die Tochter eines angesehenen Schneebergers; er ist als Mitglied der Schützengilde und unter den Gemeinde-Vorstehern belegt. 1667 eröffnete Böhm nach dem Tod seines Vaters eine eigene Werkstatt in Schneeberg, die er bis 1679 betrieb.

Böhm lieferte für Kurfürst Johann Georg II. mindestens drei Alabasterreliefs und wird in Quellen als kurfürstlich-sächsischer Hofbildhauer genannt. Solcher Titelgebrauch war im 17. Jahrhundert nicht immer mit einer Beamtenstellung verbunden.Asche 1961, zu Lieferungen an den Kurfürsten und zum Titelgebrauch. Aktuell wird vermutet, das Böhm um 1667 für die Skulpturenausstattung des barocken Kommödienhauses am Taschenberg in Dresden verantwortlich war.Mario Titze: Neue Forschungen zu Leben und Werk des Baumeisters Wolf Caspar von Klengel. In: Elisabeth Rüber-Schütte (Hrsg.): Das kurfürstliche Gestüt Bleesern von Wolf Caspar von Klengel. Halle (Saale) 2025, S. 407.

1679 folgte Böhm einem Ruf nach Weißenfels und starb während der Arbeit am Hochaltar der Schlosskapelle. Die Beisetzung erfolgte am 25. April 1680.Asche 1961, mit wörtlichen Nachrichten aus der Vita/Leichenpredigt und den Werkakten; zu Weißenfels: Verhandlungen seit Januar 1676, Übersiedlung am 3. Mai 1679, Tod 1680.

Werke mini|Fürstenstand der Schleizer Bergkirche von 1657/58, an dem der junge Johann Heinrich mitarbeitete Zahlreiche Arbeiten sind sicher oder mit hoher Wahrscheinlichkeit Böhm d. Ä. zuzuweisen. Die meisten entstanden innerhalb der Schneeberger Werkstattkontinuität (bis 1667 unter Leitung des Vaters). Auswahl:

1657/58: Fürstenstand (Patronatsloge) der Evangelischen Bergkirche St. Marien (Schleiz) – Entwurf aus der Werkstatt des Vaters. Die Großfiguren (antike Krieger, König David), Engelsfluchten und Fruchtgehänge zeigen nach Mario Titze die Hand J. H. Böhm d. Ä.Titze 2018 mit detaillierter Stilanalyse (Fruchtschnüre, Engelsflügel, Figurenstil) und Abgleich mit Vergleichswerken.

ca. 1658: Beiträge am Betstuhl/Epitaphensemble in Ehrenhain (Zuschreibungen über Motivgleichheiten; Werkstattzusammenhang).Titze 2018, zu Parallelen Ehrenhain und Schleiz/Zwickau.

1660: Ornamentale und figürliche Rahmung um das Cranach-Retabel in Zwickau, St. Katharinen (Engel mit eucharistischen Symbolen/Passionswerkzeugen; Auferstandener Christus).Titze 2018 (Zeichnung 1671, Bestandsanalyse; Typenvergleich der Engel und des Auferstandenen).

1662: ein lebensgroßes Holzkruzifix für die Kirche St. Jakobi in Stollberg

1663: Zwei (verschollene) Figuren (Moses und Christus) für die Nikolaikirche Leipzig.Asche 1961, Urkunden 1663.

um 1665: Prophet und Sibylle, Kunstsammlungen Zwickau (Lindenholz, gefasst).Asche 1961.

um 1665: Kinderfigur, Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg (Holz).Asche 1961.

um 1665: Kruzifixus, Mutzschen (Stadtkirche; Holz, gefasst).Asche 1961.

um 1667: verlorene Skulpturenausstattung des barocken Kommödienhauses am Taschenberg in Dresden nach Angaben von Wolf Caspar von Klengel.Titze 2025.

1668: Familiengrab D. Christoph Pierer, St. Wolfgang (Schneeberg) (Holz; 1945 zerstört).Asche 1961.

1669: Grabstein für den zweijährigen Johann Gottfried Seebisch, Katharinenkirche Zwickau (Sandstein).Asche 1961.

um 1670: Zwei Grabplatten, St. Wolfgang (Schneeberg) (Sandstein; 1945 zerstört).Asche 1961.

1672: Epitaph Ernst Höckner, Marienkirche Stollberg (nur Teile erhalten; Holz, gefasst).Asche 1961.

1672: Epitaph Johann VI. von Anhalt-Zerbst, Bartholomäikirche Zerbst (Stuck/Alabaster).Asche 1961.

1672: Epitaph von Schönberg, Dom St. Marien Freiberg (Kreuzgang; Stuck/Alabaster).Asche 1961.

1673: Bornkindl, Bärenwalde (Lindenholz, farbig gefasst).Asche 1961.

1673–1676: Drei Alabasterreliefs (Johannesknabe 1673 (Inventar-Nr.: H 2/2); Kurfürst Johann Georg II. (Sachsen) 1674 (Inventar-Nr.: ZV 3227, Permalink); Christkind 1676), SKD Dresden.Asche 1961.

1674: Epitaph Hahn–Decker, Marienkirche Zwickau (Alabaster/Schiefer).Asche 1961.

1674: Altar der Stadtkirche Hainichen, heute Annenkapelle in Freiberg, (Holz, bemalt).Asche 1961.

1675: Epitaph Andreas Winckler, ehemals in der Johanneskirche Leipzig (Alabaster/Schiefer; 1944 zerstört; Ecce Homo heute Knauthain).Asche 1961.

1675: Grabplatte Andreas Winckler, ehemals in der Johanneskirche Leipzig (Alabaster/Schiefer; 1944 zerstört).Asche 1961.

1676: Epitaph M. Joachim Sextus, Marienkirche Zwickau (Holz, farbig gefasst).Asche 1961.

1676/1677: Epitaph Carl von Heldreich, Marienkirche Zwickau (Holz, farbig gefasst).Asche 1961.

1678/1679: Epitaph Wilhelm von Kospoth, Großstädteln (Holz, vergoldet; Fragmente).Asche 1961.

1678/1679: Statue (Jahreszeiten-Gruppe?) im Palais im Großen Garten (Dresden) (Sandstein; 1945 zerstört).Asche 1961.

1679/80: Hochaltar der Schlosskapelle von Schloss Neu-Augustusburg in Weißenfels – Entwurf und Kolossalfiguren Maria und Johannes (1679/80); Vollendung durch Johann Balthasar Stockhammer.Asche 1961, Verhandlungs- und Arbeitsdaten.

Stilistisch charakteristisch sind dynamisierte Großfiguren, stark bewegte Draperien, großflügelige Engeltypen und Frucht-/Blumengirlanden, die ab den späten 1650er Jahren zum „Markenzeichen“ Böhms wurden.Titze 2018.

Literatur

Mario Titze: Johann Böhm – Leben und Werk. Versuch einer Neubewertung. In: Gerd-Helge Vogel (Hrsg.): Soli Deo Gloria. Johann Böhm (1595–1667) und die westsächsische Bildhauerkunst zwischen Manierismus und Barock. Berlin 2018, S. 130–190. Sigfried Asche: Drei Bildhauerfamilien an der Elbe. Acht Meister des siebzehnten Jahrhunderts und ihre Werke in Sachsen, Böhmen und Brandenburg. Wien/Wiesbaden 1961 (Abschnitte zu Johann Heinrich Böhm d. Ä., Quelleneditionen und ausführliches Werkverzeichnis nach damaligen Kenntnisstand).

Einzelnachweise

Kategorie:Bildhauer des Barock Kategorie:Bildhauer (Sachsen) Kategorie:Person (Schneeberg, Erzgebirge) Kategorie:Geboren im 17. Jahrhundert Kategorie:Gestorben 1680 Kategorie:Mann